„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Kränkungen der Menschheit

Kränkungen der Menschheit ist ein von Sigmund Freud im Jahr 1917 geprägter Begriff für umstürzende wissenschaftliche Entdeckungen, die, so Freuds These, das Selbstverständnis der Menschen in Form einer narzisstischen Kränkung in Frage gestellt haben.

Freud

In seiner Arbeit „Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse“ aus dem Jahre 1917 stellt Freud die Widerstände dar, die der von ihm entwickelten Psychoanalyse seiner Auffassung nach entgegenstehen, bevor sie allgemein anerkannt werde. Wie jede wissenschaftliche Neuerung müsse sie sich gegen das etablierte Denken durchsetzen. Aber der „größere Anteil rührt davon her, daß durch den Inhalt der Lehre starke Gefühle der Menschheit verletzt worden sind.

Freud nennt drei große Einschnitte, die der naive Narzissmus des menschlichen Bewusstseins durch den historischen Fortschritt wissenschaftlicher Erkenntnis erlitten habe:

1.    Die kosmologische Kränkung: Die erste Erschütterung sei die mit dem Namen Kopernikus verknüpfte Entdeckung gewesen, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Weltalls ist (vgl. Kopernikanische Wende).

2.    Die biologische Kränkung: Die zweite Kränkung lag in der Entdeckung, dass der Mensch aus der Tierreihe hervorgegangen ist (Charles Darwin  und andere).

3.    Die psychologische Kränkung: Die dritte Kränkung sei die von ihm entwickelte Libidotheorie des Unbewussten; ein beträchtlicher Teil des Seelenlebens entziehe sich der Kenntnis und der Herrschaft des bewussten Willens. Die Psychoanalyse konfrontiere das Bewusstsein mit der peinlichen Einsicht, (...) daß das Ich nicht Herr sei in seinem eigenen Haus.

Freud stellt seine Lehre des Unbewussten damit in einen Kontext mit den wissenschaftsgeschichtlich umwälzenden Theorien Kopernikus' und Darwins. Die Psychoanalyse stehe in der Tradition der deutschen Philosophie, insbesondere der Metaphysik Schopenhauers, dessen Lehre vom unbewussten Willen theoretisch vorbereitet habe, was in der Neurosentherapie praktisch und konkret zur Geltung gebracht werde.

Kritik und Rezeption

Die sachliche Berechtigung von Freuds Behauptungen über die Wirkung der Entdeckungen des Kopernikus und Darwins wurde wiederholt bestritten. So weist Michael Pauen unter Berufung auf Clarence Irving LewisArthur O. LovejoyHans Blumenberg und Rémi Brague darauf hin, dass der Erde im aristotelischen Weltbild der niedrigste Platz im Kosmos zukam. Ebenso hätten frühe Kritiker des kopernikanischen Systems bemängelt, durch die Lehre, die Erde sei ein Himmelskörper wie die übrigen Planeten des Sonnensystems, werde die Erde ungerechtfertigt erhöht.

Freuds Bemerkung wurde seit Rudolf Carnap von zahlreichen späteren Autoren aufgenommen und die Zahl der Kränkungen durch weitere Posten erweitert. Carnap nennt neben Kopernikus, Darwin und Freud auch noch Marx, Nietzsche  und den von ihm selbst vertretenen eliminativen Physikalismus des Psychischen.

Der Philosoph Johannes Rohbeck sprach 1993 von der technologischen Kränkung, dass die Menschheit von selbstgeschaffenen Machwerken beherrscht werde, und verglich die Lage des Menschen mit der von Goethes Zauberlehrling.[1] Ebenso sehen Barbara Guwak und Matthias Strolz die vierte Kränkung darin, dass sich die von Menschen geschaffene Welt nicht mehr beherrschen lässt.[2] Der Medienjournalist Sascha Lobo sprach in einem Beitrag zum FAZ-Feuilleton von der Kenntnisnahme der durch Edward Snowden aufgedeckten Netzüberwachung als der vierten, digitalen Kränkung der Menschheit, da das Internet nicht das erhoffte Instrument der Freiheit darstelle, sondern für das Gegenteil benutzt werde.[3] In einer Replik äußerte der Journalist Sascha Kösch, die vierte Kränkung sei allgemeiner die, dass die Menschheit die von ihr geschaffene Technologie nicht beherrschen könne, was sich bereits anhand der Erfindung der Atomwaffen  erkennen lasse.[4] Auf die ökologischen und ökonomischen Bedingungen bezogen sieht Reiner Klingholz die vierte Kränkung der Menschheit darin, „dass wir, ungeachtet aller technischen Möglichkeiten, die Natur nicht in einem Zustand erhalten können, der uns gewogen wäre“,[5] und dass ein unfreiwilliger Übergang zu einer Postwachstumsgesellschaft ohne Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum stattfinde.[6]

Quantitativ auf die Spitze trieb es der deutsche Physiker und Philosoph Gerhard Vollmer 1994, als er zehn Kränkungen der Menschheit aufzeigte:[7]

Nummer

Art der Kränkung

Durch

Bemerkung

0

Ich bin ein Stück der Welt

jedes Kind

Das Ich erkennt sich selbst als ein Stück der Welt.

1

kosmologisch

Kopernikus 1543

Die Erde (und damit der Mensch) ist nicht Mittelpunkt der Welt.

2

biologisch

Darwin 1859

Die Menschheit ist in das Entwicklungssystem der Organismen eingegliedert.

3

psychologisch

Freud 1895

Der Mensch ist noch nicht einmal Herr der eigenen Handlungen, sondern vom Unbewussten gelenkt.

4

ethologisch

Heinroth 1910

Nicht nur unser Körperbau, sondern auch unser Verhalten ist aus dem Tierreich hervorgegangen.

5

epistemologisch

Lorenz 1941

Auch unsere Wahrnehmung und Denkfähigkeit ist auf den Mesokosmos, an den wir phylogenetisch adaptiert sind, beschränkt und selbst dort nicht objektiv.

6

soziobiologisch

Wilson 1975

Selbst unsere sozialen, moralischen und altruistischen Denk- und Verhaltensweisen, sogar die Forderung nach Erhalt der Menschheit, beruhen auf evolutionärer Selektion.

7

Computermodell des Geistes

jetzt

Die Aussicht auf Maschinen (künstliche Intelligenz), die unsere geistigen Leistungen erreichen und sogar übertreffen.

8

ökologisch

demnächst

Der Mensch ist in die für ihn essentielle Biosphäre eingebunden und wegen Kränkung Nr. 5 unfähig, sie vollends zu verstehen und zu beherrschen.

9

neurobiologisch

21. Jahrhundert

Auflösung des Dualismus von Körper und Seele.

Dagegen betont Mirko Lüttke, dass die Resultate der modernen Naturwissenschaften insgesamt den Menschen kränken, indem sie die jahrtausendealten anthropozentrischen Vorstellungen davon erschüttern, dass Mensch und Welt auf besondere Weise zueinander passen.[8]

Literatur

·        Sigmund FreudEine Schwierigkeit der Psychoanalyse. In: Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften. Bd. V (1917). S. 1–7.

·        Sigmund Freud: 18. Vorlesung: Die Fixierung an das Trauma, das Unbewusste. In: Ders.: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. 1917.

·        Rudolf CarnapPsychologie in physikalischer Sprache. In: Erkenntnis 3 (1932/33), S. 107–142 (dort S. 109f.).

·        Christoph Kraiker: The story of the three blows. In: Hypnos. XXI, Nr. 3, 1994, S. 176–180 (deutsche Version: Die Geschichte von den drei Kränkungen).

·        Mirko Lüttke: Die Kränkung des Menschen. Die Naturwissenschaften und das Ende des antik-mittelalterlichen Weltbildes. Königshausen und Neumann, Würzburg 2012, ISBN 978-3-8260-5006-0.

·        Michael PauenWas ist der Mensch? Die Entdeckung der Natur des Geistes. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2007, ISBN 978-3-421-04224-8.

·        Christopher SchraderDie Kränkungen der Menschheit. In: Süddeutsche Zeitung. 6./7. Mai 2006, S. 22

·        Gerhard VollmerDie vierte bis siebte Kränkung des Menschen. In: Arbeitsgruppe Mensch – Technik – Umwelt (Prof. H.-H. Franzke, Technische Universität Berlin) (Hrsg.): Schriftenreihe Technik und Gesellschaft, Heft 3 (1999) 67-85.

Einzelnachweise

1.    Johannes RohbeckTechnologische Urteilskraft. Zu einer Ethik technischen Handelns, Frankfurt a. M., 1993, S. 10. Zitiert nach Cornelia Klinger: Perspektiven des Todes in der modernen GesellschaftAkademie Verlag, 2009, ISBN 978-3-05-004442-2S. 229.

2.    Barbara Guwak, Matthias StrolzDie vierte Kränkung: Wie wir uns in einer chaotischen Welt zurechtfinden. Goldegg Verlag, Wien 2012, ISBN 978-3-902729-98-9.

3.    Sascha LoboAbschied von der Utopie: Die digitale Kränkung des Menschen. FAZ, abgerufen am 25. Mai 2014.

4.    Sascha KöschDie vierte Kränkung der Menschheit. In: de-bug.de. 14. Januar 2014, abgerufen am 25. Mai 2014.

5.    Reiner KlingholzSklaven des Wachstums. Die Geschichte einer Befreiung. Campus, 201, ISBN 978-3-593-39798-6. S. 108.

6.    Reiner Klingholz: Das Ende des Wachstums ist näher, als wir denken. Lernt das Schrumpfen zu lieben! The Huffington Post, 29. März 2014, abgerufen am 25. Mai 2014.

7.    Gerhard VollmerDie vierte bis siebte Kränkung des Menschen. Gehirn, Evolution und Menschenbild. In: Aufklärung und Kritik 1/1994, S. 81 ff.1. Januar 1994, abgerufen am 25. Mai 2014.

8.    Mirko Lüttke: Die Kränkung des Menschen. Die Naturwissenschaften und das Ende des antik-mittelalterlichen Weltbildes. Königshausen und Neumann, Würzburg 2012, ISBN 978-3-8260-5006-0.

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Kommentare: 1
  • #1

    WissensWert (Mittwoch, 13 September 2017 23:12)

    Man spricht gern von den drei Kränkungen, die das Selbstverständnis des Menschen durch die Naturwissenschaften erfuhr. Die Astronomie und die Physik versetzten die Erde vom Zentrum des Kosmos in eine randständige Position - das war die kopernikanische Kränkung. Seit Charles Darwin (1809-1882) nimmt die Biologie an, dass der Mensch das Ergebnis einer Entwicklung der höheren aus den niedrigeren Arten ist - das war die nächste Kränkung. Nach der Evolutionstheorie passen sich die Lebewesen durch Mechanismen der genetischen Mutation und der Selektion immer ausgefeilter an ihre Umwelt an, wobei die Tiergattungen im Lauf der Evolution immer komplexere Organe und kognitive Fähigkeiten entwickelt haben. Aus der Sicht der Evolutionsbiologie hat sich unsere Art, der ´homo sapiens´, vor ungefähr 200.000 Jahren aus Hominiden entwickelt, die heute ausgestorben sind.

    Zuletzt wurde das menschliche Handeln zum Gegenstand naturwissenschaftlicher Erklärung. Sigmund Freud (1856-1939), der sich als Naturwissenschaftler verstand, entwarf eine Theorie des Unbewussten, nach der unser Bewusstsein nicht Herr im eigenen Haus ist, sondern auch durch Triebe gesteuert wird, deren wir uns nicht bewusst sind und dies war die dritte Kränkung. Bezüglich der unbewussten Antriebe gibt ihm die Hirnforschung heute Recht. Sie konnte vielfältige Belege dafür sammeln, wie anfällig unsere kognitiven Fähigkeiten gegen die Manipulation durch Reize unterhalb der Wahrnehmungsschwelle, durch biochemische Stoffe oder gegen Gehirnverletzungen sind.

    Die ersten beiden Kränkungen sind im naturwissenschaftlichen Weltbild längst verarbeitet, die Auseinandersetzung um die dritte ist angesichts der Hirnforschung jetzt erst richtig im Gang. Im Zentrum steht der neuronale Determinismus - die These prominenter Hirnforscher, dass die neuronalen Aktivitäten im Gehirn unser Handeln vollständig bestimmten oder determinieren.


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