„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Christopher Langan (Cognitive-Theoretic Model of the Universe)

Teil 1

Ich weiß nicht mehr genau, wie ich vor einer reichlichen Woche auf Christopher Langan und sein Cognitive-Theoretic Model of the Universe, kurz CTMU, gestoßen bin. Die deutsche Wikipedia kennt seinen Namen nicht, aber in der englischen Version wird man fündig. Seine Biografie ist sehr ungewöhnlich. Er arbeitete lange als Türsteher, schafft beim Bankdrücken im Fitnesscenter 250 Kilogramm und wohnt jetzt auf seiner eigenen Pferderanch. Das wäre noch nichts Besonderes, wenn da nicht sein IQ von rund 200 wäre. Der Psychologe, der ihn seinerzeit begutachtet hat und auf Fälle extremer Intelligenz spezialisiert ist, hat hinterher gesagt, dass ihm in seiner über 25-jährigen Berufslaufbahn noch niemals ein solch intelligenter Mensch begegnet ist. Langan verdingte sich knapp zwanzig Jahre als Bauarbeiter, Cowboy, Feuerwehrmann, Farmarbeiter und Türsteher, ist jetzt mit einer Professorin für klinische Neuropsychologie verheiratet und arbeitet in seiner Freizeit an seiner eigenen Theorie des Universums. In einem Interview mit ihm habe ich gelesen, dass er als Türsteher öfter ein blaues Auge und eine blutige Nase bekam und sich das erst besserte, als er berühmt wurde – nach seiner Teilnahme an einer Fernsehshow, in der er 250.000$ gewann.

Einer der Gründe, warum man ihn hier kaum kennt, dürfte darin liegen, dass der Intelligent Design-Bewegung zugeordnet wird, welche allgemein als verkappte Form des des Kreationismus gilt. Langan ist der Meinung, dass die Evolution teleologisch verläuft, also auf ein Ziel hinsteuert. Langan in Kurzform: „Gott hat das Universum erschaffen, jetzt müssen wir mit ihm zusammenarbeiten, um es zu verbessern.“ Liest man sich einige Aussagen von Langan durch und vergleicht sie mit den Vorwürfen, die den ID-Anhängern z.B. im deutschsprachigen Wikipedia-Artikel gemacht werden, dann erkennt man, dass sie auf ihn nicht zutreffen. Kann man es einem Menschen wie Langan vorwerfen, dass in seinem Kielwasser Leute segeln, die eigene politische, wissenschaftliche und theologische Ziele verfolgen (und die seine Theorien vermutlich niemals begreifen können)? Jedenfalls hat Langan in Interviews stets beteuert, dass er die Evolution für gegeben hält und Respekt vor jeder Form von Religion hat.

Um einen ersten Eindruck von seinen Ideen zu bekommen, muss man seine Arbeiten im Original lesen. Einen ersten Einstieg bietet die Seite Theory of theories. Obwohl das Englisch nicht besonders schwer zu lesen ist, habe ich eine deutsche Übersetzung vorgezogen – die ich leider selbst erstellen musste ;-(Theorie Der Theorien (pdf, 172 KB)). Sie ist nicht ganz vollständig, sprachlich schlecht, und ich übernehme keine Garantie für die Richtigkeit, insbesondere nicht auf den letzten beiden halben Seiten, bei denen ich dann selbst nicht mehr folgen konnte.

Der größte Teil ist der Analyse der Grenzen der Mathematik und der Naturwissenschaften gewidmet. Bekannt waren mir bereits die Konsequenzen für die Mathematik aus Gödels Unvollständigkeitssatz und einige Beschränkungen, denen Naturwissenschaften bei der Untersuchung der Realität unterliegen. Da gibt es Gebiete der Wirklichkeit, die zu erreichen Wissenschaft tatsächlich nicht vermag, weil die selbst gewählten Untersuchungsmethoden es verhindern.

Neue Aspekte waren die Thesen von Duhem-Quine und Löwenheim-Skolem und einige Überlegungen zum Reduktionismus. Und in der Tat ist es so, dass mir das Auftreten und der Anspruch auf Welterklärung durch einige Wissenschaftler schon immer suspekt gewesen sind, aber so klar wie Langan hätte ich mein Unbehagen nicht formulieren können. Was ich nicht beurteilen kann, ist der wissenschaftliche Wert der beiden ausführlich diskutierten Thesen (Duhem-Quine und Löwenheim-Skolem). Die Wikipediaartikel sind da extrem unverständlich und unergiebig. Der Grundlagenartikel zu seiner Theorie ist etwa achtmal so lang wie der hier vorgestellte PDF, 56 Seiten. Diesen habe ich noch nicht gelesen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich es so bald tun sollte. Denn der hier vorgestellte Einführungsartikel endet mit:

Solch eine Theorie und Modell existieren in der Tat. Doch für jetzt, lasst uns zufrieden sein mit dem flüchtigen Anblick des Regenbogens, unter dem uns dieser theoretische Topf mit Gold erwartet.

Da hat Langan wohl die Logik zugunsten der Pathetik verlassen. Der Topf mit Gold, der unter dem Regenbogen steht, kann niemals erreicht werden. Das hätte seine Theorie dann mit Naturwissenschaft und Mathematik gemeinsam – die ewig währende Unvollständigkeit.

Teil 2

Vor dreieinhalb Wochen war ich mir nach dem Studium von Christopher Langans Theorie der Theorien nicht sicher, ob ich sein Hauptwerk, „The Cognitive-Theoretic Model of the Universe“ (CTMU) so bald lesen würde, aber inzwischen habe ich es getan. Ich möchte nicht behaupten, dass ich alles verstanden habe, aber einige der Hauptgedanken werden wohl richtig bei mir angekommen sein.

Ich bin ich mir nicht sicher, ob der Name seiner Theorie optimal ist, ich hätte nicht von einem Modell des Universums, sondern von einer Realitätstheorie gesprochen, so wie er selbst das an einigen Stellen schreibt. Ein Mitglied der Prometheus Society hat sich in einem Diskussionsforum zu Langans Theorie geäußert: „Sie ist ein wenig tautologisch, aber wir alle bewundern die Tiefe seiner Gedanken.“ Tatsächlich verwendet Langan selbst das Wort „tautologisch“ und an einigen Stellen sogar „supertautologisch“. Dazu muss man wissen, dass dieses Wort doppeldeutig ist. Im Alltagsgebrauch hat es eine eher negative Konnotation im Sinne von „überflüssige Wiederholung, Binsenweisheit“. In der Logik hingegen kennzeichnet es den Wahrheitswert einer Aussage.

Anforderungen an eine Realitätstheorie hat in den späten 70er Jahren John Wheeler formuliert, von dem auch das links stehende Bild stammt. Das „U“ steht für das Universum, der schmale Ast für den informationellen Aspekt, das Auge für die bewussten Beobachter innerhalb des Universums, also für den kognitiven Aspekt. „Das Universum beobachtet sich selbst und denkt über sich nach, es muss bewusst sein“, könnte man das Bild interpretieren. Als eine Kurzzusammenfassung der Forderungen Wheelers an eine Realitätstheorie kann man die 5 Fragen ansehen, die man im Wikipediaartikel über John Wheeler findet.

Wheeler hat ziemlich intensiv über solche Fragen nachgedacht, ein interessantes Detail ist zum Beispiel seine Erweiterung des anthropischen Prinzips, die man „teilnehmendes anthropisches Prinzip“ bezeichnen könnte: „Ein Universum, das keine Beobachter enthält (=sich nicht selbst beobachtet), existiert nicht.“ Das ist einerseits eine Konsequenz aus der Quantenphysik und andererseits eine Erweiterung des anthropischen Prinzips „Das Universum, das wir beobachten, muss für die Entwicklung intelligenten Lebens geeignet sein, andernfalls wären wir nicht hier, um es zu beobachten und physikalisch zu beschreiben“, wirft aber mindestens eine ganz neue Frage auf: Wie entsteht eine Welt bei vielen Beobachtungsteilnehmern, wenn doch jeder Beobachter eigene Ziele verfolgt?

Langan löst sich hier von der Physik (Wheelers), er hatte ja schon in „Theorie der Theorien“ festgestellt, dass die Naturwissenschaft (und darunter die Physik) nicht alles erforschen kann, weil die wissenschaftliche Methode dem selbst Grenzen setzt. Alles was nicht experimentell geprüft oder mehrfach beobachtet werden kann, liegt außerhalb der Domäne der Naturwissenschaft. Die Grenzen der Physik sind damit auch leicht auszumachen: Die Beobachtung von Eigenschaften der Materie endet auf der einen Seite am Urknall, auf der anderen Seite in einer fernen Zukunft, wenn die uns bekannten Elementarteilchen zerfallen. Andererseits musste die Realität an der Stelle des Urknalls nicht nur die materiellen Objekte schaffen, sondern auch die Regeln, mit denen diese interagieren, ein Mysterium für die Physik, die die Existenz der Gesetze nur hinnehmen kann.

Die Realität (alles was ist, alles was wir erkennen) umfasst mehr. Die bewussten Beobachter können sich die Frage stellen, was ist außerhalb? Diese Frage kann formuliert werden (=sie ist real), aber sie kann innerhalb einer Wissenschaft über die Materie (=der Physik) nicht beantwortet werden. Die raumzeitlichen Grenzen der Materie existieren für die Realität nicht, Realität war schon immer und wird immer sein und mit ihnen die grundlegenden Formen der Logik, um alles was ist zu beschreiben.

Der Ansatz, den Realitätsbegriff weiter als den der Materie zu fassen, erklärt zum Beispiel auch das Verhältnis der Mathematik zur Naturwissenschaft: Beide sind Bestandteile der Realität, aber beide können nicht voneinander abgeleitet werden, weil sie verschiedene Teilaspekte der Realität sind.

Für mich wichtig ist, dass das Bieri-Trilemma mit diesem Ansatz überwunden werden kann. Das Trilemma:

1.    Mentale Phänomene sind nichtphysikalische Phänomene.

2.    Mentale Phänomene sind im Bereich physikalischer Phänomene kausal wirksam.

3.    Der Bereich physikalischer Phänomene ist kausal geschlossen.

Die Lösung soll die links stehende Abbildung verdeutlichen (meine eigene Interpretation). Die Realität wird hier durch einen dreidimensionalen Raum dargestellt, die bewussten Wesen sind real. Eigenschaften der bewussten Wesen können von der Physik und anderen Naturwissenscaften beschrieben werden. Zugleich können diese bewussten Wesen sich durch Introspektion selbst erforschen oder zum Beispiel Mathematik betreiben. Beide Zugänge zur Realität benutzen einen grundlegenden gemeinsamen Satz logischer Regeln.

Was bei vielen Aussagen von Physikern immer wieder auffällt, ist, dass viele von ihnen davon ausgehen, dass ihre Untersuchungsobjekte tatsächlich existieren (ihr Sprachgebrauch verrät das). Einen Teil des Erkenntnisprozesses in der Physik vollzieht man im Physikunterricht oder -studium nach. Zuerst wird Schülern vermittelt, die Materie würde sich aus Atomen zusammensetzen. Später erfährt man dann, dass Atome selbst nur Modelle sind und aus Protonen, Neutronen und Elektronen bestehen. Wieder etwas später werden diese wiederum zu modellhaften Zusammenfassungen von Quarks erklärt, dann kommen Strings, usw. Offenbar sind alles nur Modelle, die die tatsächlichen Dinge der Realität auf die der gerade aktuellen Physik möglichen Messungen bzw. dem Verständnisniveau der Lernenden entsprechend vereinfachen.

Dass die Physik die Realität nicht vollständig erklären kann, darauf weisen zum Beispiel die Notwendigkeit zufälliger und die Nichtlokalität quantenphysikalischer Vorgänge hin. Langan vergleicht das mit dem Kaninchen, dass der Magier aus seinem Hut zaubert. Oder anders gesprochen, wenn wir die kausale Abgeschlossenheit der Physik akzeptieren und sie als Letzterklärung der Natur hinnehmen, glauben wir an Magie. Langan setzt seine tautologischen Aussagen dagegen: „Die Realität erzeugt die zufälligen Vorgänge (=die zufälligen Vorgänge sind real).“

Vom Bieri-Trilemma bleibt keine einzige Aussage übrig, denn die Umformulierung lautet (nach meiner Interpretation):

1.    Mentale Phänomene sind reale Phänomene.

2.    Reale Phänomene können als mentale Phänomene und/oder physikalische Phänomene beobachtet werden.

3.    Der Bereich realer Phänomene ist kausal geschlossen.

Die letzte Aussage bedeutet, dass die Realität selbst die Realität hervorbringt und dort letztlich alles eine Ursache hat. Es ist aber nicht sicher, ob man sie innerhalb der Physik oder jeder beliebigen anderen Wissenschaft finden kann. Es ist interessant, welche Antworten Bewusstseinsforscher zum Verhältnis zwischen Bewusstsein und Materie geben: „Bewusstsein / freier Wille existiert nicht / ist eine Illusion / ist ein Epiphänomen / ist ein Rätsel.“ Die Bemühungen, mentale Prozesse auf physikalische Erklärungen zu reduzieren, kann man in Bezug auf das obige Bild als die Forderung ansehen: „Das Runde muss ins Eckige!“ – Oder als Versuch der Quadratur des Kreises.

 

Langan hingegen, tautologisch kurz: „Bewusstsein ist real.“ Oder etwas länger: „Die Möglichkeit, Bewusstsein zu entwickeln, muss als Eigenschaft in der Realität enthalten sein, sonst gäbe es das nicht.“ Diese Betrachtungsweise hebt übrigens den Emergentismus auf, also das mysteriöse Auftauchen neuer Eigenschaften bei der Entwicklung hinreichend komplexer Systeme. Dieses mysteriöse Auftauchen gilt ja nur in Bezug auf die Physik, innerhalb deren Gesetze die neu hinzukommenden Eigenschaften nicht erklärt werden können.

 

Eine ähnliche Betrachtungsweise kann man auch in Bezug auf die Evolution anwenden. Innerhalb der Evolutionstheorie sind teleologische Betrachtungen verpönt. Mutationen sind zufällig. Allerdings erscheint es so etwas merkwürdig, dass diese Zufallsprozesse zur Entwicklung intelligenter und bewusster Lebensformen geführt haben. Hier springt er wieder aus dem Hut, der weiße Hase des Magiers. Und uns selbst Teleologie abzusprechen, ist absurd. Wer würde leugnen, dass wir als Einzelpersonen und als Gemeinschaft sehr genaue Vorstellungen von unserer Zukunft haben, diese planen und darauf hinarbeiten?

 

Das führt direkt zu Langans Vorstellungen bezüglich Intelligent Design. Langan ist Mitglied der International Society for Complexity, Information and Design  (ISCID), die als neo-kreationistische Organisation gilt. Dem Verhältnis zwischen seiner CTMU und ID hat er ein längeres Kapitel am Schluss gewidmet. Am besten, man lässt hier Langan selbst sprechen:

The CTMU has a meta-Darwinian message: the universe evolves by hological self-replication and self-selection. Furthermore, because the universe is natural, its self-selection amounts to a cosmic form of natural selection. But by the nature of this selection process, it also bears description as intelligent self-design (the universe is “intelligent” because this is precisely what it must be in order to solve the problem of self-selection, the master-problem in terms of which all lesser problems are necessarily formulated). This is unsurprising, for intelligence itself is a natural phenomenon that could never have emerged in humans and animals were it not already a latent property of the medium of emergence. An object does not displace its medium, but embodies it and thus serves as an expression of its underlying syntactic properties. What is far more surprising, and far more disappointing, is the ideological conflict to which this has led. It seems that one group likes the term “intelligent” but is indifferent or hostile to the term “natural”, while the other likes “natural” but abhors “intelligent”. In some strange way, the whole controversy seems to hinge on terminology.

Ich kann in diesen Aussagen weder einen logischen Fehler finden, noch etwas, das meinen eigenen Ansichten widersprechen würde.

Gastbeitrag von: Dr. Ralf Poschmann

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