„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Gott von Herzen suchen

Oft gehört: „Du bist Atheist? Dann hast Du noch nicht genug nach Gott gesucht. Sonst hättest Du ihn gefunden. Gott verspricht: "So ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen." (Jeremia 29:13).“

Das ist nicht einmal falsch - lässt sich aber genauso gut über jeden anderen, fiktiven Akteur sagen. Du glaubst nicht an Krishna? Dann hast Du noch nicht genug nach ihm gesucht. Wer Krishna wirklich offenen Herzens sucht, der wird ihn auch irgendwann finden: mit den bewährten Methoden der Autosuggestion, Wahnwahrnehmung und Bestätigungsfehler. Man frage die Hinduisten Südindiens! Krishnas Wirken ist doch nun wirklich unübersehbar! Glauben denn die Skeptiker, die Welt habe sich allein geschaffen? Glauben sie, die glückliche Ankunft meiner Mutter aus dem gefahrenvollen Kriegsgebiet wäre ohne Krishnas Güte und lenkende Hand möglich gewesen? Glauben sie ernsthaft, mein Nachbar hätte seine Drogensucht überwunden ohne Krishnas stärkende Hilfe, um die er täglich gebetet hat?

Wer nur intensiv genug sucht - womöglich durch tiefe emotionale Bedürftigkeit angetrieben - der mag sich irgendwann einreden, ein guter Schutzgeist wache über ihn. Und wer nicht an diesen Schutzgeist glaubt? Der hat noch nicht verzweifelt genug nach ihm gesucht.

Sind die Augen des "Glaubens" erst einmal geöffnet, findet sich überall Bestätigung.

"Jesus wacht über mich!" Heute Morgen habe ich eine Tüte Cornflakes umgestoßen - zwei Flocken sind zufällig genau in meine Müslischale gefallen. Wirklich zufällig? Zwei! Das Doppelgebot der Liebe! Jesus offenbart seine Gegenwart durch Gesten, die man nur mit offenem Herzen erkennen kann!

Oder waren es drei Cornflakes, die unzufällig, tiefsinnig, theologisch bedeutungsvoll in meine Müslischale gefallen sind? Drei! Glaube, Hoffnung, Liebe! Die Dreifaltigkeit! Jesus offenbart seine Gegenwart durch Gesten, die man nur mit offenem Herzen erkennen kann!

Oder waren es vier? Die Evangelien! Das Zeugnis seines irdischen Wirkens! Jesus offenbart seine Gegenwart durch Gesten, die man nur mit offenem Herzen erkennen kann!

Gibt es überhaupt eine zufällige Begebenheit, der sich nicht nachträglich und mutwillig eine tiefe, theologische Bedeutung überstülpen lässt? "So ihr mich von ganzem Herzen suchet, so will ich mich finden lassen." Das gilt aber dummerweise für jeden unsichtbaren Akteur, den Menschen sich ausdenken und verzweifelt wahrhaben wollen. Mit ausreichend starker Autosuggestion wird er sich finden lassen.

Wie kann der Gläubige erkennen, ob er noch ehrlich nach einem möglichen Gott sucht oder ob er sein Herz schon so weit geöffnet hat, dass er mittels Autosuggestion, Wahnwahrnehmung und Bestätigungsfehler überall Gespenster sieht?

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