„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Das gleiche Geschlecht

Dauerthema der Verhaltensforschung ist die Streitfrage nach dem Verhältnis von Genen und Umwelt. Den wohl dicksten Wälzer zu diesem Thema hat Steven Pinker mit "Das unbeschriebene Blatt" verfasst. Seine Hauptthese ist, dass unser Verhalten viel weniger flexibel und durch Erziehung beeinflussbar ist, als man im Allgemeinen denkt. Brisant sind seine Thesen auch dadurch, dass die Lagerzuordnung – mehr Genanhänger, mehr Umweltanhänger – bis in die politische Grundhaltung durchschlägt. Traditionell sind Rechte eher den Genanhängern zuzuordnen (einmal Verbrecher, immer Verbrecher; manche sind eben fleißiger als andere; Skepsis gegenüber Wertadaption bei Migranten; usw.), während Linke eher den Umweltaspekt betonen (Reduktion mentaler Unterschiede auf Produktions- (Kommunisten) oder Geschlechterverhältnisse (Feministen); bis im Extrem zur Einsperrung Umzuerziehender in Lager).

Eine Sonderform der Streitfrage findet man bei der Untersuchung des Verhältnisses von Männern und Frauen in der heutigen Gesellschaft. Man braucht sich nur das prozentuale Verhältnis von Männern und Frauen in bestimmten Berufsgruppen anzusehen und wird mit der Nase darauf gestoßen, dass sich die beiden Geschlechter zu unterschiedlichen Berufs- und Interessensfeldern  hingezogen fühlen und sich insgesamt unterschiedlich verhalten.

Der Spiegel hat in seiner Ausgabe 6/2007 vom 5.2. einen Artikel „Das gleiche Geschlecht“ veröffentlicht, der die Ergebnisse von Verhaltenstests wiedergibt. Zielscheibe der Kritik ist Louann Brizendine, eine Neuropsychiaterin, die das Buch "Das weibliche Gehirn – warum Frauen anders sind als Männer" geschrieben hat. Dem widersprechen die Ergebnisse anderer Wissenschaftler auf denen das Schwergewicht der Spiegelargumentation liegt:

Was nach Klärung verlangt, ist nichts anderes als die alte, große Frage Simone de Beauvoirs: „Was ist eine Frau?“ Ist sie ein biologisch geformtes, von tiefverwurzelten Verhaltensprogrammen getriebenes Geschöpf? Oder ist das Geschlecht überhaupt ein Konstrukt, das Ergebnis gesellschaftlicher Zuschreibungen? Was genau unterscheidet die Frau im Kern vom Manne?

 

„Lange nicht so viel, wie alle immer denken“, sagt Lutz Jäncke – und das klingt ziemlich lapidar angesichts der Tragweite dieses kleinen Halbsatzes. Denn der Neuropsychologe von der Universität Zürich hat, gemeinsam mit vielen Fachkollegen, eine – von Brizendine wie dem Laienpublikum weitgehend unbemerkte – Revolution losgetreten. Die Forscher legen unter der dicken Makulatur der Stereotype ein neues Bild frei von Mann und Frau.

 

Ihre Erkenntnis, inzwischen wissenschaftlich wohl belegt: Mann und Frau unterscheiden sich kaum. Dort, wo sich Andersartigkeit messen lässt, spielt sie entweder keine Rolle für den Lebensalltag oder ist unbedeutend klein. 

Nicht politische Korrektheit oder feministischer Eifer treibt die neuen Gleichmacher unter den Forschern – das macht sie glaubwürdig. Denn all jene Biologen, Neuropsychologen, Anatomen, die jetzt die Gleichheit der Geschlechter ausrufen, begannen einst als hauptamtliche Fahnder nach der biologischen Differenz von Mann und Frau. Aber sie konnten den großen Unterschied nicht finden.

Ok, die Quintessenz dieser Ergebnisse wäre, alle in der heutigen Gesellschaft zu findenden Unterschiede sind kulturell bedingt, Jungs werden durch die Gesellschaft zu Männern, Mädchen zu Frauen erzogen. Da stellt sich dann allerdings die noch unbeantwortete Frage nach den Ursachen dieses Prozesses. Ist es ein Zufall, dass IngenieurInnen überwiegend Männer, LehrerInnen überwiegend weiblich sind und es mehr Hausfrauen als Hausmänner gibt, hätte es in der Geschichte auch andersherum kommen können? Meiner Meinung nach ist das ein Trugschluss.

1. Männer und Frauen haben im statistischen Durchschnitt eine gleiche Begabung. Die äußert sich u.a. im statistisch gleichen IQ. (Obwohl man da durchaus so argumentieren könnte, was ich hier nicht tue, die Tests wären durch ihre Auswahl der Aufgaben so kalibriert, dass sich dieses wünschenswerte Ergebnis ergibt).

2. Eine gleiche durchschnittliche Begabung von Männern und Frauen bedeutet nicht gleiche Interessen und bedeutet ebenfalls nicht gleiche Eigenschaften. Unterschiedliche Interessen, Eigenschaften und die individuelle Lebensgeschichte spielen bei der Berufswahl eine zentrale Rolle (Vulgo: Vererbung und Umwelt.) Mittelt man die individuelle Lebensgeschichte (also auch die geschlechterspezifische Erziehung) statistisch heraus, lässt sich bei der Berufswahl der Einfluss der „wahren“ Interessen und Eigenschaften nachweisen. Da Interessen und Eigenschaften von Männern und Frauen a priori verschieden sind, muss es, statistisch gesehen, Berufe geben, in denen man mehr Männer, und welche, in denen man mehr Frauen findet.

3. Natürliche Interessen und Eigenschaften und nicht (nur) geschlechterspezifische Erziehung führten bei unseren Vorfahren zur geschlechtertypischen Arbeitsteilung. Es ist zum Vorteil aller, wenn Menschen Berufe entsprechend ihrer Neigung wählen, weil sie dann besser sind, als wenn sie in einem anderen Beruf arbeiten. Dieser Vorteil gilt sowohl für den Einzelnen, weil er dann glücklicher ist, als auch für die Gesellschaft, weil sie von der größeren Zufriedenheit und der dann höheren Arbeitsleistung profitiert.

4. Zum Geschlechterproblem wird die geschlechtsspezifisch unterschiedliche Berufswahl erst dann, wenn die Berufe u.a. unterschiedlich hoch angesehen oder gut bezahlt werden, und man dann einen Bias zwischen Männern und Frauen nachweisen kann. Dies ist in einer besonderen Form seit dem Aufkommen des frühen Kapitalismus der Fall. Der Kapitalist bezahlt nämlich diejenigen, traditionell in die männliche Domäne fallenden, Tätigkeiten besser als die typisch weiblichen. Da zudem alle Austauschverhältnisse im Kapitalismus über Geld geregelt werden, befand sich die Frau auf einmal in einer abhängigen und benachteiligten Position. Der Feminismus, beginnend mit dem Kampf um das Frauenwahlrecht Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts, bis hin zu gleichen Bildungs- und Berufschancen heute hat sich eigentlich den falschen Gegner gesucht. Es sind nicht die „Männerschweine“ oder das „Patriachat“, sondern es sind die ökonomischen Verhältnisse, unter denen sowohl Männer als auch Frauen leben müssen.

5. Durch falsche Grundannahmen gelangte der Feminismus zu falschen Konklusionen. Wir brauchen keine Frauenquote, die Frauen in Berufe zerrt, die nicht ihren natürlichen Interessen und Eigenschaften entsprechen. Wer eine bessere Gleichstellung der Geschlechter erreichen will, sollte eher dafür kämpfen, dass typische Frauenberufe genauso gut bezahlt werden wie typische Männerberufe, also gleiches Gehalt für Lehrerinnen, Altenpflegerinnen und Hausfrauen wie z. B. für Ingenieure, Bauarbeiter und Werktätige in der Automobilindustrie. Dieser Kampf wird sich jedoch als schwierig herausstellen, da sich Berufsfelder nicht nur traditionell unterscheiden, sondern aufgrund der unterschiedlichen Neigungen und Eigenschaften auch strukturellFrauenberufe sind generalistischer, Männerberufe spezialistischer, daher wird für erstere das Angebot und für zweitere die Nachfrage größer sein. Die praktikabelste Lösung ist wohl ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle. Das senkt sofort die Attraktivität gut bezahlter "männlicher", aber abhängiger Tätigkeiten in der Industrie und steigert die Bereitschaft zu alternativen, eher "weiblichen", alternativen Lebensentwürfen.

Informatiker, ein typisch "männlicher", gutbezahlter Job.
Informatiker, ein typisch "männlicher", gutbezahlter Job.

Dieser Text entspricht in leicht abgewandelten Form einem Text von Ralf Poschmann.

Das Original können Sie hier nachlesen.

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