„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Ingrun Führlich: Lebenslänglich hochbegabt

Ingrun Führlich nimmt einen anderen Zugang zum Thema Hochbegabung, als ihn Andrea Brackmann in Jenseits der Norm – Hochbegabt und hochsensibel?  bzw. Ganz normal hochbegabt gewählt hat. Ingrun Führlich hat im Rahmen eines gemeinsamen Forschungsprojekts der Universitäten in Mainz und Warschau eine Umfrage innerhalb von Mensa durchgeführt und Antworten von 304 Mensanern erhalten.

Viele Mensa-Mitglieder machen sich Gedanken über die Frage, wie ihre Kindheit, Schulzeit und Ausbildung hätte besser verlaufen können, was hilfreich war oder was ihnen fehlte. Um diese wertvollen Erfahrungen und Überlegungen zu dokumentieren, bat ich sie aufzuschreiben, wie sich ihre Begabung auf ihr Leben auswirkte und noch auswirkt und welche Förderung sie sich wünschen.

Mich wundert es eigentlich wenig, dass sie bei den zum Umfragezeitpunkt etwa 5000 Mitgliedern über 300 schriftliche Rückmeldungen erhalten hat, ist doch ihre Fragestellung eines der zentralen Anliegen von Mensa. Spannend ist eher, ob sich bei der Auswertung von so vielen verschiedenen Meinungsäußerungen überhaupt Gemeinsamkeiten finden und in praktische Empfehlungen umsetzen lassen.

Dabei handelt es sich jedoch nicht unbedingt um eine repräsentative Auswahl von Hochbegabten: Einem Hochbegabtenverein treten vor allem diejenigen bei, denen der Kontakt zu ähnlich denkenden Menschen wichtig ist. Außerdem unterziehen sich eher jene dem Mensa-Aufnahmetest, die es zumindest für möglich halten, zu den oberen zwei Prozent zu gehören. Hochbegabte, die ihre intellektuellen Fähigkeiten unterschätzen, finden deshalb seltener zu Mensa.

Auch das stimmt, ist aber nur eine Seite der Medaille. Man wird ebenfalls nur sehr selten diejenigen dort finden, die keinerlei Probleme in ihrer Schulzeit und dem darauf folgenden Studium hatten und jetzt sowohl in ihrem Privat- als auch Berufsleben voll ausgelastet und glücklich sind. Auch aus diesem Grund ist ihre Umfrage nicht repräsentativ. Und es gibt noch weitere Denkfehler, denen man sehr schnell unterliegen kann, wenn man sich mit der Schul- und Studienzeit von Hochbegabten beschäftigt:

Aiga Stapf berichtet aus ihrer langjährigen Beratungspraxis: „Hochbegabte sind nicht die einzigen, die sich in der Schulzeit langweilen: Durchschnittlich intelligente Schüler unserer Beratungsstichprobe geben weitaus häufiger an, sich zu langweilen. Sie begründen dies jedoch nicht mit zu leichten Aufgaben, wie Hochbegabte, sondern mit der Tatsache, dass sie intellektuell-akademische Aufgaben und Themen nicht sonderlich interessieren.

Und wenn man jede Antwort gleich wichtig nimmt und keine statistische Auswertung anschließt, dann erhält man zwangsläufig in etwa das folgende Resultat:

Die Entwicklungen auf den weiterführenden Schulen lassen keine allgemeingültigen Aussagen zu. Die Schulleistungen blieben bei einigen konstant („Im Gymnasium bin ich irgendwo unauffällig im guten Mittelfeld mitgeschwommen“), bei anderen kam es zu deutlichen Verbesserungen oder Verschlechterungen.

Aber man kann durchaus einige mehrheitsfähige Meinungen aus den Zitaten der Mensaner extrahieren. In Bezug auf die Schulzeit wurden die Themen diskutiert „Überspringen von Klassen“, „Spezialklassen für Hochbegabte“ und „zusätzliche Angebote für Interessierte und Begabte“. Unstrittig und am leichtesten erfüllbar ist die Forderung nach zusätzlichen Angeboten, weil es derartiges an vielen Schulen ja bereits gibt. Das Überspringen von Schulklassen wurde seltener genannt und noch seltener praktiziert. Es ist auch nicht immer gut gegangen und die Probleme sind auch vorhersagbar: Nach dem Klassenwechsel geht der Kontakt zu den alten Kameraden verloren, die neuen Mitschüler sind älter, u.U. gibt es große Differenzen zwischen der intellektuellen und der sozialen Reife. Die Meinungen zu Spezialklassen sind gespalten, die Mehrheit ist nach meiner Interpretation des Buches eher dagegen mit folgenden Argumenten:

“Mit Hochbegabtenförderung wird eine abgeschlossene Kaste gebildet, die untereinander vermutlich sehr harmonisch ist, mit ‚gewöhnlichen‘ Menschen aber nicht mehr kommunizieren kann und kommunizieren will“, „Natürlich ist es hilfreich, geeignete Lernbedingungen für hochbegabte Kinder zu schaffen. Nur sollte das nicht in separaten Klassenzügen geschehen, sondern besser in freiwilligem Zusatzunterricht nach dem AG-Modell. Auch Hochbegabte sollten mit einem gesunden Kontakt zum ’normalen‘ sozialen Umfeld aufwachsen, das statistisch nun einmal in der Überzahl ist und mit dem sie später ein Leben lang klarkommen müssen“, „Eine Klasse nur mit Hochbegabten entrückt die Kinder von der Realität, nämlich dass nicht jeder so intelligent ist wie sie“, „Bei individuellem Interesse vielleicht spezielle Schulen mit Ausrichtung auf Physik oder Kunst, aber nicht unbedingt spezielle Hochbegabtenklassen, weil dann wahrscheinlich schon frühzeitig der Umgang mit den Normalbürgern verloren geht und eventuell die Gefahr der frühzeitigen ‚Schrullifizierung‘ besteht“.

Woran es unserem Schulsystem mangelt, ist eigentlich allen klar: Flexibilität, deren Fehlen sich in verschiedenen Dingen zeigt und nicht nur die Guten, sondern auch die Schlechten trifft. Wenn nach der 4. Klasse die Kinder sortiert werden und eine spätere Korrektur der dort getroffenen Entscheidung kaum mehr möglich ist, dann leiden nicht nur die Spätentwickler darunter, sondern auch diejenigen, bei denen es später auf dem Gymnasium zu Problemen kommt. Eine interessante Variante einer flexibleren Klassenstufengestaltung wird übrigens an einigen Privatschulen praktiziert. Dort wird in halbjährigem Rhythmus eingeschult und versetzt, für den Stoff der ersten beiden Klassen stehen anderthalb bis zweieinhalb Jahre zur Verfügung. Mit einer halbjährlichen Abstufung sind Wechsel nach oben oder unten viel weniger problematisch.

Mein Vorbild sind kurioserweise die Fahrschulen, das einzige Schulsystem, was funktioniert, und an dem keine Kritik geübt wird. Fast jedermann erreicht, je nach Begabung, früher oder später den begehrten Führerschein, der Staat beschränkt sich darauf, die Rahmenbedingungen vorzugeben und den Ausbildungserfolg zu überwachen.

In Bezug auf das Hochschulstudium besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass dort spezielle Angebote für Hochbegabte überflüssig sind. (Das steht übrigens in einigem Widerspruch zu den Argumenten anlässlich der Einführung der IQ-Regelung an der Universität Freiburg, siehe dazu den Mitschnitt eines Radiointerviews beim SWR. Achtung, der Mitschnitt ist 20 Mbyte groß und 45 Minuten lang!) An den Unis besteht eine weitgehende Flexibilität darin, welche und wie viele Veranstaltungen man belegt, welche Prüfungen man vorzeitig ablegt, etc. Im Vergleich nochmals ein Zitat zur Schulzeit:

In der Schule bestehen kaum Möglichkeiten, sich die Sozialkontakte auszuwählen. Bis zur Oberstufe gibt es üblicherweise feste Klassengemeinschaften, und auch die Lehrerinnen und Lehrer können noch nicht gewählt werden. Die Gruppen sind aber – im Gegensatz zur Familie – relativ altershomogen, so dass Kinder auffallen, die von der Altersnorm abweichen. Wenn Kinder erleben, dass sie anders sind und teilweise auch abgelehnt werden, können sie häufig nur Vermutungen über mögliche Gründe und Lösungen anstellen.

Am Ende des Buches gibt es kein Nachwort:

Zusammenfassende Anmerkungen zu einem Text, der allen vorliegt, sind offenbar nicht besonders hochbegabtengerecht: „Kam mal ein neuer Sachverhalt, dann wurde er ewig wiederholt. Immer noch mal und noch mal und ‚ja, wiederhole du das noch mal, kann das jemand zusammenfassen, mir mit eigenen Worten erklären?‘“, beschreibt eine Hochbegabte die Ödnis ihrer Schulzeit. Um mir also nicht den Unwillen der Mitwirkenden an dieser Befragung zuzuziehen, verzichte ich auf das übliche ausführliche Nachwort.

Ok, dann mache ich das jetzt auch.

Gastbeitrag von: Dr. Ralf Poschmann

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