„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit

1. Direkte Auswirkungen

Klima- und Wetterveränderungen können sich unmittelbar auf die menschliche Gesundheit auswirken. Beispielsweise können steigende Durchschnitts-temperaturen oder vermehrt vorkommende Hitze- und Kältewellen zu höheren Sterberaten führen oder das verstärkte Auftreten von Krankheiten fördern. Regelmäßiger auftretende klimawandelbedingte Extremereignisse (z.B. Dürren, Stürme, Sturmfluten, Überschwemmungen, Lawinenabgänge, Erdrutsche) stellen ebenfalls eine Bedrohung für viele Menschen dar.

1.1. Temperaturanstieg

Der anthropogene Klimawandel führt in den meisten Regionen der Erde zu einer Erhöhung der Durchschnittstemperaturen. Zahlreiche Studien belegen den Zusammenhang zwischen der täglichen Außentemperatur und der Zahl der Todesfälle. Für verschiedene Regionen der Erde gibt es gesundheitlich optimale Durchschnittstemperaturen, bei denen die Sterberate am geringsten ist (z.B. 16,5°C für Amsterdam, 20°C für New York). Wird diese im Zuge des Klimawandels um 1°C überschritten, steigt die allgemeine Sterberate um 1%.[1]

 

Es wird weiterhin angenommen, dass mit einer Erhöhung der mittleren Temperaturen auch eine Intensivierung von Hitzewellen einhergeht. Vor allem bei extremer Kälte oder Hitze steigt die Sterberate erheblich. Die höchste Sterberate wird dabei eindeutig an ausgeprägten Hitzetagen erreicht. Extreme Hitze wirkt sich besonders in Städten stark aus, da sie so genannte Wärmeinseln bilden. Asphalt und Häuser strahlen nachts Wärme ab, die sie am Tag gespeichert haben, die relative Luftfeuchtigkeit ist niedrig und durch die dichte Bebauung sind die Windgeschwindigkeiten dort geringer. Daher kühlen Städte im Fall einer Hitzewelle auch nachts nicht ab und es kommt zur Überhitzung. So starben etwa 1987 in Griechenland während einer Hitzewelle innerhalb einer Woche 4000 Menschen mehr als im statistischen Durchschnitt, 2000 davon allein in Athen. Betroffen sind vorwiegend alte und kranke Menschen (z.B. mit Herz-Kreislauf- oder Atemwegserkrankungen) sowie kleine Kinder.

 

Einige Studien prognostizieren, dass erhöhte Sterberaten als Folge hoher Sommertemperaturen durch die verringerte Sterberate besonders bei herzkranken Menschen durch mildere Winter mehr als ausgeglichen wird.[2]
Derzeit lassen sich auf Grund zahlreicher Unsicherheiten (z.B. bezüglich des Anpassungsverhaltens durch Ventilatoren, Klimaanlagen o.Ä.) keine gesicherten Angaben darüber machen, ob die erhöhte Sterberate durch steigende Durchschnittstemperaturen und Intensivierung von Hitzewellen oder die verringerte Sterberate durch wärmere Winter überwiegt.

1.2. Zunahme von Extremereignissen

Als eine wichtige Folge des anthropogenen Treibhauseffekts wird die Zunahme extremer Wetterereignisse wie Überschwemmungen, Dürren und Stürme angenommen. Extremereignisse haben einerseits durch direkte Einwirkungen, andererseits aber auch indirekt weitreichende Konsequenzen für das menschliche Leben und die menschliche Gesundheit. Überschwemmungen fordern nicht nur in vielen Fällen zahlreiche Tote und Verletzte, so in China 1996 mit über 3000 Toten und 363800 Verletzten oder in Mitteleuropa 1997 mit über 100 Toten bei der Oder-Überschwemmung, sondern begünstigen auch den Ausbruch verschiedener Krankheiten wie Cholera oder Durchfallerkrankungen durch verunreinigtes Wasser.[3] In Ostafrika wurden in Perioden heftiger Regenfälle, z.B. auch während des El Nino 1997/98, ein vermehrtes Auftreten des Rift Valley Fiebers festgestellt.[4] Hinzu kommen seelische Folgen bei den betroffenen Menschen, die bis zu gesteigertem Alkoholismus und Selbstmord reichen können. So hatte die Oder-Flut von 1997 in Polen in den folgenden beiden Monaten 50 Selbstmordfälle zur Folge.[5]

1.3. Einzelnachweise

1.    Martens, W.J.M. (1997): Climate change, thermal stress and mortality, Social Science and Medicin, 46, 331-344

2.    Martens, W.J.M. (1997): Climate change, thermal stress and mortality, Social Science and Medicin, 46, 331-344

3.    McMichael, A. and A. Githeko (2001): Human Health, in: IPCC WG II, 9.5.1.

4.    Epstein, P.R. (1999): Enhanced: Climate and Health, Science, 285, 347-348

5.    Kundzewicz, Z.W. and M.L. Parry (2001): Europe, in: IPCC WG II, 13.2.5.5.

2. Indirekte Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit

Der Klimawandel beeinflusst eine Vielzahl von Faktoren wie beispielsweise die Verbreitung von Krankheitserregern und Vektoren, die Höhe des Meeresspiegels oder die Ausbreitung von Allergenen (z.B. Pollen). Durch diese klimawandelbedingten Veränderungen können vielfältige Risiken für die menschliche Gesundheit entstehen. Man spricht dabei von indirekten Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit, die von den direkten Risiken (s.o.) abgegrenzt werden.

Urheber: James D. Gathany
Urheber: James D. Gathany

2.1. Verbreitung vektorbedingter Infektionskrankheiten

Die klimawandelbedingte Verbreitung verschiedener Krankheitsüberträger, auch Vektoren genannt, stellt eine Gefahr für die Gesundheit vieler Menschen dar. Vor allem viele Gliederfüßer (z.B. Anopheles-Stechmücken wie Anopheles gambiae) und Nagetiere (z.B. Wanderratten), aber auch Zugvögel kommen als Vektoren in Frage. Gliederfüßer sind wechselwarm und somit von der Temperatur, aber auch anderen klimabedingten Umweltfaktoren wie Oberflächenwasser, Feuchtigkeit, Wind, Bodenfeuchte, Waldverbreitung usw abhängig. Insekten benötigen z.B. Wasser zur Eiablage, und viele von ihnen werden durch Luftbewegungen weit verbreitet. Andererseits zeichnen sich viele Vektor-Organismen durch hohe Reproduktionsraten aus. Dadurch sind sie in der Lage, sich schnell an neue Umweltbedingungen anzupassen. Es wird erwartet, daß eine Erhöhung von Temperatur und Feuchtigkeit die Lebensbedingungen der meisten Krankheitsüberträger verbessert und damit die regionale Verbreitung und das saisonale Vorkommen vieler vektorbedingten Krankheiten begünstigt.

 

Für die Übertragung vieler Vektor-Krankheiten liegt die Temperaturgrenze bei 14-18 °C im unteren und bei 35-40 °C im oberen Bereich. Eine Erwärmung im unteren Grenzbereich kann deutliche und nicht lineare Folgen für die äußere Brutperiode haben und damit für die Krankheitsübertragung. Am günstigsten sind Temperaturen um 30-32 °C. Viele Mosquito-Arten wie Anopheles gambiae, Aedes aegypti u.a., die für die Übertragungen der meisten Vektorkrankheiten verantwortlich sind, reagieren sehr empfindlich auf Veränderungen ihrer Umwelt. Wenn sich die Temperatur von Gewässern erhöht, reifen die darin befindlichen Larven schneller, wodurch mehr Nachwuchs produziert wird. In einem wärmeren Klima saugen weibliche Mosquitos das Blut schneller und steigern damit die Übertragungsintensität. Außerdem verkürzt sich die Inkubationszeit der Malariaparasiten und Viren in den Mosquitos, wenn die Temperatur steigt. Eine Erwärmung über 34 °C hat dagegen im allgemeinen negative Folgen für das Überleben von Vektoren und Parasiten. Auch Niederschlagsveränderungen besitzen einen Einfluss auf das Verhalten der Vektoren. Zunehmende Niederschläge können die Anzahl und Qualität der Brutplätze für Vektoren steigern, abnehmende Niederschläge erschweren dagegen deren Überleben.

2.2. Vermehrter Flug allergieauslösender Pollen

Etwa 20-30% der Deutschen leiden unter Allergien.[1] Besonders häufig ist dabei der so genannte Heuschnupfen, eine allergische Reaktion auf Pollen, die zumeist von Windbestäubern (z.B. Hasel, Birke, verschiedene Gräser) stammen. Durch die allergische Reaktion kann es zu Heuschnupfen und asthmatischen Beschwerden kommen, die in schweren Fällen zu Berufsunfähigkeit führen oder sogar lebensbedrohlich werden können. Der anthropogene Klimawandel wirkt sich auf den Flug allergieauslösender Pollen aus. Durch den globalen Temperaturanstieg kommt es verfrüht zum Austrieb und zur Blüte sämtlicher Pflanzen. Studien aus Europa, Nordamerika und Japan belegen, dass Austrieb und Blüte in den letzten um 30-50 Jahren pro Jahrzehnt durchschnittlich 1-3 Tage früher stattfanden.[1] Dadurch kommt es auch früher zur Ausbildung von Pollen und somit zu verfrühtem Pollenflug. Im Zuge des Klimawandels kann es weiterhin verstärkt zu regionalen Unterschieden in der Phänologie verschiedener Pflanzen kommen. In verschiedenen Regionen setzt der Pollenflug zu unterschiedlichen Zeitpunkten ein. Durch den Transport von Pollen über größere Entfernungen kann es also zu einer Verlängerung des Pollenfluges kommen. Höhere CO2-Konzentrationen bewirken außerdem eine verstärkte Produktion von Pollen.[1] Dadurch erhöht sich die atmosphärische Pollenkonzentration. Durch den klimawandelbedingten Temperaturanstieg breiten sich verschiedene Pflanzenarten, auch solche mit allergenem Potenzial, in Richtung höherer Breiten und Lage aus. Durch diese Verlagerung der Verbreitungsgebiete können in verschiedenen Regionen Pollen auftreten, die dort bis dahin nicht vorkamen. Allerdings wirken sich auch andere Faktoren wie beispielsweise eine veränderte Landnutzung oder die Zunahme des internationalen Handels auf pollenbedingte Allergien und somit auf die menschliche Gesundheit aus. Durch internationale Reisen oder Handel können Neophyten mit allergenem Potenzial (z.B. die Gattung Ambrosia derzeit in Europa) eingeschleppt werden. Die künstliche Anpflanzung bestimmter windbestäubender Pflanzen beeinflusst dagegen die Pollenkonzentration.

2.3. Zunahme der Luftverschmutzung durch bodennahes Ozon

Modellrechnungen weisen darauf hin, dass es im Rahmen des anthropogenen Klimawandels in Zukunft häufiger zu extremen Hitzewellen (wie beispielsweise im Sommer 2003 in Europa) kommen kann. Diese sind durch starke Sonneneinstrahlung und hohen Temperaturen charakterisiert. Mit derartigen Wetterextremen geht häufig eine erhöhte Konzentration von bodennahem Ozon einher. Das Ozon wird dabei nicht direkt emittiert, sondern wird besonders bei starker Sonneneinstrahlung aus so genannten Vorläufersubstanzen gebildet. Bei den Vorläufersubstanzen handelt es sich um Stickoxide und leichtflüchtige Kohlenwasserstoffe, die sowohl natürlich als auch anthropogen emittiert werden. Während das stratosphärische Ozon einen Schutz vor schädlichen UV-Strahlen bildet, handelt es sich bei troposphärischem Ozon um einen Luftschadstoff, der die menschliche Gesundheit beeinträchtigt. Auf Grund seiner geringen Wasserlöslichkeit gelangt Ozon tief in die menschliche Lunge und kann dort zu akuten Schäden der Atemwege sowie des Lungengewebes und sogar zu schweren chronischen Atemwegserkrankungen führen. Die gesundheitlichen Auswirkungen von bodennahem Ozon hängen von der Konzentration, der Dauer und der Häufigkeit der Exposition ab. Auswertungen europäischer Studien ergeben beispielsweise einen Zusammenhang zwischen der Höhe der Ozonkonzentration (8-Stunden-Mittelwerte) und der täglichen Sterberate. [2] Dabei ergibt sich eine Steigerung der Sterberate um 0,3 % pro 10µg/m3 Ozonanstieg.[2]

 

Eine Intensivierung von Hitzewellen wirkt sich also nicht nur durch die stärkere thermischen Belastung negativ auf die menschliche Gesundheit aus, sondern auch durch häufiger und stärker erhöhte Ozonkonzentrationen in Bodennähe.

2.4. Trinkwasserknappheit

Die Verfügbarkeit von sauberem Trinkwasser ist für die menschliche Gesundheit sehr wichtig. Schlecht oder gar nicht aufbereitetes Wasser kann vor allem in warmen Regionen der Erde ein breites Spektrum an Bakterien, Viren und Protozoen enthalten, die zu Durchfällen (z.B. bei der Cholera) oder anderen Erkrankungen führen können. Durch keimbelastetes Wasser können sogar Epedemien auftreten. Besonders gefährdet sind dabei Entwicklungsländer, in denen eine funktionierende Infrastruktur und somit auch die Trinkwasserversorgung und sanitäre Einrichtungen nicht selbstverständlich sind. Derzeit haben schätzungsweise eine Milliarde Menschen keinen Zugang zu sauberem Wasser. Jährlich sterben ca. 4 Millionen Menschen an den Folgen unzureichender Trinkwasserhygiene und dem Defizit an sanitären Einrichtungen.

 

Durch einen Temperaturanstieg infolge des Klimawandels und Veränderungen im globalen Wasserhaushalt kann es somit vor allem in Entwicklungsländern zu einer verstärkten gesundheitlichen Bedrohung der Menschen kommen. Auch der mit dem Klimawandel einhergehende Meeresspiegelanstieg kann durch Versalzung des Grundwassers und Überflutung von Mülldeponien zu einer weiteren Verknappung von sauberem Wasser führen.

2.5. Nahrungsknappheit

Eine ausreichende und gesunde Ernährung ist eine wesentliche Grundlage der menschlichen Gesundheit. Unterernährung ist eine Hauptursache der Kindersterblichkeit sowie der körperlichen und geistigen Unterentwicklung in der Kindheit und der Schwächung der kindlichen Immunabwehr. Der globale Klimawandel wird in vielen Regionen Temperatur und Niederschlag verändern. Dadurch wird das Wachstum zahlreicher Kulturpflanzen deutlich beeinflusst. In einigen Regionen, vor allem in den mittleren und hohen Breiten, wird es zu Erntegewinnen, in den niederen Breiten dagegen zu Ernteverlusten kommen. Der Klimawandel wird die Landwirtschaft ausserdem durch häufigere und stärkere Extremereignisse und durch seinen Einfluß auf Pflanzenkrankheiten beeinträchtigen. Dadurch wird vor allem die Ernährungssicherheit in den armen Ländern der semiariden und feuchten Tropen bedroht, die heute schon gegen Überbevölkerung und Unterernährung kämpfen und künftig kaum zusätzliche Ressourcen für Anpassungsmaßnahmen aufbringen können. Bereits in den späten 1990er Jahren lebten nach Schätzungen der FAO (UN Food and Agricultural Organization) weltweit 790 Millionen Menschen ohne ausreichende Nahrung, vor allem in Afrika.[3]

2.6. Einzelnachweise

1.    Menzel, A./ Behrendt, H. (2007/2008): Zunahme des Pollenflugs und die Gefahr von Allergien. In: Lozán, J.L. (Hg.): Warnsignal Klima. Gesundheitsrisiken. Gefahren für Pflanzen, Tiere und Menschen. Hamburg, Freiburg, Bonn, List/Sylt. S. 132-135.

2.    Mücke, H.-G. (2007/2008): Gesundheitliche Auswirkungen von klimabeeinflussten Luftverunreinigungen. In: Lozán, J.L. (Hg.): Warnsignal Klima. Gesundheitsrisiken. Gefahren für Pflanzen, Tiere und Menschen. Hamburg, Freiburg, Bonn, List/Sylt. S. 121-125.

3.    McMichael, A. and A. Githeko (2001): Human Health, IPCC, WG II, TAR, 9.9.

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