„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Religion als Hindernis für ethischen Fortschritt

Michael Schmidt Salomon macht eine interessante Beobachtung.

 

Ethik ist ein überzeitliches, überkulturelles Prinzip. Ethisches Handeln bedeutet idR, die Konsequenzen seines Handelns auf das Wohlergehen nachfolgend betroffener, empfindungsfähiger Individuen vorauszudenken - und sich für solche Handlungsoptionen zu entscheiden, die weniger unnötiges Leid nach nachfolgend Betroffenen erzeugen.

 

Ich meine, praktisch alle ethischen Fortschritte der Menschheit beruhen darauf, dieses Prinzip immer konsequenter umzusetzen.

 

Religionen funktionieren hier wie "Zeitmaschinen". Sie frieren den ethischen Entwicklungsstand ihrer Entstehungszeit ein (in Form von Dogmen) - und transportieren sie in spätere Zeitalter.

 

Damit bilden sie im realen Leben oft ein erhebliches Hindernis zur Verwirklichung ethischer Prinzipien.

 

Die Menschheit hat sich ethisch erheblich weiterentwickelt. Sklaverei ist mittlerweile geächtet. Gewalt gegen Kinder ist weithin inakzeptabel geworden. Rassistisches Denken hat gesellschaftlich abgenommen. Diskriminierung gegen Homosexuelle wird korrekterweise als Unrecht wahrgenommen. Frauen besitzen seit 100 Jahren endlich das Wahlrecht und erfahren in vielen Bereichen eine Stärkung ihrer gleichberechtigten Interessen. Eine tribalistischen Präferenz für die eigene Seite wird immer stärker als problematisch betrachtet. (Es wächst die ethische Vernunft-Erkenntnis, dass alle Menschen prinzipiell gleichberechtigte Interessen haben.) Wir beginnen, die berechtigten Interessen nichtmenschlicher Tiere zu berücksichtigen (Tierschutzgesetze).

 

Das alles ist die Folge eines immer konsequenteren Verwirklichens eines ethischen Grundprinzips. (Solche Handlungsoptionen zu wählen, die weniger unnötiges Leid nach nachfolgend Betroffenen erzeugen und ihr gleichberechtigtes Wohlergehen sicherstellen).

 

Praktisch alle diese ethischen Fortschritte haben gegen die zeitgebundene ethischen Vorstellungen der Religionen erkämpft werden müssen. Religionen gießen den ethischen Entwicklungsstand ihrer Entstehungszeit in Dogmen - und verteidigen damit oft antikes Unrecht gegen eine konsequentere Umsetzung ethischer Prinzipien.

 

Ich meine, es ist keine Überraschung, dass auch heute die religiösen Kräfte am energischsten gegen eine noch konsequentere Verwirklichung ethischer Prinzipien kämpfen. (aktuell kämpfen Religionen gegen den Schutz von Kindern vor genitaler Verstümmelung, gegen den Schutz von Tieren gegen religiös motivierte Schlachtrituale, die unnötig großes Leid erzeugen, gegen die Gleichberechtigung von Frauen und Homosexuellen, gegen das Recht auf Leidminderung am Lebensende durch aktive Sterbehilfe usw.)

 

Aus irrationalen Überlegungen heraus verteidigen Religionen oft antike Unethik gegen eine konsequentere Ethik.

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