„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Die neue Völkerwanderung - Wer Europa bewahren will, muss Afrika retten.

„Während die Welt auf Syrien blickt, schenkt sie dem Exodus von Millionen Menschen aus Ostafrika kaum Aufmerksamkeit.“

„Es werden immer mehr, die sich mit dem Gedanken tragen, ihre Heimat zu verlassen. Afrika sitzt auf gepackten Koffern.“

„Es geht nicht nur um Afrika, es geht um uns alle.“

Das alles sind Zitate des äthiopischen Flüchtlings Asfa-Wossen Asserate. Asserate ist jedoch kein gewöhnlicher Flüchtling, er ist der Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie und ein waschechter Prinz. Asserate lebt seit Ende der 1960er-Jahre in Deutschland und gilt als einer der besten Afrikakenner des Landes, er arbeitet als Unternehmensberater für Afrika und den Nahen Osten und ist Autor mehrerer Bücher. Eines dieser Bücher trägt den Titel: "Die neue Völkerwanderung - Wer Europa bewahren will, muss Afrika retten". In diesem Buch beschreibt Asserate, warum so viele Afrikaner ihrem Kontinent den Rücken kehren (werden), inwiefern Europa daran eine Mitschuld trägt und was es tun kann, um einen afrikanischen Exodus zu verhindern. Er fordert dabei nicht weniger als eine grundlegend neue europäische Afrikapolitik. Folgend ein paar Anregungen aus seinem Buch, gemischt mit eigenen Gedanken:

- Mit Syrien und Afghanistan steht derzeit Asien im absoluten Fokus der aktuellen Flüchtlingskrise. Ende 2015 verzeichneten diese Länder weltweit die meisten Flüchtlinge. Rund 5 Millionen Syrer und 2,7 Millionen Afghanen waren zu dem Zeitpunkt auf der Flucht.

- Die Länder mit den nächsthöheren Flüchtlingszahlen spielen in der öffentlichen Diskussion hingegen kaum eine Rolle: Somalia mit rund 1,12 Millionen Flüchtlingen, der Südsudan (779 000), der Sudan (629 000) und die Demokratische Republik Kongo (542 000), allesamt afrikanische Staaten.

- Zukünftig werden die Flüchtlingszahlen weltweit weiter ansteigen. Während 2010 jeden Tag 10.900 Menschen ihre Heimat verließen, waren es zwei Jahre später rund 21.400, heute liegt ihre Zahl bei rund 34.000, so das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR). Der Bürgerkrieg in Syrien dürfte eines Tages vorbei und die Taliban in Afghanistan wohlmöglich zurückgedrängt sein, und sehr viele Flüchtlinge könnten dann in ihre Heimat zurückkehren.

- Für Afrika sieht die Situation jedoch anders aus. Armut, Krieg, Repressionen, Verfolgung, mangelndes Trinkwassser, schlechte Gesundheitsversorgung und fehlende Bildungs- oder Karriemöglichkeiten werden laut Beobachtern und Menschenrechtsorganisationen zukünftig noch viel mehr Afrikaner in die Flucht treiben. Viele Afrikaner haben nichts zu verlieren. Der Westen täuscht sich, wenn er meint, die verzweifelten Menschen mit Zäunen, Mauern und Patrouillen auf ihrem Weg in die Sicherheit und den Wohlstand aufhalten zu können.

- Wenn Europa einen Exodus effektiven verhindern möchte, muss es sich seiner eigenen kolonialen Vergangenheit stellen, so Asserate. In den 1950ern- und 60ern war die Europhie noch groß, als nach Jahrhunderten der Unterdrückung die meisten afrikanischen Staaten ihre Unabhängigkeit erlangten. Viele Experten erwarteten eine rasante Aufholjagd des Kontinents und bald gar den Anschluss an westliche Lebensstandards. Die Prognosen erfüllten sich nicht; zu groß war die Hypothek des Kolonialismus. Viele afrikanische Staaten waren schwierig zu regieren, da es sich um künstliche Gebilde aus der Kolonialzeit handelte, die multiethnisch geprägt waren – wobei die Loyalitäten der Menschen in der Regel dem eigenen Clan galten und nicht der Nation. Hinzu kommen die völlig sinnlos gezeichneten Landesgrenzen.

- Und es gab weitere Probleme. Die postkoloniale afrikanische Regierungselite war jung und unerfahren. Sie war für ihre neuen Aufgaben kaum vorbereitet. Viele Herrscher sahen sich als Führer legitimiert, weil sie ihr Land befreit hatten – woraus sie alsbald lebenslange Regierungsansprüche ableiteten. Es dauerte nicht lange, und viele Herrscher bedienten sich in der Staatskasse, anstatt ihr Land zu entwickeln. Funktionierende Institutionen, die die Einhaltung von Regeln hätten durchsetzen können, fehl(t)en. Hilfszahlungen und Einnahmen aus Rohstoffverkäufen wurden und werden als Privateinkommen angesehen, das allenfalls zum Machterhalt eingesetzt wurde. Großzügige Unterstützung gab es dabei aus dem Westen oder der Sowjetunion – je nachdem, welcher Einflusssphäre man sich zurechnete. Ein-Partei-Staaten mit autokratischen Führern wurden zum afrikanischen Normalfall. Die Bevölkerung ging leer aus.

-Heute ist Afrika ein Kontinent mit zwei Gesichtern. In vielen Großstädten haben sich trotz der schwierigen Rahmenbedingungen pulsierende Zentren gebildet, die mit den Superlativen des Westens durchaus mithalten können. Im Ranking der teuersten Städte der Welt liegt Angolas Hauptstadt Luanda auf Platz zwei, gleich hinter Hongkong. Und der Vorstandsvorsitzende von General Electric, Jeffrey Immelt, erklärte 2014, Afrika gehöre zu den wichtigsten Wachstumsregionen der Welt. Die traurige Seite des afrikanischen Kontinents sieht so aus: Rund 220 Millionen Afrikaner hungern. Damit lebt fast ein Drittel aller hungernden Menschen in Afrika. Nur in Asien sieht es noch schlimmer aus. Rund 20 Prozent der Afrikaner werden nicht satt. Im Afrika südlich der Sahara hat die Zahl der Hungernden in den vergangenen zehn Jahren sogar deutlich zugenommen. Das liegt u.a. an der korrupten und ausbeuterischen Elite, am hohen Bevölkerungswachstum, aber auch am Klimawandel und an internationalen Konzernen, Faktoren also, die auch auf den Wohlstand des Westens zurückführen lassen.

- Viele junge Afrikaner wollen eine Perspektive für ihr Leben. Sie wünschen sich Rechtsstaatlichkeit und Wohlstand. Dass das möglich ist, sehen sie im Internet. Viele von ihnen stellen sich die Frage: Hier bleiben und für Veränderung kämpfen, oder sich auf den gefährlichen Weg machen? Unter den Menschen, die sich für eine Flucht entscheiden, sind viele relativ gut gebildete und wohlhabende (Stichwort "Braintrain"). Sie geben ihr Haus und oft auch ihre Familie auf, vertrauen sich zwielichtigen Schlepperorganisationen an, schlagen sich bis in die Maghreb-Staaten durch und wagen dann die riskante Fahrt über das Mittelmeer. Bei der Überfahrt sind allein von Anfang 2014 bis Mitte 2016 laut UNHCR rund 10.000 Flüchtlinge ertrunken. Noch mehr Tote, schätzt die Internationale Organisation für Migration (IOM), gibt es beim Durchqueren der Sahara.

- Was kann Europa jetzt tun? Ein erster Schritt wäre eine faire Handelspolitik gegenüber Afrika, denn diese ist bekanntlich die beste Entwicklungshilfe. Derzeit lebt Europa vor allem auf Kosten Afrikas, was sich nach Asserate deutlich in der Agrarwirtschaft niederschlägt. Brüssel subventioniert die europäische Agrarindustrie mit Milliardenzuschüssen, weswegen Billigprodukte aus der EU die Märkte in Afrika fluten, einheimische Bauern von dort verdrängen und ihnen so die Lebensgrundlage nehmen. Mit den technologisierten und subventionierten Erzeugnissen aus der EU können sie einfach nicht mithalten. Beispiele sind Hähnchenschenkel (oder Hänchenfüße, die wir Europäer nicht essen wollen), Milchpulver, oder Tomatenmark aus Italien, das schon tausende ghanaische Bauern in den Ruin getrieben hat. Ein ähnliches Muster findet sich in der Fischereipolitik der Europäischen Union. Europäisch subventionierte Trawler fischen die Meere leer und nehmen afrikanischen Fischern damit ihre Lebensgrundlage. Ein Teil dieser Menschen hat sich auf den Weg nach Europa gemacht. In Italien zum Beispiel sind bislang 46 500 Menschen aus Ghana angekommen. Dort tun jetzt viele, was sie ursprünglich in Ghana machten: Sie arbeiten auf Tomatenplantagen. Diese Situation wird sich voraussichtlich noch weiter verschärfen. Denn entgegen den Ratschlägen von Leuten wie Herrn Asserate möchte die EU ihre Subventionen auf exportierte (Agrar-)güter nicht streichen und ihren Handel mit Afrika weiterhin liberalisieren. So haben die Staaten der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (Ecowas) mit der EU ein „Wirtschaftspartnerschaftsabkommen“ abgeschlossen. Das Abkommen kam auf Druck der EU zustande und verlangt von den afrikanischen Staaten, dass sie ihre Zölle auf Einfuhren aus der EU streichen.

-Auch die fatale europäische Entwicklungspolitik trägt ihren Teil an der Misere. Zwar ist es ein Gebot der Humanität, Armen und Hungernden zu helfen, aber das Wie der europäischen Entwicklungspolitik wirft oft lange, dunkle Schaffen. Entwicklungshilfe ist nur dann gerechtfertigt, wenn sie tatsächlich die Entwicklung vor Ort fördert. Um dies sicherzustellen, sollte ein unabhängiges Kontrollgremium die Wirksamkeit von Projekten regelhaft untersuchen. Der Diplomat und langjährige deutsche Botschafter in Kamerun, Volker Seitz, hat hierfür ein Modell analog zum Bundesrechnungshof vorgeschlagen, gewissermaßen einen „Rechnungshof für Entwicklungshilfe“. So könnte auch verhindert werden, dass unter dem Deckmantel der Entwicklungshilfe Fiskalpolitik betrieben wird, d.h. den Äthiopiern eine Filterungsanlage von Bosch oder ein Kohlekraftwerk eines deutschen Energieriesen zu spendieren, anstatt den Dingen, die wirklich helfen würden. 

-Ich halte zusätzlich eine „Adoption“ von afrikanischen Staaten für überlegenswert. Anstatt tausende kleine Projekte völlig unkoordiniert überall in der Welt am Laufen zu haben, könnten sich Staaten wie Deutschland, Frankreich oder Großbritannien einzelne afrikanische (oder natürlich auch asiatische) Staaten heraussuchen und sich mit führenden Experten an einen Tisch setzen. Hier kann jetzt auf Augenhöhe ein strategischer Langzeitplan ausgetüftelt werden.

-Ob sich ein Marshallplan für Afrika anbietet, ist eine schwierige Frage. Der Vorteil wäre, dass ein solcher der Größe der Aufgabe entspricht. Unbeantwortet ist damit aber die Frage, wie man verhindern will, dass die großen Summen (wie bisher die kleinen) am Ende doch nur die Autokraten vor Ort finanzieren. Ein Marshallplan analog zum Aufbau Europas nach dem Zweiten Weltkrieg auf jeden Fall ist nicht ratsam, denn damals erschlossen sich die USA auf diese Weise auch Europa als Absatzmarkt – ein Modell, das für Afrika kontraproduktiv wäre (und ist). Auf jeden Fall wäre ein (wirtschaftlich) unabhängiges Kontrollgremium notwendig, das über den Einsatz der Mittel wacht.

- All die Entwicklungsgelder könnten sehr gut auch an Bedingungen (wie die staatliche Gewährleistung von Meinungsfreiheit und demokratischen Wahlen) geknüpft werden. Wenn es nach Asserate geht, muss Europa aufhören, Despoten zu finanzieren – auch wenn diese Alliierte im Kampf gegen den Terrorismus sind. Entwicklung sei letztlich immer nur von innen möglich. Autokraten, die ihr Land ausbluten lassen, stehen der Entwicklung im Weg.

- Wenn man den afrikanischen Kontinent entwickeln will, ist der Schlüssel die Landwirtschaft. Die Inbesitznahme von Land durch große Konzerne muss beendet werden (siehe z.B. Landgrabbing). Mit besseren Anbaumethoden und Erosionsschutz können die landwirtschaftlichen Erträge in vielen Ländern Afrikas gesteigert werden. Auch die pauschale Verteuflung von Gentechnologien aus Seiten von NGOs wie Greenpeace ist der Entwicklung der afrikanischen Landwirtschaft sicher nicht förderlich. Für ihre Waren müssen die Bauern sinnvolle Preise erzielen können. Die bäuerliche Landwirtschaft muss breit gefördert und Importzölle sollen in vielen Fällen erhoben werden.

- Afrika muss auch sein Bevölkerungswachstum in den Griff bekommen. Bildung (für Frauen) ist ein zentraler Ansatz. Mädchen mit Ausbildung (und mit sexueller Aufklärung) bekommen weniger Kinder. Frauen sind eine Schlüsselkomponente zur Zukunft Afrikas.

- Wenn Europa die Flüchtlingskrise in den Griff bekommen möchte, muss es die Ursachen bekämpfen. Das heißt in manchen Fällen auch, dass es sich mit dem Gedanken arrangieren muss, ein bisschen was von seinem Wohlstand abzugeben.

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