„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Pakt der Moderne

Für den Universalhistoriker Yuval Noah Harari lässt sich die Moderne in nur einem Satz zusammenfassen: Wir Menschen verzichten auf Sinn, und erhalten im Gegenzug Macht. Schon Max Weber postulierte, dass der Preis, den wir für den Fortschritt von Rationalität und Wissenschaft zu zahlen haben, in der Entzauberung der Welt liegt. Wo früher Bestimmung und Religion waren, sind nun Freiheit und aufgeklärter Skeptizismus. Wo Bedeutsamkeiten waren, sind nun Fakten. War die Welt ehemals ein Geheimnis, ist sie nun effektiv genutztes Rohmaterial für den technischen Fortschritt. Modernität sei in ihrem Kern eine Leistung des Verzichts. Ihre rationalen Erfolge verdanken sich einer Askese. Wer modernistisch Erfolg haben will, so scheint es, muss auf Sinnerfüllungen verzichten.

Doch nicht jeder ist bereit, diesen Pakt einzugehen. Wo die moderne Identität sich zu banalisieren droht, kehrt der Wunsch nach einer ideologischen Beheimatung zurück. Der IS und Nordkorea sind Ausdruck dessen. Aber auch der Ökologismus, das entstandene Bedürfnis einer emphatischeren Naturverbundenheit im Kontext der modernen Zerstörung der Natur und Gefährdung unserer eigenen Lebensgrundlage. Der anhaltende Modernisierungs-, und Aufklärungsschub verläuft nicht frei von Spannungen. Wo das isolierte Individuum seine Zusammenhangslosigkeit erfährt, erstarken gruppenbildende Traditionalismen.

Der Philosoph Charles Taylor ist dieser Bruchlinie zwischen alter und neuer Welt in "Das Unbehagen an der Moderne" ganz genau nachgegangen. In diesem Werk sieht Taylor den Menschen als ein in seiner Geschichte sich selbst interpretierendes Tier. Durch die Verschränkung zwischen Interpretation und Interpretierendem kommt es zu einem Selbstverständnis des Menschen, das Taylor in seiner geschichtlichen Entwicklung untersucht.  Dabei ist er immer Philosoph geblieben und nie ein bloßer Chronist der sich ablösenden Selbstverständnisse des Menschen. Vielmehr richtet er seinen Blick auf die Entstehungsverhältnisse der modernen Identität, um diese von Verkrustungen, Verengungen und Fehldeutungen zu befreien. Der Mensch ist mehr als die Summe der Interpretationen, die über ihn im Umlauf sind. Geschichtswissenschaftlich als emanzipatorisches Mittel gegen dominant gewordenen Deutungsgewohnheiten – hier schließt sich der Kreis zu Harari.

Eine Sache noch: Das wissenschaftliche Weltbild ist gewissermaßen sinnentleert, jedoch deutlich faszinierender als das theistische. Es beinhaltet eine unglaubliche Entwicklungsgeschichte der biologischen Arten und Multiversen. Da können eine statische Schöpfung und Geschichten um einen Wanderprediger im Mittleren Osten nicht mithalten.

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