„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Das Ende des Individualismus?

Der Individualismus ist eine Gedanken- und Wertesystem, in dem das Individuum im Mittelpunkt der Betrachtung steht. Er kann als Gegensatz zum Kollektivismus interpretiert werden.

Vor allem im alltagssprachlichen Gebrauch wird mit "Individualismus" auch eine (persönliche) Geisteshaltung bezeichnet, bei der möglichst eigenständige Entscheidungen und Meinungsbildungen angestrebt werden. In diesem Wortsinne steht der Individualismus in Abgrenzung vom Konformismus als emanzipatorischer und zivilisatorischer Ausdruck der Selbstverwirklichung.

Ich werde in diesem Aufsatz die These vertreten, dass der (uns gegenwärtig noch so selbstverständlich erscheinende) Individualismus im 21. Jahrhundert ernsthaft bedroht werden wird und langfristig durch andere Gedankengebäude ersetzt werden könnte.

Für eine allgemeine Einführung in die Philosophie des Individualismus siehe: Individualismus (Philosophie).

1. Das Ende des Individualismus?

Der gesellschaftliche Individualismus gründet nach meinem Dafürhalten auf den folgenden ihm konstitutiven Annahmen:

1. Substanztheorie des Ichs: Der Mensch ist ein In-dividum, d.h. er besitzt einen einzigen Wesenskern, der sich nicht in einzelne Bestandteile oder Subsysteme aufspalten lässt. Zwar tritt dieser innere Kern in vielen äußeren Rollen auf (Vater, Ehemann, Geschäftskollege usw.), aber wenn ich mich darum bemühe, diese Rollen abzulegen, werde ich tief in mir drinnen eine klare und eindeutige innere Stimme finden, diese stellt mein authentisches Ich dar.

2. Willensfreiheit: Dieses authentische Ich kann freie Entscheidungen treffen.

3. introperspektiver Selbstzugang: Ich weiß Dinge über mich selbst, die niemand sonst wissen kann. Denn nur ich kann das Flüstern meines authentischen Ichs hören. Aus diesem Grund gesteht der Liberalismus dem Individuum so viel Macht zu. Ich kann niemand anderem die Aufgabe anvertrauen, Entscheidungen für mich zu treffen, denn niemand außer mir weiß, wer ich wirklich bin, wie ich mich fühle oder was ich will und brauche. Deshalb weiß der Wähler, was am besten für ihn ist, deshalb bestimmt der Konsument das Angebot und deshalb heiraten wir wen wir wollen und glauben so fest an den Individualismus.

Diese drei humanistischen Glaubenssätze sind tief in uns verwurzelt. Bei schwierigen Situationen wird uns der Eheberater bitten in uns hinein zu fühlen und fragen, was unser authentisches Ich wirklich will. Der Vater von Heute wird seinen Kindern beibringen, dass sie ihren eigenen Willen finden sollen und wir alle glauben, dass es Dinge gibt, die nur wir über uns Wissen. Ausgerechnet von den Wissenschaften, die im Renaissance-Humanismus erst so richtig groß geworden sind, werden diese Glaubenssätze nun ernsthaft in Frage gestellt. Allen voran die Biowissenschaften legen Folgendes nahe:

Bündeltheorie des Ichs: Organismen sind Algorithmen, und Menschen sind keine Individuen - sie sind "Dividuen", d.h. eine Ansammlung vieler verschiedener (biologischer) Algorithmen, denen es an einer einzigen inneren Stimme oder einem einzigen Selbst fehlt.

Determinismus: Diese biologischen Algorithmen determinieren menschliches Verhalten, d.h. die menschliche Willensfreiheit ist eine Farce.

Bio- und Psychometrik: Folglich könnte ein externer Algorithmus viel besser über mich Bescheid wissen als ich selbst. Ein Algorithmus, der all meine Verhaltensweisen- und dispositionen, mein hormonelles und mein neuronales System in Gänze kennt, könnte wissen, wer ich bin, wie ich mich fühle, was ich will und was ich in Zukunft tun werde. Einmal entwickelt, könnte ein solcher Algorithmus die Posten einnehmen, die im modernen Liberalismus mit Wählern, Konsumenten und freien Entscheidungsträgern noch mit Menschen besetzt sind. Denn dann wird ein Algorithmus viel besser als ich selbst wissen, welche Wahl, welcher Einkauf und welche Partnerin am meisten meinen Wünschen entspricht und am besten für mich sein wird.

Bevor Sie nun aufhören zu lesen, weil Ihnen diese Thesen allzu grotesk erscheinen, geben Sie diesem Text eine Chance.

1.1. Beispiel Medizin

In der Medizin haben wir diesen Zustand bereits erreicht. In Krankenhäusern sind wir keine undurchschaubaren Individuen mehr.

Wer, glauben Sie, trifft während Ihres Lebens die wichtigsten Entscheidungen über Ihre Gesundheit? Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass viele dieser Entscheidungen von Computeralgorithmen wie etwa dem Watson von IBM getroffen werden. Und das ist nicht zwangsläufig eine schlechte Nachricht. Diabetiker tragen bereits Sensoren, die mehrmals am Tag ihren Blutzuckerspiegel automatisch messen und sie alarmieren, wenn er eine gefährliche Schwelle überschreitet. 2014 führten Forscher an der Yale University den ersten erfolgreichen Versuch mit einer künstlichen Bauchspeicheldrüse durch, die von einem iPhone kontrolliert wird. An diesem Experiment nahmen 52 Diabetiker teil. Jeder Patient bekam einen winzigen Sensor und eine winzige Pumpe in seinen Magen eingepflanzt. Die Pumpe war mit kleinen Röhrchen mit Insulin und Glukagon verbunden, zwei Hormonen, die zusammen den Blutzuckerspiegel regulieren. Der Sensor maß diesen Spiegel ständig und übermittelte die Daten ans iPhone. Das iPhone verfügte über eine App, die diese Informationen analysierte und, wenn nötig, Befehle an die Pumpe schickte, die eine bestimmte Menge entweder an Insulin und Glukagon spritzte - ohne dass dabei irgendein Mensch beteiligt war.[1]

Auch viele Menschen, die unter keinen schweren Krankheiten leiden, nutzen tragbare Sensoren und Computer, um ihre Gesundheit und Aktivitäten zu überwachen. Die Apparate - die in Smartphones und Armbanduhren genauso integriert werden können wie in Armbänder und Unterwäsche - zeichnen verschiedene biometrische Datenwerte wie etwa den Blutdruck auf. Diese Daten werden anschließend in ausgefeilte Computerprogramme eingespeist, die Ihnen Ratschläge erteilen, wie Sie Ihre Ernährung und Alltagsroutinen so verändern, dass Sie gesünder, länger und produktiver leben. Google entwickelt zusammen mit dem Pharmariesen Novartis gegenwärtig eine Kontaktlinse, die alle paar Sekunden über die Tränenflüssigkeit den Blutzuckerspiegel überprüft.[2] Pixie Scientific verkauft "schlaue Windeln", die die Exkremente des Babys analysieren und daraus auf den gesundheitlichen Zustand des Säuglings schließen. Microsoft hat im November 2014 das Microsoft Band vorgestellt - ein Fitnessarmband, das unter anderem den Puls, die Schlafqualität und die Zahl der Schritte, die man täglich tut, überwacht. Eine App namens Deadline geht noch einen Schritt weiter und informiert Sie darüber, wie viele Jahre Sie statistisch noch zu leben haben, wenn Sie Ihre aktuellen Gewohnheiten beibehalten.

Manche Menschen nutzen diese Applikationen, ohne allzu viel darüber nachzudenken, doch für andere sind sie bereits zu einer Ideologie geworden. Die "Quantified Self"-Bewegung behauptet, das Ich bestehe aus nichts weiter als aus mathematischen Mustern. Diese Muster sind so komplex, dass der menschliche Geist keinerlei Chance hat, sie zu verstehen. Will man also dem alten Leitspruch gehorchen und sich selbst erkennen, sollte man seine Zeit nicht mit Philosophie, Meditation oder Tiefenpsychologie vergeuden, sondern systematisch biometrische Daten sammeln und diese von Algorithmen analysieren lassen, damit diese Ihnen sagen, wer Sie sind und was Sie tun sollten. Das Motto der Bewegung lautet: Selbsterkenntnis durch Zahlen.[3]

Bestimmt nicht Wenige von uns wollten ihrer Partnerin schon folgende Frage stellen: "Wer ist besser im Bett, ich oder dein Ex?" Vor der Antwort auf diese Frage kann es einem gleichermaßen grauen und interessieren. Was aber, wenn die Partnerin ausweicht, sich nicht mehr genug an den Sex mit dem Ex erinnert oder euer beide Liebhaberqualitäten für zu unterschiedlich hält, um sie vergleichen zu können? Nun, für solche Fälle verkauft das Unternehmen Bedpost biometrische Armbänder, die während des Geschlechtsverkehrs getragen werden. Dieses Armband sammelt Daten wie etwa Puls, Schweißproduktion, Dauer des Geschlechtsverkehrs, Dauer des Organismus und Zahl der dabei verbrauchten Kalorien. Diese Daten werden in einen Computer eingespeist, der die Informationen analysiert und Ihre Leistung anhand präziser Zahlen einstuft. In Zukunft könnten Sensoren auch noch deinen Dopaminspiegel und die Gehirnzentren vermessen, die für Glück und für das Flunkern verantwortlich sind. Also keine falschen Orgasmen und kein "Wie war´s für dich?" mehr. Ein Blick auf die Armbanduhr sollte fortan genügen.[4]

Menschen, die sich unablässig über solche Apparate vermittelt erleben, betrachten sich aber vermutlich schon bald selbst als eine Ansammlung biochemischer Systeme und weniger als Individuen, deren tiefste Gefühle und Wünsche keiner kennt. Die Entscheidungen dieser Menschen werden zunehmend die widerstreitenden Forderungen der verschiedenen Systeme widerspiegeln. Stellen Sie sich vor, Sie haben zwei Stunden pro Woche zur freien Verfügung und sind sich unsicher, ob Sie in dieser Zeit Schach oder Tennis spielen sollen. Ein guter Freund fragt vielleicht: "Was sagt dein Herz?" "Nun", werden Sie antworten, "was mein Herz angeht, so ist Tennis ganz offenkundig die bessere Wahl. Es ist überdies besser für meinen Cholesterinspiegel und für meinen Blutdruck. Aber meine MRT-Scans sagen, dass ich meinen linken präfrontalen Kortex stärken soll. In meiner Familie kommt Demenz recht häufig vor, und mein Orakel hatte sie schon in recht frühem Alter. Jüngste Studien vermuten, dass eine Partie Schach pro Woche den Beginn der Demenz hinauszögern kann."

Wofür werden Sie sich entscheiden? Vielleicht werden Sie jede zweite Woche, immer abwechselnd, Tennis spielen und Schach spielen gehen. Ihre Entscheidung wird aber mehr von externen Statistiken und Messungen abhängen, als von ihrem authentischen Ich.

In den geriatrischen Abteilungen von Krankenhäusern findet man bereits viel extreme Beispiele externer Steuerung. Der Humanismus träumt vom Alter als einer Zeit der Weisheit und der gesteigerten Bewusstseins. Der ideale alte Mensch mag unter körperlichen Wehwehchen leiden, aber sein Geist ist schnell und scharf, und er kann auf acht Jahrzehnte Erfahrung zurückgreifen. Er lässt sich nichts vormachen und hat für die Enkel und andere Besucher immer einen guten Ratschlag parat. Nun entsprechen 80-Jährige im 21. Jahrhundert nicht immer so ganz dieser Vorstellung. Dank unseres wachsenden Wissens über die menschliche Biologie hält uns die Medizin lange genug am Leben, bis unser Geist und unser authentisches Ich verfallen und sich auflösen. Allzu oft ist nur noch eine Ansammlung dysfunktionaler biologischer Systeme übrig, die von einer ganzen Armada an Monitoren, Computern und Pumpen am Laufen gehalten werden. Angesichts der Tatsache, dass Gentechnologien zunehmend ins Alltagsleben integriert werden und die Menschen immer engere Beziehungen zu ihrer DNA entwickeln, könnte das eine Selbst auf einer tiefer liegenden Ebene noch weiter verschwimmen und die authentische innere Stimme sich in einen lärmenden Haufen von Genen auflösen. Wenn ich in irgendwelchen Zwickmühlen stecke und vor schwierigen Entscheidungen stehe, könnte ich fortan nicht mehr nach meiner inneren Stimme suchen, sondern mein inneres Genparlament befragen.

Die Schauspielerin Angelina Jolie veröffentlichte am 14. Mai 2013 in der New York Times einen Artikel über ihre Entscheidung, sich beide Brüste entfernen zu lassen. Jolie lebte schon seit Jahren unter dem Damoklesschwert des Brustkrebses, weil sowohl ihre Mutter als auch ihre Großmutter in relativ jungen Jahren daran gestorben waren. Jolie selbst ließ einen Gentest bei sich durchführen, der belegte, dass sie eine gefährliche Mutation des BRCA1-Gents in sich trug. Jüngsten statistischen Untersuchungen zur Folge erkranken Frauen, die diese Mutation aufweisen, mit einer Wahrscheinlichkeit von 87 Prozent an Brustkrebs. Aus diesem Grund entschied sich die Schauspielerin für die gewagte OP, die auch tödlich hätte enden können.

Auch Sie würden aller Wahrscheinlichkeit nach wichtige Entscheidungen zu Ihrer Gesundheit auf die gleiche Weise treffen wie Angelina Jolie. Sie würden einen Gentest, einen Bluttest oder eine MRT-Untersuchung machen lassen; ein Algorithmus wird ihre Ergebnisse auf der Grundlage riesiger statistischer Datenbanken analysieren; und Sie werden dann die Empfehlung des Algorithmus beherzigen. Das ist kein apokalyptisches Szenario. Die Algorithmen werden nicht aufbegehren und uns versklaven. Vielmehr werden sie Entscheidungen für uns so gut treffen, dass wir unser Leben aufs Spiel setzen würden, wenn wir ihrem Rat nicht folgen.

Jolie entschied sich nicht aufgrund ihres freien Willens oder ihres authentisches Ichs für eine Brust-OP, sondern aufgrund fester Datenbanken und externer Algorithmen. Hätte sie das nicht getan, wäre sie vielleicht jetzt tot. Ähnliche vollkommen nachvollziehbare Überlegungen dürften dazu führen, dass die meisten von uns bereitwillig die Grenzen einreißen, die unsere Privatsphäre schützen, und staatlichen Bürokratien sowie multinationalen Konzernen Zugang zu den hintersten Winkeln gewähren. Wenn wir beispielsweise Google erlauben, unsere E-Mails zu lesen und unsere Aktivitäten zu verfolgen, wäre es möglich, dass Google uns auf bevorstehende Epidemien aufmerksam macht, noch bevor sie von den traditionellen Gesundheitsbehörden bemerkt werden.

Wie weiß der nationale Gesundheitsdienst in Großbritannien, dass in London eine Grippenepidemie ausgebrochen ist? Indem er die Berichte Tausender Ärzte aus Hunderten von Kliniken analysiert. Wie kommen all diese Ärzte an ihre Informationen? Nun, wenn Mary eines Morgens aufwacht und sich nicht ganz auf der Höhe fühlt, rennt sie nicht sofort zum Arzt, sie wartet ein paar Stunden, vielleicht auch einen Tag oder zwei und hofft, dass eine schöne Tasse Tee mit Honig reicht. Wenn es nicht besser wird, vereinbart sie einen Termin bei ihrem Arzt, sucht die Praxis auf und beschreibt ihre Symptome. Der Arzt gibt die Daten in den Computer ein, und irgendjemand beim nationalen Gesundheitsdienst analysiert diese Daten dann hoffentlich zusammen mit den Berichten, die von Tausenden von Ärzten eintreffen, und kommt zu dem Schluss, dass eine Grippewelle im Anmarsch ist. All das dauert ziemlich lange.

Google könnte das binnen weniger Minuten schaffen. Dazu muss es lediglich die Wörter überwachen, die Menschen in London in ihre E-Mails oder in die Suchmaschine von Google eingeben, und sie mit einer Datenbank von Krankheitssymptomen abgleichen. Nehmen wir an, an einem ganz gewöhnlichen Tag tauchen die Wörter "Kopfschmerzen", "Fieber", "Übelkeit" und "Schnupfen" durchschnittlich 100.000 Mal in Londoner E-Mails und Suchanfragen auf. Wenn der Algorithmus von Google aber heute bemerkt, dass sie 300.000 Mal auftauchen, bingo! Wir haben eine Grippewelle. Mann muss nicht warten, bis Mary zum Arzt geht, denn schon am ersten Morgen, an dem sie mit einem gewissen Unwohlsein aufwachte, und noch bevor sie zur Arbeit ging, hat sie einer Kollegin eine E-Mail geschrieben, in der stand: "Ich habe Kopfschmerzen, aber ich komme." Mehr braucht Google nicht.

Doch damit Google sein Zauberwerk verrichten kann, muss Mary dem Unternehmen nicht nur gestatten, ihre Nachrichten zu lesen, sondern die Informationen auch an die Gesundheitsbehörden weiterzugeben. Wenn Angeline Jolie bereit war, ihre Privatsphäre zu opfern, um das Bewusstsein für Brustkrebs zu steigern, warum sollte dann Mary nicht ein ähnliches Opfer bringen, um Krankheitswellen zu bekämpfen?

Das ist keine bloß theoretische Vorstellung. 2008 startete Google tatsächlich Google Flu Trends, das Grippewellen aufspürt, indem es die Suchanfragen bei Google überwacht. Dieser Dienst ist noch in der Entwicklung, und aufgrund von Datenschutzbestimmungen sammelt er lediglich Suchbegriffe und liest angeblich keine privaten E-Mails. Trotzdem ist er bereits in der Lage, zehn Tage vor traditionellen Gesundheitsdiensten Grippealarm auszulösen.[5]

Ein noch ambitionierteres Projekt trägt den Namen Google Baseline Study. Dabei will Google eine Riesendatenbank zur menschlichen Gesundheit aufbauen und das "perfekte Gesundheitsprofil" erstellen. Damit wird es, so hofft man, möglich, auch die kleinsten Abweichungen von der baseline zu erkennen und damit Menschen vor drohenden Gesundheitsproblemen wie etwa Krebs zu warnen, wenn man diese noch im Anfangsstudium bekämpfen kann. Baseline Study geht mit einer ganzen Produktpalette namens Google Fit einher. Diese Produkte werden in "Wearables" wie Kleidungsstücke, Armbänder, Schuhe und Brillen integriert und sammeln einen unablässigen Strom biometrischer Daten. Dahinter steht die Vorstellung, dass Google Fit die Baseline Study mit den nötigen Daten versorgt.[6]

Unternehmen wie Google wollen allerdings noch viel tiefer gehen als nur an die Wäsche. Der Markt für DNA-Tests wächst momentan sprunghaft. Führend dabei ist 23andMe, ein Privatunternehmen, das von Anne Wojcicki, der Exfrau des Google-Mitbegründers Sergey Brin, ins Leben gerufen wurde. Der Name "23andMe" bezieht sich auf die 23 Chromosomenpaare, aus denen unser Genom besteht, und die dahinterstehende Botschaft lautet, dass meine Chromosomen in einer ganz besonderen Beziehung zu mir stehen. Jeder, der weiß, was die Chromosomen sagen, kann Ihnen Dinge über Sie erzählen, an die Sie nie auch nur im Entferntesten gedacht hätten.

Wenn Sie wissen wollen, was das für Dinge sind, zahlen Sie einfach 99 US-Dollar an 23andMe, und Sie werden ein kleines Päckchen mit einem Röhrchen bekommen. Sie spucken in dieses Röhrchen, versiegeln es und schicken es nach Mountain View in Kalifornien. Dort wird die DNA in Ihrem Speichel analysiert, und Sie können die Ergebnisse dann online einsehen. Sie bekommen eine Liste möglicher Gesundheitsgefahren, denen Sie ausgesetzt sind, sowie ihre genetische Prädisposition für mehr als 90 Merkmale und Leiden, die von der Glatze bis zur Blindheit reichen. "Erkenne dich selbst" war nie leichter oder billiger. Da das alles auf Statistik beruht, ist die Größe der unternehmenseigenen Datenbank der Schlüssel, um genaue Prognosen abgeben zu können. Deshalb wird das erste Unternehmen, das eine riesige genetische Datenbank aufbaut, die Kunden mit den besten Prognosen versorgen können und damit den Markt beherrschen. Biotechunternehmen aus den USA sind deshalb zunehmend besorgt darüber, dass strenge Datenschutzbestimmungen in den USA im Zusammenspiel mit chinesischer Missachtung der Privatsphäre China den Gen-Markt quasi auf dem Silbertablett servieren.

Wenn wir all das zusammennehmen und wenn wir Google und seinen Konkurrenten freien Zugang zu unseren biometrischen Geräten, zu unseren DNA-Scans und zu unsere Krankenakten gewähren, bekommen wir einen allwissenden Gesundheitsdienst, der nicht nur Seuchen bekämpft, sondern uns auch vor Krebs, Herzinfarkten und Alzheimer schützt. Doch mit einer solchen Datenbank könnte Google noch viel mehr anstellen. Stellen Sie sich ein System vor, das, in den Worten eines berühmten Songs von Police, jeden Ihrer Atemzüge, jede Ihrer Bewegungen und jedes Ihrer gebrochenen Versprechen verfolgt. Ein System, das Ihr Bankkonto und Ihren Puls, Ihren Blutzuckerspiegel und Ihre sexuellen Eskapaden überwacht. Es wir Sie definitiv viel besser kennen als Sie sich selbst. All die Selbsttäuschungen, die Menschen an schlechten Beziehungen, falschen Berufen und schädlichen Gewohnheiten festhalten lassen, werden Google nichts vormachen können. Anders als das erinnernde Selbst, das uns heute kontrolliert, wird Google keine Entscheidungen auf der Basis irgendwelcher Lügenmärchen treffen und sich durch kognitive Abkürzungen und die Höchstand-Ende-Regel nicht in die Irre führen lassen. Google wird sich tatsächlich an jeden Schritt, den wir getan, und an jede Hand, die wir geschüttelt haben, erinnern.

Viele Menschen werden froh sein, ihre Entscheidungsprozesse weitestgehend in die Hände eines solchen Systems legen oder es zumindest konsultieren zu können, wenn sie vor wichtigen Entscheidungen stehen. Google wird uns Ratschläge erteilen, welchen Film wir uns anschauen sollen, wohin wir am besten in Urlaub fahren, was wir studieren, welches Jobangebot wir annehmen und sogar mit wem wir uns verabreden und wen wir heiraten sollen.

Als Gegenleistung für solch hingebungsvolle Beratungsdienste müssen wir einfach nur die Vorstellung aufgeben, dass Menschen Individuen sind und dass jeder Mensch über einen freien Willen verfügt, der selbst am besten weiß, was gut und was schön. Menschen werden keinen autonomen Wesenheiten mehr sein, die von den Geschichten gelenkt werden, welche ihr erinnerndes Selbst erfindet. Stattdessen werden sie integraler Bestandteil eines riesigen globalen Netzwerks sein.

1.2. Beispiel Wahlen

Diese Entwicklung wird nicht nur die Medizin, sondern durchweg alle Lebensbereiche betreffen. Uber besitzt keine Taxis, Airbnb keine Hotels, Skype keine Telekommunikationsinfrastruktur, Facebook und YouTube keinen eigenen Content und Amazon fast ein eigenes Produkt. Und trotzdem ist Uber das weltweit größte Personenbeförderungsunternehmen, Airbnb das größte Anbieter von Unterkünften, niemand bietet so viel Content wie Amazon oder YouTube und kein westliches Unternehmen schlägt so viel Waren um wie Amazon usw.

All die neuen Internetriesen aus dem Silicon Valley wollen für ihre Dienste kein Geld von Dir. Manche schalten als eine Einnahmequelle Werbung, aber am wichtigsten sind ihnen deine Daten. Netflix misst, wann Zuschauer am häufigsten abschalten und wann sie am konzentriertesten zusehen. Dasselbe machen Playstation und Xbox mit ihren Spielern. Die daraus gesammelten Daten sind Gold wert für jedes Filme- und Spieleunternehmen, steckt in ihnen doch der Schlüssel zum „perfekten Film“ oder dem „perfekten Spiel“!

Selbst unsere Entscheidung zur Bundestagswahl könnte eines Tages ein Algorithmus für uns treffen. Er muss uns dafür nicht perfekt kennen und seine Entscheidung muss nicht immer die beste sein, es reicht, wenn er uns besser kennt und seltener daneben liegt als wir.

Stellen Sie sich einmal vor, Sie wären von allen SPD-Regierungen der letzten Jahre maßlos enttäuscht worden. Jedes Mal ließen Sie sich erneut von der Wahlkampfrhetorik einlullen und jedes Mal bereuten Sie es, wenn die SPD die Agenda 2010 einführte oder wieder die Renten kürzte, diese Partei gewählt zu haben. Doch dieses Mal ist es anders! Sie sind fest entschlossen eine andere Partei zu wählen und erzählen allen ihren Freunden, dass die SPD ihre Wähler belügt und für das Gegenteil von sozialer Gerechtigkeit steht. Doch in den Monaten vor den Wahlen entdeckt die SPD ihr Proletarier-Klientel wieder und verteilt großzügig Geschenke für die Armen. Außerdem hat die SPD die beste Marketingagentur angeheuert und führt einen brillanten Wahlkampf mit einer wohlausgewogenen Mischung aus Drohungen („die Linken zerstören unseren Wohlstand“) und Versprechungen („wir wollen die Agenda 2010 korrigieren“). Außerdem ist da dieser Martin Schulz, dem sie die sozialdemokratische Überzeugung dieses Mal echt abkaufen. Am Tag der Wahl sind Sie unentschlossen und überdies noch ein wenig verkatert von der Party gestern. Und siehe da – Sie bestätigen die Partei, über die Sie sich schon ein ganzes Leben lang aufgeregt haben!

Ein solches Schicksal wäre Ihnen höchstwahrscheinlich erspart geblieben, wenn Sie Google erlaubt hätten, für Sie abzustimmen. Google gibt es bekanntlich nicht erst seit gestern! Zwar lässt es die innerparteiliche, und die Möglichkeit einer gesamtpolitischen Linkswende in Deutschland mit dem Hoffnungsträger Martin Schulz nicht außer Acht, aber es erinnert sich auch daran, was in den letzten Jahrzehnten passiert ist. Im Gegensatz zu uns Menschen fällt Google nicht auf den Höchstands-Ende-Trugschluss herein und kann auch viel besser absehen, wie meine soziale Lage aussieht, wie es um die Weltlage bestellt ist und welche politischen Themen mein Herz am höchsten schlagen lassen. Denn es hat mit seiner neuen Google-Watch meinen gesamten Blutdruck während der 20-Uhr Nachrichten der letzten paar Jahrzehnte aufgezeichnet. Aufgrund all dieser Daten kann Google eine Wahl für mich treffen, die wohlmöglich nie perfekt sein wird, aber vielleicht schon bald besser als meine eigene.

Google wird somit in der Lage sein, nicht nach meiner momentanen Geistesverfassung und nicht den Fantasien meines für subtile Einflüsse empfänglichen Unterbewusstseins abzustimmen, sondern entsprechend den wirklichen Gefühlen und Interessen der höchst heterogenen Ansammlung biochemischer Algorithmen, die man gemeinhin als "Ich" bezeichnet.

Natürlich kann Google seine Sache auch nicht immer richtig machen. Schließlich beruhen seine Entscheidungen alle nur auf Wahrscheinlichkeiten, also auf induktiven anstatt auf deduktiven Schlüssen. Aber wenn Google genügend gute Entscheidungen trifft, werden die Menschen ihm zunehmend Macht übertragen. Im Laufe der Zeit werden die Datenbanekn größer, die Statistiken genauer, die Algorithmen ausgefeilter und die Entscheidungen werden noch besser ausfallen. Das System wird mich nie voll und ganz kennen und nicht unfehlbar sein. Aber das muss es auch nicht. Der Individualismus – und letztendlich auch der gesamte Liberalismus - könnten an dem Tag zusammenbrechen, an dem das System mich besser kennt als ich mich selbst. Und das ist weniger schwierig, als es vielleicht klingt, wenn man bedenkt, dass die meisten Menschen sich selbst nicht besonders gut kennen.

Eine Studie, die jüngst von Googles Erzfeind Facebook in Auftrag gegeben wurde, hat gezeigt, dass der Algorithmus von Facebook schon heute Persönlichkeit und Dispositionen von Menschen besser einschätzt als deren Freunde, Eltern und Partner. An der Studie waren 86.220 Freiwillige beteiligt, die über einen Facebook-Account verfügen und einen umfangreichen Fragebogen zu ihrer Persönlichkeit ausfüllten. Der Facebook-Algorithmus sagte die Antworten der Freiwilligen auf der Grundlage ihrer Facebook-Likes voraus – also bei welchen Webseiten, Bildern und Clips sie auf den Like-Button klickten. Je mehr Likes, desto genauer die Prognosen. Die Vorhersagen des Algorithmus wurden dann mit denen von Arbeitskollegen, Freunden, Familienangehörigen und Partnern verglichen. Erstaunlicherweise benötigte der Algorithmus insgesamt zehn Likes, um die Vorhersagen von Arbeitskollegen zu übertreffen. 70 Likes waren nötig, um besser als Freunde abzuschneiden, 150, um Familienangehörige hinter sich zu lassen, und 300, um die Ehepartner zu übertreffen. Mit anderen Worten: Wenn Sie auf Ihrem Facebook-Account 300 Mal etwas geliket haben, kann der Facebook-Algorithmus Ihre Meinungen und Wünsche besser vorhersagen als Ihr Mann oder Ihre Frau!

Auf einigen Gebieten schnitt der Facebook-Algorithmus sogar besser ab als die betreffende Person selbst. So wurden die Teilnehmer gebeten, Dinge wie etwa ihren Medikamentenkonsum oder die Größe ihrer sozialen Netzwerke einzuschätzen. Ihre Einschätzungen fielen weniger genau aus als die des Algorithmus. Am Ende kommt die Studie zu folgender Prognose (die im Übrigen von den menschlichen Autoren des Artikels stammt, nicht vom Facebook-Algorithmus): "Wenn Menschen wichtige Lebensentscheidungen, etwa über Aktivitäten, Berufswege oder gar Liebespartner, treffen müssen, könnten sie sich von ihren eigenen psychologischen Einschätzungen verabschieden und sich auf Computer verlassen. Es ist durchaus möglich, dass solche datengesteuerten Entscheidungen das Leben der Menschen verbessern."[7]

Weit weniger erfreulich klingt, was diese Studie ebenfalls impliziert, nämlich dass Facebook bei den nächsten Präsidentschaftswahlen in den USA nicht nur die politischen Ansichten von Abermillionen Amerikanern kennen, sondern auch wissen könnte, wer von ihnen zu den entscheidenden Wechselwählern gehört und wie sich diese Stimmen ins eigene Lager lenken lassen. Facebook wüsste, dass das Rennen zwischen Republikanern und Demokraten in Oklahoma besonders eng ist, Facebook könnte die 32.417 Wähler ausfindig machen, die noch zu den Unentschlossenen gehören, und Facebook könnte feststellen, was jeder Kandidat sagen muss,  um das Gleichgewicht zu seinen Gunsten zu ändern. Wie konnte Facebook an diese unbezahlbaren politischen Daten kommen? Wir liefern sie ganz umsonst.

In den Hochzeiten des europäischen Imperialismus kauften Konquistadoren und Kaufleute im Austausch für bunte Perlen ganze Inseln und Länder. Im 21. Jahrhundert sind unsere persönlichen Daten vermutlich die wertvolle Ressource, über die die meisten Menschen noch verfügen, und wir überlassen sie den Technikriesen im Austausch für E-Mail-Dienste und lustige Katzenvideos.

2. Fazit

Im 19. und 20. Jahrhundert hatte der Glaube an den Individualismus (und den Liberalismus im Allgemeinen) gleichwohl eine theoretische Fundierung wie auch einen praktischen Sinn, weil es keine externen Algorithmen gab, die mich wirklich effektiv überwachen konnten. Staaten und Märkte hätten sich vermutlich genau das gewünscht, aber es fehlte ihnen an der entsprechenden Technologie. Der KGB und das FBI hatten nur eine vage Ahnung von meiner Biochemie, meinem Genom und meinem Gehirn, und selbst wenn Agenten jedes meiner Telefongespräche überwachten und jede zufällige Begegnung auf der Straße festhielten, verfügten sie nicht über die Rechenfähigkeiten, um all diese Daten zu analysieren. Unter den technischen Voraussetzungen des 20. Jahrhunderts konnten Liberale folglich völlig zu Recht behaupten, niemand kenne mich besser als mich selbst. Die Intellektuellen und die einfachen Menschen hatten somit allen Grund, sich als autonomes System zu betrachten und ihrer eigenen inneren Stimme und nicht den Befehlen von Big Brother zu folgen.

Nun könnte die Technologie des 21. Jahrhunderts allerdings dafür sorgen, dass externe Algorithmen die Menschheit bis ins tiefste Innere durchleuchtet und viel besser über mich Bescheid wissen als ich selbst. Sobald das der Fall ist, wird der Glaube an den Individualismus zerbrechen, und die Macht könnte von den einzelnen Menschen auf vernetzte Algorithmen übergehen. Die Menschen werden sich nicht mehr als autonome Wesen betrachten, die ihr Leben entsprechend den eigenen Wünschen führen, sondern viel eher als eine Ansammlung biochemischer Mechanismen, die von einem Netzwerk elektronischer Algorithmen ständig überwacht und gelenkt werden. Das wird ganz praktische Folgen haben, wenn ich mich schlecht und einsam fühle, stürze ich mich nicht in die nächste Alkoholeskapade, sondern lasse mir von Siri sagen, was mich wieder aufbauen wird. Oder ich reguliere mein Glückssystem gleich über die Zugabe von Hormonen in meinen Blutkreislauf und muss nicht mehr den anstrengenden Umweg über externe Faktoren wie Sport oder Beziehungen gehen. Damit es so weit kommt, bedarf es keines externen Algorithmus, der mich durch und durch kennt und nie irgendwelche Fehler macht; es reicht, wenn dieser externe Algorithmus mich besser kennt als ich mich selbst und weniger Fehler begeht als ich. Dann nämlich wird es tatsächlich sinnvoll sein, diesem Algorithmus immer mehr meiner Beschlüsse und Lebensentscheidungen zu übertragen.

Oder?

Quellennachweise

[1] https://www.todayonline.com/world/artifical-pancreas-controlled-iphone-shows-promise-diabetes-trial?-singlepage=true

 

[2] https://www.yahoo.com/news/google-develops-contact-lens-glucose-monitor-000147894.html

 

[3] http://qsdeutschland.de/

 

[4] http://bedposted.com/

 

[5] https://www.google.org/flutrends/about/  Anmerkung: Google Grippe-Trends veröffentlicht derzeit keine Zahlen mehr. Die alten stehen aber immer noch zum Download zur Verfügung.

[6] https://www.wsj.com/articles/google-to-collect-data-to-define-healthy-human-1406246214

 

[7] "Computer-Based Personality Judgements Are More Accurate Than Those Made by Humans", S. 1036 - 1040.

Verweise

Teile aus: Yuval Noah Harari: Homo Deus: Eine Geschichte von Morgen

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