„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Street Epistemology: Wie sollten wir mit Gläubigen argumentieren?

Mit überzeugten Theisten über ihren Glauben zu diskutieren ist keine angenehme Aufgabe. Zwar kennt man die vorgebrachten Argumente bereits und weiß sie auch zu kontern, doch von der atheistischen Position überzeugen kann man so nur Wenige. Allzu oft treiben Rabulistik, begriffliche Umdefinierung oder der Verzicht auf jegliche logische Konsistenz beim Gesprächspartner den Glaubenskritiker in die Polemik. Damit erfüllt er unbeabsichtigt das Klischee vom besserwisserischen "Angry Atheist", was es dem Gegenüber vereinfacht, die vorgebrachte Kritik an seinem Überzeugungssystem als cholerisch und unsachlich abzutun. Und selbst wenn eine sachliche Präsentation der eigenen Argumente gelingen sollte: Wie viele Theisten hat eine sorgsame Abwägung der Argumente Für- und Wider jemals von ihrem Glauben abgebracht? Ihre Anzahl ist sicher überschaubar. Ist das Argumentieren mit Gläubigen also per se vergebene Lebensmühe, wenn nicht einmal die besten und sachlichsten Argumente verfangen?

Der Philosoph Peter Boghossian beantwortet uns diese Frage in seinem 2013 erschienenem Werk "A Manual for Creating Atheists". Es ist die Art und Weise, wie wir gemeinhin mit religiösen Menschen argumentieren, die zum Scheitern verurteilt ist, nicht aber das Argumentieren mit Religiösen an sich. Boghossian schlägt einen neuen Ansatz vor, der zu produktiven Auseinandersetzungen mit Gläubigen beitragen soll und welcher in den vergangenen Jahren von einer wachsenden Zahl säkularer Aktivisten in den USA aufgegriffen und weiterentwickelt wurde. Er nennt ihn: Street Epistemology.

Vereinfacht gesprochen ist Street Epistemology ein dialektischer Ansatz mit dem Ziel, Menschen zur Reflexion über die Verlässlichkeit DER METHODE zu bringen, die sie nutzen, um zu ihren grundlegenden (Glaubens-)Überzeugungen zu gelangen. Aber vielleicht sollten wir, bevor wir das Konzept hinter diesem Neologismus verstehen wollen, zunächst einen anderen Begriff klären. "Epistemology" ist das englische Pendant zur Erkenntnistheorie und beschäftigt sich, wieder stark vereinfacht, mit den grundlegenden Fragen, Voraussetzungen, Charakteristika und Möglichkeiten von Erkenntnis bzw. Wissen. Je nachdem, zu welchem Ergebnis man dabei gelangt, fundiert man (s)eine eigene Epistemologie.

Das erstrebte Ideal ist die sogenannte Epistemische Rationalität – das Ziel möglichst akkurate Überzeugungen über die Welt zu erlangen. Was daraus aber zwangsläufig folgt, ist, dass wir mit unseren gegenwärtigen Ansichten falsch liegen könnten. Im Angesicht neuer Informationen müssen wir demnach in der Lage sein unsere Positionen anzupassen. Diesen Zustand der Reflektion über die potentielle Unwahrheit unserer Standpunkte bezeichnet Boghossian als doxastische Offenheit (vom altgriechischen δόξα – Meinung). Diese Position ist sehr ähnlich zu der des Kritischen Rationalismus, der nach seinem Begründer Karl Popper"zugibt, dass ich mich irren kann, dass du recht haben kannst und dass wir zusammen vielleicht der Wahrheit auf die Spur kommen werden".

Die Debatte zwischen dem US-Kreationisten schlechthin, Ken Ham, und dem Wissenschaftler und Fernsehmoderator Bill Nye im Februar 2014 verdeutlicht sehr schön die Praxisrelevanz der street epistemolgy. Das Thema, die Wissenschaftlichkeit des junge-Erde-Kreationismus, ist hierbei nicht weiter von Interesse - wirklich spannend waren die epistemischen Gegensätze der Kontrahenten, die sich durch die gesamte Diskussion zogen und durch eine Frage aus dem Publikum am Ende offenkundig wurden: Was wäre notwendig, damit die Disputanten ihre Positionen ändern würden? Während Nye einige klare und schlüssige Punkte anbrachte, die ihn von der Evolutionstheorie abrücken ließen, lavierte Ham eine Zeit herum, sagte aber im Kern, dass ihm kein Beleg dieser Welt von seinem Glauben abbringen könnte.

Hams Reaktion ist das exakte Gegenteil von epistemischer Rationalität: Epistemischer Glaube, in Boghossians Definition die Behauptung von Wissen über die Realität, dass durch die Evidenz nicht gegeben ist. Der entscheidende Unterschied zwischen Ham und Nye besteht nicht in ihren verschiedenen Überzeugungen, sondern in ihrer Bereitschaft zur intellektuellen Ehrlichkeit, auch wenn diese einem liebgewonnene Glaubenssätze kosten könnte. Ham schirmt die eigene Position von neuen epistemischen Impulsen und somit letzten Endes von der Realität ab. Die Folge: Doxatische Geschlossenheit – die eigenen Überzeugungen sind unangreifbar wahr. Dieses Prinzip findet sich in Ideologien oder Verschwörungstheorien, am prominentesten aber in der Religion. All diese Strukturen fördern epistemischen Glauben und induzieren dadurch doxastische Geschlossenheit.

Der Fehler, den atheistische Diskutanten gegenüber Gläubige begehen und ihnen den Erfolg untersagt, ist demnach, dass sie auf der falschen Ebene ansetzen. Glaubenskritiker versuchen Gläubige mit Fakten zu widerlegen, für diese sind Fakten jedoch (bewusst oder unbewusst) nicht mehr als Vorschub für ihre eigentliche Überzeugung.

Hier setzt die Street Epistemology an: Man versucht den weltanschaulichen Differenzen auf ihren epistemologischen Grund zu gehen und auf diesem Weg einen Schimmer doxastischer Offenheit zu finden. Hierfür muss man natürlich prinzipiell selbst offen für Neues sein. Nichts bindet uns, außer unserem Streben nach Wahrheit und in diesem Sinne sollte sich eine Diskussion um Religion auf eine zentrale Frage konzentrieren: Warum glaubst du und ist das ein guter Grund? Alles andere ist im Grunde austauschbar und irrelevant. Statt zu streiten, sollte man eher in ein Lehrer-Schüler-Verhältnis kommen. Man selbst als Schüler, wohlgemerkt, da einem diese Position in die Lage versetzt, die Konversation zu lenken.

Zentral hierfür ist die Sokratische Methode: Statt Fakten und Argumenten stellt man Fragen, bemüht sich um akkurate Definitionen damit man das Gegenüber nicht missversteht und versucht auf diesem Weg die Positionen des Anderen auf Widersprüche zu überprüfen und die epistemische Basis seiner Überzeugungen zu entmanteln. Speziell im Falle von Street Epistemology vermeidet man dabei auf irgendeine Form von Argument der anderen Seite einzugehen, sei sie empirischer (Belege der Großen Flut, Schöpfung, etc.) oder logischer (Gottesbeweise, Pascals Wette, etc.) Natur, auch wenn man sie widerlegen kann. Falls man dazu gezwungen ist auf etwas Derartiges zu reagieren, könnte man als Gegenfrage etwas wie "Warst du bereits von deiner Religion überzeugt, bevor du diese Argumente gehört hast?" entgegnen. Die Argumente sind in den meisten Fällen nachträgliche Rationalisierungen, die ehrliche Antwort ist also fast immer "Ja". Von da aus kann man sich weiter in Richtung der epistemischen Basis vortasten.

Irgendwann sind alle angebliche vermeintlichen Fakten und Argumente auf Seiten des Theisten aus dem Weg geschafft und vielleicht fällt dann das ominöse Wort "Glaube". Hier sollte man wieder zwingend so lange nachfragen, bis man eine eindeutige und kohärente Definition erhält. Dann kann man die Verlässlichkeit (epistemischen) Glaubens ergründen: Gibt es Szenarien, in denen Glaube zu falschen Schlüssen führen kann? Kann man mit Hilfe von Glauben erkennen, welche von zwei sich ausschließenden Überzeugungen der Wahrheit entspricht? Wie unterscheidet man wahren Glauben von Wahnsinn? Meistens müssen diese Fragen verneint werden oder unbeantwortet bleiben, denn im Allgemeinen Sprachgebrauch bezeichnet "Glaube" das Gegenteil von epistemisch wertvollem "Wissen". Menschliches Wissen ist rational gerechtfertigte Vermutung. Wir nennen das Wissen, für das die rationale Rechtfertigung besser aussieht als für die konkurrierenden alternativen Möglichkeiten. Die Stärke des Wissens wächst mit der Güte der rationalen Rechtfertigung in Relation zu den Alternativen. Das logische, evidenzlose, Gegenteil ist "Glauben ohne rationale Rechtfertigung".

Führt der Gläubige ein persönliches  Erlebnis, Wunder oder Offenbarungen an, so stellt man die Frage, wie er deren Authentizität evaluieren möchte. Wenn über das jeweilige heilige Buch gesprochen wird wäre es gut zu wissen, wie man sicher sagen kann, welches der vielen Heiligen Bücher das korrekte ist. Und wenn all dies zirkulär zum "Glauben" zurückführt, ändert das nichts am Problem: "Wenn ein Muslim, Hindu, Mormone, etc. mit seinem Glauben/heiligen Buch/Wundererlebnissen falsch liegt – wie kann er seinen Fehler erkennen?" Eine simple Frage, die häufig überraschend effektiv ist, da epistemischer Glaube zwar dazu motiviert, alles in das eigene Weltbild zu integrieren, was die Grundannahme bestätigt, Falsifzierbarkeit jedoch ausgeblendet wird. Wie auch immer die Antwort ausfällt: Man sollte weiter versuchen die Verlässlichkeit der so implizierten epistemologischen Methode zu ergründen. Das Hinzuziehen von anderen Religionen und insbesondere von den gleichen Argumenten in anderen Religionen, die nicht gleichsam wahr sein können, ist ein effektives Mittel bei der Diskussion mit Gläubigen.

Diese Form der Gesprächsführung kann für Gläubige schnell unangenehm werden, da diese sich selten (falls überhaupt) Gedanken über ihre Epistemologie machen. Man kann mit rhetorischen Taschenspielertricks und Ausweichmanövern rechnen, die die eigentliche Frage unbegründet lassen - Ausführungen zum "Was" sie glauben, aber nicht zum "Warum". Doch man sollte sich davon nicht ablenken lassen und am Thema bleiben, dabei jedoch nie aggressiv werden. Am besten ist es, das Gehörte zusammenzufassen, zu fragen, ob der andere der Zusammenfassung zustimmt und dann etwas in Richtung von "Hm, aber ich verstehe immer noch nicht, wie das … erklärt", zu sagen. Kommt man jemals an den Punkt, an dem der Gesprächspartner zugibt, dass er keine Antwort hat, kann man die Unterhaltung beenden. Man hat einen Schimmer doxastischer Offenheit erzeugt. Jede weitere Diskussion ist an diesem Punkt kontraproduktiv. Stattdessen kann man den Gläubigen bitten, weiter darüber nachzudenken und ihn einladen, die Unterhaltung später fortzusetzen.

Wenn man erfolgreich war und die doxatische Geschlossenheit ein wenig aufbrechen konnte, kann man damit beginnen dem Gegenüber logische Inkonsistenzen und Ungereimtheiten in seinem Glaubensbild aufzuzeigen. Dann – und nur dann – kann eine solche inhaltliche Diskussion mit Theisten fruchtbar sein, bis dahin sollten wir uns auf die vorerst viel effektiveren Tugenden der street epistemology besinnen.

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Liste aller bisherigen Blogeinträge

Kommentare: 3
  • #3

    WissensWert (Dienstag, 16 Mai 2017 16:49)

    https://m.youtube.com/watch?v=-6Fg5oYYJr0

  • #2

    WissensWert (Freitag, 12 Mai 2017 02:59)

    https://m.youtube.com/watch?v=crHkQ93hizE&feature=youtu.be

  • #1

    WissensWert (Donnerstag, 11 Mai 2017 19:51)

    https://prezi.com/m/9v_v0uws_fmw/?utm_campaign=share&utm_medium=copy


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