„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Andrea Brackmann: Jenseits der Norm – hochbegabt und hoch sensibel?

Das Buch besitze ich schon lange und habe sein Lesen eine ganze Weile vor mir hergeschoben. Vielleicht, weil man einige Dinge gar nicht so genau wissen will, vielleicht auch, weil man manchmal selbst nicht daran glauben will, dass Hochbegabung mehr Probleme mit sich bringt als durchschnittliche Intelligenz. Aber die Argumentation der Autorin zu Beginn ist schlüssig:

Als Hochbegabte bezeichnet man diejenigen 2% der Bevölkerung, die einen IQ größer gleich 130 haben, also etwa jeder 50. Völlig unabhängig von der Frage, was der IQ ist, wie er gemessen wird und welchen Sinn eine solche Messung hat, gilt: Hochbegabte interessieren sich für andere Dinge als der Durchschnitt, denken und sprechen anders. Ein hochbegabtes Kind ist in seiner Schulklasse meist das einzigste, stellt also eine extreme Minderheit dar, und unterscheidet sich durch sein Verhalten von den anderen Kindern. Bei sehr vielen mag die Kindheit problemlos verlaufen, aber die Autorin, die als Psychologin zu einem großen Teil mit derartigen Kindern zu tun hat, fokussiert natürlich auf diejenigen, die ihre Hilfe in Anspruch nehmen (müssen).

Übereinstimmende Studien über den Lebensweg Hochbegabter gibt es nicht. Man schätzt aber, dass etwa ein Drittel etwas aus ihren besonderen Fähigkeiten machen kann, die „Talente“, ein Drittel ein „durchschnittliches“ Leben führt, die „Latenten“, und sich für ein Drittel ihre besondere Begabung eher nachteilig auswirkt. Dieses letzte Drittel bezeichnet sie als die „Underachiever“. (Ich kannte diesen Anglizismus in einem viel positiveren Kontext: Underachiver als diejenigen Menschen, die durch das Nichtausschöpfen ihrer Talente eine höhere Lebenserwartung als der Durchschnitt der Bevölkerung haben.)

Eine Frage, die mir zu Beginn des Buches durch den Kopf ging und die die Autorin dann beantwortet:

Zunächst erhebt sich die Frage, ob ein Therapeut selbst hochbegabt sein sollte, um hochbegabte Klienten adäquat behandeln zu können. Dies wäre sicher von Vorteil, ist jedoch nicht unbedingt notwendig, wenn der Behandler über die einzelnen Phänomene der Hochbegabung informiert ist und über ausreichend Selbstbewusstsein verfügt, es mit einem geistig überlegenen Klienten aufzunehmen. Dass überdurchschnittliche Intelligenz allein nicht ausreicht und Eigenschaften wie Kreativität, Herzensbildung und Einfühlungsvermögen mindestens ebenso wichtig sind, versteht sich von selbst.

Ergänzen kann man hier zum einen noch, dass die besten Experten eines Fachgebiets nicht unbedingt die intelligentesten im Sinne einer IQ-Messung sind, sondern die, bei denen die beste Melange der für das betreffende Gebiet notwendigen Persönlichkeitseigenschaften besteht – u.a. eine überdurchschnittliche Hartnäckigkeit und die Bereitschaft, vieles anderes im Leben in den Hintergrund zu rücken. Und zum anderen ist unser Zusammenleben immer dadurch charakterisiert, dass Menschen unterschiedlichster Begabungen miteinander kooperieren, das „Arbeitsverhältnis“ zwischen einem Psychologen / Psychotherapeuten und seinem Patienten ist da kein Einzelfall.

Eingehend beschäftigt sie sich mit dem (häufiger vermuteten) Zusammenhang zwischen Autismus und Hochbegabung und dem weniger offensichtlichen zwischen Borderlinern und Hochbegabten. Zu ersterem:

Ich frage mich unter anderem, wie man z.B. im Zusammenhang mit überragenden musikalischen Leistungen von „Inselbegabungen“ sprechen kann. Musikwissenschaftler sind sich einig, dass zum Musizieren hoch komplexe Vorgänge und Fähigkeiten erforderlich sind (Gehör, Gedächtnis, visu-motorische Koordination etc.). Ähnliches gilt für zeichnerische oder mathematische Begabungen. Dass eine Person in vielen Bereichen „geistig behindert“ und in anderen geistig herausragend sein soll, scheint mir nicht schlüssig. Die „Behinderung“ muss zumindest bei Menschen mit Inselbegabungen, aber auch bei anderen Autisten, einen anderen Bereich als de geistigen bzw. intellektuellen betreffen.

Der von ihr gesehene Zusammenhang zwischen Hochbegabung und Borderline-Persönlichkeiten war für mich ein neuer Gedanke. Der Ansatzpunkt ist hier, dass Hochbegabung sich nicht nur im schnelleren und schärferen Denken zeigt, sondern auch in starken Stimmungsschwankungen, und durch gesteigerte sensorische und emotionale Empfindlichkeit. Das kann sich zum Beispiel auch in einer erhöhten Lärm- oder Lichtempfindlichkeit äußern, oder durch Unbehagen in größeren Menschenansammlungen oder bei körperlicher Berührung. Viele dieser Symptome überschneiden sich mit denjenigen von Borderlinern, bei denen man zudem einen erheblichen Prozentsatz überdurchschnittlicher IQ-Werte gemessen hat.

Ein sehr lesenswertes Buch. Als Addenda ein paar Beobachtungen der Autorin aus ihrer Berufspraxis bzw. Zitate ihrer Klienten:

„Mir kommt oft die Selbstverständlichkeit des Lebens abhanden. Wenn ich anfange, über weltpolitische Fragen anchzudenken, gelange ich über Überlegungen zur Evolution des Menschen schnell zu Fragen über den Sinn des menschlichen Lebens und ende dann beim Rätsel des gesamten Universums überhaupt.“
...
„Ich kann einen Sachverhalt nie aus nur einer Perspektive betrachten, ich muss immer alle Aspekte berücksichtigen. Ich könnte niemals Politiker oder Richter werden, weil ich immer auch die Gründe der Gegenpartei nachvollziehen kann. Das macht mich manchmal fast entscheidungsunfähig. … Ich kann nie, wie die meisten anderen, mit Sicherheit sagen, dass ich im Recht bin. Alles, was ich sage, ziehe ich sofort wieder in Zweifel.“
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Wir alle kennen die Situation, wenn uns jemand fragt: „Wie geht es dir?“ Man fragt sich: „Soll ich nun erzählen, wie es mir wirklich geht, soll ich nur eine Andeutung machen oder wird einfach eine Floskel erwartet?“ … Hochbegabte versuchen, diese Aspekte logisch zu reflektieren, und befinden sich daher oft in dem Dilemma, dass sie nicht sicher sind, welches Verhalten in welcher Situation von ihnen erwartet wird.
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Viele erwachsene Hochbegabte berichten, dass es ihnen nahezu unmöglich sei, „small talk“ zu halten. Sie sagen das nicht mit Überheblichkeit, sondern vielmehr mit einem Gefühl der Unzulänglichkeit. … weil sie sich meist so umfassend mit Dingen auseinander setzen, dass ihre Kommentare den Rahmen einer belanglosen Unterhaltung sprengen würden. Deshalb halten sich Hochbegabte in Gesellschaften oft zurück oder wirken hölzern und angespannt.
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Schwierigkeiten beim Arztbesuch sind bei Hochbegabten ebenfalls an der Tagesordnung. Meist sind sie über ihr Krankheitsbild und den neuesten Forschungsstand bestens informiert (nicht selten besser als der Arzt); sie erwarten ein kompetentes Fachgespräch unter Gleichberechtigten, eine gründliche Diagnostik und eine sinnvolle Therapie mit allen hierzu notwendigen Informationen. Wie die Mehrzahl der Ärzte auf eine solche Erwartungshaltung reagiert, ist hinlänglich bekannt.
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Amtsgänge stellen sowohl die Geduld des Hochbegabten als auch die des Sachbearbeiters mitunter auf eine harte Probe und enden nicht selten damit, dass der Beamte sich mit einer Reihe von Verbesserungsvorschlägen für seine Arbeitsorganisation konfrontiert sieht.
...
Eine große Anzahl Hochbegabter beschäftigt sich eingehend mit religiösen und philosophischen Themen und Fragen nach dem Sinn der menschlichen Existenz. Da sie ihr Wissensdurst aber dazu treibt, die Dinge immer weiter zu hinterfragen und naturwissenschaftliches, rationales Denken einerseits und religiöse Anschauungen andererseits zusammenzubringen, stoßen sie oft an Grenzen, die als verwirrend und belastend erlebt werden. … Zudem neigen Hochbegabte zum Nonkonformismus, sodass sie sich Glaubensrichtungen und -gemeinschaften nur schwer anschließen und sich daher mit ihren Gedanken und Überlegungen in einer modernen Gesellschaft isoliert fühlen können.

Gastbeitrag von: Dr. Ralf Poschmann

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