„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Neuronales Korrelat und Kausalität

Der Hirnforscher Wolf Singer wurde zum Thema Aufmerksamkeit befragt: "Sie haben eben nur von einem "Korrelat" gesprochen. Gibt es keine kausalen Zusammenhänge zwischen Gehirnprozessen, die Sie als Wissenschaftler aus der Dritte-Person-Perspektive beschreiben, und dem Phänomen "Aufmerksamkeit", das der Erste-Person-Perspektive entstammt?" Wolf Singer antwortet: "Doch, das sind ja kausale Beziehungen. Es ist nur schwierig, das zu beweisen."[1]

Wolfs Auffassung ist offensichtlich falsch. Spätestens seit David Hume wissen wir, dass Korrelation nicht gleich Kausalität ist. Nur weil in Europa die Anzahl der Störche und zeitgleich auch die Geburtenrate im Frühjahr zunehmen, bedeutet diese statistische Korrelation sicher keinen kausalen Zusammenhang (cum hoc ergo propter hoc).

Wenn Naturwissenschaft etwas erklären soll, sind Korrelate nicht das Ziel. Gleichwohl können Korrelate eine wichtige Rolle spielen, wie der Erkenntnisgewinn durch korrelative Zuordnungen von neuronalen Aktivierungsmustern ja zeigt. Nur erklären diese neuronalen Korrelate alleine noch nichts.

Das folgende Gedankenexperiment soll den Unterschied zwischen einer Erklärung und einer korrelativen Zuordnung anschaulich zuspitzen: Nehmen wir an, es besteht die Aufgabe, nach einer naturwissenschaftlichen Erklärung des Phänomens "vom Baum fallender Äpfel" zu suchen. Was für Theorien sind dazu erforderlich? Vermutlich wird zuerst nach einer Theorie gefragt werden, die das Fallen des Apfels physikalisch erklärt und in konsistenter Form mit der bisherigen Physik verbindet. Außerdem wird nach einer Theorie gesucht werden, welche die biochemischen Prozesse im Apfel, besonders im Stiel beschreiben, die, in Verbindung mit Theorien über die Strömungen der Luft das Abbrechen des Apfels womöglich erklären kann. Sämtliche Theorien werden in mathematischer Fassung mit der etablierten Naturwissenschaft zu verbinden versucht. Wir müssen vermutlich nach weiteren Theorien Ausschau halten, die zur Erklärung des Phänomens erforderlich sind und diese dann ebenfalls in das Theoriegefüge integrieren. Wir halten hier dennoch inne, denn das Prinzip dürfte deutlich geworden sein. Ziel einer naturwissenschaftlichen Erklärung ist es gemeinhin, in dem Theoriegefüge möglichst einfache Grundprinzipien zu erkennen, auf die das zu erklärende Phänomen zurückgeführt werden kann. Diese naturwissenschaftliche Reduktion lässt natürlich allen selbstständigen Entwicklungen der zu erklärenden Phänomene in einigen Wissenschaftszweigen freien Raum und führt nicht zu der von Julian Huxley befürchteten "nothing-else-buttery", was Karl Lorenz als "Nichts-anderes-Alserei" übersetzt hat.[2][3][4]

Nehmen wir nun aber an, dass wir in einer Welt leben, in der die hier tätigen Forscher keine der gesuchten Theorien kennen oder finden werden. Bekannt sind hingegen alle Orte, wo Apfelbäume wachsen, auch ist es eine allgemeine Erfahrung, dass die meisten Äpfel in einer bestimmten Jahreszeit von den Bäumen zu Boden fallen. Einige Forscher wollen sich so dem Phänomen „vom Baum fallender Äpfel“ nähern. Dazu erstellen sie eine globale Karte, darin alle am Boden gefundenen Äpfel erfasst und mit Fundort und Datum vermerkt werden. Diese Daten ordnen sie saisonale Korrelate zu, Korrelate raum-zeitlicher Apfelaktivitäten; denn, das scheint folgerichtig, in den letzten Tagen und Wochen vor dem Fund muss die Apfelfalltätigkeiten den jeweiligen Fundorten besonders hoch gewesen sein. Es ist denkbar, dass eine solche Kartographie wichtiges Wissen vermittelt, das auf anderen Wegen nicht erworben werden kann. Es ist auch denkbar, dass anhand der Ergebnisse eine Reihe von Fragen im Umkreis des Phänomens, zum Beispiel nach regionalen Besonderheiten oder verschiedenen Apfelsorten, überhaupt erst formuliert werden kann und dass diese Fragen zu einer echten Theoriesuche sogar den Anstoß geben. Wir haben eine korrelative Zuordnung vom Baum fallender Äpfel zu räumlichen und zeitlichen Daten, was wir jedoch nicht haben, ist eine naturwissenschaftliche Erklärung es Phänomens vom Baum fallender Äpfel. Analoges gilt selbstverständlich für die korrelative Zuordnung neuronaler Zustände zu mentalen Zuständen (wie etwa Aufmerksamkeit).

Anmerkungen

[1] Singer W. Das Ende des freien Willens? Gespräch mit dem Hirnforscher Wolf Singer und den Autoren Inge Hoefer und Christoph Pöppe von der Zeitschrift Spektrumm. Spektrum der Wissenschaft. Heft 2; 2001: 72.

 

[2] Lorenz K. Theoretische und praktische Auswirkungen des Szientismus. In: Der Abbau des Menschlichen. Doppelband, gemeinsam mit: Die Rückseite des Spiegels. München: Piper; 1988: 451.

 

[3] Lorenz K, Kreuzer F. Leben ist lernen. 1988: 32-33.

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