„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Können Atheisten überzeugt werden?

(Uns) Atheisten wird hin und wieder nachgesagt, dass wir uns vor der "Wahrheit verschlossen" hätten und nichts und niemand uns von der Existenz Gottes überzeugen könnte, da wir es "einfach nicht wahr haben wollen".

Das ist unwahr. Es folgt eine Liste von Dingen, die mich und wahrscheinlich auch die meisten anderen Atheisten überzeugen würden. 

1. Starke Indizien

Der erste Abschnitt beschreibt Dinge, die mich sehr von der Wahrheit einer Religion überzeugen würden.

1.1. Spezifische, verifizierte Prophezeiungen, die nicht gefälscht werden könnten.

Wenn zum Beispiel die Bibel sagen würde: "Am ersten Tag des ersten Monats des Jahres zweitausendundzwanzig werden die Säulen der Erde schwanken und ein großer Teil der neuen Welt wird vom Ozean verschluckt werden." und dann am 01.01.2020 ein gewaltiges Erdebeben an der Westküste Nordamerikas stattfindet und Kalifornien zum Grund des Pazifiks schickt, würde ich vermutluch gläubig werden.

Allerdings gibt es keine Punkte unter den folgenden Bedingungen:
- Wenn die Prophezeiung vage, unklar oder zu allgemein ist (siehe Nostradamu's weitschweifende Wahrsagungen). Sie muss detailiert, spezifisch und präzise mit ihrer vorhersage sein.
- Wenn die Prophezeiung belanglos ist. Jeder kann vorraussagen, dass es nächsten Winter kalt wird, oder dass eine Flut/Plage/Dürre irgendwann vorüber ist. Es müsste etwas überraschendes, unwahrscheinliches oder einzigartiges prophezeit werden.
- Wenn die Prophezeiung selbsterfüllend ist. Wenn die bloße Existenz der Prophezeiung Menschen dazu bewegen könnte, sie wahr werden zu lassen. Das Jüdische Volk ist nach Israel zurück gekehrt, genau wie es in den schriften prophezeit wurde. Das ist jedoch keine echte Vorraussage, da die Israeliten zurück gekehrt sind, WEIL die Schriften es so sagten.
- Das vorrausgesagte Ereignis dürfte nichts sein, was Menschen bewusst bewerkstelligen könnten.
- Wenn die Prophezeiung ein Ereignis beschreibt, das bereits geschehen ist, und es nicht möglich ist zu Beweisen, dass sie niedergeschrieben wurde, bevor das Ereignis eintrat. (Siehe die Zerstörung Babylons durch Kyros)
- Wenn das Ereignis bereits geschehen sein soll, es aber nicht verifiziert werden kann ob es tatsächlich stattgefunden hat. Zum Beispiel Behaupten Christliche Fürsprecher, dass Jesus viele Prophezeiungen des alten Testaments erfüllt hat. Den Autoren der Evangelien war das alte Testament aber offensichtlich bekannt. Was hätte sie daran hindern sollen, die Geschichte so zu schreiben, dass sie mit den Prophezeiungen überein stimmt?
- Und zuletzt: Wenn die Prophezeiung ein Treffer zwischen tausend Fehlschlägen ist. jeder kann so lange Prophezeiungen an die Wand werfen, bis eine kleben bleibt.
(siehe auch: Prophetie).

1.2. Wissenschaftliche Erkenntnisse in Heiligen Schriften, die zu ihrer Zeit noch nicht verfügbar waren.

Würde die Bibel (oder ein anderer religiöser Text) ein Stück Wissen enthalten, welches die Menschen vor 2000 Jahren unmöglich hätten haben können, aber heute als anerkannter Fakt gilt, wäre das sehr überzeugend. Ein Abschnitt über die Atomtheorie oder das heliozentrischen Sonnensystems wären zwar interessant aber noch nicht eindeutig, da die Griechen bereits derartige Ideen ohne göttliche Offenbarungen hervorgebracht hatten.


Eine detaillierte Schilderung der Evolution wäre schon beeindruckender. Referenzen zur Keimtheorie für Krankheiten oder die eine Vornewegnahme der Theorie des Elektromagnetismus wären für viele Atheisten überzeugend. Aber ein wirklich unwiderlegbarer Beweis wäre eine Darlegung einer wirklich modernen und kontraintuitiv anmutenden Theorie der Physik wie Beispielsweise der Relativitätstheorie oder der Quantenmechanik. Das wäre zu dieser Zeit nicht nur unmöglich gewesen zu wissen, sondern auch derart abstrakt und unvorhersehbar, dass die Chancen es zufälligerweise richtig zu raten überwältigend gering ausfallen.


Stellt euch vor Jesus hätte Folgendes gesagt:

"Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, die Energie ist gleich so oft die Geschwindigkeit des Lichtes multipliziert mit sich selbst, wie die Masse an der Zahl ist." DAS wäre ein ->Wunder gewesen.


Natürlich wären die Leute seiner Zeit darüber sehr verwirrt gewesen, aber bedenkt, wie viele Seelen es bis heute gerettet hätte! Ich zumindest für meinen Teil würde sofort zum Christentum konvertieren.

1.3. Wundersame Ereignisse, besonders wenn sie durch Gebete hervorgerufen werden können.

Wenn Städte, die von Priestern als sündhaft deklariert wurden, dazu neigen würden, ohne ersichtlichen Grund zu explodieren; wenn Glühende Auren aus heiligem Licht hin und wieder um Gläubige herum erscheinen würden um sie vor Schaden zu bewahren; oder wenn Atheisten, und nur Atheisten regelmäßig von Blitzen niedergestreckt würden; oder wenn irgendetwas von dem, was wirklich Übernatürliches in der Bibel geschrieben steht, sich als wahr erweisen würde; all das wären überzeugende Beweise für die Wahrheit einer Religion. Aber es müsste gar nicht so dramatisch ausfallen. Selbst kleine, aber objektiv verifizierbare Wunder würden es tun, vor allem, wenn sie durch beten ausgelöst werden könnten.

Würde ein Krankenhaus eine Doppel-Blind-Studie (Elimination des ->Placebo-Effektes) durchführen, um herauszufinden, ob Gebete den Kranken helfen, und es zu beobachten wäre, dass nur die Patienten, für die gebetet wurden und zu einer bestimmten Religion gehören einen starken, statistisch signifikanten Anstieg der Heilungsrate erfahren würden, und sich dieses Ergebnis wiederholen ließe, auch dann würde ich sofort konvertieren.


Dies sollte für Christen eigentlich kein Problem sein - immerhin hat Jesus seinen Anhängern zugesichert, dass sie durch Gebete Wunder vollbringen können. Wie zig Studien aber belegen, ist dies eben nicht der Fall. Es gibt keine signifikante Korrelation zwischen der Heilungsrate und der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion.

1.4. Eine direkte Manifestation des Göttlichen.

Ich wäre schon zufrieden, wenn Gott persönlich zu mir sprechen würde. Vorrausgesetzt er tut es auf einem Weg, bei dem Ich sicher sein kann, dass es sich nicht um eine Halluzination o.ä. handelt (zum Beispiel in Anwesenheit mehrerer zuverlässiger Zeugen).

Wo sind die Stimmen, die aus brennenden Büschen sprechen? Oder direkt aus dem Himmel wenn Leute getauft werden? (wie es bei Jesus' Taufe der Fall war)
Moses hat Gott so häufig gesehen, dass die beiden schon quasi Per Du waren. Warum passiert sowas heute nicht mehr? 
(Siehe auch: Offenbaren).

1.5. Außerirdische, die exakt die gleiche Religion haben

Dieser Punkt fällt etwas aus der Reihe. Aber wenn die Menschheit Kontakt mit einer Fremden Zivilisation aufnehmen würde, und diese eine Religion hätte, die exakt wie eine der Religionen auf der Erde wäre, würde ich anfangen zu glauben, dass diese Religion die richtige ist.

2. Schwache Indizien

Der Zweite Abschnitt befasst sich mit Dingen, die mich zwar nicht direkt überzeugen würden, die Wahrheit einer Religion jedoch zu mindestens einmal plausibilisieren könnten.

2.1. Ein absolut fehlerfreies und (zumindestens: in sich selbst!) konsistentes, heiliges Buch

Tadellose Irrtumslosigkeit ist sozusagen der heilige Gral der Theologie. Nahezu jede Religion behauptet, ihre Schriften seien perfekt. Allerdings kenne ich keine heilige Schrift, die diesem Standard auch nur annähernd gerecht werden könnte. Ich habe noch kein religiöses Buch gelesen ohne auf Logikfehler, widersprüchlichen Aussagen oder offensichtlichen Unwahrheiten (z.B. globale Sintflut) zu stoßen. Ein heiliges Buch frei von diesen Problemen, gäbe zwar Pluspunkte in der Glaubwürdigkeit, jedoch könnte es nicht als "Beweis" durchgehen, da es auch ohne göttliches Wirken nicht unmöglich wäre, ein Buch ohne Fehler zu schreiben.

2.2. Eine Religion ohne interne Dispute oder Fraktionen.

Es sollte angemessen sein, dies zu erwarten, wenn ein Gott existiert, der daran interessiert ist, sich uns zu offenbaren und verlangt, dass wir seinen anordnungen Folge leisten. Ein solcher Gott würde seine Anweisungen klar, deutlich und für jeden verständlich niederschreiben und keinen Raum für alternative Interpretationen lassen. Bei einer wahren Religion sollte man erwarten können, dass sich keine Splittergruppen oder Sekten innerhalb der Religion bilden. Hatte Gott zwar die Absicht, seine Botschaft klar zu kommunizieren und hat es vermasselt? Wie auch immer, da auch eine in sich stimmige Religion ein rein Menschliches Produkt sein kann, könnte auch dies lediglich als Hinweis, nicht aber als Beweis gelten.

2.3. Eine Religion, deren Mitglieder niemals aktiv an irgendwelchen Grausamkeiten beteiligt waren.

Wenn eine Religion konstant Frieden, Liebe und Barmherzigkeit predigt, und die Geschichte dieser Religion ein dementsprechendes Verhalten bestätigen würde, wäre diese Religion schon deutlich attraktiver für mich. Ein Blick in die Geschichte zeigt jedoch, dass so ziemlich jede Religion, die dafür Mächtig genug war, andersgläubige verfolgt und bestraft oder gar getötet hat (dies gilt auch für Religionen mit einem positiverem Image; wie etwa dem Buddhismus).

2.4. Eine Religion, die durchgehend alle ihre heiligen Kriege gewinnt.

Seltsamerweise schafft das keine Religion, dennoch ziehen immer und immer wieder Soldaten in den Krieg mit der scheinbaren Gewissheit, dass Gott auf der eigenen Seite steht.

3. Scheinargumente

Die letzte Kategorie dreht sich um Dinge, die mich auf gar keinen Fall überzeugen können. Keiner der folgenden Punkte könnte mich auch nur ansatzweise dazu veranlassen, meine Position zu überdenken. Bis jetzt fallen sämtliche Argumente, die mir jemals für eine Religion präsentiert wurden, in diese Kategorie!

3.1. In Zungen reden oder andere Pseudo-Wunder

Um mich zu überzeugen, müsste ein Wunder ungekünstelt, verifizierbar und falsifizierbar sein und eine wahrhaft unerklärliche Abweichung vom gewöhnlichen Naturprozess darstellen. Alles, was sich durch Gruppenzwang, der Kraft der Suggestion oder einen Placeboeffekt erklären ließe, zählt nicht. Glückliche Zufälle oder mutige Aktionen von Menschen erfüllen ebenfalls nicht diesen Mindeststandard. Biblische Wunder drehen sich nicht um Unfälle und Leute, die sagen "Wow, das war knapp". Biblische Wunder drehen sich um Leute, die ihre Arme in die Luft strecken, sagen, dass etwas eigentlich Unmögliches passiert ist und dieses Wunder auf Gott zurückführen. Wunder-Heiler, oder Leute, die es wortwörtlich umhaut, wenn sie vom "heiligen Geist" getroffen werden, sind wohl eher Ausdruck schaustellerischer Darbietungen oder tiefer psychologischer Störungen, oder die Anwendung des Placebo-Effekts auf leicht zu beeindruckende Menschen, die man zuvor im Laufe der Veranstaltung in einen extatischen und suggestiven Zustand gebracht hat.

3.2. Bekehrungs-Geschichten

Ich bin nicht interessiert an Stories, von Menschen, die zu einer Religion konvertiert sind. Nicht einmal, wenn diese Person zuvor ihr ganzes Leben lang Atheist gewesen war.


Jeder hat seine schwachen Momente, in denen Emotionen dafür sorgen können, dass man die Logik unter den Tisch kehrt. Anstatt mir zu erzählen, wie schnell seine Religion wächst, wie sehr sie das Leben ihrer Anhänger verändert hat, oder wie hingebungsvoll die Konvertierten sind, lasst diese Bekehrten lieber erklären, welche Logik und Beweise sie überzeugt haben um überhaupt beizutreten. Können sie das nicht, haben ihre Geschichten keinerlei epistemische Überzeugungskraft.

3.3. Subjektive Erfahrungen

Zu sagen "Ich weiß, dass Gott existiert, weil ich ihn in meinem Herzen spüren kann", oder ähnliches, wird mich nicht beeindrucken.

Die meisten dieser Argumente beruhen auf der Annahme, dass eine Person niemals eine vollständig überzeugende subjektive Erfahrung machen und sich gleichzeitig darin irren kann.


Ein Blick auf die Religionen dieser Welt widerlegt diese Annahme. Christen, Muslime, Juden, Hindus, Buddhisten... in jedem Glauben finden sich Anhänger, die von absolut überzeugenden Erlebnissen berichten, die ihnen die Richtigkeit ihres Glaubens bestätigt haben. Doch es kann wenn überhaupt nur eine Religion recht haben, das sagen sogar die Religionen selbst. Warum sollte ein Atheist also irgendeiner dieser Behauptungen mehr Glaubwürdigkeit zusprechen als den anderen?

3.4. Der "Bibel-Code" und andere numerologische Kunststücke

Mit den selben Algorithmen, die auch die Bibel-Code Numerologen verwenden, war es Skeptikern möglich Attentate und andere historische Ereignisse in Büchern wie Moby Dick und anderen fiktiven Werken zu finden, welche nicht von sich behaupten, sie wären göttlichen Ursprungs.


Erwartet also nicht, mich mit sowas zu beeindrucken.
(Siehe auch: Texanischer Scharfschütze, Bibel-Code)

3.5. Kreationismus

Ich bin durchaus vertraut mit den pseudowissenschaftlichen Methoden, mit denen die Advokaten der "intelligent Design"-Bewegung arbeiten. Wer versucht, Gottes Existenz durch eine Auflistung von "Beweisen" für eine junge, flache oder generell planmäßig erschaffene Erde zu belegen, wird damit keinen Erfolg haben.

zum vorherigen Blogeintrag                                                                               zum nächsten Blogeintrag 

 

Liste aller Blogeinträge

Kommentare: 0

Impressum | Datenschutz | Sitemap
Diese Website darf gerne zitiert werden, für die Weiterverwendung ganzer Texte bitte ich jedoch um kurze Rücksprache.