„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Arthur Schopenhauer über Willensfreiheit

In der Willensfreiheitdebatte geht es vornehmlich um die Frage, ob wir in unseren Entscheidungen frei sein können, auch wenn sie von vornherein determiniert sind. In einer (kausal) determinierten Welt ist jedes natürliche Ereignis durch die vorhergehenden Ereignisse eindeutig festgelegt, sodass ein Ereignis mit einer (naturgesetzlichen) Notwendigkeit auf die vorhergegangenen Ereignisse folgt und nicht anders eintreten kann als von diesen vorherbestimmt. Die deterministische Weltsicht wurde zwar Anfang des Jahrhunderts durch die Quantenphysik angegriffen, jedoch nicht in einer für die Willensfreiheitsdebatte relevanten Art und Weise, sodass sie auch heute noch eine ernsthafte Herausforderung für die Willensfreiheitsthese darstellt (Hoefer, 2016).

Falls alle Ereignisse durch vorherige Ereignisse determiniert wären, gälte dies ebenfalls für alle Bereiche des menschlichen Lebens: Ein Mensch in einer determinierten Welt wäre unfrei, weil alles was er tut und alles wofür er sich entscheidet bereits durch die vorhergegangenen Ereignisse festgelegt worden wäre. Die philosophische These, dass Willensfreiheit und Determinismus unverträglich sind, heißt Inkompatibilismus (Beckermann, 2005). Es ist eine Besonderheit von Arthur Schopenhauer, dass er sowohl den Determinismus als auch den Indeterminismus (d.h. die These, dass es die Willensfreiheit gäbe) in einem kompatibilistischen Ansatz miteinander vereint. Dies gelingt Schopenhauer unter Rückgriff auf seine Lehre von der doppelten Natur der Welt: In der Welt als Vorstellung – der Erscheinungswelt – gibt es keine Willensfreiheit; in der Welt als Wille – der Welt wie sie wirklich ist – gibt es sie. Der Mensch, als Teil der Erscheinungswelt, ist zwar in seinem Handeln unfrei und jeder seiner Willensakte ist kausal determiniert. Jedoch ist er als Ausdruck des Willens als des Dinges an sich, d.h. seinem Wesen nach, frei.

Arthur Schopenhauer.
Arthur Schopenhauer.

1. Historische Einordnung

Arthur Schopenhauer (1788-1860) ist einer der letzten bedeutenden Vertreter des deutschen Idealismus. Seine Lehre steht im starken Kontrast zu den Lehren von Fichte, Schelling und Hegel und steht in der Tradition Kants, wobei Schopenhauer sich stellenweise als einen Post-Kantianer ansah. Der zweite große Einfluss stammt aus der Ideenlehre Platons, welche vor allem Schopenhauers Ästhetik eine prominente Rolle spielt. Schließlich dürfen im Zusammenhang mit Schopenhauers Philosophie auch der Buddhismus und der Hinduismus nicht unerwähnt bleiben. Das philosophische Gedankengut dieser beiden Religionen weist beträchtliche Parallelen mit Schopenhauers Philosophie auf – auch wenn unklar ist, ob dies einem direkten Einfluss geschuldet ist oder nicht. Die Behandlung des Themas Willensfreiheit findet sich bei Schopenhauer in seiner „Preisschrift über die Freiheit des Willens“, die als eigenständiges Werk sehr gut zur Lektüre geeignet ist, selbst wenn man sich vorher nicht mit Schopenhauers Philosophie beschäftigt hat. Ansonsten wird Willensfreiheit u.a. im §55 des 4. Buch seines Hauptwerkes, „Die Welt als Wille und Vorstellung“ behandelt.

2. Was ist Willensfreiheit?

Bevor die Frage nach der Willensfreiheit geklärt werden kann, ist es unabdingbar zuerst zu klären, was Freiheit überhaupt ist. Schopenhauer definiert Freiheit als die „Abwesenheit aller Notwendigkeit (E, 525, hier und weiter Hervorhebung im Original). Damit diese Freiheitsdefinition aber nachvollziehbar ist, muss zuerst geklärt werden, was Notwendigkeit überhaupt ist. Das Notwendige ist laut Schopenhauer das, „was aus einem gegebenen zureichenden Grund folgt“, sodass Notwendigkeit und Folge aus einem gegebenen Grund für Schopenhauer gleichbedeutend sind (ebd.).

Der Satz vom zureichenden Grund ist eines der Schlüsselkonzepte in Schopenhauers Philosophie mit einem direkten Bezug zum Thema Willensfreiheit, deshalb wird er im weiteren Verlauf des Artikels noch ausführlicher behandelt. Zunächst sei aber folgende, vorläufige, Definition gegeben. Der Satz vom zureichenden Grund besagt: „Nichts ist ohne Grund warum es sey“ (vgl. G, 18), d.h. alles hat einen Grund bzw. eine Ursache. Wenn etwas existiert, so muss es einen seiner Existenz vorausgegangenen Grund geben. Findet z.B. eine Veränderung an einem bereits existierenden Objekt statt, muss sich vorher etwas verändert haben, das diese Veränderung verursacht usw. Wichtig ist an dieser Stelle festzuhalten, dass der Satz vom Grund eine „unbeschränkte Gültigkeit“ hat und für „alle Inhalte der Natur, ihre gesamten Erscheinungen“ gilt (Vgl. W I, S. 361). Jedes Objekt der Erscheinungswelt (d.h. die Welt, wie sie uns erscheint) ist mit Kausalketten an seine Ursache und Wirkung gebunden, die es nicht abzuschütteln kann. Sobald eingetroffen, erzeugt die Ursache eine unausbleibliche Folge, welche wiederum, zur Ursache werdend, ihre eigenen Folgen herbeiführt. Der Untersuchung des Satzes vom zureichenden Grund ist Schopenhauers Dissertation „Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde“ gewidmet. Hier bringt er den Zusammenhang zwischen der Notwendigkeit und dem Satz von Grund so zum Ausdruck: „Der Satz vom zureichenden Grunde, in allen seinen Gestalten, ist das alleinige Prinzip und der alleinige Träger aller und jeder Notwendigkeit. Denn Notwendigkeit hat keinen andern wahren und deutlichen Sinn, als den der Unausbleiblichkeit der Folge, wenn der Grund gesetzt ist.“ (G, S. 170).

Weil „Notwendigkeit“ und „Folge aus einem gegebenen zureichenden Grund“ Synonyme sind, ist die „Abwesenheit der Notwendigkeit identisch mit Abwesenheit eines bestimmenden zureichenden Grundes“ (Vgl. E, 526). Denn was keine Folge ist, d.h. aus nichts folgt und durch nichts verursacht wurde (außer durch sich selbst – siehe unten) hat auch keinen Grund. Das Freie könnte man also als das von keinem Grund Abhängige definieren. Wendet man diesen neu gewonnen Freiheitsbegriff auf den menschlichen Willen an, ergibt sich folgende Definition: „Ein freier Wille […] wäre ein solcher, der nicht durch Gründe – und da jedes ein anderes Bestimmende ein Grund […] sein muß – ein solcher, der durch gar nichts bestimmt würde; dessen einzelne Äußerungen (Willensakte) also schlechthin und ganz ursprünglich aus ihm selbst hervorgingen, ohne durch vorhergängige Bedingungen notwendig herbeigeführt, also auch ohne durch irgend etwas, einer Regel gemäß bestimmt zu sein.“ (E, 527). Die so verstandene Willensfreiheit, auch liberum arbitrium indifferentiae (die freie, nach keiner Seite beeinflusste Willensentscheidung) genannt, würde z.B. zur Konsequenz haben, dass „einem damit begabten menschlichen Individuo unter gegebenen ganz individuell durchgängig bestimmten äußeren Umständen zwei einander diametral entgegengesetzte Handlungen gleichmöglich sind.“ (ebd.).

3. Die Welt als Vorstellung und der Satz vom Grund

Die Welt ist eine Vorstellung“ – sagt Schopenhauer (W I, S. 29). Erst mit dem „deutlichen Verständnis und der ernstlichen Anerkennung dieses Satzes“ tritt die „vollkommne philosophische Besonnenheit“ ein, die es einem erst ermöglicht zu „einer adäquaten Erkenntniß vom Wesen der Welt“ zu gelangen – so fährt er fort (VN I, S. 126f ). Da dieser Satz eine der Tragsäulen schopenhauerscher Philosophie ist, ohne den man auch seine Willensfreiheitsthese nicht verstehen kann, wird der ihm zugrundeliegender Gedanke im Weiteren kurz erläutert.

Die Welt ist eine Vorstellung“ heißt folgendes: Die Welt, wie wir sie kennen, existiert nur in unserem Bewusstsein. Sie ist dessen Produkt, eine mentale Erscheinung, die für den Betrachter im Betrachter existiert und ohne ihn notwendigerweise verschwinden muss. Das wahre Wesen der Welt, die Welt als „Ding an sich“, welche jenseits und unabhängig vom Vorstellungsvermögen des Betrachters existiert, kann, da es eben jenseits und unabhängig vom Bewusstsein des Betrachters existiert, von diesem nicht erkannt werden. (vgl. W II, 228). Keine Wahrheit ist laut Schopenhauer „gewisser, von allen anderen unabhängiger und eines Beweises weniger bedürftig“ als die, dass die Welt eine Vorstellung ist (W I, 29). Zu einer Vorstellung gehören aber stets zwei Dinge: Das Vorstellende und das Vorgestellte, das Erkennende und das Erkannte, das Subjekt und das Objekt. „Dasjenige, was Alles erkennt und von keinem erkannt wird, ist das Subjekt. Es ist das nothwendige Korrelat des Objekts, mit dessen Wegnahme auch dieses wegfällt. Es ist folglich der Träger der Welt, die durchgängige stets vorausgesetzte Bedingung alles Erscheinenden, alles Objekts: denn nur für das Subjekt ist, was nur immer da ist.“ (VN I, 129) Dabei ist das Subjekt nicht auf ein bestimmtes Individuum beschränkt, vielmehr ist es in jedem Individuum vollständig vorhanden: „daher kann ein einziges derselben [ein einziges Subjekt- R.E.], ganz allein eben so vollständig als die vorhandenen Millionen mit dem Objekt die Welt als Vorstellung ergänzen. Verschwände aber auch jenes einzige vorstellende Wesen, so wäre mit ihm auch alles Objekt verschwunden; die Welt als Vorstellung wäre nicht mehr“ (VN I, 130).

Da die Existenz und die Beschaffenheit der Welt (als Vorstellung) von dem Vorstellungs- bzw. Erkenntnisvermögen des sie vorstellenden Individuums abhängen, ist es von entscheidender Bedeutung zu klären, wie dieses funktioniert, d.h. wie sich das Subjekt die Objekte vorstellt. Laut Schopenhauer wird das Vorstellungsvermögen des Individuums durch den bereits oben erwähnten Satz vom zureichenden Grund geprägt. Zwar war die im vorigen Kapitel angeführte allgemeine Definition des Satzes vom Grund, nämlich nichts sei ohne Grund warum es sei, nicht falsch, doch war sie insofern unvollständig, als das Sein als etwas Gegebenes angenommen wurde das keiner weiteren Klärung bedarf. Nun aber ändert sich die Situation. In einer Welt als Vorstellung, die mit all ihren Erscheinungen nur als Objekt für das Subjekt, durch es und für es existiert, gibt es Objekte nur insofern, als sie vorgestellt werden: „Was wir Daseyn nennen, heißt Vorgestelltwerden“ (VN I, 127). Ausgehend von dieser (Da-)Sein-Definition erhält der Satz vom Grund eine neue Facette. Er bezieht sich nicht mehr auf ein subjektunabhängiges Sein, sondern auf das Sein der Objekte, wie sie sich das Subjekt vorstellt bzw. erkennt. Entsprechend kann jetzt die Definition des Satzes vom Grund präzisiert werden: „Die Bedeutung hievon [„Alles was ist, hat einen Grund warum es ist.“- R.E.] ist diese: jedes Objekt des Subjekts […] steht zu einem andern Objekt, also einer andern Vorstellung, im Verhältniß der Abhängigkeit, d.h. es könnte nicht seyn, wie es ist, wenn nicht ein gewisses anderes wäre wie es ist: dieses andre heißt der Grund, jenes die Folge“ (VN I, 443). Dabei stehen „alle Objekte […] in einer gesetzmäßigen und ihrer Form nach a priori bestimmbaren Verbindung untereinander.- Diese Verbindung also ist diejenige Relation, welche der Satz vom Grund allgemein genommen ausdrückt.“ (VN I, 444). Der Satz vom Grund gilt für die gesamte Welt als Vorstellung. Er gilt a priori, d.h. vor jeder Erfahrung, denn er ist dasjenige, was die Erfahrung ermöglicht, indem er ein Grundmuster vorgibt, nach welchem unser Vorstellungs- bzw. Erkenntnisvermögen funktioniert (vgl. Spierling 1994, 82). Zu Bestandteilen dieses Grundmusters gehören u.a. Raum, Zeit und Kausalität: Diese existieren nicht an sich, sondern sind Eigenschaften, die ein Objekt haben muss, damit es vom Subjekt vorgestellt werden kann. Ein Objekt kann also nur dann vom Subjekt vorgestellt und als solches erkannt werden, wenn es den Gesetzmäßigkeiten des Satzes vom Grund entspricht (Vgl. Spierling 2010, 193). Aus diesem Grund kann „kein Objekt des Subjekts jemals etwas schlechthin für sich bestehendes, Unabhängiges, oder auch etwas einzelnes, Abgerissenes seyn; ein dergleich Wesen kann uns schlechterdings nie vorkommen“ (VN I, 444).

Ein solches Objekt wäre auch der menschliche Wille, der wie alle anderen Vorstellungen, dem Satz vom Grund unterworfen ist. Als solches ist auch er der Notwendigkeit unterworfen, die im Satz vom Grund zum Ausdruck kommt. Was notwendig ist, kann aber nicht frei sein, denn, wie im 1. Kapitel dieses Artikels dargelegt, zeichnet sich die Freiheit durch die Abwesenheit von Notwendigkeit aus. Also müsste auch der menschliche Wille unfrei sein und es dürfte keine Willensfreiheit geben. Dies ist aber nicht die Position, die Schopenhauer vertritt. Wie sich in den nächsten Abschnitten zeigen wird, erfährt Schopenhauers Philosophie an dieser Stelle eine Wendung, mit der er behauptet die These von der Willensfreiheit aufrechterhalten zu können.

4. Der Wille

Die Welt als Vorstellung besteht aus Objekten, die das Subjekt sich vorstellt. Und auch sie selbst ist in ihrer Gesamtheit nichts anderes als ein Objekt für das erkennende Subjekt. Allerdings ist die Welt nicht nur Vorstellung. In ihrem Kern ist sie, laut Schopenhauer, der WILLE. Der WILLE als das Ding an sich sollte nicht mit dem menschlichen Willen verwechselt werden (und wird hier und weiter stets groß geschrieben, um eine Verwechselung zu vermeiden). Der WILLE existiert subjektunabhängig und ist das wahre Wesen alles Seienden, der menschliche Wille ist dagegen nur eine Erscheinung, die in der Vorstellungswelt des Subjekts existiert. Jedoch ist Schopenhauers Namensgebung nicht zufällig. Damit der WILLE als Ding an sich überhaupt gedacht werden kann, muss er mit einer seiner Erscheinungen in Verbindung gebracht werden. Diese Erscheinung darf aber aus Verständigungsgründen keine zufällige sein, sie muss unter „allen Erscheinungen die vollkommenste [sein], d.h. die deutlichste, am meisten entfaltete, vom Erkennen unmittelbar beleuchtete: diese aber eben ist des Menschen Wille.“ (W I, 155)

Der WILLE existiert als subjektunabhängiges Ding an sich, das dem Subjekt in Form von Objekten erscheint, als Ding an sich liegt er selbst allerdings jenseits der Vorstellungswelt. Er existiert unabhängig vom Subjekt, ist somit auch kein Objekt für es. Die Vorstellungen und Objekte die das Subjekt erkennt, sind nur Erscheinungen des WILLENS, nicht der WILLE selbst. Der WILLE muss also zuerst in die Vorstellungswelt des Subjekts eingehen, ein Objekt werden, „sich objektifizieren“, damit er (bzw. das, als was er erscheint) vom Subjekt wahrgenommen werden kann. Wie bereits gezeigt ist die Vorstellungswelt mit all ihren Objekten dem Satz vom Grund unterworfen, der sich in Form von Zeit, Raum und Kausalität manifestiert und der alleinige Träger aller Notwendigkeit ist. Der Satz vom Grund ist das Gesetz nach welchem sich das Subjekt die Objekte vorstellt: Das heißt das Subjekt kann sich kein Objekt vorstellen, ohne dass ihm dieses nach den Bestimmungen des Satzes vom Grund erscheint. Ganz anders sieht es wiederum in der Welt des Dinges an sich, des WILLENS, aus. Hier gibt es keine Vorstellung, die Subjekt-/Objekt-Dichotomie als „die allgemeinste Form der Vorstellung“( W I, 157) entfällt ebenfalls. Der WILLE existiert an sich und jenseits, nicht im und für das Subjekt. Jenseits des Subjekts hat der Satz vom Grund aber überhaupt keine Gültigkeit – der WILLE als Ding an sich ist dem Satz vom Grund nicht unterworfen. Er ist so zu sagen Grund-los (vgl. W I, 158). Um die Reichweite und Folgen dieser Behauptung zu illustrieren, betrachtet man zunächst Zeit, Raum und Kausalität, ohne die sich kein reales Objekt denken lässt. Diese drei seien ihrem Wesen nach nichts anderes als Gestaltungen, bzw. Formen des Satzes vom Grund, d.h. Formen des Erkennens. Als solche kommen sie aber nur dem Erkennen zu, sind Eigenschaften des erkennenden Subjekts und seiner Erscheinungen, nicht aber des WILLENS selbst. Der WILLE als Ding an sich liegt weder in der Zeit noch im Raum und unterliegt keinen kausalen Gesetzmäßigkeiten. Auch die Vielheit und Verschiedenheit der Dinge existieren nicht an sich, sondern nur in der Vorstellung des Subjekts. Sie sind ein Produkt von Raum und Zeit, die als principium individuationis die Einheit des WILLENS an sich in eine Vielheit der Erscheinungen spalten. In Wirklichkeit ist aber alles, was es gibt, ein einzelner zeit- und raumlos existierender WILLE (vgl. VN I, Kap. 2, 158; Ausführlicher zum principium individuationis siehe Spierling 2010, S. 180f).

Für die Fragestellung dieses Artikels, die Willensfreiheit, ist aber folgende Konsequenz noch weitaus bedeutender: Mit dem Satz vom Grund fällt auch die Notwendigkeit weg. Diese war aber der Grund für die Unmöglichkeit der Freiheit gewesen. Somit ist der WILLE absolut frei. Allerdings gilt dies nur für den WILLEN selbst. Die Erscheinungen, die Objekte und die Vorstellungen des Subjekts sind nach wie vor dem Satz vom Grund und der Notwendigkeit unterworfen und damit unfrei.

5. Willensfreiheit

Der menschliche Wille ist laut Schopenhauer passiv. Es bedarf stets einer Einwirkung von außen, eines Motives, um den bereits vorhandenen, schlummernden Willen in Aktion zu setzen. Als Produkt dieser beiden Faktoren, des Willens und des Motivs, entsteht das durch sie determinierte menschliche Handeln. Was ist ein Motiv? Ein Motiv ist eine Vorstellung, die durch eine Außenwelteinwirkung entstanden ist und auf den bereits im Menschen vorhandenen Willen treffend Willensregungen hervorruft (vgl. E, 550ff.). Dabei stehen die Handlungsmotive und Willensakte in einem kausalen Verhältnis zueinander: Die Handlungsmotive sind die Ursache, die Willensakte die Folge. Damit die Ursache aber ihre Folge erzeugen kann, bedarf es laut Schopenhauer stets zweier Faktoren: 1. der Ursache selbst, die von außen einwirkt und 2. der im Inneren bereits vorhandenen Kraft, auf die die Ursache trifft und die sie dazu bewegt, sich hier und jetzt zu manifestieren (vgl. E, 566).Nun scheint es aber der Fall zu sein, dass dieselben Motive, als Ursache wirkend, bei verschiedenen Menschen unterschiedliche Reaktionen hervorrufen. Während z.B. ein gütiger Mensch in die ausgestreckte Hand des Bettlers eine milde Gabe drückt, schaut ein anderer weg. In beiden Fällen handelt es sich offenbar um dieselbe Ursache, der Grund für die unterschiedliche Reaktion muss also anderswo liegen, und zwar in der inneren Kraft bzw. der „speziell[en] und individuell[en] Beschaffenheit des Willens“ (E, 568), auf die sie eintrifft. Diese spezielle Beschaffenheit des Willens nennt Schopenhauer Charakter, erst durch ihn wird „die Wirkungsart der verschiedenartigen Motive auf den gegebenen Menschen bestimmt“ (ebd.). Schopenhauer unterscheidet in Anlehnung an Kant zwischen zwei Charakterarten, dem empirischen und dem intelligiblen. Der empirische Charakter zeichnet sich dadurch aus, dass er individuell, angeboren, konstant und (wie der Name schon sagt) empirisch ist, d.h. nicht a priori oder aus bloßer Reflexion erkennbar ist, sondern sich erst durch die vollbrachten Handlungen offenbart (E, 568-570).

Der empirische Charakter eines Menschen ist Gegenstand seiner Erfahrung. Erst aus der Erfahrung, d.h. aus der Beobachtung seiner bereits vollzogenen Handlungen, kann er als solcher überhaupt erkannt werden. Er ist also ein Objekt für das Subjekt, eine Erscheinung. Als solche ist er daher an die Formen aller Erscheinung, Zeit, Raum und Kausalität gebunden und ist, mit anderen Worten, dem Satz vom Grund und der Notwendigkeit unterworfen (vgl. E, 621). Nicht nur das Motiv, das auf den Charakter einwirkt und so notwendigerweise eine Handlung verursacht, sondern auch der Charakter selbst ist in seiner Beschaffenheit determiniert und der Notwendigkeit und der Kausalität unterworfen. Der Mensch ist nach Schopenhauer gleich auf zwei Weisen unfrei: sowohl durch die von außen wirkenden Motive als auch durch seinen Charakter selbst. Wie bereits im 3. Abschnitt dargelegt, gehört zu einer Erscheinung stets das Ding an sich, das sich dem Subjekt in dieser Form erkennbar zeigt, von der Erscheinung selbst aber etwas völlig Verschiedenes ist. Im Fall des empirischen Charakters ist dies der intelligible Charakter. Der intelligible Charakter ist der WILLE des Menschen als das Ding an sich, sein wahres Wesen, das von Erscheinung ganz und gar unabhängig ist, als solcher liegt er jenseits der Vorstellungswelt und ist dem Satz vom Grund und der Notwendigkeit nicht unterworfen, mit anderen Worten: Er ist frei (ebd.).

Der Mensch in der Erscheinungswelt lässt sich als ein in Zeit und Raum gefangener und in Vielheit von Handlungen aufgespaltener WILLE denken (siehe principium individuationis im 3. Abschnitt). Die Handlungen sind räumlich voneinander getrennt und erscheinen in einer zeitbedingten Reihenfolge. Wenn man sich aber von einer von Raum und Zeit aufgezwungener Vielheit loslöst, erscheint das menschliche Leben als ein einziger Akt, den der WILLE frei und aus sich heraus hervorbringt. Die Freiheit des Menschen läge demnach im Sein, und nicht im Handeln (vgl. E. 623). Um die Existenz der Willensfreiheit trotz der in der beobachtbaren Erfahrungswelt vorherrschenden Kausalität aufrechtzuerhalten, überträgt Schopenhauer die Freiheit in das Transzendentale, d.h. in das außerhalb der Erfahrung Liegende. Dorthin hinausgerückt widerspricht die Behauptung von Vorhandensein eines freien Willens nicht der Vorherbestimmtheit des menschlichen Handelns. Auf diese Weise behauptet Schopenhauer die Kluft zwischen der Willensfreiheit und dem Determinismus überbrücken zu können.

6. Zusammenfassung

Der Wille eines Menschen ist die Erscheinung, die von allen Erscheinungen dem WILLEN als Ding an sich, dem wahren Wesen des Menschen (und aller Objekte), am nächsten kommt. In der Welt als Vorstellung findet sie ihren Ausdruck im empirischen Charakter, während der intelligible Charakter dem WILLEN des Menschen an sich, also seinem wahren Wesen entspricht. Da der WILLE an sich frei ist, ist der Mensch seinem Wesen nach ebenfalls frei. Unfrei ist er nur in der Welt der Vorstellungen mit ihrem Satz vom Grund, der aber nur das Erkenntnisvermögen, nicht das Ding an sich beherrscht. Mit anderen Worten: Der Mensch als WILLE ist frei, erkennt das aber nicht. Die Freiheit offenbart sich nicht in einzelnen Handlungen des Menschen (die in der Vorstellungswelt stattfinden), sondern in seinem Wesen selbst.

7. Literatur

7.1 Zitierweise

W I : Die Welt als Wille und Vorstellung I, Zürich: Diogenes, 1977 W II: Die Welt als Wille und Vorstellung II, Zürich: Diogenes, 1977

 

VN I: Theorie des gesamten Vorstellens, Denkens und Erkennens. Vorlesung über die Gesamte Philosophie, I. Theil. Zusammen mit: Probevorlesung, Lobrede und Dianoiologie (Bd. I). Aus dem handschriftlichen Nachlaß. Herausgegeben und eingeleitet von Volker Spierling, München: Piper, 1986

 

E: Über die Freiheit des Menschlichen Willens, Kleinere Schriften, Zürich: Diogenes, 1977

 

Prize Essay on the Freedom of the Will, Günther Zöller (editor), New York: Cambridge University Press, 1999

 

G: Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grund, Zürich: Diogenes, 1977

7.2. Bibliographie

Cartwright, David E.: Historical dictionary of Schopenhauer’s philosophy, Lanham, Maryland [u.a.]: Scarecrow Press, Inc., 2005

 

Hoefer, Carl: „Causal Determinism“, The Stanford Encyclopedia of Philosophy.
URL: http://plato.stanford.edu/archives/spr2016/entries/determinism-causal/ (Stand: Frühling 2016)

 

Spierling, Volker: Arthur Schopenhauer. Philosophie als Kunst und Erkenntnis, Frankfurt am Main: Frankfurter Verl.-Anst., 1994

 

Spierling, Volker: Kleines Schopenhauer Lexikon, Stuttgart: Reclam, 2010

7.3. Weiterführende Lektüre

Cartwright, David E.: Historical dictionary of Schopenhauer’s philosophy, Lanham, Maryland [u.a.]: Scarecrow Press, Inc., 2005

 

Englischsprachiges Schopenhauer Lexikon, das alle wesentlichen Punkte um Schopenhauers Philosophie zumindest ansatzweise abdeckt.

 

Spierling, Volker: Arthur Schopenhauer. Philosophie als Kunst und Erkenntnis, Frankfurt am Main: Frankfurter Verl.-Anst., 1994

 

Eine gute Monographie zur Philosophie Schopenhauers.

 

Spierling, Volker: Kleines Schopenhauer Lexikon, Stuttgart: Reclam, 2010

 

Deutschsprachiges Schopenhauer Lexikon, das sich auch sehr gut als Einführung in Schopenhauers Philosophie lesen lässt.

 

Vandenabeele, Bart: A Companion to Schopenhauer (Blackwell Companions to Philosophy), Online Ausgabe, John Wiley & Sons, 2012

 

Ein Sammelband mit 26 Essays zu allen möglichen Themen rund um Schopenhauer, unter anderen über seine Beziehung zur indischen Philosophie.

7.2. Links

http://plato.stanford.edu/entries/schopenhauer/ Englischsprachiger Beitrag zu Schopenhauer in Stanford Encyclopedia of Philosophy.

 

http://www.schopenhauers-kosmos.de Schopenhauerlexikon mit originalen Zitaten von Schopenhauer zu einzelnen Begriffen.

 

http://www.schopenhauer.philosophie.uni-mainz.de/indexe.html Internetauftritt des Schopenhauer Research Centre in Mainz mit Links zu einigen Werken von Schopenhauer.

 

http://schopenhauer.de/ Internetauftritt der Schopenhauer-Gesellschaft mit weiterführenden Informationen zur Schopenhauerforschung in Deutschland.

 

https://www.youtube.com/watch?v=n9k4hqYMpXI&list=PL0047651B8F0A0DF2

 

https://www.youtube.com/channel/UCt4EMbT6U53314MvMRUpFnw/search?query=schopenhauer Hörbücher und kurze Einführungsvideos zur Philosophie Schopenhauers.

Gastbeitrag von: Roman Elenbogen (Creative Commons)

Weitere Darstellungen der Willensfreiheit bei Arthur Schopenhauer:

Arthur Willensfreiheit 1.docx
Microsoft Word Dokument 21.4 KB
Arthur Willensfreiheit 2.docx
Microsoft Word Dokument 22.2 KB

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