„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Donald Bagley Marquis: Why Abortion is Immoral (Replik)

Der US-amerikanische Philosoph Donald Bagley Marquis entwickelt in seinem Aufsatz "Why Abortion is Immoral" ("Warum Abtreibung unmoralisch ist") ein medizinethisches Argument gegen Abtreibungen. Marquis stellt darin zunächst die Frage, warum es überhaupt unrecht sei, einen von uns – sagen wir, Sie, den Leser – zu töten. Er beantwortet diese Frage mit dem Hinweis darauf, dass es unrecht (oder: unmoralisch) sei, Ihnen das Leben zu nehmen, weil Ihnen dadurch Ihre Zukunft, die für Sie etwas Wertvolles darstellt, genommen wird (Stichwort: Opportunitätskosten). Wenn das zutrifft, so ist es – gleiche Umstände vorausgesetzt – ebenso unrecht, ein Wesen zu töten, von dem angenommen werden kann, das es eine Zukunft hat, die der Ihrigen in wichtigen Hinsichten vergleichbar ist und deshalb für das betreffende Wesen einen Wert darstellt. Der Fötus kann erwartungsgemäß eine solche Zukunft haben. Also ist das Töten eines Fötus unrecht, weil es ihm „eine der unsrigen vergleichbare Zukunft“ nimmt bzw. nehmen könnte.

Dieser Einwand gegen Schwangerschaftsabbrüche trifft jedoch nicht zu, wenn von dem Fötus nicht angenommen werden kann, dass er eine Zukunft wie die unsrige haben wird. Angenommen, anlässlich einer Pränataldiagnose stellt sich heraus, dass der Fötus beispielsweise die genetische Veranlagung für das Tay-Sachs-Syndrom besitzt, eine unheilbare Krankheit, die zur Lähmung und schließlich – meist innerhalb der ersten vier Lebensjahre – zum Tod führt. Marquis bejaht, dass sein Argument keinen Grund dagegen liefert, diesen Fötus "ohne wertvolle Zukunft" zu töten, was für viele Befürworter der Pro-Life-Bewegung[1] ein Grund dafür gewesen ist, seine Auffassung abzulehnen. Die Flexibilität seiner Sichtweise wird von Philosophen aus dem Pro-Choice-Spektrum, wie etwa Peter Singer, aber vielmehr als eine Stärke gesehen (und als Hinweis darauf, dass es sich dabei nicht bloß um die traditionelle Verteidigung des Prinzips von der Heiligkeit des Lebens in neuem Gewand handelt.)

Marquis räumt zwar den Einwand aus, dass seine Position eine Spielart des Speziesismus sei. Aber schwieriger ist es für ihn, jenem Einwand zu begegnen, der Argumente einbezieht, die sich auf die Potentialität des Fötus stützen. Vorausgesetzt, dass die Unrechtmäßigkeit der Tötung eines Fötus tatsächlich darin besteht, dass wir ihm dadurch eine wertvolle Zukunft nehmen: Würde das dann nicht auch für den Fall gelten, dass jemand beschließt, überhaupt kein Kind zu bekommen? Oder wenn wir beschließen, nur zwei Kinder zu bekommen und nicht drei? Wäre es schon ein unmoralisches Vergehen, wenn zwei geschlechtsreife Jugendliche nur beieinander sitzen und nicht übereinander herfallen und ein Kind mit einer potentiell wertvollen Zukunft zeugen? Unter diesem Aspekt sind Abtreibung, sowie auch zuverlässige Verhütung und Abstinenz allesamt gleichermaßen effektiv darin, die Existenz eines Wesens mit einer wertvollen Zukunft zu verhindern.

Nun gesteht Marquis zu, dass das, was er „den Verhütungseinwand“ nennt, den schlagendsten Gegenbeweis gegen sein Argument darstellt. Dennoch glaubt er, eine überzeugende Antwort darauf gefunden zu haben: „Das Unrecht zu töten ist vornehmlich ein Unrecht, das dem getöteten Individuum angetan wird; zum Zeitpunkt der Zeugung gibt es aber kein Individuum, dem unrecht getan wird.“ Mit anderen Worten: In Marquis‘ ethischer Perspektive kann man nur dann unrecht tun, wenn man einem existierenden Individuum unrecht tut. Das ist eine weitverbreitete Ansicht. Es erscheint uns intuitiv schlimmer, einer Person das Leben zu nehmen, die einer erstrebenswerten Zukunft entgegensieht, als es zu unterlassen, eine Person ins Leben zu bringen, die, wenn sie gezeugt würde, eine erstrebenswerte Zukunft hätte.

Der Unterschied verringert sich jedoch dann, wenn wir nicht an eine ausgewachsene Person denken, die freudig ihrer Zukunft entgegensieht, sondern an einen Fötus, der über kein Bewusstsein verfügt, werde in der Gegenwart noch in der Vergangenheit. Wenn er getötet wird, bevor er Bewusstsein erlangt, ist es für ihn nicht anders gewesen, als wenn er gar nicht gezeugt worden wäre, denn in beiden Fällen ist keinerlei bewusstes Erleben vorhanden. Der einzige Unterschied besteht darin, dass wir im Falle eines Schwangerschaftsabbruches sagen können: „Es hat einen Fötus gegeben, der über kein bewusstes Erleben verfügte und dann aufhörte zu existieren.“ Im Fall einer Verhütung dagegen können wir lediglich sagen, dass kein Fötus entstanden ist. Dieser Unterschied ist zu gering, als dass man auf ihn die Unterscheidung zwischen einer unmoralischen Handlungsweise und einer in moralischer Hinsicht harmlosen begründen könnte.

Das Problem verkompliziert sich jedoch, wenn wir in Betracht ziehen, was man „den Einwand der Totipotenz (von Zellen)“ nennen könnte. Marquis legt sich nicht auf das Ansicht fest, dass ein Individuum von dem Zeitpunkt an existiert, an dem das Spermium in die Eizelle eindringt. Im Hinblick auf die Frage, warum die Existenz des Individuums, das eine erstrebenswerte Zukunft haben wird, beginnt, meint er:

„Die Tatsache, dass die bis zum 16-Zell Stadium produzierten Zellen totipotent sind und sich daher in eines oder mehrere Individuen teilen können, lässt erkennen, auf welche Schwierigkeit die Auffassung stößt, dass die Existenz eines menschlichen Individuums (das in einem späteren Stadium zum Erwachsenen wird) bei der Zeugung beginnt. Vielleicht sind im 16-Zell-Stadium 16 menschliche Individuen vorhanden.“

Wenn Marquis damit recht hat, dann wird die Sachlage für seine Position noch schwieriger. Wie bereits geschildert, kann der zweizellige oder vierzellige Embryo geteilt werden, so dass eineiige Zwillinge oder Vierlinge entstehen. (Schiebt man die Teilung bis zum 16-Zell-Stadium auf, so reduziert sich die Aussicht auf Erfolg, weil ab diesem Zeitpunkt die Totipotenz der Zellen abnimmt.) Teilen wir beispielsweise den vierzelligen Embryo, um Vierlinge zu erhalten, und transferieren diese dann in den Uterus von vier Frauen -, so kann man damit rechnen, dass jeder einzelne von ihnen eine wertvolle Zukunft hat. Ist es deshalb unmoralisch, dies nicht zu tun, sondern den Embryo lediglich heranwachsen zu lassen und so die Anzahl von Menschenleben mit einer wertvollen Zukunft von vier auf eins zu verringern? Das scheint absurd. Dennoch kann Marquis an dieser Stelle nicht behaupten, dass kein Individuum existiert, dass es zu berücksichtigen gilt, denn er hatte ja zugestanden, dasses sich bei jeder totipotenten Zelle möglicherweise um ein menschliches Individuum handelt. Natürlich könnten wir bestreiten, dass jede totipotente Zelle ein Individuum ist. Will jedoch Marquis seine Position auf diese Weise verteidigen, so verdeutlicht dies, wie entscheidend sowohl die Anwendbarkeit seines Arguments as auch das Urteil, ob eine Handlungsweise unmoralisch ist, davon abhängt, dass der Status verschiedener Entitäten sehr genau differenziert wird, und nicht davon, ob die betreffende Handlungsweise bessere oder schlechtere Konsequenzen hat als eine andere, die an ihre Stelle hätte unternommen werden können.

zum vorherigen Blogeintrag                                                                         zum nächsten Blogeintrag 

 

Liste aller bisherigen Blogeinträge

Kommentare: 1
  • #1

    WissensWert (Montag, 29 Mai 2017 21:28)

    Nun funktioniert auch wieder die Kommentarfunktion. Ich musste den Browser-Cache leeren, hat ein wenig gebraucht, bis ich das Problem identifiziert hatte.


Impressum | Datenschutz | Sitemap
Diese Website darf gerne zitiert werden, für die Weiterverwendung ganzer Texte bitte ich jedoch um kurze Rücksprache.