„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Die Begründungslast liegt bei den Theisten

Atheistische Argumente lassen sich in zwei allgemeine Typen unterscheiden:

1. Argumente gegen die Existenz Gottes.

2. Argumente gegen die Argumente für die Existenz Gottes.

Gerne wird dieser generelle Umstand übersehen: Derjenige, der die Existenz von X behauptet, und nicht derjenige, der die Existenz von X bezweifelt oder bestreitet, trägt die Begründungslast für sein Urteil.

Dies gilt, was kaum jemand bestreiten würde, wenn jemand die Existenz von irdischen Dingen wie dem Yeti oder einer neuen Teilchenart behauptet. Wenn jemand behauptet, dass der Yeti existiert, glauben wir allein deshalb noch nicht, dass der Yeti wirklich existiert. Und wenn jemand eine neue Teilchenart postuliert, fühlen wir uns nicht dazu gezwungen, deren Existenz zu falsifizieren, bis derjenige nicht irgendeine Evidenz für sein Postulat vorgebracht hat.

Das Gesetz der Begründungslast gilt aber auch für außerweltliche Dinge – wie Engel, Dämonen und Götter. Folglich trifft den Theisten, der den Gottesglauben für rational hält, die epistemische Verpflichtung, als erster irgendwelche Pro-Argumente für seinen Glauben vorzubringen. Natürlich steht auch der Atheisten dann in der Pflicht, sich mit diesen Pro-Argumenten auseinanderzusetzen und sie zu entkräften. Er ist aber nicht von vornerein verpflichtet, eigenständige Kontraargumente des Typs (2) vorzubringen. Sofern es ihm gelingt, die vorgebrachten Pro-Argumente in einem fairen Diskurs zu entkräften, darf er sich getrost zurücklehnen und vom Standpunkt der Nullhypothese aus abwarten, ob dem Theisten bessere Pro-Argumente einfallen.

Indem viele überzeugte Atheisten nicht nur zum Beispiel die verschiedenen Gottesbeweise auseinandernehmen (Argumente des Typs 2), sondern auch, ohne dass ein Pro-Argument überzeugen konnte, selbstständig Argumente wie etwa die Theodizee gegen die Existenz Gottes ins Feld führen (Typ 2), erfüllen sie weitaus mehr als ihren epistemischen Soll.

Oder anders ausgedrückt: Der Atheist braucht gar nicht zu zeigen, dass der Gottesglaube mit unserem allgemeinen Kenntnisstand über die Welt (und ihre Übel) nicht vereinbar ist. Es reicht völlig aus, wenn er – im Widerspruch zu den Pro-Argumenten des Theisten – zeigen kann, dass der Gottesglaube aus unserem allgemeinen Kenntnisstand über die Welt jedenfalls (weder logisch noch sonstwie) ableitbar ist.

Der Unterschied zwischen Vereinbarkeit und Ableitbarkeit ist bei argumentativen Folgerungen nicht selten von entscheidender Bedeutung. Wie ein einfaches Beispiel zeigt: Aus der Tatsache, dass mein Nachbar in einem bescheidenen Haus wohnt, lässt es sich sicher nicht ableiten, dass er ein reicher Mann ist. Wohl aber lässt es sich mit dieser Tatsache durchaus vereinbaren – und auf der Basis weiterer Informationen über ihn auch überzeugend dartun -, dass er ein reicher Mann ist. Es ist, generell gesprochen, argumentativ viel aufwendiger und schwieriger, die Ableitbarkeit von x aus Satz y aufzuzeigen als die Vereinbarkeit der beiden Sätze.

Die Theisten müssten, um ihren Standpunkt zu verteidigen, also die Ableitbarkeit der Existenz Gottes aus der Existenz der Welt (mit ihren Übel!) argumentativ belegen. Und solange ihnen dies nicht gelingt, braucht sein Opponent eigentlich gar keine Argumente gegen die Vereinbarkeit von Gott und Übel vorzubringen. Ja, der Atheist könnte eine solche Vereinbarkeit sogar ausdrücklich zugestehen, also die Theodizee kurzerhand für gelöst erklären, und trotzdem die unzähligen Gottesbeweise für gescheitert erklären und sein Atheismus wäre hinreichend begründet.

Wenn ein Feeist an Feen glaubt, muss er auch die Ableitbarkeit dieser Wesen aus der Welt beweisen. Es reicht nicht aus, wenn er aufzeigt, dass die Existenz der Feen prinzipiell mit unserer Welt und unseren Naturgesetzlichkeiten vereinbar ist.

Der Theist befindet sich in Wahrheit also, was die von ihm zu erbringende Begründung für die Existenz Gottes eines (allmächtigen und allgütigen) Gottes angeht, in einer noch weitaus größeren Bredouille, als all die skeptischen Argumente Für und Wider der bloßen Vereinbarkeit von Gott und Welt / Übel einem glauben lassen.

Dass die erforderliche Ableitbarkeit aber keinesfalls gegeben ist, ist nahezu eine Trivialität. Denn sonst müsste der Theist ja folgendes zeigen können: Die Welt (mit all ihrem natürlichen und moralischen Übel) ist geradezu ein Beleg dafür, dass derjenige, der ebendiese Welt zu verantworten hat, allmächtig ebenso wie allgütig ist. Ein solcher Beleg erscheint unmöglich, wodurch der atheistische Standpunkt perfekt begründet ist.

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