„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

historische Schuld

Im Religions-, Wirtschafts- und Geschichtsunterricht bekomme ich beigebracht, dass Schuld „vererbbar“ sei. Beim Christentum ist es beispielsweise die von Augustinus formulierte Erbsündenlehre, in der Wirtschaft die über Generationen vererbbaren Staatsschulden - und geschichtlich ist die Vorstellung, dass ich an den Verbrechen meiner Vorfahren eine historische Schuld trage.

Diese Auffassungen beißen sich aber mit folgendem plausiblem Schluss:

(P1) Ein X kann schuldig für p sein, nur dann wenn X p initiiert hat oder es verhindern hätte können.
(P2) Ich habe p weder initiiert, noch hätte ich es verhindern können.
(K) Ich bin nicht schuldig für p.

P steht dabei für Dinge wie den (angeblichen) Sündenfall durch Adam & Eva, aufgenommene Staatsschulden oder den Holocaust.

Der britische Philosoph David Leslie Miller unterscheidet in seinem Buch "National Responsibility and Global Justice" (Kap. 6) die Folgeverantwortung („outcome responsibility“) von der Verantwortung zur Wiedergutmachung („remedial responsibility“). Miller argumentiert mit Hinblick auf den Kolonialismus, dass die heute lebenden Europäer zwar keine Folgeverantwortung für die Taten ihrer Vorfahren tragen würden, jedoch aktuell die Vorzüge aus der kolonialen Vorgeschichte genießen, die Europa erst reich gemacht hat, und deshalb auch Verantwortung zur Wiedergutmachung in den kolonialisierten Staaten tragen.

Die Unterscheidung dieser beiden Verantwortungskonzepte ist deshalb so wichtig, weil für einige Übel keiner (mehr) folgeverantwortlich zu sein scheint und sich trotzdem jemand um diese sorgen sollte. Ein naheliegendes Beispiel ist das Zika-Virus in Afrika, für das keiner so recht folgeverantwortlich zu sein scheint, und trotzdem sollten sich Personen aus der Weltgemeinschaft für die Behebung dieses Übels verantwortlich fühlen.

Bezogen auf unsere Anfangsbeispiele könnte dies bedeuten: Ich bin nicht schuld an horrenden Schulden früherer Regierungen, aber ich genieße durchaus die Vorzüge damaliger Bildungs- und Infrastrukturinvestitionen, weshalb ich vielleicht am ehesten die Verantwortung zur Wiedergutmachung dieser Staatskredite trage.

Beim Holocaust funktioniert Millers Argumentation indes nicht, da ich heute keine Vorteile aus ihm ziehe, ganz im Gegenteil. Wir können aber so argumentieren: Die Juden sind ein seit Anbeginn ihrer Existenz zu Unrecht dämonisiertes und verfolgtes Volk. Und der Staat Israel ist von Ländern umgeben, die nicht mal sein bloßes Existenzrecht anerkennen. Deshalb, und nicht wegen den Gräueltaten meiner Ahnen, gehören Juden besonders geschützt.

Und das biblische Erbschuldkonzept ist sowieso Riesenquatsch: Weshalb sollte ich schuldbeladen sein, wenn zwei nie existente Wesen einen Apfel gegessen haben?

Blick von der Zugrampe innen auf die Haupt­ein­fahrt des KZ Auschwitz-Birkenau, 27. Januar 1945.
Blick von der Zugrampe innen auf die Haupt­ein­fahrt des KZ Auschwitz-Birkenau, 27. Januar 1945.

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Kommentare: 1
  • #1

    WissensWert (Sonntag, 20 August 2017 01:41)

    (P1) Ich bin nur für Dinge verantwortlich, die ich selber getan habe oder an denen ich zumindest beteiligt war
    (P2) ich habe am Holocaust nichts beigesteuert.

    (K) Ich trage keine Verantwortung für die Gräueltaten meiner Vorfahren.


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