„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Kants Einfluss auf die Metaphysik

Die klassische Metaphysik kennt drei Grundfragen:

1. Was ist die fundamentale Struktur der Wirklichkeit?
2. Was für Arten von Dingen gibt es tatsächlich? (Ontologie)
3. Was ist die Natur von X?

Doch wie bekommt man heraus, worin die fundamentale Struktur der Wirklichkeit besteht, ob es neben Einzeldingen auch noch Eigenschaften gibt oder was es ist, das z.B. die Natur von Zahlen ausmacht?

Nach der traditionellen Annahme beruht die Metaphysik auf Vernunfteinsichten. D.h. Metaphysiker wollen allein rationalistisch, d.h. durch systematisches Nachdenken zu Einsichten bezüglich dieser drei Fragen gelangen.

Immanuel Kant kritisierte diese klassische Metaphysik. Alle Fragen (1)-(3) wollen etwas von den Objekten der Welt an sich wissen, dies sei aber prinzipiell unmöglich, da wir Objekte immer nur für sich und nie an sich erkennen. Kant ist aber kein Skeptizist. Er bezweifelt weder die Existenz der Außenwelt noch die Möglichkeit von Erkenntnis per se. Nach Kant könne man eben nur erkennen, welche Wirkungen Gegenstände auf das Bewusstsein haben, und auch das nur so weit, wie diese sich gedanklich nachvollziehen lassen. Der Eigenanteil, den Sinnlichkeit und Verstand in das Erleben und in die Inhalte des Bewusstseins einbringen, konstituiert dann den Unterschied zwischen der Welt für sich und der Welt an sich.

In seiner Kritik der reinen Vernunft schlägt Immanuel Kant ein neues Programm für die Metaphysik vor: Statt ein Wissen von Dingen an sich anzustreben, soll die Metaphysik die allgemeinen Strukturen der Erkenntnisvermögen (Sinnlichkeit und Verstand) untersuchen, die die Erkenntnis einzelner Sachverhalte, also Urteile ermöglichen. Diese allgemeinen Voraussetzungen („Bedingungen der Möglichkeit“) jeder Erkenntnis - heißen in Kants Terminologie kurz transzendentale Prinzipien.

Die in Kants Erkenntnistheorie wichtigsten Urteile sind die synthetischen Urteile a prirori. Dabei gilt: Synthetische Urteile sind Urteile mit Tatsachengehalt, d.h. ihre Wahrheit oder Falschheit ergibt sich nicht vollständig aus der Bedeutung der in ihnen vorkommenden Wörter. "Der Eiffelturm ist über 300m hoch" ist ein solches synthetische Urteil, "alle Junggesellen sind unverheiratet" ist hingegen keins, da hier das Prädikat bereits im Subjekt enthalten ist. Apriorisch ist ein Urteil dann, wenn es sich ohne Verweis auf Erfahrungstatsachen rechtfertigen lässt. Also ist "2 + 2 = 4" ein Urteil a priori, wohingegen das Urteil "Alle Katzen haben Pfoten" a posteriori ist.

Sucht man nach Beispiele für Kombinationen, so fällt schnell auf, dass wir sowohl a posteriori Wissen von synthetischen Sätzen ("Alle Menschen sind sterblich") als auch a priori Wissen von analytischen Sätzen ("Alle Kreise sind rund") ganz einfach haben können.

ABER: Der traditionelle Metaphysiker erhebt den Anspruch, durch reines Nachdenken – also: a priori – Tatsachenwahrheiten über die Welt – also: synthetische Sätze – begründen zu können. Kurzum: Die klassische Metaphysik strebt nach synthetischen Urteilen a priori – doch sind solche Urteile überhaupt möglich?

Diese Frage ist bis heute heftig umstritten. Auf jeden Fall hat Kant mit seiner Kritik einen riesigen Impakt hinterlassen. Sein Ziel, die Metaphysik zu einer Wissenschaft– d.h. zu einem Erkenntnisprojekt mit einer klaren Methode und mit aufeinander aufbauenden Ergebnissen – zu machen, muss dabei aber als verfehlt angesehen werden. Denn die Metaphysik hat bis heute keine erwiesenermaßen verlässliche Methode zur Erkenntnisgewinnung auf ihren Gebiet. Wenn Sie mich fragen, wird sie das auch nie haben.

Stellt sich die Frage: Ist es schlimm, dass die Metaphysik (immer noch) keine Wissenschaft ist?

· Ein Beweis der Verlässlichkeit metaphysischer Theoriebildung wäre schon eine schöne Sache. Aber: Daraus, dass wir die Verlässlichkeit metaphysischer Überlegungen nicht beweisen können, folgt nicht, dass metaphysische Überlegungen nicht verlässlich sind.
· Obwohl Metaphysik keine Wissenschaft ist, gibt es strikte Standards für Argumente und Überlegungen – und eine große Debatte um Methoden. Da sind wir viel weiter als die VorKantische Metaphysik.
·
In der Philosophie ist es nie so, dass man erst eine Methode entwirft und dann nach Schema F verfährt. Philosophen treiben sich mit exotischen Fragestellungen umher und verwenden dafür alle Gründe und Einsichten, die sie finden können. Mehr kann man von Philosophen vermutlich gar nicht verlangen.

In Hinsicht auf Kants Problem haben sich unter zeitgenössischen Metaphysikern schließlich drei methodische Positionen populärgemacht:

1. Wir verfügen über eine besonderes Vermögen – eine "Intuition" – das uns Vernunfteinsicht in grundlegende Aspekte der Realität ermöglicht.
2. Metaphysik zielt im Wesentlichen gar nicht auf Tatsachenwahrheiten, sondern auf begriffliche Wahrheiten. Wir wollen Begriffe wie "Person", "Identität", "Existenz" etc. verstehen.
3. Metaphysik ist gar nicht rein a priori. Metaphysische Theorien beruhen auf a priori Einsichten in Kombination mit empirischen Einsichten.

„Auch in der Philosophie gibt es so etwas wie die Experimente, die der Physiker durchführt; denn auch Philosophen testen und bewerten philosophische Theorien. Allerdings hat das, was der Philosoph macht, nichts mit physikalischen Manipulationen, Beobachtungen, Messungen etc. zu tun. Stattdessen beinhaltet das Vorgehen des Philosophen sozusagen eine ‘mentale Manipulation’ – wir denken so sorgfältig und kreativ wie wir können über eine philosophische Behauptung oder ein philosophisches Problem nach, und wenn wir das gut können, dann kann unsere Anstrengung echten Fortschritt mit sich bringen. Manchmal wird dieses Nachdenken die Form einer Argumentation annehmen. Manchmal wird es darin bestehen, Gegen‐ beispiele zu einzelnen philosophischen Behauptungen zu finden. Manchmal wird es sich darauf richten, die Einfachheit und die erklärende Kraft der betrachteten Theorie zu beurteilen. Manchmal wird man dieses Nachdenken dadurch bestreiten, dass man tatsächlich ‘Gedankenexperimente’ konstruiert.“
- Michael Jubien: Contemporary Metaphysics: an Introduction, Mal‐ den, Mass. [u.a.]: Blackwell 1997, Seite 7.

zum vorherigen Blogeintrag                                                                         zum nächsten Blogeintrag 

 

Liste aller Blogeinträge

Kommentare: 0

Impressum | Datenschutz | Sitemap
Es darf kein Inhalt dieser Seite weiterverbreitet werden, sofern nicht mein Einverständnis dafür vorliegt.