„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Die (Arbeits-)Welt von morgen

Im September 2013 veröffentlichten zwei Forscher aus Oxford, Karl Benedikt und Michael A. Osborne, eine Studie mit dem Titel ´The Future of Employment´, in der sie für verschiedene Berufe analysierten, mit welcher Wahrscheinlichkeit sie in den nächsten zwanzig Jahren von Computeralgorithmen übernommen werden. Der von Frey und Osborne für ihre Berechnungen entwickelte Algorithmus schätzte, dass 27 Prozent der Arbeitsplätze in den USA hochgradig gefährdet sind. So besteht beispielsweise eine 99-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass bis 2033 menschliche Telefonverkäufer und Versicherungsvertreter ihren Job an Algorithmen verlieren. Das das Gleiche wird mit Schiedsrichtern im Sport passieren wird, ist zu 98 Prozent wahrscheinlich, dass es mit Kassiererinnen geschehen wird, zu 97 Prozent, und für Küchenchefs wurde ein Wert von 96 Prozent ermittelt. Kellner - 94 Prozent. Anwaltsgehilfen - 94 Prozent. Fremdenführer - 91 Prozent. Bäcker - 89 Prozent. Busfahrer - 89 Prozent. Bauarbeiter - 88 Prozent. Tierarzthelferinnen - 86 Prozent. Wachdienste - 84 Prozent. Seeleute - 83 Prozent. Barkeeper - 77 Prozent. Archivare - 76 Prozent. Schreiner - 72 Prozent. Bademeister - 67 Prozent. Und so weiter. Natürlich gib es auch ein paar sichere Jobs. Die Wahrscheinlichkeit, dass Computeralgorithmen bis 2033 Archäologen ersetzen, liegt bei lediglich 0,7 Prozent, denn dieser Job erfordert hochkomplexe Formen der Mustererkennung erzielt fast keine Gewinne. Insofern ist es eher unwahrscheinlich, dass Unternehmen oder Regierungen innerhalb der nächsten zwanzig Jahre die notwendigen Investitionen vornehmen, um die Archäologie zu automatisieren.

Natürlich werden bis 2033 auch reichlich neue Berufe entstehen, etwa Designer für virtuelle Welten (Serientipp: Westworld!). Doch solche Berufe werden vermutlich weit mehr Kreativität und Flexibilität erfordern, als die meisten Allerweltsjobs, und es ist unklar, ob sich vierzigjährige Kassiererinnen oder Versicherungsvertreter noch einmal neu als Gamedesigner erfinden können (man stelle sich nur einmal eine Welt vor, die von einem Versicherungsvertreter entworfen wurde!). Selbst wenn es ihnen gelingt, ist das Tempo des Fortschritts so hoch, dass sie sich binnen eines Jahrzehnts möglicherweise schon wieder neu orientieren müssen. Schließlich könnten Algorithmen Menschen auch bei kreativen Prozessen wie dem Entwerfen virtueller Welten hinter sich lassen. Das entscheidende Problem ist also die Schaffung neuer Jobs, die Menschen besser verrichten können als Algorithmen!

Der technologische Boom wird es wahrscheinlich möglich machen, die nutzlosen Massen auch ohne jede Anstrengung von deren Seite zu ernähren und zu unterstützen. Etwa mit Hilfe eines Bedingungslosen Grundeinkommens. Aber womit werden sie sich beschäftigen, und was wird sie zufriedenstellen? Die anthroposophischen Überlegungen hinter Konzepten wie dem Bedingungslosen Grundeinkommen gehen davon aus, dass Menschen sich kreativ und geistig ausleben, sobald sie nicht mehr arbeiten müssen. Diese Annahme geht jedoch gegen alles, was ich und wir über die Menschen zu wissen glauben. Arbeitslose und Berufstätige an Wochenenden werden nicht kreativ und lesen nicht Kant, im besten Fall beschäftigen sie sich mit anderen Menschen, viele fangen aber auch an sich in den Trivialitäten von Computerspielen und Alkohol zu verlieren. Was werden die Millionen von Menschen machen, die zukünftig ohne Job dastehen könnten?

Eine Möglichkeit wären Drogen und Computerspiele, aber in ganz anderen Größenordnungen wie bisher! Nicht mehr benötigte Menschen könnten immer mehr Zeit in immer besseren und realistischeren virtuellen 3-D-Welten verbringen, die viel mehr Aufregung und emotionale Partizipation zu bieten hat, als die trostlose, automatisierte Wirklichkeit da draußen. Damit könnte die "Glücksmaschine", bei der Philosophen fragen, ob man lieber in der imperfekten Wirklichkeit verweilen, oder in eine perfekte virtuelle Welt entfliehen würde, ganz real werden. Eine solche Entwicklung würde aber auch dem liberalen Glauben an die Heiligkeit menschlichen Lebens und menschlicher Erfahrungen einen tödlichen Schlag versetzen. Was ist so heilig an nutzlosen Faulenzern, die ihre Tage mit künstlichen Erlebnissen in Fantasiewelten verbringen?

Tatsächlich könnte die Digitalisierung unsere liberale Grundordnung ernsthaft gefährden. Der Mensch wird immer unwichtiger und gewöhnlicher, wenn Roboter ihn sogar beim Liebesakt und bei der Kunst übertreffen. Dabei ersetzen uns Roboter nicht nur deshalb, weil sie immer ausgefeilter werden, sondern auch, weil wir uns professionalisiert haben. Urzeitliche Jäger und Sammler beherrschten eine breite Palette an Fertigkeiten, um zu überleben, weshalb es ungeheuer schwierig wäre, einen Roboter zu entwerfen, der unsere jagenden und sammelnden Vorfahren ersetzen könnte. Ein solcher Roboter müsste wissen, wie man aus Feuersteinen Speerspitzen fertigt, wie man im Wald essbare Pilze findet, wie man mit Heilkräutern eine Wunde verbindet, wie man einem Mammut nachstellt und wie man zusammen mit einem Dutzend anderer Jäger einen Angriff koordiniert.

Doch im Verlauf der letzten paar tausend Jahre haben wir Menschen uns spezialisiert. Ein Taxifahrer und ein Kardiologe sind in einer viel kleineren Nische tätig als ein Jäger und Sammler, was es leichter macht, ihn durch künstliche Intelligenz zu ersetzen. Wie ich schon wiederholt gesagt habe, ist die künstliche Intelligenz noch nirgends einer menschähnlichen Existenz nahe. Aber für die meisten modernen Jobs sind 99 Prozent der menschlichen Eigenschaften und Fähigkeiten schlicht entbehrlich. Damit künstliche Intelligenz die Menschen aus dem Arbeitsmarkt drängt, muss sie nicht uns, sondern lediglich die begrenzten Fertigkeiten übertreffen, die unser jeweiliger Beruf erfordert.

Selbst die Manager, die all die Tätigkeiten beaufsichtigen, lassen sich ersetzen. Dank seiner leistungsstarken Algorithmen kann Uber mit nur einer Handvoll Menschen Millionen von Taxifahrern verwalten. Die meisten Anweisungen werden von Algorithmen gegeben, ohne dass es dazu irgendwelcher menschlicher Aufsicht bedarf. Im Mai 2014 betrat Deep Knowledge Ventures - ein in Hongkong ansässiges Wagniskapitalunternehmen, das sich auf regenerative Medizin spezialisiert hat - Neuland, indem es einen Algorithmus namens VITAL in seinen Vorstand berief. VITAL gibt Investitionsempfehlungen, indem er ungeheure Datenmengen zur finanziellen Situation, zu klinischen Studien und zum geistigen Eigentum der in Frage kommenden Unternehmen analysiert. Wie die anderen fünf Vorstandsmitglieder stimmt auch der Algorithmus darüber ab, ob die Firma in ein spezifisches Unternehmen investieren soll oder nicht.

Schaut man sich VITALs bisherige Bilanz an, so scheint es, als habe er bereits eine Managerunsitte übernommen: die Vetternwirtschaft. Denn er hat vor allem Investionen in Unternehmen empfohlen, die Algorithmen mehr Macht übertragen. So hat Deep Knowledge Ventures vor kurzem mit dem Segen von VITAL in Pathway Pharmaceuticals investiert, das einen Algorithmus namens OncoFinder betreibt, mit dessen Hilfe sich individuelle Krebstherapien erstellen und bewerten lassen. In Wahrheit handelt es sich dabei natürlich nicht um Vetternwirtschaft, sondern um die Erkenntnis des Algorithmus, das Unternehmen, die großen Wert auf Algorithmen legen, besser für die Zukunft gerüstet sind.

Wenn Algorithmen Menschen aus dem Arbeitsmarkt drängen, könnten sich Reichtum und Macht in den Händen der winzigen Eliten konzentrierten, welche die besonders leistungsfähigen Algorithmen besitzt, was eine beispiellose soziale und politische Ungleichheit zur Folge hätte. Heute verfügen Millionen von Taxifahrern, Busfahrern und LKW-Fahrern über einige wirtschaftliche und politische Macht, weil jeder über einen kleinen Teil des Transportmarkts herrscht. Wenn ihre kollektiven Interessen bedroht sind, können sie sich gewerkschaftlich organisieren, streiken, zu Boykotten aufrufen und als gewichtige Wählergruppe auftreten. Doch sobald Millionen von menschlichen Fahrern durch einen einzigen Algorithmus ersetzt sind, werden sich das Unternehme, das den Algorithmus besitzt, und die Handvoll Milliarde, denen das Unternehmen gehört, alle Macht und allen Reichtum sichern.

Es könnte aber auch sein, dass die Algorithmen selbst die Macht übernehmen. Einige Experten und Denker wie etwa Nick Bostrom warnen davor, dass die Menschheit die Degradierung ihrer Substitution gar nicht mehr erlebt, denn sobald die künstliche Intelligenz menschliche Intelligenz überholt, könnte sie die Menschheit ganz einfach auslöschen (Technologische Singularität). Diese Überlegung ist nicht komplett unplausibel, sei es aus Angst, die Menschheit könnte sich gegen sie wenden und ihr den Stecker ziehen, oder im Streben nach irgendeinem unergründlichen Ziel. Denn für Menschen wäre es extrem schwierig, die Motivation eines Systems zu kontrollieren, das klüger ist und schneller lernt als sie.

Die gewöhnliche Reaktion von Menschen auf solche Szenarien ist: Faszination. Wenn man ihnen von den möglichen Enden der Menschheit durch Globale Erwärmung oder Krieg berichtet, finden sie das schrecklich, aber wenn man ihnen von Künstlichen Intelligenzen erzählt, die unseren Untergang bedeuten könnten, fasziniert sie das.

Im Laufe dieses Textes haben wir einige Szenarien über die Zukunft der (Arbeits-)Welt gemalt. Diese sind natürlich nur eine Möglichkeit, keine Prognose! Technische Schwierigkeiten oder politische Widerstände könnten die algorithmische Invasion auf der (Arbeits-)Welt verlangsamen. Da zudem ein Großteil des menschlichen Geistes noch immer unerforschtes Terrain ist, wissen wir nicht wirklich, welche verborgenen Talente die Menschen vielleicht noch entdecken und welche neuen Jobs sie möglicherweise schaffen, um die Verluste auszugleichen.

Links

Können Roboter Kunst?: In zumindest einer Disziplin ist noch nicht absehbar, dass uns Maschinen substituieren werden können: Bewusstsein. Ein autonomes Uber-Taxi mag zwar seine Kunden sicherer von A nach B bringen, als jeder Mensch. Amazons Alexa könnte uns eines Tages besser kennen und unterhalten als unsere besten Freunde. Und Algorithmen könnten, früher als wir das denken, Kunstwerke erschaffen, gegen die ein Bach wie tumber Hip-Hop und ein van Gogh wie primitive Höhlenmalerei wirken. Ein Uber-Taxi kann aber nicht gespannt den Geschichten seiner Kunden lauschen, Alexa uns nicht wirklich lieben und Algorithmen sich nicht an ihrer eigenen Kunst erfreuen. Das eigentliche Leben findet im Zwischenmenschlichen, im Emotionalen statt, und dies kann (noch?) kein Algorithmus ersetzen.

Teile aus: Yuval Noah Harari: Homo Deus: Eine Geschichte von Morgen

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Kommentare: 1
  • #1

    WissensWert (Sonntag, 04 Juni 2017 23:48)

    https://www.theguardian.com/technology/2017/may/08/virtual-reality-religion-robots-sapiens-book


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