„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Das Argument der kausalen Ausschließung

Der Philosoph Jaegwon Kim hat sich intensiv mit dem Problem der mentalen Verursachung befasst. Er vertritt dabei die Auffassung, dass neben dem Dualismus auch der nichtreduktive Materialismus dieses Problem nicht lösen kann und plädiert deshalb für eine reduktionistische Theorie des Geistes.

Seine Haltung untermauert er mit einer Reihe von Argumenten. Das bekannteste ist dabei das Argument der kausalen Ausschließung: Nehmen wir an, Max geht ins Kino um sich einen Horrorfilm anzuschauen. Er bekommt entsetzliche Angst und schreit auf. Nehmen wir an nun an, Max mentaler Zustand der Angst wird durch ein Token des Gehirnzustands G realisiert:

Angst wird durch den Gehirnzustand G realisiert.
Angst wird durch den Gehirnzustand G realisiert.

Weiterhin ist Max Gehirnzustand G vermutlich die Ursache für seinen Aufschrei:

Angst wird durch den Gehirnzustand G realisiert, und der Gehirnzustand G ist die Ursache des Schreiens.
Angst wird durch den Gehirnzustand G realisiert, und der Gehirnzustand G ist die Ursache des Schreiens.

Nun sehen wir uns mit einem ernsten Problem konfrontiert. Dass Max aufschreit, wird nach dieser Grafik dadurch bewirkt, dass er sich im Zustand G befindet. Max‘ mentaler Angstzustand trägt nicht dazu bei. Das ist allerdings alles andere als einleuchtend, denn Max ist sicher der Überzeugung deshalb geschrien zu haben, weil er Angst hatte. Außerdem unterstellen wir mentale Zustände wie Angst, um Verhalten zu erklären. Wir schreiben Max Angst und diesem Gefühl eine kausale Rolle zu, da wir so eine gute Erklärung dafür haben, wieso er aufgeschrien hat. Doch wenn es nicht Max‘ Angst war, die ihn aufschreien ließ, dann haben wir offensichtlich auch keinen Grund mehr anzunehmen, er habe dabei Angst empfunden. Wenn mentale Zustände keine kausale Arbeit verrichten, sind sie Epiphänomene, und es ist schwer begreiflich, weshalb die Evolution etwas so komplexes wie das Bewusstsein hervorgebracht hat, wenn es doch buchstäblich keine Auswirkungen auf die Welt besitzt.

Das ist das Problem der kausalen Ausschließung: Sobald wir es zulassen, dass mentale Zustände von physischen Zuständen realisiert werden, scheint es nichts mehr zu geben, was die mentalen Zustände leisten könnten und sie werden von der Kausalgeschichte "ausgeschlossen". Das heißt in Folge auch, dass die Existenz von mentalen Zuständen nicht falsifizierbar und ihre Annahme damit nicht wissenschaftlich wäre.

Eine Möglichkeit, auf das Problem der kausalen Ausschließung zu reagieren, besteht darin, dass man eine Doppelwirkung unterstellt. Wenn es Max Angst und sein Gehirnzustand G waren, die ihn zum Schreien veranlasst haben, dann ist die Welt des Mentalen nicht mehr kausal ausgeschlossen:

Ein Fall von Überdetermination: Das Schreien wird sowohl von der Angst als auch vom Gehirnzustand G verursacht.
Ein Fall von Überdetermination: Das Schreien wird sowohl von der Angst als auch vom Gehirnzustand G verursacht.

Damit ist das Phänomen "Schreien" überdeterminiert, d.h. es besitzt mehrere, gleichzeitig auftretende Ursachen. Ein solches Szenario ist in der Realität sehr unwahrscheinlich. Stellen wir uns vor, Marianne erzählte Max einen Witz, und zur gleichen Zeit sieht Max, wie Moritz auf einer Bananenschale ausrutscht. Beide Ereignisse sind Ursachen dafür, dass Max lacht. Außerdem sind die beiden Ereignisse im folgenden Sinn unabhängig voneinander: Hätte Max nur den Witz von Marianne gehört, hätte er gelacht; und hätte er nur gesehen, wie Moritz ausrutscht, hätte er ebenfalls gelacht. In diesem Fall ist Max‘ Lachen überdeterminiert, denn das Lachen wird sowohl vom Witz als auch vom Ausrutschen unabhängig voneinander verursacht.

Doch wie wahrscheinlich ist eine Überdetermination? Es ist vielleicht in ein von einhunderttausend Fällen so, dass jemand einen Witz erzählt und dass jemand ausrutscht und beides eine Person zeitgleich zum Lachen bringt. Es mag auch ab und an geschehen sein, dass eine Kerze umgefallen ist und ein Blitz in ein Haus eingeschlagen hat, und beides hat denselben Hausbrand verursacht. Solche Fälle kommen real vor, sind jedoch extrem unwahrscheinlich. Vor allem sind es Einzelfälle, eine ständige Überdetermination all meiner Verhaltenszustände durch neuronale und zeitgleich durch mentale Zustände ist so unplausibel, dass dieses Szenario verworfen werden kann. Doppelwirkungen sind keine befriedigende Reaktion auf das Problem der kausalen Ausschließung.

Man könnte auch auf der kausalen Wirksamkeit von Max‘ Angst bestehen und gleichzeitig die kausale Wirksamkeit des Zustands G bestreiten. Aber dieser Vorschlag, den man die kausale Ausschließung des Gehirnzustands G nennen könnte, ist ebenfalls unattraktiv. Denn er berücksichtigt zwar die alltägliche Vorstellung, Max schreie deshalb, weil er Angst habe, aber er bestreite die empirisch überaus einleuchtende These, ein Zustand von Max Gehirn sei kausal für sein Schreien verantwortlich.

Angst ist die Ursache des Schreiens, Gehirnzustand G dagegen nicht.
Angst ist die Ursache des Schreiens, Gehirnzustand G dagegen nicht.

Kims eigene Antwort auf dieses Problem ist eindeutig: Der nichtreduktive Materialismus ist falsch. Mentale Verursachungen lassen sich nur erklären, wenn man davon ausgeht, dass mentale Zustände auf Gehirnzustände zurückgeführt werden können. Damit stößt er aber auch auf die altbekannten Probleme reduktiver Bewusstseinstheorien: Wie lässt sich die subjektiv erfahrbare Röte einer Rose oder die Bezogenheit eines Gedankens auf einen Sachverhalt auf bloße Gehirnmaterie reduzieren? Müsste das Gehirn dafür nicht selbst qualitiativ und intentional sein? Das erscheint höchst unplausibel. In einer Grafik verpackt sieht Kims Vorschlag so aus:

Andere favorisieren derzeit eine materialistische Form des Epiphänomenalismus, also den Erklärungsansatz aus Abbildung 2. Es ist unbegreiflich, weshalb aus dem Umstand, dass wir das Gefühl haben unsere mentalen Zustände seien kausal wirksam, geschlossen werden sollte, dass dem tatsächlich so ist. Wir haben aus der Erste-Person-Perspektive auch das Gefühl, dass sich die ganze Welt um das eigene Ich dreht, trotzdem wird kein Intellektueller ernsthaft diese These in Erwägung ziehen. Die modernen Naturwissenschaften (insbesondere: experimentelle Psychologie, Neurowissenschaften) arbeiten fabelhaft mit der Annahme, dass die unseren mentalen Zuständen zugrunde liegenden Gehirnaktivitäten die eigentlichen Verursacher unsere Handlungen sind und haben kein Platz für zusätzliche Entitäten, die kausal mitwirken könnten.

Ob der Materialismus nun reduktiv oder nicht-reduktiv formuliert wird, ist für das lebensalltäglich relevante Problem der Willensfreiheit irrelevant. Ob mentale Zustände nun letztendlich neuronale Zustände sind oder nicht, in keinem Fall lässt sich das Postulat des freien Willens im Rahmen einer materialistischen Weltdeutung aufrechterhalten. Wenn mentale Zustände nicht-reduzierbar sind und Überdeterminationen nicht in Frage kommen, so spielen sie keine kausale Rolle für die Außenwelt. Und wenn mentale Zustände auf Gehirnzustände zurückgeführt werden können, dann unterliegen sie denselben physikalischen Gesetzmäßigkeiten wie unser Gehirn (siehe auch: neuronaler Determinismus).

Interessant ist an dieser Stelle auch Folgendes: Sofern die Identitätstheorie Recht hat, stellt sich das Problem der kausalen Ausschließung erst gar nicht. Nehmen wir etwa an, Angst sei (type-)identisch mit dem Gehirnzustand G. Da es sich um ein und denselben Zustand handelt, besteht auch nicht mehr die Gefahr einer Überdeterminiertheit. Doch sobald wir einräumen, dass die Angst verschiedenartig realisiert ist, steht uns keine derart befriedigende Lösung mehr zu Gebote, zumindest wenn die mentale Verursachung beibehalten werden soll. Da die meisten Physikalisten heute aber die These gelten lassen, dass mentale Zustände verschiedenartig realisiert sind, werden sie auch mit dem Problem der kausalen Ausschließung konfrontiert.

Wenn zwischen der Angst und dem Gehirnzustand G eine Beziehung der Type-Identität bestünde, wäre die Überdeterminiertheit kein Problem mehr.
Wenn zwischen der Angst und dem Gehirnzustand G eine Beziehung der Type-Identität bestünde, wäre die Überdeterminiertheit kein Problem mehr.

Eine Theorie der mentalen Verursachung müsste irgendwie die kausale Signifikanz der mentalen wie der sie realisierenden physischen Zustände bewahren, ohne der Überdeterminiertheit zum Opfer zu fallen. Kann dieses Kunststück gelingen?

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Kommentare: 1
  • #1

    WissensWert (Samstag, 23 September 2017 03:08)

    Ein Lösungsansatz für das Problem der kausalen Ausschließung weist darauf hin, dass es in der realen Welt viele Eigenschaften gibt, die verschiedenartig realisiert sind, weshalb nicht auch mentale Zustände? Die Eigenschaft, ein Herd zu sein, wird zum Beispiel - ebenso wie die Eigenschaft, ein Thermostat zu sein - von einer Vielzahl physischer Zustände realisiert.

    Der Umstand, dass es so viele Eigenschaften gibt, die verschiedenartig realisiert sind, bedeutet letzten Endes, dass das Problem der mentalen Verursachung um sich zu greifen droht. Ein Beispiel: Das Wort "Analgetikum" wird benutzt, um auf schmerzstillende Arzneimittel Bezug zu nehmen. Es gibt viele ganz verschiedenartige Analgetika, unter anderem Aspirin, Paracetomol, Morphin usw. Diese Substanzen unterscheiden sich im Hinblick auf ihre chemischen Eigenschaften sowie hinsichtlich der Art und Weise, in der sie das Nervensystem beeinflussen. Mit anderen Worten: Die Eigenschaft, ein Analgetikum zu sein, wird verschiedenartig realisiert. Stellen wir uns nun vor, Max hat von dem Horrorfilm und seinem eigenen Rumgeschreie Kopfschmerzen bekommen und fasst den Entschluss, ein Analgetikum zu nehmen. Zwanzig Minuten später sind seine Kopfschmerzen verschwunden. Tatsächlich hat er zwei Aspirin genommen, und Aspirin bewirkt bestimmte schmerzstillende Veränderungen im Gehirn. Somit erhalten wir ein vertrautes Bild. Wie an diesem Beispiel offensichtlich wird, wird die ganze kausale Arbeit vom Aspirin geleistet, während die Eigenschaft, ein Analgetikum zu sein, kausal unwirksam bleibt.

    Diese Überlegungen bringen aber nicht nur die mentale Verursachung in Bedrängnis, sie zeigt auch, dass jede verschiedenartig realisierte Eigenschaft kausal unwirksam ist. Doch das ist absurd. Unsere Erklärungspraktiken sind grundlegend dadurch geprägt, dass wir verschiedenartig realisierten Zuständen und Eigenschaften Kausalkräfte zuschreiben. Anstatt diese Praktiken preiszugeben, sollten wir aufhören, uns über die dadurch aufgeworfenen Probleme den Kopf zu zerbrechen. Dies ist das erste Argument gegen Kims Problem der kausalen Ausschließung.
    Analgeticum ===> Aspirin ---> Schmerzstillung
    [Die Eigenschaft, ein Analgetikum zu sein, wird durch die Eigenschaft, ein Aspirin zu sein, realisiert. Die Eigneschaft, ein Aspirin zu sein, ist die Ursache der Schmerzstillung.]

    Es ist prima facie unplausibel anzunehmen, dass Analgetika nichts mit Stillung des Schmerzes zu tun haben, dass zwischen Herden und Überkochen von Töpfen kein Zusammenhang besteht und dass Thermostate nichts mit dem Abstellen von Heizkesseln zu tun haben. Genauso wenig intuitiv wäre es, wenn mein Wunsch, einen Kaffee zu trinken, nichts damit zu tun hätte, dass ich in die Küche gehe. Auf diese Analogie stützt sich dieses Argument. Weil es viele Eigenschaften gibt, die verschiedenartig realisiert werden, solle man nicht voreilig kausale Erklärungen, die durch Bezugnahme auf verschiedenartig realisierte Eigenschaften formuliert sind, aufzugeben.

    Ich persönlich halte dieses Argument für ziemlich schwach.


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