„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Mentale Verursachung: Eine Begriffsanalyse

Das Bieri-Trilemma umfasst drei intuitive Thesen, von denen höchstens zwei wahr sein können. Einer dieser Thesen ist die These der mentalen Wirksamkeit. Sie besagt, dass mentale Phänomene wie etwas Entscheidungen physikalische Phänomene verursachen können. Wenn ich beispielsweise die Entscheidung fälle, ein Glas Wasser zu trinken, so sei es dieser mentale Prozess, der mein Körper in Gang setzt und mich ein Glas Wasser trinken lässt. Diese These, die in der Philosophie des Geistes auch unter dem Begriff mentale Verursachung diskutiert wird, hat viele Kritiker.

Jaegwon Kim weist beispielsweise darauf hin, dass aus naturwissenschaftlicher Sicht neuronale Zustände die eigentlichen Verursacher unserer Handlungen sind. Und es ist nicht sinnvoll anzunehmen, dass mein Trinken sowohl von meinen Gehirnprozessen, als auch unabhängig davon von meinem mentalen Zustand verursacht wird. Kim löst dieses Problem der kausalen Ausschließung, indem er mentale Zustände für auf neuronale Zustände reduzierbar erklärt. Auf diese Weise können mentale Zustände auf die physikalische Welt einwirken, ohne dass die Annahmen der Neurowissenschaften oder die physikalische Energieerhaltungssätze verletzt werden.

Wenn M auf G zurückgeführt werden kann, so kann M das Trinken kausal mitverursachen.
Wenn M auf G zurückgeführt werden kann, so kann M das Trinken kausal mitverursachen.

Aber wäre damit wirklich die Art von Ursache erklärt, die wir meinen, wenn wir davon reden, dass meine mentale Entscheidung ein Glas Wasser zu trinken eine meiner physischen Handlungen verursacht hat? Aristoteles, der Meister der antiken Begriffsanalyse, fasste den Ursachenbegriff noch ganz anders, viel weiter als die neuzeitliche Naturwissenschaft. In seiner berühmten Vier-Ursachen-Lehre unterschied er zwischen:

(i) Die Stoffursache oder causa materialis,

(ii) die Formursache oder causa formalis,

(iii) die Wirkursache oder causa efficiens,

          (iv) die Zweckursache oder causa finalis.

Bei menschlichen Handlungen kommen oft alle vier Ursachentypen zusammen. Am besten lässt sich dies für technische und künstlerische Handlungen deutlich machen, etwa für den Bau eines Hauses oder die Herstellung einer Statue. Beim Hausbau sind Steine, Mörtel, Holz usw., also das Material oder Stoff, aus dem das Haus gebaut wird, die Stoffursache. Der Plan des Architekten legt die Form fest, in die dieser Stoff gebracht werden soll, sprich die Anzahl und Größe der Räume, Geschosse, Fenster, Türen und Treppen usw., er ist die Formursache. Bewirkt wird der Hausbau durch den Bauleiter und die Bauarbeiter, die den Baustoff gemäß dem Bauplan bearbeitet, bei ihnen handelt es sich um die Wirkursache. Der Zweck der ganzen Sache, dass am Ende jemand in diesem Haus wohnen kann, ist sogleich auch seine Zweckursache. Bei der Statue bearbeitet der Bildhauer den Marmorblock (Stoff) mit dem Meißel (Wirkung), um eine Gestalt (Form) herauszuarbeiten, die seine künstlerische Idee (den Zweck) ausdrückt.

Aristoteles´ Vier-Ursachen-Lehre ist offensichtlich primär am menschlichen Handeln orientiert: an dem, was wir durch Technik (techne) zustande bringen, nicht an dem, was in der Natur (physis) von selbst geschieht. Aristoteles schließt zwei Arten nicht-physischer (oder nicht-stofflicher) Ursachen in seine Liste mit ein, die Form- und die Zweckursache. Die Zweckursache ist dabei allen anderen Ursachen übergeordnet, weil sie dem menschlichen Handeln erst sein Ziel und seine Richtung gibt. Mit dieser Begriffsanalyse begründete Aristoteles nicht nur die philosophische Begriffserklärung, die heute noch in der sprachanalytischen Philosophie geschätzt und diskutiert wird, sondern auch ein besonderes Weltbild, dem der Skandal um Galileis Dialog zweitausend Jahre später den Dolchstoß gab.

Aristoteles dachte teleologisch oder final, wenn es nach ihm geht, sind auch alle Naturvorgänge, selbst die Bewegungen mechanischer Körper, auf ein Ziel (telos, finis) ausgerichtet. In seiner Physik lehrt er uns, alle Körper würden nach ihrem natürlichen Ort streben und dort schließlich zu Ruhe kommen – auf diese Weise erklärte er selbst den freien Fall nach dem Muster unserer Handlungen, die zweifelsohne gewissen Zweckursachen unterliegen. Aristoteles Teleologie prägte die Geistesgeschichte lange Zeit, bis Galilei ihr endgültig den Garaus machte. Seit Newton erklärt die Physik den freien Fall durch das Gravitationsgesetzt, wobei nun die Schwerkraft als (Wirk-)Ursache gilt. Dabei ist die aristotelische Vier-Ursachen-Lehre durch kausales Denken im modernen Sinn ersetzt. Physik, Chemie und Biologie tilgten die teleologischen Erklärungen aus dem Katalog der erlaubten Antworten auf naturwissenschaftliche Fragen - bis in die Evolutionsbiologie hinein.

Heute geht keine moderne Naturwissenschaft mehr von der Annahme aus, dass die von ihr beobachteten Objekte Zwecken genügen oder Ziele verfolgen würden.  Dennoch begegnen uns die vier Aristotelischen Ursachen weiterhin auf Schritt und Tritt. Nur sprechen wir meistens eher von Gründen, denn das moderne Verständnis von Ursachen beschränkt sich auf das, was Aristoteles als Wirkursachen bezeichnet hat. Gewöhnliche Warum-Fragen zielen meistens auf Gründe bzw. aristotelische "Ursachen" ab:

(i) stoffliche Gründe (Materialeigenschaften): Warum brennt das Fleisch nicht an? Weil die Pfanne mit Teflon beschichtet ist.

(ii) formale Gründe (Gestalteigenschaften): Warum rollt eine Kugel so gut? Wegen ihrer Symmetrieeigenschaften.
(iii) kausale Gründe (Ursachen): Warum wird das Teewasser heiß? Weil die Herdplatte eingeschaltet ist;

(iv) finale Gründe (Ziele, Zwecke, Absichten): Warum schreibe ich diesen Buch? Um Lesern eine Freude zu bereiten und bestenfalls einen bescheidenen Beitrag zur Debatte um Geist und Gehirn zu leisten.

Hier fällt auf, dass sich die ersten drei Typen von Warum-Fragen und ihre Antworten in naturwissenschaftliche Erklärungen einbetten lassen, der vierte Typ jedoch nicht. Warum-Fragen, die auf die Angabe von Zwecken, Absichten und Motiven zielen, fragen danach, ´wozu´ etwas gut ist oder gemacht wird, d.h. sie zielen auf teleologische Erklärungen ab. Diese wurden von den Naturwissenschaften aber seit Galilei aufgegeben.

Zurück zum Anfang. Auf was für eine Art von Aristotelischer Ursache bzw. Grund referiert die aus unserer Intuition gespeiste These der mentalen Verursachung, die besagt, dass mentale Zustände kausal wirksam sind? Offensichtlich beziehen wir uns dabei nicht nur auf Ursachen im naturwissenschaftlichen Sinne (iii), sondern im Sinne von (i)-(iv), insbesondere aber im Sinne von (iv).

Nehmen wir ein Beispiel. Sie haben die Absicht, einen bestimmten Film zu sehen, und verlassen aus diesem Grund Ihr Haus in Richtung Kino. Wenn wir mentale Zustände auf neuronale reduzieren und diesen – im Rahmen der neurowissenschaftlichen Deutung – mentale Wirksamkeit zusprechen, darf ich dies so ausdrücken, dass ich sage: Ihr mentaler Wunsch, den Film zu sehen, bewirkt, dass Sie Ihre Beine physisch in Bewegung setzen und aus dem Haus gehen. Das Wort "bewirkt" ist hier streng deterministisch zu sehen, es ist die hinreichende und ziellose Ursache für eine unabwendbare Wirkung. Ihre Absichten bewirken ihre Handlungen, wie Newtons Schwerkraft bewirkt, dass ein Apfel aus der Höhe zu Boden fällt. Würden Sie sich verstanden fühlen, wenn ich den Zusammenhang zwischen Ihrer Absicht und Ihren zielstrebigen Beinbewegungen analog zu einem solchen physikalischen Vorgang ausdrücke? Etwa so: „Die Neurone in Ihrem Gehirn feuern und bewirken damit, dass sich Ihre Beine in Richtung Kino bewegen.“ Diese naturwissenschaftliche Erklärung entspricht nicht unserem Alltagsverständnis und dem, was wir eigentlich unter mentaler Wirksamkeit verstehen. Insbesondere fehlt Ihr Ziel (iv), den Film zu sehen – also Ihr eigentlicher Grund dafür, das Haus zu verlassen.

Gründe schließen teleologische Aspekte wie Zweckursachen mit ein. Wenn ich die mentale Absicht habe ins Kino zu gehen, dann denke ich, dass dieses Ziel der Grund für meine darauffolgende Handlungen ist. Die Neurobiologen schließen Zweckursachen, die unser Verständnis von Handlungen bestimmen, aber aus und verstehen mentale Verursachung wenn dann nur noch im Sinne von Wirkursachen (iii). Jeder Neurobiologe wird nach den kausalen „Mechanismen“ fragen, nach denen ein mentaler Akt einen physischen Akt hervorrufen kann. Doch das ist es gar nicht, was wir meinen, wenn wir in der Alltagssprache davon reden, dass eine mentale Absicht der Grund für eine physische Handlung war.

Was hieße es denn, wenn eines Tages mentale Zustände tatsächlich vollständig auf neuronale Zustände zurückgeführt und so kausal wirksam gemacht werden könnten? Spräche das dann für oder gegen die menschliche Willensfreiheit? Es spräche gegen sie, denn es würde zeigen, dass unsere Entscheidungen auf neuronale Zustände und somit auf kausalen und eben nicht auf finalen Gründen beruhen.

Die mentale Verursachung – im alltäglichen Sinne – ist nicht zu retten. Der Substanzdualismus kann sie nicht erklären, nichtreduktive Physikalismen können es nicht, und reduktive Physikalismen können es - wenn man der vorangegangenen Argumentationslinie folgt - ebenso wenig.

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Kommentare: 4
  • #4

    WissensWert (Samstag, 30 September 2017 21:08)

    @sherfolder

    Ich stimme dir zu. Das war von mir unsauber formuliert.

  • #3

    sherfolder (Samstag, 30 September 2017 15:42)

    "Sinneseindrücke führen wir nicht aktiv herbei, sondern wir erleben sie passiv als mentale Ereignisse. "

    Nein, das ist grundlegend falsch. Sinneseindrücke werden gerade nicht passiv erlebt, sondern durch das Gehirn aktiv (!) herbeigeführt. Alles, was wir wahrnehmen, ist ein Konstrukt des Gehirns. Niemand nimmt "die Realität" als solche wahr, diese wird immer erst durch das Gehirn rekonstruiert.
    Bei allen Wahrnehmungsvorgängen, beim Sehen, Schmecken Fühlen, Riechen oder Hören, werden eintreffende Reize durch die Sinneszellen registriert und in Signale übersetzt.
    Danach werden diese Signale vom Gehirn interpretiert, berechnet, und erst das Ergebnis dieser Berechnungen ist dann dasjenige, was wir als "Sinneseindruck" wahrnehmen..

    Alles, was wir wahrnehmen, ist also immer schon Interpretation; deswegen sind die in Diskussionen häufig auftauchenden Vorwürfe, der andere hätte eine verzerrte Wahrnehmung von irgendetwas, wenn man es genau nimmt, ein Qxymoron; denn es gibt die reine/richtige Wahrnehmung nicht; diese ist auf eine Art und Weise immer verzerrt.

  • #2

    WissensWert (Samstag, 23 September 2017 23:55)

    Wir erleben tagtäglich, dass, wenn wir eine mentale Willensentscheidung fassen, diese von unserem außerweltlichen Körper auch in die Tat umgesetzt wird. Wenn ich mich beispielsweise dazu entschließe, ein Glas Wasser zu trinken, und wenn dies im Rahmen des physisch Möglichen ist, dann wird dies auch realiter geschehen. Auf eine mentale Absicht folgt also i.d.R. eine konkrete Handlung, oder zumindest der Versuch dazu. Dass unsere mentalen Zustände und Prozesse auf diese Weise in der physischen Welt kausal wirksam sind, ist ein ebenso elementarer Sachverhalt unseres Allagsverständnisses wie die radikale Verschiedenheit von mentaler Innenwelt und physischer Außenwelt.

    Die komplementäre Erfahrung, dass physische Phänomene auf unsere mentalen Zustände einwirken, machen wir ebenfalls auf Schritt und Tritt; jeden Sinneseindruck erleben wir als eine mentale Wirkung physischer Ursachen. Sinneseindrücke führen wir nicht aktiv herbei, sondern wir erleben sie passiv als mentale Ereignisse. Wenn ich etwas denke, fühle, intendiere oder empfinde ist das meist die Reaktion auf einen physikalischen Input bzw. ein physikalisches Phänomen.

    Wir erleben die Grenze zwischen der Innen- und der Außenwelt als von beiden Seiten hin kausal durchlässig. Wenn ich meinen Blick fokussiere, erlebe ich eine Wirksamkeit mentaler Absichten auf mein physisches Sehorgan. Und wenn ich anschließend den Gegenstand vor mir dann schärfer sehe, so erlebe ich umgekehrt die kausale Wirkung des physischen Gegenstandes auf meinen mentalen Erlebnisraum.

    Warum hebt die Philosophie des Geistes mit (2) vor allem die eine Richtung dieser Wechselwirkung hervor? Warum streitet kaum jemand über die Wirksamkeit physikalischer auf mentale Phänomene? Dies ist tatsächlich seltsam, denn nach dem heutigen Stand der Neurowissenschaft sind beide Wirkrichtungen äußerst rätselhaft. Wir wissen weder, wie wir es schaffen, durch unsere Absichten unsere Neurone feuern zu lassen - falls wir dies schaffen, d.h. falls (2) wahr ist. Noch wissen wir, wie unsere Neuronen es schaffen, in unserem Bewusstsein Sinnesqualitäten wie "rot" oder intentionale Zustände wie "den Wunsch nach einem Glas Wasser" zu erzeugen.

    Der entscheidende Unterschied ist der, dass die Fortschritte der Neurowissenschaften die Wirksamkeit in die eine Richtung nahelegen, während sie den umgekehrten Fall ausschließen und stattdessen lieber mit These (3) operieren. Auch wenn eine Klärung des wie noch aussteht, so ist man sich doch einig dass Neuronen unser Bewusstsein festlegen können. Ob umgekehrt aber auch unser Bewusstsein Auswirkungen auf die physikalische Welt haben kann, ob (2) wahr ist oder nicht, ist gerade umstritten. Falls unsere Absichten nicht gemäß der Reduktions-These (1R) durch physische Phänomene verursacht werden, sondern irreduzibel sind, besagt die These der mentalen Wirksamkeit ja, dass es einen freien Willen gibt; und dies bestreiten Hirnforscher wie Gerhard Roth und Wolf Singer gerade.

    (2) ist eine vorwissenschaftliche These. Sie lässt völlig offen, um welche Art der Verursachung es sich handelt, wenn wir unsere Absichten in die Tat umsetzen. Genauso unklar ist, was es umgekehrt heißen könnte, dass feuernde Neurone Sinnesqualitäten in unserem Bewusstsein bewirken. An dieser Stelle drängt es sich die Aufgabe auf, sich einmal eingehender mit den Konzepten von Wirkungen und Ursachen auseinanderzusetzen. Was bedeutet es, wenn neuronale Zustände mentale Zustände verursachen sollen? Wie ist es zu verstehen, wenn mentale Zustände kausal auf die physikalische Welt wirksam sein soll? Die Antwort: EBEN NICHT IM NATURWISSENSCHAFTLICH-KAUSALEM SINNE. Es gibt keine naturwissenschaftliche Erklärung für die Wirklichkeit intentionaler Entscheidungen.

  • #1

    WissensWert (Samstag, 23 September 2017 23:46)

    Die Neurowissenschaft steht nun vor zwei Alternativen: (I) Sie geben (iv) als eigentlichen Grund für unsere Handlungen auf und erklären es für eine subjektive Illusion. (II) Sie versuchen (iv) durch die drei anderen, naturwissenschaftlich respektablen Arten von Gründen zu erklären. Die zweite Option scheint mir jedoch relativ aussichtlos zu sein: Die Wirk- und Stoffursachen (iii) und (i) sind elektro- und biochemisch; sie liegen im Stoffwechsel der Neurone und Synapsen, Botenstoffe, Nervenimpulse und Muskelbewegungen. Die Formursachen (ii) könnten vielleicht in einer physischen Repräsentation Ihrer mentalen Vorstellung des Films und des Wegs vom Haus zum Kino liegen. Mit (i) – (iii) wurde nun aber noch nichts darüber ausgesagt, warum Sie diesen Film (im Alltagsverständnis) eigentlich sehen wollen. Kann die Neurowissenschaft überhaupt etwas über diesen Sachverhalt aussagen, ohne sich in einen reinen auf Reiz-Reaktions-Mechanismus und blanken Behaviorismus zurückziehen?

    Ich glaube nicht, dass unsere alltägliche Vorstellung, Intentionen wären die finalen Gründe für unsere Handlungen, aufrecht erhalten werden kann.


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