„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

William MacAskill: Gutes besser tun: Wie wir mit effektivem Altruismus die Welt verändern können

Wie kann es sein, dass sich fast alle Menschen für "die Guten" halten und es trotzdem so viel Unheil in der Welt gibt? Die Antwort ist einfach: Man muss die Dinge nicht nur mit dem Herzen gut meinen, sondern auch mit dem Hirn effektiv umsetzen.

Der Oxford-Professor William MacAskill legt mit "Gutes besser tun" ein wichtiges Buch vor, das uns auf verständlicher Weise zeigt "wie wir mit effektivem Altruismus die Welt verändern können".

1. Der exemplarische Vergleich zweier Hilfsorganisationen

Der Südafrikaner Trevor Field gründete in den 1990er-Jahren eine Hilfsorganisation, deren Ziel es war, Menschen in Entwicklungsländern mit einer neuartigen Wasserpumpe mit Trinkwasser zu versorgen. Statt der bis daher genutzten Handpumpen, die mühsame Handarbeit erforderten, installierte "PlayPump" Pumpen, die gleichzeitig auch als Karussell für Kinder funktionierten, die dann sozusagen spielend ihre Dörfer mit Wasser versorgten. PlayPump gewann schnell Sponsoren für die Idee und 2000 sogar den Innovationspreis der Weltbank. Der Erfolg der Kampagne war groß, bis andere Entwicklungs-organisationen (u.a. Unicef) kritische Berichte veröffentlichten. Deren Urteil war vernichtend: Vor lauter Begeisterung über die Bilder von spielenden Kindern hatte niemand ernsthaft geprüft, ob die Idee überhaupt funktionierte. Die Karussellpumpen waren weniger effektiv als die alten Handpumpen und kosteten das Vierfache. PlayPump ist ein gutes Beispiel dafür, dass "gut gemeint" nicht immer auch "gut gemacht" bedeutet. Deshalb rät uns William MacAskill in dem Bauch auch: „Wenn man anderen Menschen helfen möchte, wird man oft wenig bewirken, wenn man zu wenig darüber nachdenkt, wie das am besten geht.“ Dies ist der Kerngedanke des von ihm vertretenen Effektiven Altruismus: Erst nachdenken, dann helfen.

Ein Beispiel für ein durchdachtes Projekt ist nach MacAskill die Hilfsorganisation "Deworm the World". Ihre Gründer Michael Kremer und Rachel Glennerster hatten in gewissenhaft durchgeführten Studien herausgefunden, dass das Bildungsniveau von Kindern in armen Ländern auf eine sehr einfache Weise sehr effektiv verbessert werden kann – nämlich mithilfe systematischer Entwurmungskampagnen. In den entwickelten Ländern sind Darmparasiten (meistens) kein Problem mehr, aber weltweit leiden mehr als 1 Milliarde Menschen darunter. Diesen Menschen kann mit einfachen und zugleich preiswerten Medikamenten geholfen werden – mit dem Effekt, dass wesentlich mehr Kinder am Schulunterricht teilnehmen und zudem allgemein gesünder sind und länger leben. Das führt in Folge auch dazu, dass die Mütter weniger Kinder bekommen, da sie davon ausgehen können, dass die Kinder, die sie haben, einmal erwachsen werden und nach ihnen schauen werden können. Nach einer ähnlichen Logik verteilt die Bill & Melinda Gates Foundation Impfstoffe gegen z.B. Kinderlähmung, Diphtherie, Keuchhusten, Masern und Gelbfieber. Somit wirken diese Programme zusätzlich dem Problem der Überbevölkerung entgegen. "Deworm the World" hat inzwischen weit über 40 Millionen Menschen entwurmt und gehört damit zu den wirksamsten Hilfsprogrammen der Welt.

Während die PlayPump-Kampagne auf Emotionen und schöne Bilder setzt, beruht Deworm the World auf der Basis eines rationalen Kalküls. Die Gründer, beide Wirtschaftswissenschaftler, gingen systematisch vor, um herauszufinden, wie sie ihr Ziel, nämlich die Verbesserung der Bildungschancen, erreichen könnten. Bevor sie ihr Programm implementierten, erforschten sie die Ursachen und testeten verschiedene Maßnahmen auf der Suche nach der effektivsten Methode. Sie kreierten so ein Programm, das tatsächlich auf spektakuläre Weise das Leben vieler Millionen Menschen messbar verbessert hat.

Was folgt aus diesem Vergleich? Meine Großmutter handelt noch nach der Devise: wenn Du zu gründlich über eine gut Tat nachdenkst, geht ihr wohltätiger Charakter verloren. Deshalb betet sie auch, was nachweislich nichts bringt (im Mittelalter haben die Menschen so viel gebetet wie noch nie – und ihr Leben war kürzer und erbärmlicher als das in den Zeitaltern vor und nach ihnen.) Und sie spendet auch an die katholische Kirche, eine der selbstbereicherndsten und unmoralischsten Institutionen der Weltgeschichte. In Wahrheit verhält es sich also genau umgekehrt: Erst dann, wenn unser wohltätiges Verhalten auf empirischen Daten und Rationalität beruht, kann es einen realen positiven Impuls in der Welt hinterlassen.

 „Um wirksam Gutes zu tun, muss man einen wissenschaftlichen Zugang wählen.“

Zugegeben, die katholische Kirche und das PlayPump-Desaster sind zwei extreme Beispiele, aber leider gibt es viel mehr solche undurchdachte und schlechte Programme, als man annehmen mag. Deshalb ist es auch so immens wichtig, sich zu informieren, welche Organisationen tatsächlich helfen das Glück in der Welt effektiv zu maximieren bzw. ihr Leid zu minimieren. Während profitorientierte Investoren sehr genau prüfen, in welche Unternehmen sie ihr Geld stecken, werden jedes Jahr Milliarden gespendet, ohne dass die Spender jemals nachgefragt hätten, ob das Geld, das sie Hilfsorganisationen für gut gemeinte Projekte anvertrauen, irgendeinen Effekt hat. 

Hierfür bietet es sich an Hilfswerk-Evaluatoren wie das von MacAskill mitbegründete GiveWell zu Rate zu ziehen. Bei GiveWell evaluieren Ökonomen, Mathematiker und Philosophen systematisch und mit transparenten Methoden Hilfsorganisationen und -programme nach dem Ansatz des effektiven Altruismus und gibt damit Spendern eine gute Orientierung. Wobei man regelmäßig zu den bemerkenswerten Schlüssen kommt, dass für die Wirksamkeit vieler Hilfsmaßnahmen überhaupt keine Evidenz existiert und einige Hilfswerke um mehrere Größenordnungen effektiver sind als andere. Jeder, der die Welt zu einem besseren Ort machen möchte, sollte sich diese Rankings einmal anschauen.

 „Da wir nur eine begrenzte Menge Geld für wohltätige Zwecke ausgeben können, sollten wir uns nicht auf die sehr guten, sondern auf die allerbesten Hilfsorganisationen konzentrieren.“

2. Warum ethisches Konsumverhalten nicht ethisch optimal ist

Für viel Gesprächsstoff dürfte MacAskills "Ablehnung" von bewusst ethischem Konsumverhalten sorgen. Textilenhersteller wie die US-amerikanische Firma American Apparel werben damit, ihre Produkte nicht in sogenannten Sweatshops herstellen zu lassen. Sweatshops sind Fabriken in armen Ländern in Asien, Südamerika und Afrika, die vor allem Kleidung, Schuhe und Elektronik für den Export in die Industrieländer herstellen. Menschen arbeiten hier für extrem niedrige Löhne und unter teilweise skandalös schlechten Arbeitsbedingungen. Aber ist es sinnvoll, Hersteller zu boykottieren, die ihre Produkte in diesen Fabriken herstellen lassen? Ein Boykott wäre ethisch nur sinnvoll, wenn dieser zur Schließung der Sweatshops führt und den Arbeitern schließlich bessere Jobs bescheren würde. Das ist aber nicht der Fall. Die Arbeitsbedingungen und Löhne in den Sweatshops sind zwar verglichen mit Industrieländern desaströs, dennoch gehören diese Arbeitsstellen in den armen Ländern zu den guten Jobs. Ein Sweatshop-Mitarbeiter in Brasilien verdient 2000 Dollar im Jahr, wohingegen ein Landarbeiter oder ein Arbeiter im Bergbau nur knapp 600 Dollar bekommen. Die Tageslöhne für Arbeiter in Sweatshops in Indien betragen 8 Dollar – das ist in der Tat sehr niedrig, allerdings ist es viel verglichen mit den vielen Menschen, die in extremer Armut mit weniger als 1,50 Dollar pro Tag überleben müssen. Wer Kleidung aus Sweatshops kauft, der hievt dessen Mitarbeiter meistens aus der extremen Armut heraus.

„Wir haben gesehen, dass eine Änderung der eigenen Konsumgewohnheiten im Allgemeinen verglichen mit den Alternativen nicht besonders gut geeignet ist, wenn man etwas bewegen möchte.“

Anstatt das begrenzte Einkommen für American Apparel-Produkte auszugeben, sollte man lieber die billigsten Kleider kaufen und das übrige Geld an gute Hilfsorganisationen spenden. Damit wäre - unterm Strich - viel mehr Gutes getan. Aus ähnlichen Überlegungen heraus lehnt MacAskills auch das Kaufen von Fair-Trade Produkte ab. Im Jahr 2014 wurden 6,9 Milliarden Dollar mit Produkten umgesetzt, die das Siegel „Fairtrade“ tragen. Die Konsumenten bezahlen einen etwas höheren Preis, damit die Produzenten einen fairen Lohn erhalten. Die Frage ist aber, ob der Aufpreis tatsächlich die gewünschte Wirkung hat. Zum einen ist es sehr aufwändig, ein Fairtrade-Siegel zu bekommen, mit der Folge, dass die meisten Fairtrade-Produkte aus relativ wohlhabenden Ländern wie Mexiko oder Costa Rica kommen und nicht aus den ärmsten Ländern wie Äthiopien. Hinzu kommt, dass nicht transparent ist, wie viel von dem Aufpreis tatsächlich bei den Produzenten ankommt. Experten haben errechnet, dass beispielsweise bei Fairtrade-Kaffee nur ein geringer Prozentsatz, zwischen 1 und 11 Prozent, des Aufpreises tatsächlich in den Herkunftsländern ankommt. Selbst eine von der Zertifizierungsorganisation Fairtrade selbst in Auftrag gegebene Studie gesteht ein, dass nur von einer „sehr begrenzten“ Wirkung gesprochen werden kann. Deshalb sei es wiederum besser, normale und billige Produkte zu kaufen und stattdessen an effektiv arbeitende Hilfsprogramme zu spenden. Es ist also tatsächlich besser, normale und damit billigere Produkte zu kaufen und stattdessen an effektiv arbeitende Hilfsprogramme zu spenden. Die Spendenorganisation GiveDirectly leitet bspw. ganze 90 Prozent des gesamten eingenommenen Geldes unmittelbar an Arme in Kenia und Uganda weiter. Das Geld hätten die Kenianer und Ugander nie gesehen, wenn du es in Fair-Trade Bananen investiert hättest.

„Indem wir entscheiden, wie viel und für welche Programme wir spenden, bewirken wir sehr viel mehr als mit der Entscheidung darüber, welche Produkte wir kaufen wollen.“

3. Keine Spenden für Haiti!

MacAskill spricht sich ebenfalls dafür aus nicht blindlings immer für Katastrophenopfer zu spenden. Die beiden Inselstaaten Haiti und Japan wurden 2010 und 2011 von schweren Erdbeben erschüttert. Beide Umweltkatastrophen erzeugten weltweit eine riesige Welle der Hilfsbereitschaft, pro Land wurden etwa 5 Milliarden Dollar an Hilfsgeldern gesammelt. In Japan starben 15.000 Menschen, in Haiti das Zehnfache. Und während in Japan die meisten Menschen gut abgesichert waren und das japanische Rote Kreuz nach vier Tagen erklärte, eigentlich keine weiteren Hilfsgelder zu benötigen, hatte einige Jahr zuvor ein großes Erdbeben in der ärmlichen chinesischen Provinz Sichuan 87 000 Tote gefordert - hier waren nur 500 Millionen Dollar gesammelt worden und die Wenigsten waren versichert.

Jeden Tag sterben 18.000 Kinder an den Folgen extremer Armut, mehr als bei der Katastrophe in Japan. Und während für jedes Todesopfer in Japan 330.000 Dollar zur Verfügung standen, bleibt den Hinterbliebenen in den dritte Welt Ländern manchmal gar nichts. Deshalb sollten wir unsere Hilfsbereitschaft nicht bei starken medialen Bildern entdecken, sondern dort, wo sie am dringendsten gebraucht wird.

4. Grüne Kämpfe

Ein anderes Beispiel für "gut gemeint, aber nicht bestmöglich umgesetzt" sind die hiesigen grünen Kleinkämpfe gegen die Globale Erwärmung und die weltweite Umweltverschmutzung. Diese laufen meistens über kleine Verhaltensänderungen im Alltag ab. Man gewöhnt sich beispielsweise an, den Fernseher immer abzuschalten, statt ihn nur im Stand-by-Modus zu lassen, dabei erzeugt eine zweistündige Autofahrt weitaus mehr Treibhausgase als ein Fernseher, der sich ein ganzes Jahr im Stand-by-Modus befindet. Auch der Verzicht auf die Verwendung von Plastiktüten ist nur wenig effektiv, wenn die Stofftüten voller Plastikflaschen und Plastikprodukten sind. Und der Kohlendioxidverbrauch für in Nordeuropa produzierte Tomaten ist fünfmal so hoch wie der von in Nordeuropa angebauten. Auch das Kaufen von Regionalprodukten scheint also keine Allzwecklösung zu sein.

Um wirklich etwas zum Schutz des Klimas beizutragen, sollten wir unseren Fleisch- und Milchkonsum einschränken, auf Autofahren und vor allem auch Flugreisen verzichten und unsere Häuser isolieren lassen. Noch wirksamer ist es, Klimakompensationen zu bezahlen, die den von Dir verursachten Treibhausgas-Ausstoß durch anderweitige Einsparung von Treibhausgasenemissionen oder deren Speicherung in Kohlenstoffsenken ausgleichen. MacAskill empfiehlt die 2007 gegründete Organisation Cool Earth, die ihre Spendengelder dafür einsetzt, profitable wirtschaftliche Aktivitäten in Komunen im Regenwald zu fördern, sodass diese ihr Stück Land nicht an Holzfäller verkaufen müssen. Das Programm ist nachgewiesenermaßen sehr effektiv. Konservativ geschätzt können mit einer Spende von nur 105 Dollar im Jahr die gesamten Kohlendioxid-Emissionen eines durchschnittlichen US-Bürgers kompensiert werden.

5. Die fünf Leitfragen

Deworm the World, American Apparel, Katastrophenspenden und Regionalprodukte sind nur einige Beispiele für "schlechte gute Taten". Das Ziel eines Effektiven Altruisten ist aber nicht weniger als die bestmögliche aller Taten. Um diese zu erreichen (oder ihr überhaupt mal näher zu kommen), gibt uns MacAskill fünf Leitfragen an die Hand:

1. Wie viele Menschen profitieren davon und in welchem Maß? Die Antwort auf diese Frage hilft uns herauszufinden, wie groß der Nutzen unseres jeweiligen Einsatzes ist, die Maßnahme mit dem größten Nutzen sollten wir wählen. Hier entscheiden wir, wem wir helfen und wem eben nicht.

2. Ist dies das Wirksamste, was man tun kann? Die besten Gesundheitsprogramme sind nach Ansicht des Autors hunderte Male besser als die lediglich guten Programme, darum sollten wir diese auch wählen.

3. Ist dies ein vernachlässigter Bereich? Ist das Problem wichtig und dabei aber vernachlässigt, können wir hier mit einer Spende sehr viel mehr bewirken. Für den Kampf gegen Malaria steht z. B. viel weniger Geld zu Verfügung als für die Krebsforschung und -heilung, hier ist es also effektiver, für Malaria zu spenden.

4. Was wäre andernfalls geschehen? Hier geht es darum zu schauen, wie sich das jeweilige Programm auswirkt (vielleicht gibt es ja Studien dazu?). Auch wenn sich jemand z. B. dazu entschließt Arzt zu werden um möglichst vielen Menschen zu helfen, können Überlegungen dazu führen, dass man mit einem anderen höher bezahlten Beruf, bei dem man gezielt viel Geld spenden kann, mehr Menschen helfen kann als als Arzt.


5. Wie gut sind die Erfolgsaussichten, und wie viel wäre ein Erfolg wert? Manchmal lohnt es sich Wege einzuschlagen, nicht weil sie mit großer Wahrscheinlichkeit etwas bewirken werden, sondern weil sie eine sehr große Wirkung entfalten würden, wenn sie denn etwas bewirken. So ist es z. B. nicht sehr wahrscheinlich, dass man Ministerpräsident eines Landes wird, schafft man es, kann man aber in dieser Position unglaublich viel Gutes bewirken.

„Die Aktivisten, die für die Gleichberechtigung von Frauen, Schwarzen und Homosexuellen eintraten, taten das Richtige, und zwar nicht, weil sie kurzfristig gute Erfolgsaussichten hatten, sondern weil sie im Erfolgsfall so viel bewegen würden.“

6. Mach mit!

Das Schöne am Effektiven Altruismus ist dies: Schon wenig hilft viel! 

Die Occupy-Bewegung erinnert uns daran, dass das reichste ein Prozent der amerikanischen Bevölkerung fast ein Viertel aller Einkommen verdient. Beim Vermögen sind die Ungleichheiten noch viel drastischer. Doch diese rein nationale Sichtweise lässt außer Acht, dass auch die restlichen 99 Prozent der in den westlichen Industrienationen lebenden Menschen weltweit zu den Spitzenverdienern gehören. Wenn Sie 4.000 Dollar im Monat verdienen, gehören sie zu dem reichsten 1-% der gesamten Welt! Der amerikanische Durchschnittsverdienst liegt bei 2.000 Euro – damit gehört der durchschnittliche Amerikaner auch noch zu den global Top 5-Prozent! Und selbst Amerikaner, die unter der offiziellen relativen Armutsgrenze von 900 Dollar leben müssen, sind immer noch wohlhabender als 85 Prozent der Weltbevölkerung.

Zum Vergleich: 1,22 Milliarden Menschen, das sind 20 Prozent der Weltbevölkerung, verdienen weniger als 1,50 Dollar am Tag und leben damit offiziell in extremer Armut. Diese Zahl ist kaufkraftbereinigt! Das heißt: Für diese 1,50 Dollar am Tag kann sich der Mann in Uganda nicht mehr leisten, als ein Amerikaner am selben Tag in den USA: ein wenig ungekochter Reis. Für das, was der Amerikaner (was Sie?) aber in einer Stunde verdient, kann sich der Mann in Uganda aber ein Vielfaches davon leisten, was der Amerikaner damit kaufen könnte. Um es kurz zu machen: Ihr Geld stiftet bei den richtigen Hilfsorganisationen viel mehr Nutzen, als wenn Sie es für sich konsumieren würden. Stellen Sie sich eine Happy-Hour vor, in der Sie die Wahl haben, für sich selbst ein Bier für 5 Dollar oder für jemand anderen ein Bier für 5 Cent zu bestellen. Tatsächlich sind wir alle ständig in dieser Situation. Wie wäre es also, wenn Sie anfangen einmal in der Woche auf ein Bier (oder Vergleichbares) zu verzichten und dafür Dutzenden anderen Menschen eine Freude machen? Oder Sie gehen gleich in die Vollen und spenden das biblische Zehnt ihres Arbeitsgehaltes.Schätzungen zufolge kostet es in den Entwicklungsländern rund 3400 Dollar, ein Menschenleben zu retten. Dieser Betrag ist so gering, dass ihn die meisten Einwohner der reichen Länder jedes Jahr aufbringen und damit pro Jahr effektiv ein Menschenleben retten könnten - ohne ihre Lebensqualität erheblich zu verringern!

Wenn jeder Durchschnittsverdiener in den westlichen Industrienationen etwa hundertmal so reich ist wie die ärmsten Menschen in der Welt, bedeutet das, dass 1000 Dollar für sie so viel wert sind wie 100 000 Dollar für uns. Jeder von uns kann mit sehr wenig Geld sehr viel verändern, wenn wir nur wollen.

Sie sehen: Es spricht absolut nichts gegen (kluges!) Spenden. Der Utilitarist Peter Singer, der auch ein Buch über den Effektiven Altruismus geschrieben hat, geht sogar noch einen entschiedenen Schritt weiter: Es sei sogar unmoralisch, wenn wir nicht spenden und stattdessen unser Luxusleben genießen. Stellen Sie sich einen Mann vor, der gerade an einem See entlang spaziert und ein kleines Mädchen erspäht, das ins Wasser gefallen ist und nicht schwimmen kann. Da er seinen Anzug aber nicht nass machen möchte, sieht er ihr beim Ertrinken zu, anstatt sie zu retten. Hat der Mann nun unmoralisch gehandelt? Offensichtlich schon! Ihr beim Ertrinken zuzusehen führt de facto zur gleichen Konsequenz wie sie aktiv zu töten. Was aber, frägt Singer, ist der Unterschied zwischen dem Mädchen im See und der Inderin, die aufgrund unserer ausbleibenden Spende gerade verhungert?

„Jene von uns, die in reichen Ländern leben, sind in der Lage, für andere Menschen mindestens das Hundertfache dessen zu tun, was sie für sich selbst tun können.“

Singers und MacAskill Gedanken sind radikal und kaum einer lebt bis in die letzte Konsequenz kongruent zu ihnen. Aber das muss man auch nicht. Wenn meine Ehefrau an Brustkrebs erkrankt, werde ich ihr die Behandlung bezahlen, auch wenn ich vom selben Geld sicher anderswo viel mehr Menschenleben hätte retten können. Ich werde sie auch immer noch ab und an zum Abendessen ausführen, im Wissen, dass ich stattdessen heute Abend mit ihr Dosenbohnen essen und andere Menschen miternähren könnte. Aber müssen wir wirklich jeden Samstag ausgehen? Persönliche Präferenzen sind wichtig und unser Leben sollte nicht nur vom effektiven Altruismus bestimmt werden, aber vielleicht viel, viel mehr, als es das bisher der Fall ist.

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Kommentare: 1
  • #1

    WissensWert (Mittwoch, 19 Juli 2017 22:54)

    Der Verzicht auf Kinder kann das Klima erheblich entlasten:

    http://www.hr-inforadio.de/programm/themen/studie-weniger-kinder---besseres-klima,co2-kinder-100.html


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