„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Die Ungleichung der Ungleichheit (Thomas Piketty)

"Das Kapital im 21. Jahrhundert" ist ein Buch des französischen Ökonomen Thomas Piketty. Es thematisiert grundlegende Fragen des Kapital(ismu)s sowie der Vermögensungleichheit und Einkommensungleichheit.

Pikettys Kernthese lautet, dass extreme Ungleichheit ein inhärentes (im Gegensatz zu einem zufällig-temporären) Merkmal des Kapitalismus sei und folglich auch nur durch eine Einschränkung des Kapitalismus gelöst werden könnte.[1] Zur Untermauerung seiner These entwarf Piketty eine grundsätzliche Theorie des Kapitalismus[2], die die Theorien zum Wirtschaftswachstum und zur Einkommensverteilung verbindet. Bei alldem beruft sich Piketty auf (teilweise umstrittene) Datensätze aus den letzten zwei Jahrhunderten.

1. Ursachen für Ungleichheit

Piketty unterscheidet zwei Hauptursachen der wachsenden Ungleichheit:

1.    Bezieher hoher Einkommen (wie z. B. Manager) haben ihre Macht dazu genutzt, sich selbst hohe Einkommen zu verschaffen. Anders als vielfach behauptet, entspricht die relative Höhe der Einkommen gegenüber niedrigeren Einkommen nicht der jeweiligen Produktivität.

2.    Einkommen aus Kapital wachsen im Kapitalismus in der Regel prozentual stärker als die Gesamtwirtschaft.

Die aus (1) resultierende Ungleichheit bestimmt die öffentliche Debatte, die aus (2) resultierende hält Piketty aber für weitaus gewichtiger. Er drückt (2) in folgender Formel aus:

r>g, die Ungleichung der Ungleichheit.
r>g, die Ungleichung der Ungleichheit.

r bezeichnet die Kapitalrendite, g steht für das Wirtschaftswachstum, also das Wachstum des gesamtwirtschaftlichen Einkommens. Wenn immer die Kapitalrendite r das Einkommenswachstum g übersteigt, nehme die Ungleichheit zu. Dies sei weltweit überwiegend seit Jahrzehnten sehr deutlich der Fall.

In sehr einfachen Worten ausgedrückt bedeutet das: Wenn r > g, dann können diejenigen, die sowieso bereits Vermögen besitzen, dieses "für sich arbeiten lassen" und so noch reicher werden. Der Rest muss sich mit dem vergleichsweise unfairen Arbeitseinkommen begnügen und die Renditen der Vermögenden erwirtschaften, denn das Geld arbeitet nicht wirklich für sie, unvermögende Menschen tun dies.

Dieser Missstand r > g beeinflusst nach Piketty die Ungleichheit wesentlich und dauerhaft. In einem Artikel im American Economic Review macht Piketty dazu darauf aufmerksam, dass ein Betrachten von r und g alleine ohne die politischen Umstände jedoch nicht für eine Vorhersage von Entwicklungen geeignet ist. Institutionelle Veränderungen und politische Umwälzungen, wie sie das 20. Jahrhundert prägten und teils wiederum durch die Entwicklung der Ungleichheit beeinflusst wurden, können auch die ökonomische Entwicklung stark verändern.[3]

3. Rück- und Ausblick

Die Frage nach der Vermögenskonzentration ist für viele eine Glaubensfrage: Nimmt sie nun kontinuierlich zu, nimmt sie ab, oder strebt sie einem natürlichen Gleichgewicht zu? Letzteres behauptete der amerikanische Ökonom Simon Kuznet in der Mitte des letzten Jahrhunderts. Die von ihm entwickelte „Kuznet-Kurve“ sollte beweisen, dass sich eine durch die Industrialisierung hervorgerufene Ungleichheit zwischen den Nationen auf lange Sicht ausgleichen würde. Doch er hatte sich zu früh gefreut: Seit den 1970er-Jahren zeigt die Kurve wieder in die entgegengesetzte Richtung. In den USA etwa hat die Konzentration der Vermögen wieder ein Niveau erreicht, das zuletzt in Europa um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert beobachtet wurde. Die weltweite Ungleichheit nimmt laut Piketty (aus den oben genannten Gründen) zu.

„Das Kapital ist niemals ein Ruhekissen: Es ist stets risikobehaftet und dynamisch, zumindest in seinen Anfängen; gleichzeitig hat es immer die Tendenz, sich in Rente zu verwandeln, sobald es unbegrenzt akkumuliert wird – das ist sein zwangsläufiges Schicksal.“

Ungleichheit der Arbeitseinkommen: Ausgehend von einem fiktiven Durchschnittseinkommen von 2000 Euro hätte das eine Prozent der Topverdiener im Skandinavien der 1970er- und 1980er-Jahre 10 000 Euro pro Kopf und Monat erhalten, die untersten 50 Prozent dagegen bloße 1400 Euro. Das gleiche durchschnittliche Einkommen würde in den USA heute folgendermaßen verteilt: 24 000 Euro an das oberste Prozent, 1000 Euro an die untere Hälfte.

Ungleichheit der Vermögen: In den meisten westeuropäischen Ländern besitzen heute die reichsten 10 Prozent der Bevölkerung etwa 60 Prozent der Gesamtvermögen – während auf die ärmsten 50 Prozent weniger als 5 Prozent der Gesamtvermögen entfallen. In den USA gehen 72 Prozent an die Reichsten und 2 Prozent an die Ärmsten.

Entstehung einer vermögenden Mittelschicht im 20. Jahrhundert: Die Kapitalkonzentration an der Spitze war bis zum Ersten Weltkrieg noch extremer. Damals besaßen die obersten 10 Prozent fast alles, während die restlichen 90 Prozent fast nichts hatten. Heute entfallen auf die mittleren 40 Prozent in Europa immerhin etwa 35 Prozent der Gesamtvermögen.

Abkopplung der Spitzeneinkommen: Drei Viertel des gesamten US-amerikanischen Wachstums seit Ende der 1970er-Jahre landeten auf den Konten der reichsten 10 Prozent. Die Durchschnittseinkommen der übrigen 90 Prozent sind im gleichen Zeitraum um weniger als 0,5 Prozent pro Jahr gewachsen. Ein wesentlicher Grund hierfür war die drastische Reduzierung der Steuern auf Spitzengehälter und Kapitalerträge im Zuge der neoliberalen Wende.

Die Weltwirtschaft wächst gegenwärtig mit einer Pro-Kopf-Rate von etwa 2 Prozent. Das ist im historischen Vergleich ein phänomenal hoher Wert: Bis zum Beginn der industriellen Revolution lagen die Wachstumsraten zwischen unter 0,1 Prozent und 0,2 Prozent, und es deutet einiges darauf hin, dass die vergangenen drei Jahrhunderte ein Ausreißer waren. Das weltweite Wachstum wird voraussichtlich den Verlauf einer Glockenkurve annehmen, mit langfristigen Zuwächsen von knapp über 1 Prozent pro Jahr. In der Folge wird die Bedeutung von Kapital im Vergleich zum Arbeitseinkommen in Zukunft noch weiter zunehmen – wir betreten eine Welt der reichen Erben und Müßiggänger, wie sie Romanautoren wie Jane Austen und Honoré de Balzac in ihren Büchern beschrieben haben.

4. Mögliche Folgen wachsender Ungleichheit

Piketty erklärt, dass die Ungleichheit sowohl die Demokratie als auch die wirtschaftliche Basis der Gesellschaft bedrohe. Die Demokratie sei bedroht, da Vermögenskonzentrationen Machtkonzentrationen bedeuteten und die politische und gesellschaftliche Teilhabe der Mehrheit der Gesellschaft verringerten. Die wirtschaftliche Grundlage der Gesellschaft sei bedroht, da ohne Verringerung der Einkommensungleichheit und insbesondere Vermögensungleichheit möglicherweise zukünftig geringes Wirtschaftswachstum herrschen werde. Technologischer Fortschritt werde wohl nicht das Wachstum des 20. Jahrhunderts zurückbringen.

 

Als Lösungsvorschlag diskutiert Piketty eine jährliche, progressive Vermögens-steuer von bis zu 2 % verbunden mit stark progressiver Einkommensteuer, im Spitzensatz von bis zu 80 %.[4]

„Die Krise von 2008 war die erste Krise des globalisierten Patrimonialkapitalismus des 21. Jahrhunderts. Sie wird wahrscheinlich nicht die letzte gewesen sein.“

5. Lösungsansätze

Als ein wesentlicher Grund für die Abnahme von Ungleichheit Mitte des 20. Jahrhunderts identifiziert Piketty die Einführung einer Steuerprogression. Der Spitzensteuersatz auf Einkommen und Erbschaften lag in den USA zwischen 1932 und 1980 im Durchschnitt bei rund 80 Prozent. In Großbritannien kletterte er für Einkommen zeitweise auf bis zu 98 Prozent. Heute stehen beide Länder für einen Rückfall in ein regressives Steuersystem: Die Spitzensteuersätze sind auf 30 bis 40 Prozent gesunken, während sie sich in Deutschland und Frankreich seit 1930 relativ stabil bei 50 bis 60 Prozent gehalten haben. Die dahinterstehende neoliberale Haltung scheint jedoch ohne Grundlage: Es gibt keinerlei Hinweis darauf, dass eine Wirtschaft schneller wächst, wenn man es einigen wenigen ermöglicht, immense Reichtümer anzuhäufen. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein: 1 Mensch mit einer Milliarde Euro wird vermutlich niemals das gesamte Geld ausgeben. Wenn wir die Milliarde jedoch unter 10.000 Menschen aufteilen, bekommt jeder 100.000 Euro. Ein Normalverdiener mit 100.000 Euro wird wahrscheinlich wissen, wo er das neue Geld ausgeben möchte. So zirkuliert das Geld mehr, wenn es sich in den Händen vieler Menschen befindet, das kurbelt die Wirtschaft an. Die Einführung eines deutlich stärker progressiven Spitzensteuersatzes (über 80 Prozent für die höchsten Einkommen) könnte eine solche Aufteilung des Gesamtvermögens bewirken und somit der gesamten Wirtschaft guttun.

 

„Die Kapitalsteuer wäre eine Art internationales Finanzkataster, das es gegenwärtig nicht gibt.“

 

Zusätzlich sollte eine einheitliche Vermögenssteuer erhoben werden, egal wo diese geparkt sind. Im Zuge dessen würde ein internationaler Finanzkataster geschaffen werden, der die Kontrollmöglichkeiten der Steuerbehörden über Staatsgrenzen hinweg ausdehnt. Klingt utopisch? Vielleicht, aber man darf nicht vergessen, dass auch die progressive Einkommensteuer vor 100 Jahren als illusorisch belächelt wurde. Eine Kapitalsteuer könnte schrittweise und zunächst auf europäischer Ebene eingeführt werden. Ihre Vorteile liegen auf der Hand:

 

- Wirtschaftliche Offenheit statt Protektionismus: Die Früchte der Globalisierung könnten relativ transparent und gerecht verteilt werden.

- Regulierung des Kapitalismus: Das Ziel ist nicht die Finanzierung des Sozialstaats, sondern eine Verschiebung des Machtgefüges. Die Allgemeinheit würde die Kontrolle über ihr Wirtschaftssystem zurückgewinnen.

- Schaffung von Vermögenstransparenz: Die Schlupflöcher für Steuervermeider würden gestopft. Ein automatischer Bankdatenaustausch würde es jedem Land ermöglichen, vorausgefüllte Steuererklärungen an ihre Bürger zu verschicken, auf denen deren sämtliche Aktiva und Passiva in aller Welt verzeichnet sind.

- Vorschlag für eine gerechte Lastenverteilung: Vermögen unter 200 000 Euro könnten mit 0,1 Prozent, solche zwischen 200 000 und 1 Million Euro mit 0,5 Prozent, Vermögen bis 5 Millionen Euro mit 1 Prozent und jene ab dieser Summe mit 2 Prozent besteuert werden. Bei extrem hohen Vermögen ab 100 Millionen oder 1 Milliarde könnte der Spitzensteuersatz deutlich darüber liegen und an die effektiven Durchschnittsrenditen gekoppelt werden.

 

Außerdem schlägt Piketty vor, dass die ausufernden Staatsschulden durch eine einmalige Vermögensabgabe beglichen werden könnten (er möchte den Vermögenden also richtig an die Taschen!) und konstatiert: „In Bildung zu investieren eröffnet auf lange Sicht die besten Aussichten darauf, Ungleichheiten einzudämmen und zugleich die durchschnittliche Produktivität pro Werktätigem und das globale Wirtschaftswachstum zu steigern.“

„r > g – das heißt in gewisser Weise, dass die Vergangenheit sich anschickt, die Zukunft zu fressen.“

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