„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Die Vorbedingungen der Erfahrungswissenschaften

"Wir behaupten nicht, diese Zeitstruktur sei eine letzt Wahrheit. Aber wir behaupten, dass sie aller Erfahrung und darum aller Erfahrungswissenschaft zugrunde liegt."

- Weizsäcker CFv. Aufbau der Physik. 1985: 556.

Carl Friedrich v. Weizsäcker hat wohl als erster Wissenschaftstheoretiker den Unterschied von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als Vorbedingung empirischer Wissenschaft nicht nur erkannt, sondern daraus auch die Folgerung gezogen, dass diese Zeitstruktur als Ausgangspunkt einer jeden erfahrungswissenschaftlichen Theorie zugrunde liegen muss.

Nun werden von Zeit zu Zeit physikalische Theorien vorgeschlagen, die sich einerseits als fundamentale Beschreibungen empirischer Naturwissenschaft verstehen, andererseits aber die Zeitstruktur als illusionär betrachten. Das ist paradox. Denn Erfahrung setzt immer schon eine gewisse Zeitstruktur voraus. Wenn Wissenschaftler also Theorien vorschlagen, die zwar aus der Erfahrung gewonnen werden und in der Erfahrung gelten sollen, doch mit der Erfahrung unvereinbar sind, entziehen sie sich selbst ihrer theoretischen Grundlage. 

Theorien, die in der Erfahrung gelten sollen, dürfen die Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung nicht ausschließen. Diese Erkenntnis mag banal erscheinen, doch sie stellt nicht die Mehrheitsmeinung in der modernen Physik dar. Von den meisten Physikern wird die Wahl das Empirie-Problem zu ignorieren, als pragmatische Methode favorisiert. Pragmatisch heißt hier so viel wie: Es kann etwas ausgerechnet werden, alles andere ist philosophisches Geschwätz. Und doch verschwindet dieses Problem der Vorbedingungen der Erfahrungswissenschaften nicht dadurch, dass es ignoriert oder als "philosophisches Geschwätz" beiseite gewischt wird. Vielmehr stellt sich ernsthaft die Frage, ob eine Theorie, die die notwendigen Bedingungen ihrer eigenen Herkunft ausschließt, überhaupt als fundamentale Erklärung inmitten einer empirischen Erfahrungswissenschaft gültig sein kann. Das gilt für die Theorie der illusionären Zeit, die das Vorhandensein einer Zeitstruktur bestreitet, wie es bspw. auch für die No-I Theorie gilt, die die Existenz eines Erfahrung machenden Subjekts verneint. Solche Theorien, eingebettet in erfahrungswissenschaftliche Grundannahmen, sind mit der Behauptung vergleichbar, dass der Satz "mit diesem Stift kann ich nicht schreiben" auch dann die Wirklichkeit zutreffend beschreibt, wenn ich ihn mit eben diesem Stift niederschreibe.

Ich kann aber natürlich auch mit einem Computer "mit diesem Stift kann ich nicht schreiben" schreiben und mich dabei auf einen ganz bestimmten Stift beziehen. Was will ich damit sagen? Der Stift ist in dieser Metapher eine Vorbedingung, die in einem wissenschaftlichen Rahmen konstitutiv ist und gleichzeitig von ihm angegriffen wird. Wenn dies der Fall ist, dann muss die Wissenschaft ihre Grundannahmen und Vorbedingungen an ihre eigenen Ergebnisse anpassen. Es könnte gut passieren, dass dabei zukünftig wissenschaftliche Weltbilder entstehen, die ganz ohne Erfahrung und Subjekte auskommen, so wie die Quantenphysiker heute schon ohne strikte Lokalität oder streng-deterministische Kausalzusammenhänge operieren. Wissenschaft ist ein lebendiges Gebilde - und so sind es auch ihre Vorbedingungen.

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