„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Die Geschichte des Glücks

Seit Beginn der Reform- und Öffnungspolitik stieg das Bruttoinlandsprodukt Chinas um den Faktor 16 – in nicht einmal 30 Jahren! Und zwischen 1958 und 1987 wuchs in Japan das durchschnittliche Realeinkommen um ein Fünffaches an. Diese positiven Wohlstandslawinen hatten überraschend wenig Auswirkung auf das subjektive Wohlbefinden der jeweiligen asiatischen Bevölkerungsgruppen. Die Japaner waren in den 1990er Jahren exakt genauso zufrieden - oder unzufrieden - wie in den 1950er Jahren.[1]

Es hat den Anschein, als würde unser Glück gegen irgendeine rätselhafte Decke stoßen, die es ihm trotz all unserer beispiellosen Errungenschaften nicht ermöglicht, weiter zu wachsen. Selbst wenn wir für jeden kostenlos Essen bereitstellen, alle Krankheiten heilen und den Weltfrieden garantieren, wird das kein unendliches Glück bedeuten.

Diese gläserne Decke des Glücks ruht auf zwei mächtigen Säulen, einer psychologischen und einer biologischen. Auf psychologischer Ebene hängt Glück eher von Erwartungen als von objektiven Bedingungen ab. Wir beziehen keine Befriedigung daraus, dass wir ein friedliches und prosperierendes Dasein führen. Vielmehr sind wir zufrieden, wenn die Realität unseren Erwartungen entspricht. Die schlechte Nachricht ist, dass sich die Lage zwar verbessert hat, gleichzeitig aber die Erwartungen förmlich explodiert sind. Uns geht es zwar viel besser als dem Neandertaler, aber es könnte uns noch viel, viel besser gehen, wie uns die Werbung und Nachbars neuer BMW Tag für Tag zeigen. Dramatische Verbesserungen der Möglichkeiten, wie die Menschheit sie in den letzten Jahrzehnten erlebt hat, übersetzen sich eher in größere Erwartungen denn in größere Zufriedenheit. Wenn wir daran nichts ändern, dürften uns unsere künftigen Errungenschaften auf lange Sicht so wenig zufriedenstellen wie eh und je.

Auf biologischer Ebene werden sowohl unsere Erwartungen als auch unser Glück durch unsere Biochemie bestimmt, und überhaupt nicht durch unsere wirtschaftliche, soziale oder politische Situation. Laut Epikur sind wir glücklich, wenn wir angenehme Empfindungen haben und frei von unangenehmen Gefühlen sind. Die Biologie aber lehrt uns, dass wir nur dann und nur dann glücklich sind, wenn Glückshormone durch unseren Körper strömen. Wir reagieren niemals tatsächlich auf Ereignisse in der äußeren Welt, sondern nur auf Empfindungen. Kein Mensch hat je gelitten, weil er seinen Job verloren hat, weil er sich scheiden ließ oder weil die Regierung in den Krieg zog. Das einzige, was Menschen unglücklich macht, ist sein Biochemie- und Nervensystem. Umgekehrt sagt die Wissenschaft, dass sich niemand freuen kann, weil er im Lotto gewonnen oder die große Liebe gefunden hat. Sie bestätigt damit gewissermaßen das, was Siddhartha Gautama schon vor 2.500 Jahren predigte: Die eigentlichen und direkten Ursachen für Freud und Leid liegen in uns verborgen und nicht etwa in der Außenwelt.

Das Dumme daran ist, dass so eine Glücksempfindung nicht anhält. Selbst wenn man wie Mario Götze das Siegestor im WM-Finale erzielt hat, wird man nicht lebenslang glücklich sein. Wenn man das Glück wieder spüren möchte, braucht man ein neues Glückserlebnis. Und noch eins. Und noch eins. Und wenn man von nun an nicht mehr im Nationaltrikot trifft, ist man am Ende viel verbitterter und unglücklicher, als man es ohne WM-Tor gewesen wäre. Denn die Erwartungen von außen und an einen selbst sind gestoßen und es ist verdammt schwierig, ein Tor zum WM-Titel noch irgendwie zu toppen.

Schuld an all dem ist die Evolution. Seit unzähligen Generationen wurde unser biochemisches System dahingehend angepasst, dass es unsere Chancen auf Überleben und Reproduktion steigert, nicht aber unser Glück. Das biochemische System belohnt Handlungen, die dem Überleben und der Reproduktion dienlich sind, mit angenehmen Sinnesempfindungen. Doch die sind nur ein kurzlebiger Verkaufstrick. Wir bemühen uns, an Essen und Partner zu kommen, um unangenehme Gefühle des Hungers zu vermeiden und um in den Genuss von angenehmen Geschmackserlebnissen und glücklich machende Orgasmen zu kommen. Doch diese Geschmackserlebnisse und diese Organismen halten nicht sehr lange vor, denn die Evolution möchte, dass wir uns weiter vermehren und am Leben erhalten. Also müssen wir uns, wenn wir die süßen Glücksmomente wieder erfahren wollen, wieder aufmachen und nach neuer Nahrung und neuen Partnern suchen.

Was wäre geschehen, wenn eine seltene Mutation ein Eichhörnchen hervorgebracht hätte, das nach dem Verzehr einer ganz einzigen Nuss ein dauerhaftes Glücksgefühl verspürt? Rein Theoretisch könnte man das durchaus bewerkstelligen, indem man das Gehirn des Eichhörnchens neu verschaltet. Wer weiß, vielleicht ist das vor Millionen von Jahren tatsächlich irgendeinem Eichhörnchen widerfahren? Dieses Eichhörnchen kam dann in den Genuss eines glücklichen, aber extrem kurzen Lebens, und damit war diese seltene Mutation auch schon wieder beendet. Denn das glückliche Eichhörnchen hätte sich nicht mehr darum gekümmert, weiter nach Nüssen, geschweige denn nach Fortpflanzungspartnern zu suchen. Die konkurrierenden Eichhörnchen, die fünf Minuten nach dem Verzehr einer Nuss schon wieder Hunger verspürten, deren Glücksgefühl also wieder nachließ, hatten deutlich bessere Chancen, zu überleben und ihre Gene an die nächste Generation weiterzugeben. Aus genau dem gleichen Grund stellen uns die Nüsse, die wir Menschen sammeln – früher waren es Mammuts und gute Ernten, heute lukrative Jobs und teure Smartphones, niemals langfristig glücklich.

Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rock_cut_seated_Buddha_statue_at_Bojjannakonda,_Sankaram,_Andhra_Pradesh.jpg
Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rock_cut_seated_Buddha_statue_at_Bojjannakonda,_Sankaram,_Andhra_Pradesh.jpg

Quellennachweis

[1] Kenji Suzuki: "Are They Frigid to the Economic Development?  Reconsideration oft he Economic Effect of Well-being in Japan"

Verweise

Teile aus: Yuval Noah Harari: Homo Deus: Eine Geschichte von Morgen

zum vorherigen Blogeintrag                                                                         zum nächsten Blogeintrag 

 

Liste aller Blogeinträge

Kommentare: 0

Impressum | Datenschutz | Sitemap
Es darf kein Inhalt dieser Seite weiterverbreitet werden, sofern nicht mein Einverständnis dafür vorliegt.