„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Die Geschichte des Rasens

Über Alltägliches neu nachgedacht:

Ein junges Paar, das sich ein neues Haus baut, kann den Architekten bitten, im Vorgarten einen hübschen Rasen anzulegen. Warum einen Rasen? Weil ein Rasen etwas Schönes ist, könnte das Paar erläutern. Aber warum sind die beiden dieser Ansicht? Dahinter steckt (eine) Geschichte.

Die Jäger und Sammler der Steinzeit pflanzten im Eingangsbereich ihrer Höhlen kein Gras an. Keine grüne Wiese hieß die Besucher der Akropolis in Athen, des Kapitols in Rom, des jüdischen Tempels in Jerusalem oder der Verbotenen Stadt in Peking willkommen. Die Idee, vor privaten Wohnhäusern und öffentlichen Gebäuden einen Rasen anzulegen, entstand im späten Mittelalter in den Schlössern der französischen und englischen Aristokratie. In der frühen Neuzeit schlug diese Gewohnheit tiefe Wurzeln und wurde zum Markenzeichen des Adels.

Ein gepflegter Rasen erforderte Grund und jede Menge Arbeit, insbesondere zu Zeiten, da es Rasenmäher und automatische Bewässerungsanlagen noch nicht gab. Im Gegenzug produziert Rasen nichts, was einen (messbaren (Mehr?)) Wert hat. Man kann nicht einmal Tiere darauf weiden lassen, denn sie würden das Gras fressen und zertrampeln. Arme Bauern konnten es sich nicht leisten, wertvolles Land oder wertvolle Zeit für Rasen zu vergeuden. Der feine Rasen rings um die Châteaus war entsprechend ein Statussymbol, das niemand nachahmen konnte. Jedem, der vorbeikam, verkündete er ganz offen: "Ich, der ich hier wohne, bin so reich und mächtig, und ich besitze so viel Grund und so viele Bedienstete, dass ich mir diese grüne Extravaganz leisten kann." Je größer und gepflegter der Rasen, desto mächtiger die Dynastie. Wenn man einen Herzog besuchte und sah, dass sein Rasen in schlechtem Zustand war, wusste man, dass er in Schwierigkeiten steckte.[1]

Der edle Rasen war häufig Schauplatz wichtiger Feierlichkeiten und gesellschaftlicher Ereignisse, doch zu allen anderen Zeiten war das Betreten streng verboten. Vor unzähligen Palästen, Regierungsgebäuden und öffentlichen Orten weist noch heute ein ernstes Schild die Menschen darauf hin: Rasen betreten verboten!

Königspaläste und Herzogsschlösser verwandelten den Rasen in ein Symbol der Macht. Als in der späten Neuzeit Könige gestürzt und Herzöge enthauptet wurden, behielten die neuen Präsidenten und Premierminister den Rasen. Parlamente, oberste Gerichtshöfe, die Residenzen der Präsidenten und andere öffentliche Gebäude verkündeten ihre Macht zunehmend durch viele Reihen gepflegter grüner Halme. Gleichzeitig eroberte der Rasen die Welt des Sports. Jahrtausendelang spielten die Menschen auf so gut wie jedem Untergrund, den man sich nur vorstellen konnte, vom Eis bis zur Wüste. Doch in den letzten beiden Jahrhunderten werden die wirklich wichtigen Spiele - Fußball und Tennis - auf Rasen ausgetragen. Vorausgesetzt natürlich, man hat das nötige Geld dafür. In den Favelas von Rio de Janeiro spielt die künftige Generation des brasilianischen Fußballs mit behelfsmäßigen Bällen auf Sand und im Dreck. In wohlhabenden Vorständen dagegen vergnügen sich die Söhne der Reichen auf akkurat getrimmten Rasen.

Im Zuge dieser Entwicklung setzten die Menschen Rasen mit politischer Macht, gesellschaftlichen Status und wirtschaftlichem Reichtum gleich. Kein Wunder, dass das aufstrebende Bürgertum im 19. Jahrhundert den Rasen begeistert übernahm. Zunächst konnten sich nur Bankiers, Anwälte und Industrielle einen solchen Luxus rings um ihre Privathäuser leisten. Doch als die industrielle Revolution die Mittelschicht anwachsen ließ und den Rasenmäher sowie anschließend die automatische Bewässerung erfand, konnten sich Millionen von Familien plötzlich zu Hause ein Stück Rasen leisten. In den Surburbs bei Amerika verwandelte sich ein tipptopp gepflegter Rasen vom Luxus der Reichen in ein Muss für die Mittelschicht.

Rasen aus der Nähe.
Rasen aus der Nähe.

Damit wurde dem Gottesdienst der Vororte ein neuer Ritus hinzugefügt. Nach dem sonntäglichen Kirchgang mähten viele Menschen hingebungsvoll ihren Rasen. Wenn man durch die Straße spazierte, konnte man anhand der Größe und Qualität des jeweiligen Rasens rasch auf den Wohlstand und die Stellung der Familie schließen. Nichts zeugt mit größerer Gewissheit davon, das bei den Maiers etwas nicht stimmt, als ein vernachlässigter Rasen im Vorgarten. Gras ist heute in den USA nach Mais und Weizen die meistverbreitete Pflanze, und die Rasenindustrie (Pflanzen, Dünger, Mäher, Sprenger, Gärtner) macht jedes Jahr einen Milliardenumsatz.[2]

Der Rasen blieb keine Marotte allein der Europäer oder der Amerikaner. Selbst Menschen, die niemals das Tal der Loire besucht haben, sehen, wie US-Präsidenten auf dem Rasen des Weißen Hauses Reden halten, wie in grünen Stadien wichtige Fußballspiele ausgetragen werden und wie Homer und Bart Simpson darüber streiten, wer mit dem Rasenmähen dran ist. Überall auf der Welt verbinden die Menschen Rasen mit Macht, Geld und Prestige. Der Rasen hat sich deshalb überallhin ausgebreitet und erobert jetzt sogar das Herz der muslimischen Welt. Katars neu errichtetes Museum für islamische Kunst wird von riesigen Rasenflächen flankiert, die eher an das Versailles Ludwigs XIV. erinnern als an das Bagdad Harun al-Raschids. Entworfen und angelegt wurden sie von einem amerikanischen Unternehmen. Die mehr als 100.000m² Gras inmitten der arabischen Wüste benötigen jeden Tag eine unglaubliche Menge an frischem Wasser, damit sie saftig grün bleiben. In den Vororten von Doha und Dubai blicken derweil Familien aus der Mittelschicht voller Stolz auf ihren Rasen. Wären da nicht die weißen Gewänder und die schwarzen Hijabs, könnte man glauben, man befinde sich im Mittleren Westen und nicht im Mittleren Osten.

Wenn Sie nun, nachdem Sie diese Geschichte des Rasens vernommen haben, drangehen, Ihr Traumhaus zu planen, dann denken sie wohlmöglich zweimal nach, ob Sie im Vorgarten wirklich einen Rasen haben wollen. Es steht Ihnen selbstverständlich nach wie vor frei, dort einen anzulegen. Aber Sie können natürlich auch die kulturelle Last abschütteln, die Ihnen europäische Herzöge, kapitalistische Multimillionäre und die Simpsons aufgebürdet haben - und sich beispielsweise fürs eigene Heim einen japanischen Steingarten oder eine ganz neue Kreation vorstellen. Das ist einer der Gründe, sich mit der Geschichte zu befassen: nicht um die Zukunft vorherzusagen, das kann keiner so wirklich, sondern um sich von der Vergangenheit zu befreien und sich andere Ziele auszumalen.

Quellennachweise

[1] Lionel S. Smith und Mark D. E. Fellowes, "Towards a Lawn without Grass: The Journey of the Imperfect Lawn and Its Analogues", in: ´Studies in the History of Gardens & Designed Landscape 33:3´ (2013), S. 158 f.

 

[2] Beatriz Colomina, "The Lawn at War: 1941-1961", in ´The American Lawn, herausgegeben von Georges Teyssot, New YOrk 1999, S. 135 - 153.

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