„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

MAD-Kriege

Es gibt ein bekanntes Untergangsszenario, das dadurch an Brisanz gewinnt, dass es (1) sowohl in den nächsten Jahrzehnten möglich als auch (2) in der Lage ist, unsere Zivilisation zu zerstören. Sie ist prosaisch und banal, etwas, das von vielen als Gefahr abgetan wird, mit der das 20. Jahrhundert konfrontiert war und die endgültig zurückgewiesen wurde: nämlich den Krieg zwischen nuklearen Supermächten, insbesondere, wenn er nicht unter der Doktrin von MAD (Mutually Assured Destruction, wechselseitig garantierte Zerstörung) ausgetragen wird.

Argumente gegen die Plausibilität eines nuklearen Holocausts gibt es zuhauf: Er nützt niemandem. Die USA und die UdSSR des 20. Jahrhunderts waren selbst in den tiefsten MAD-Jahren aufrichtig bemüht, ein Abgleiten in die Eskalation zu verhindern. Diese Vernunft gilt als ein wesentlicher Grund dafür, warum die Menschheit das Jahrhundert ohne einen globalen Atomkrieg durchlebte.

Leider ist das 20. Jahrhundert unser einziger Testfall, und die Bedrohung durch einen nuklearen Krieg weist Eigenschaften auf, die das Überleben des 20. Jahrhunderts eher zu einer Sache des Glücks als der Weisheit machen. Beispiel: 1962 verschärfte die Stationierung sowjetischer Mittelstreckenraketen auf Kuba den Ost-West Konflikt dramatisch. Das bisher undenkbare liegt in der Luft – ein nuklearer Erstschlag. Es bedurfte von beiden Seiten hohes politisch, diplomatisches Fingerspitzengefühl, um diesem präventiv entgegenzuwirken. Inmitten jener hochbrisanten Phase des kalten Krieges endete ein Missverständnis fast im nuklearen Winter. Nachdem US-amerikanische Zerstörer das sowjetische U-Boot B-59 attackierten, um es zum Auftauchen zu zwingen, wussten die Amis eines nicht: Das U-Boot der Klasse Projekt 641 ist mit nuklearen Torpedos bestückt. Was wiederrum die auf dem U-Boot stationierten Russen nicht wussten: eine militärische Auseinandersetzung gibt es zwischen Ost und West bisher nicht. Aufgrund des Beschusses vermutet der Kommandant des U-Bootes jedoch, dass der einst kalte Krieg bereits in die heiße Phase übergegangen ist. Folglich wollte er sich gegen die feindlichen Wasserbomben zur Wehr setzen, drei Offiziere müssen dem Abschuss der eigenen Waffen noch zustimmen, bevor dieser erfolgen kann. Zwei der Offiziere geben ihr Ja, doch Wassili Alexandrowitsch Archipow lehnt als einziger den Einsatz der Nuklearwaffen an Bord ab und verhindert damit eventuell den Ausbruch eines dritten Weltkrieges.

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