„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

personalisiertes Internet

Auf die Frage danach, welcher Trend sich im Verlauf der nächsten Jahre und Jahrzehnte durch das weltweite Netz ungehindert fortsetzen wird, gibt es nur eine Antwort: Das personalisierte Internet. Die Algorithmen der Marktführer in Sachen Informationsfluss, wie Google und Facebook, bestimmen heute bereits, welche Inhalte jeder individuelle Nutzer zu sehen bekommt. Und keine Nutzererfahrung gleicht der anderen. Das ist zumindest das ultimative Ziel dieser Technologien.

 

Auf den ersten Blick scheint diese Entwicklung vor allem positiv zu sein: Niemand bekommt mehr Webseiten, Filme, Musik und Bücher empfohlen, die ihn nicht interessieren. Selbst die Werbung ist zumindest auf Zielgruppen maßgeschneidert oder adressiert gleich direkt den eigenen, persönlichen Geschmack. Neben der erhöhten Bequemlichkeit und des verringerten Zeitaufwands bei der Suche nach neuen Inhalten und Produkten, fungieren diese Algorithmen auch als Entscheidungshilfe. Denn mit einer ausreichend großen Menge an Daten über einen Nutzer, kennen Computerprogramme den eigenen Geschmack besser als der Nutzer selbst. Ein spannender, wenn auch gleich erschreckender Ausblick auf die fortschreitende Digitalisierung unserer Gesellschaft.

 

Doch, wie alles im Leben, birgt auch das personalisierte Internet negative Aspekte und Gefahren. Und zwar nicht zu knapp. Eine immer individuellere Einzelerfahrung des Mediums Internet, welche bereits heute die am häufigsten genutzte Informationsquelle vieler Menschen unserer Gesellschaft ist (Tendenz steigend), führt unweigerlich zu Isolationsprozessen. Denn nicht nur Unterhaltungsprodukte und Werbung unterliegen dem Drang zur Personalisierung. Auch Meinungen und Nachrichten werden vom Nutzer selbst nach und nach auf die eigene Perspektive und die eigene Weltanschauung zugeschnitten. Informationen, die gefallen, werden geklickt und abonniert und Informationen, die nicht gefallen oder sogar negative Gefühle hervorrufen, werden ignoriert oder sogar gleich geblockt (siehe auch: digitale Filterblase).

 

Verwunderlich ist dieser Prozess nicht: Tribalismus, also das bilden von kleinen Gruppen und Mini-Gesellschaften innerhalb einer Gesamtgesellschaft, ist eine tief verwurzelte Eigenschaft des Menschen. Personen mit ähnlichen Sichtweisen, ähnlichen Ideen und Werten sowie ähnlichen politischen Ausrichtungen schätzen wir als sympathisch ein und sind auch eher bereit mit diesen Bekanntschaften zu machen und Freundschaften einzugehen. Ein gegenteiliger Prozess findet gegenüber Personen statt, die uns weltanschaulich unähnlich sind. Wir tendieren dazu diese Menschen zu ignorieren, zu meiden oder sie sogar zu unseren Feinden zu erklären.

 

Diese Verhaltensweisen waren nützlich, als Menschen in Kleingruppen lebten und die erste Priorität das tägliche Überleben war. Hier konnte das eigene Vertrauen in andere Mitglieder dieser Gruppe den Unterschied zwischen Leben und Tod machen. Gemeinsame Ziele und Werte sind eine Grundlage für Vertrauen und eine erfolgreiche Zusammenarbeit, weshalb sich diese Eigenschaften als Indikatoren für Sympathie und mögliche Freundschaften etablierten.

 

Übertragen wir dieses Prinzip jedoch auf ein globalisiertes und vollvernetztes Zeitalter, in der sich jedes Individuum den eigenen Blick auf die Welt personalisieren kann, erwächst ein bisher unbekanntes Phänomen: Die sogenannte Cyber-Balkanisierung.

 

Cyber-Balkanisierung überträgt den Begriff der Balkanisierung, welcher den Zerfall einer Nation in kleinere Einzelstaaten oder das Loslösen von Landesteilen eines Staates beschreibt, auf das Internet. Durch konstante Personalisierungsprozesse bildet sich ein weltumspannendes Netzwerk aus unterschiedlich großen, sehr spezifischen und teilweise stark voneinander isolierten Nutzergruppen. Auch wenn ein Informationsaustausch zwischen verschiedenen Gemeinschaften möglich ist und sich manche Individuen in mehreren dieser Gruppen bewegen, läuft der Prozess der Cyber-Balkanisierung gerichtet auf einen Zustand, in dem die Mitglieder solcher Gemeinschaften ein nahezu maximales Ähnlichkeitsniveau in Bezug auf bestimmte Meinungen, Werte und Weltbilder besitzen.

 

Zusätzlich ermöglicht es der globale Charakter dieses Netzwerks, dass auch jede noch so kleine und extreme Randerscheinung des Meinungsspektrums eine so ausreichend große kritische Menge an Unterstützern findet, dass sie sich selbst am Leben erhalten und darüber hinaus sogar noch die Fähigkeit erlangen kann gesellschaftlichen Einfluss auszuüben.

 

Um die Hypothese der Cyber-Balkanisierung zu bestätigen, müssen wir nur einen Blick auf den unglaublich artenreichen Mikrokosmos der Verschwörungstheorien und deren Anhänger werfen, welche seit der Popularisierung des Internets eine ungeahnte Blütezeit erfahren. So finden wir Nutzergruppen welche, entgegen jeglicher Akzeptanz der wissenschaftlichen Fakten, dem Glauben anhängen, dass die Erde eine Scheibe ist und sich nicht mit hoher Geschwindigkeit um die eigene Achse dreht und um die Sonne bewegt. Oder dass die Evolution eine Lüge ist und die Erde nur 6000 Jahre alt sein kann. Oder dass Impfungen gefährlich sind, krank machen und Menschen töten. Von den Auswüchsen politischer Verschwörungstheorien ganz zu schweigen. Für jede noch so denkbare Absurdität findet sich mindestens eine Online-Community, in der sich rege und vor allem unkritisch darüber ausgetauscht wird.

 

Waren diese Extremmeinungen vor der Verfügbarkeit des Internets auf räumlich weit voneinander getrennte Einzelpersonen verteilt, so können sich heute alle diese Individuen über das Internet zusammenschließen und eine eigene Gemeinschaft bilden, in der sie ihre Werte und Ideen miteinander teilen. Eine Echokammer ist geboren, durch die sich die Cyber-Balkanisierung in einen autokatalytischen Prozess verwandelt. Der regelmäßige Austausch und die gegenseitige Bestätigung zwischen den Mitgliedern innerhalb dieser Echokammer führt zu einer weiteren Extremisierung der Meinungen. Diese noch extremeren Meinungen führen zu stärkerer Ablehnung durch andere Gruppen, was die Isolation der Echokammer weiter erhöht. Die stärkere Abschottung führt zu einem größeren Fokus auf die eigene Gruppe und damit wieder zu einer weiteren Verschärfung der Meinungen. Der Prozess beschleunigt sich selbst.

 

Eine zweite menschliche Eigenschaft führt dann zur unrühmlichen Perfektion des Problems: Der Bestätigungsfehler oder auf Englisch „confirmation bias“. Die durch so extreme Balkanisierungs-Prozesse entstandenen Gemeinschaften, sind so weit von der beobachtbaren Realität entfernt, dass eine Akzeptanz von wissenschaftlichen Fakten und anderen Meinungen einer vollständigen Revidierung des eigenen Weltbilds und damit einer Selbstaufgabe gleich kommt. Es wird also, bis es unvermeidlich wird, das bisherige Weltbild mit allen möglichen Mitteln aufrecht erhalten. Das Ignorieren, Verdrehen und Erfinden von Fakten, wird hier zum Modus Operandi, und diese Verhaltensweisen werden noch am passendsten vom Begriff „postfaktisch“ erfasst, da hier tatsächlich „Fake News“ zwischen den Mitgliedern dieser Gemeinschaften verbreitet werden, um den kollektiven Irrglauben am Leben zu erhalten.

 

Voneinander isolierte Echokammern bilden sich jedoch nicht nur in kleinen, spezifischen „Subkulturen“ des Internets. Auch Themen, welche breiten Anklang in der Gesamtbevölkerung finden, unterliegen den gleichen Prozessen der fortschreitenden Personalisierung des Internets und der daraus resultierenden Cyber-Balkanisierung, inklusive aller bereits von mir genannten Probleme. Ein hervorragendes Beispiel dafür bildet die Webseite „Blue Feed, Red Feed“, ins Leben gerufen im Zuge der letzten US-amerikanischen Wahl durch das Wall Street Journal. Erneut bietet das politische System der Vereinigten Staaten eine gute Demonstration der Problematik, da wir es hier mit einem de facto Zwei-Parteien-System zu tun haben, was zwangsläufig in einer Dichotomie der meisten politischen Debatten mündet.

 

„Blue Feed, Red Feed“ stellt einen konservativen bzw. republikanischen Facebook-Newsfeed einem liberalen bzw. demokratischen Facebook-Newsfeed gegenüber und offenbart damit, welche Resultate ein absolut personalisierter Informationsfluss erzeugt. Während bald-Präsident Trump im demokratischen Newsfeed dämonisiert wird, erklärt der republikanische Newsfeed Trump zum Heilsbringer eines endlich wieder großartigen Nordamerika. Umgekehrt passiert vergleichbares mit der gescheiterten ehemaligen Präsidentschaftskandidatin Clinton. Progressiver Heiland oder bis aufs Mark korrupte Berufspolitikerin mit Machiavelli-Komplex. Nuancen und Differenzierungen werden gemeinsam mit den Fakten am Straßenrand der Informationsautobahn zurückgelassen und nur dann wieder eingesammelt, wenn es gerade in die eigene Narration passt.

 

Auffallend ist vor allem: Anstatt eine direkte Konversation über die Meinungsverschiedenheiten zu beginnen, reden die Mitglieder dieser Gemeinschaften in erster Linie miteinander über die jeweils andere Gruppe. Und so wird mit Hilfe des Bestätigungsfehlers ein Götzenbild des politischen Gegners aufgebaut, ein sprichwörtlicher Strohmann, welcher, wenn überhaupt nur in Teilen den Fakten entspricht und welcher nach Lust und Laune angezündet werden kann, wenn den Gruppenmitgliedern der Wunsch danach steht.

 

Sogenannte „Fake News“ sind jetzt also nur eine neue Variante dieses Strohmanns. Sobald auch nur der Anschein besteht, dass eine Nachrichtenmeldung einen politischen Einschlag haben könnte, kann mit der „Fake-News“-Anschuldigung scheinargumentiert werden. Ob es sich dann jedoch wirklich um eine frei erfundene Erzählung handelt, politisch motivierte Meinungsmache am Werk ist oder Journalisten einfach nur schlampig gearbeitet haben, spielt keine Rolle. Das erzeugte Stigma am politischen Gegner ist wichtiger, als die Suche nach der Wahrheit.

 

Es lässt sich also erkennen, dass die Begriffe „postfaktisch“ und „Fake News“ nicht viel mehr sind als Worthülsen, die nur darauf warten mit politisch aufgeladenem Inhalt gefüllt zu werden. Sie dienen immer nur dem, der sie für seine Zwecke einsetzt und sie helfen nicht dabei eine klare und unvoreingenommene Perspektive auf die Welt zu erlangen. Trotzdem werden beide Begriffe weiterhin den politischen Diskurs der nächsten Monate bestimmen und bereits jetzt wird über mögliche gesetzliche Maßnahmen zur Bekämpfung von „Fake News“ debattiert. Aber sind Gesetze überhaupt in der Lage etwas an dieser Situation zu verändern?

Gastbeitrag: Der Doktorant (YouTubeBlog)

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