„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Familienähnlichkeit

Ludwig Wittgenstein zeigte in seinen Philosophischen Untersuchungen, dass einige Begriffseigenschaften mit einer taxonomischen Klassifikation nicht hinreichend erfasst werden können und nur über eine sogenannte "Familienähnlichkeit" miteinander verwandt sind. Als Beispiel führte er u.a. den Begriff des "Spiels" an: Es ist unmöglich, notwendige und hinreichende Bedingungen dafür aufzustellen, dass eine Aktivität ein Spiel ist. Wenn man es versucht, findet man beständig Aktivitäten, die unter diese Definition fallen, aber die man nicht zu Spielen rechnen kann, oder Aktivitäten, die die Definition ausschließt, die man aber sehr wohl zu Spielen rechnen würde. Genauso verhält es sich wohl mit den Begriffen "Gerechtigkeit", "Zahl", "Sprache", "Sprachspiel" uvm. Wittgenstein gab damit das Exaktheitsideal für Definitionen auf.

Urheber des Bildrechts: Sigismund von Dobschütz und Tysto
Urheber des Bildrechts: Sigismund von Dobschütz und Tysto

Der Wissenschaftsphilosoph Thomas Kuhn behauptete, dass für den von ihm geprägten Paradigma-Begriff die selbe Situation besteht: Immer dann, wenn man versucht, eine exakte und explizite Charakterisierung einiger wissenschaftlicher Paradigmen zu geben, zeigt sich, dass einige Arbeiten, die innerhalb eines Paradigmas geleistet werden, nicht dieser Charakterisierung entsprechen. Dennoch betont Kuhn, dass diese Situation ebenso wenig das Paradigmen-Konzept unhaltbar macht, wie die gleiche Situation in Bezug auf das Spiel den legitimen Gebrauch dieses Begriffes beziehungsweise Konzepts ausschließt. Ich meine, dass das nicht nur für einige konkrete Paradigmen aus der Wissenschaftshistorie gilt, sondern für den Begriff des Paradigmas im Allgemeinen: Es wurde immer wieder versucht, eine exakte Definition des kuhnschen Paradigmabegriffs zu geben, dabei gibt es kein gemeinsames Merkmal, das allen wissenschaftsgeschichtlichen Paradigmen gemein ist. Wir sollte Paradigmen viel mehr als Familien im wittgensteinschen Sinne begreifen.

Persönlich wurde mir das Konzept der Familienähnlichkeit das erste Mal in Auseinandersetzung mit dem Begriff der "(partnerschaftlichen) Beziehung" klar: Prima Facie könnte man annehmen, dass in einer Beziehung zu sein bedeutet, nur mit dem Partner zu schlafen oder zu knutschen. Es gibt aber auch "offene Beziehungen", in denen weitere Sexualpartner erlaubt sind (keine notwendige Bedingung). Und letztes Jahr habe ich eine Frau kennengelernt, die sich von ihrem Freund getrennt hat, und die sich trotzdem mit ihm trotzdem geschworen hat, auch in Zukunft nur gemeinsam intim zu werden (keine hinreichende Bedingung). Dann könnte man noch annehmen, dass Beziehungen ein Versprechen der Kontinuität beinhaltet, also lange oder lebenslang zusammenleben zu wollen. Aber wer hat noch nicht von einer "Ferienbeziehung" o.ä. gehört? Was bedeutet es also "in einer Beziehung zu sein"? Ich weiß es nicht so genau. Und das kann und wird auch keiner ein für alle mal definitorisch festlegen können, denn "Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache" (auch Wittgenstein). Und der Gebrauch eines Wortes, damit auch dessen Bedeutung, sind von Kontext zu Kontext verschieden!

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