„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Andrea Brackmann: Ganz normal hochbegabt

Nachdem die Autorin 2005 das Buch Jenseits der Norm geschrieben hat, das sich vorrangig um die Belang entsprechender Kinder drehte, ist 2007 dieses neue Buch erschienen, in dem stattdessen Erwachsene die zentrale Rolle spielen. Gleich auf einer der ersten Seiten schreibt sie:

Ich betrachte auch die Typen-Schilderungen in meiner ersten Publikation über Hochbegabte („Jenseits der Norm“) mit Skepsis. Resultat dieser Zweifel ist unter anderem die Sammlung der vorliegenden Lebensgeschichten, in welchen ich die Hochbegabten so authentisch und individuell wie möglich zu Wort kommen lassen möchte.

In dem ersten Buch hatte sie verschiedene Typen Hochbegabter (Kinder) herausgearbeitet, mittlerweile hat sie offenbar Zweifel an der möglichen Typisierung. Allerdings sieht sie durchaus gemeinsame Merkmale aller (oder wenigstens vieler), einen Absatz weiter schreibt sie:

Stark vereinfacht bedeutet Hochbegabung mehr von allem: mehr denken, mehr fühlen und mehr wahrnehmen.

Diese drei Merkmale werden dann genauer erläutert. Ganz am Ende erinnert sie an ihre Hypothese des Zusammenhangs zwischen Hochbegabung, Asperger bzw. Autismus, die sie in ihrem ersten Buch geäußert hatte:

Im Vorwort meines ersten Buches über Hochbegabung habe ich den vagen Gedanken formuliert, Hochbegabung könnte weniger durch die Anwesenheit von Fähigkeiten determiniert sein als vielmehr durch die Abwesenheit bestimmter Funktionen. Dieser Gedanke beschäftigt mich nach wie vor, ich verfolge aufmerksam die diesbezügliche Forschung und sammle Belege für meine Vermutung. Diese kam mir geradezu ungeheuerlich vor, da sie bedeuten würde, dass grundsätzlich alle Menschen über herausragende Fähigkeiten verfügen und man nur an sie ‚herankommen’ muss. Nun entdecke ich mehr und mehr Untersuchungen, die zu ähnlichen Schlüssen gelangen.
....
Hirnforscher wie Allan Snyder, Robin Young oder Gerhard Roth sind davon überzeugt, dass theoretisch alle Menschen zu Spitzenleistungen fähig wären, wenn sie bestimmte Denkprozesse ausschalten und auf verborgene Talente zugreifen könnten. Diese Talente seien überlagert von Hirnfunktionen, welche eingehende Informationen gleichsam filtern, sortieren und zuordnen. Die Forscherin Beate Hermlin fand wiederum heraus, dass Autisten mit genialen Fähigkeiten über eine ‚ungefilterte Art der Informationsverarbeitung’ verfügen. Daraus ergibt sich die ein wenig verrückt klingende Schlussfolgerung, dass das Maß der (Hoch-)Begabung von der Schwäche des eigenen ‚Schutzfilters’ abhängt.

Es wurde statistisch herausgefunden, dass in Ehen zwischen Mathematikern sowohl besonders viele hochbegabte als auch Kinder mit Aspergersyndrom zur Welt kommen. Das spricht dafür, dass es diesen Zusammenhang geben könnte. Aber ihre Hoffnung auf das Wecken außergewöhnlicher Fähigkeiten in allen Menschen macht mir fast Angst. Allan Snyder habe ich in einem Film über Autisten gesehen. Er ist Professor, sein Markenzeichen ist die umgekehrt aufgesetzte und niemals abgenommene Baseballkappe. In seinen Experimenten konnte er zeigen, dass man durch das Ausschalten der dominanten (rationalen) Gehirnhälfte mit Hilfe elektromagnetischer Strahlung in normalen Menschen kreative Kräfte z.B. als Kunstmaler freisetzen kann. Von Kim Peek, einem der bekanntesten Autisten, ist bekannt, dass in seinem Gehirn tatsächlich einige Strukturen anders sind, unter anderem fehlt das Corpus callosum.

Mein Einwand: Will die Menschheit wirklich noch mehr Hochbegabte, die ja zumindest teilweise – das macht ja den Kern des Buchs von Andrea Brackmann aus – in ihrem Leben mit ganz besonderen Schwierigkeiten zu kämpfen haben und mit ihrer Begabung zum Teil recht unglücklich sind? Ganz zweifellos ist das nicht die Mehrheit, aber Andrea Brackmann als Psychologin hat mit genau diesen zu tun und selbst den Zusammenhang zum Autismus hergestellt.

Den Hauptteil des Buchs nehmen die Selbstberichte einiger Hochbegabter ein, die von Andrea Brackmann gebeten wurden, über ihr Leben zu schreiben. Natürlich sind das dann extremale Persönlichkeiten, bei denen die Diskrepanz zwischen ihrer Begabung und dem, was sie im Leben daraus machen konnten, so groß geworden ist, dass sie professionelle Hilfe benötigt haben – sonst hätten sie und die Autorin sich ja niemals kennengelernt. An einer Stelle kommt das Wesen dieser Diskrepanz zum Ausdruck:

Der niederländische Begabungsforscher Franz Mönks spricht hier von hochbegabten Dilettanten im Gegensatz zu hochbegabten Experten. Letztere nehmen die Mühen eines langwierigen, fleißigen und gründlichen Arbeitens in einer einzelnen Domäne auf sich, während Erstere sich auf unterschiedlichsten Gebieten versuchen, ein sehr breites Spektrum haben und von allem ein bisschen können.

Das ist wahrscheinlich der Kern des Problems und führt eigentlich zu den Kindern zurück. Wenn in der Kindheit die Begabung und die dazu passenden anderen Charaktereigenschaften nicht gefördert und bestimmte Arbeitstechniken erlernt werden, dann sind die Unterforderten zunächst nur „ganz normal“ unzufrieden, versagen mit Sicherheit aber später, wenn die Aufgaben wirklich anspruchsvoller geworden sind und auch von ihnen mehr Einsatz verlangen. Im Buch schreibt zum Beispiel ein Mann, dessen Vater bereits zehn Sprachen gesprochen hat, die Mutter sieben, und der zeitweilig allein im kriegerischen Libanon aufgewachsen ist, später nach Deutschland gekommen ist und dort nicht so recht weiß, was er studieren soll.

Ähnlich problematisch der Fall einer Frau, die einer Arbeiterfamilie entstammt, dort sehr wenig Bildung erwerben konnte und deren eigenes Potenzial erst dann deutlich wird, als bei ihren beiden Kindern Probleme auftreten, die auf ihre Hochbegabung hinweisen und in deren Folge auch die Mutter getestet wird. In einem bildungs- (=sprach)abhängigen Test schneidet sie zunächst nicht so gut ab, danach, in einem bildungsfreien Test, zeigt sich ihre extreme Hochbegabung. Erst als die Mutter sich selbst anspruchsvollere Ziele setzt und an deren Realisierung arbeitet, verschwinden auch die Schwierigkeiten mit ihren Söhnen.

Ein Beispiel, was man im Buch für tolle Texte findet, geschrieben von phantastischen und interessanten Menschen:

Während der Schwangerschaft musste meine Mutter wegen starker Blutungen ins Krankenhaus. Sie war in Sorge, ihr zweites Kind zu verlieren. Der Oberarzt tröstete sie: sie solle nicht traurig sein, bei so viel Blutverlust wäre ohnehin mit großer Wahrscheinlichkeit ein kleiner Idiot daraus geworden. Meine Mutter weinte, als die Tür aufflog und der Chefarzt hereinstürmte. In hellem Zorn revidierte er das ärztliche Statement und imponierte meiner Mutter mit entschiedenem Optimismus: Nicht das Baby, sondern der Oberarzt sei ein Idiot. Ich habe wohl alles mit angehört, denn bis zum heutigen Tage halte ich es für möglich, dass beide recht haben.

In der Kindheit hat dann dieses Mädchen viel Zeit nicht in der Familie, sondern bei Verwandten oder in Internaten verbracht. Hat ihr die Mutter von dem Ablauf ihrer Geburt erzählt oder hat sie das alles selbst gehört? Später studiert die Frau Psychologie, wird aber in diesem Beruf nicht glücklich und macht heute etwas anderes:

Bald aber hatte ich mein eigenes Büro in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und sollte Gutachten schreiben. Ich sah mich weder in der Lage noch in der berechtigten Position, Kinder in der gefragten Weise zu beurteilen, und noch heute verbeuge ich mich innerlich vor dem 16-jährigen Mädchen mit Down-Syndrom, welches mich das Wesentliche lehrte, als es in unvergleichlich feierlicher Weise den Aschenbecher genau zwischen uns stellte, nachdem wir den Intelligenztest beiseite gelegt hatten und eine Zigarette zusammen rauchten.

Am Ende der wirklich wunderbaren und anrührenden Selbstschilderungen der ausgewählten Hochbegabten outet sich die Autorin selbst und schreibt über ihre eigenen Probleme, etwas das man bereits im ersten Buch vermuten, aber nicht sicher wissen konnte.

Als junge Therapeutin war ich sehr angespannt und unsicher; ich meinte alles können und auf jede Frage eine Antwort wissen zu müssen. Zwischenzeitlich habe ich mir eine viel mehr fragende als wissende Haltung angeeignet. Hochbegabte brauchen den Mut, Fehler zu machen und einen lernende, fragende Haltung einzunehmen. Ihr Gefühl sagt ihnen oft, dass sie nicht gut genug sind. Aber sie können auch ihre Vernunft verwenden, indem sie eine innere Statistik anfertigen, bei der sie objektiv Erfolge und Misserfolge auflisten und ihre eigenen Leistungen mit denen anderer (aller anderer, nicht nur der Besten!) vergleichen.

Und als wunderbares Schlusswort eignet sich der folgende Abschnitt:

Das Feld zwischenmenschlicher Kontakte ist voller Fettnäpfchen, Fallstricke und unwägbarer Situationen. Hochbegabte strengen sich oft besonders an, alles richtig zu machen, genau auf soziale Signale zu achten und niemanden vor den Kopf zu stoßen. Dennoch, oder gerade deshalb, stolpern sie of von einem Fettnäpfchen ins nächste. Was wäre, wenn sie die Anstrengung aufgäben und von vornherein beschließen, anders zu sein, schrullig, merkwürdig, komisch und unangepasst? Das Ergebnis wäre dasselbe, aber die Anstrengungen fielen weg. Was ist so reizvoll daran, zu sein wie alle anderen, nicht aufzufallen, normal zu sein? Auch und gerade Sonderlinge, Exzentriker, eigenwillige und introvertierte Persönlichkeiten können liebenswert, charmant und interessant sein.

Gastbeitrag von: Dr. Ralf Poschmann

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