„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Die Psyche eines Hausschweines

Oberflächlich betrachtet sind domestizierte Schweine viel besser dran als ihre wilden Vorfahren. Wildschweine müssen den ganzen Tag nach Nahrung, Wasser und Unterschlupf suchen und sind fortwährend der Bedrohung durch Löwen, Parasiten und Unwetter ausgesetzt. Hausschweine dagegen bekommen rund um die Uhr Nahrung, Wasser und Unterschlupf von den Menschen gespendet, die auch ihre Krankheiten behandeln und sie vor Räubern und Naturkatastrophen schützen.

Biologistisch betrachtet geht es der Unterart Hausschwein also ziemlich gut, der Mensch sorgt für ihr Überleben und ihre Reproduktion auf Ewigkeit und ihre Population war dementsprechend auch nie so groß wie heute.

Trotzdem führt das moderne Hausschwein ein leidgeplagtes, unglückliches Dasein. Woher kommt das? Ist es der frühzeitige Tod, der beschlossene Sache ist, sobald das Tier genug Fleisch auf den Rippen hat? Wohl kaum, denn der Tod beraubt es um das, was es hätte, wenn es nicht gestorben wäre (siehe auch: Opportunitätskosten). Wenn das Dasein aber schon leidgeplagt war, so ist der Tod vielleicht mehr Erlösung als ein Übel.

Was also ist es, das das Leben eines modernen Hausschweines so grausam und unerträglich macht? Hier sind sicherlich die Haltebedingungen zu nennen, viel zu enge Käfige und in den USA das Verabreichen von Wachstumshormonen. Aber das ist nicht alles. Was in der Diskussion um Schweinehaltung gerne vergessen wird, ist, dass die domestizierten Tiere auch zahlreiche emotionale und soziale Bedürfnisse geerbt haben, die auf modernen Bauernhöfen überflüssig sind. Die Schweineindustrie kümmert sich zu Teilen um das leibliche Wohl ihrer Schweine (und auch das nur aus ökonomischen Gründen), die
psychischen Bedürfnisse dieser hochempfindsamen Tiere spielen bislang aber kaum eine Rolle.

Widerspricht das aber nicht den Grundprinzipien der natürlichen Auslese? Die Evolutionstheorie behauptet, sämtliche Instinkte, Triebe und Emotionen hätten sich allein im Interesse von Überleben und Reproduktion entwickelt. Das Überleben und die Reproduktion der Hausschweine sind mehr als gesichert, müssten folglich nicht auch all seine Bedürfnisse und Instinkte befriedigt sein?

Richtig ist, dass sich alle Instinkte, Triebe und Emotionen entwickelten, um dem evolutionären Überlebens- und Reproduktionsdruck standzuhalten. Aber wenn dieser Druck verschwindet, verschwinden die daran ausgerichteten Instinkte, Triebe und Emotionen nicht instatan mit. Selbst wenn sie fürs Überleben und für die Reproduktion nicht mehr vonnöten sind, so prägen die Instinkte, Triebe und Emotionen stammesgeschichtlicher Vorfahren das Innenleben heutiger Lebewesen immer noch mit.

Das gilt für das Hausschwein wie für den Menschen. Warum lieben Homo Sapiens Süßigkeiten so sehr? Das hat nichts damit zu tun, dass wir Anfang des 21. Jahrhunderts Schokolade und Eiscreme in uns hineinschaufeln müssten, um uns fortzupflanzen oder überleben zu können. Das Gegenteil ist der Fall. Für unsere steinzeitlichen Vorfahren, die auf jede Kohlenhydrate angewiesen waren, waren evolutionär gesehen Honig und süße Früchte aber noch ein willkommenes Fressen. Deshalb haben sie eine Vorliebe für Zucker entwickelt und diese gustatorische Disposition unserer Vorfahren steckt auch heute noch in uns.

Die kulturelle und die technologische Entwicklung des Menschen ist um ein Vielfaches schneller als die nur allmählich dahinterher schleichende biologische EvolutionDieses tieferliegende, moderne Phänomen bestimmt auch das Leben von Schweinen, Sauen und Ferkeln in den Tierfabriken der Menschen. Um in der Wildnis zu überleben und sich zu reproduzieren, mussten die alten Wildschweine riesige Gebiete durchstreifen, sich mit ihrer Umwelt vertraut machen und sich vor Fallen und Räubern in Acht nehmen. Sie mussten überdies mit ihren Wildschweingenossen kommunizieren und kooperieren und bildeten zu diesem Zweck komplexe hierarchische Gruppen, an deren Spitze alte und erfahrene Matriarchinnen standen. Der Druck der Evolution machte folglich aus Wildschweinen – und noch stärker aus Wildsauen – hochintelligente soziale Tiere, dies ich durch eine enorme Neugier auszeichneten sowie durch den ausgeprägten Drang, sich zu Gruppen zusammenzuschließen, zu spielen, umherzuziehen und die Umgebung zu erkunden.

Die Nachfahren der Wildschweine – domestizierte Schweine – erbten deren Intelligenz, Neugier und soziale Fähigkeiten. Wie Wildschweine kommunizieren auch domestizierte Schweine über eine Vielzahl auditiver und olfaktorischer Signale. Muttersauen erkennen das einzigartige Quieken ihrer Ferkel, während zwei Tage alte Ferkel bereits die Rufe ihrer Mutter von denen anderer Sauen unterscheiden können.[1]  Professor Stanley Curtis von der Pennsylvania State University brauchte zwei Schweinen – denen er die Namen Hamlet und Omelett gab – bei, einen speziellen Joystick mit ihren Schnauzen zu bewegen, und fand heraus, dass es die Schweine beim Erlenen und Spielen einfacher Computerspiele schon bald mit Primaten aufnehmen konnten![2]

Ein gemeines Schwein in der industriellen Landwirtschaft spielt keine Computerspiele. Es wird von seinen menschlichen Herren in enge Kastenstände gesperrt, die üblicherweise nur 2 x 0,6 m messen (BILD). Der Boden dieser Kastenstände besteht aus Beton und Gitterrosten für den Kot und ermöglicht es den trächtigen Sauen kaum, sich umzudrehen oder auf der Seite zu schlafen, vom Umherlaufen ganz zu schweigen. Nach dreieinhalb Monaten unter derartigen Bedingungen werden die Sauen in etwas größere Kastenstände verlegt, wo sie ihre Ferkel zur Welt bringen und säugen. Während Ferkel unter natürlichen Bedingungen zwischen zehn und zwanzig Wochen gesäugt werden, werden sein der industriellen Landwirtschaft nach zwei bis vier Wochen zwangsweise entwöhnt, von ihrer Mutter getrennt und zur Mästung und Schlachtung weggebracht. Die Mutter wird sofort wieder besamt und in den Kastenständen zurückverfrachtet, damit dieser Zyklus erneut beginnt. Eine Saue durchläuft diesen Zyklus zwischen fünf und zehn Mal, bevor sie selbst geschlachtet wird. In den letzten Jahren ist die Verwendung von Kastenständen in der Europäischen Union und in einigen US-Bundesstaaten eingeschränkt worden, doch in vielen anderen Ländern (z.B. China) sind sie nach wie vor Gang und Gäbe, und zig Millionen hochempfindsame, intelligente, verspielte und neugierige Sauen werden ihr ganzes Leben darin verbringen (wobei selbst die meisten "Biobauernhöfe" den Bedürfnissen der Schweine nicht gerecht werden).

Die Bauern sorgen für alles, was die Sau braucht, damit sie überlebt und sich so oft wie möglich vermehrt. Sie bekommt ausreichend zu fressen, wird gegen Krankheiten geimpft und künstlich besamt. Objektiv betrachtet, muss die Sau ihre Umgebung nicht mehr erkunden, sie muss sich nicht mehr mit anderen Schweinen zusammentun, sie muss mit ihren Ferkeln keine Bindung eingehen und nicht einmal mehr umherstreifen. Subjektiv gesehen, aber verspürt die Sau noch immer einen starken Drang, all das zu tun, und wenn dieser Drang nicht befriedigt wird, leidet sie sehr. Sauen in Massentierhaltungen zeigen in der Regel Anzeichen akuter Frustration im Wechsel mit extremer Verzweiflung.[3]

Das psychische Leiden der Tiere ist für mich als Präferenzutilitaristen - zusammen mit den ökologischen Folgen - das stärkste moralische Argument gegen die moderne Massentierhaltung. Wenn ein Weg gefunden wird, tierische Produkte ohne das Leid und die ökologischen Folgeschäden zu produzieren (etwa mit leidlos entfernten Stammzellen in der Petrischale), halte ich deren Verzehr dementsprechend auch für moralisch unbedenklich. Dann - und nur dann - darf Essen tatsächlich wieder Privatsache sein und nur die eigene Gesundheit und der eigene Geschmack zählen.

Quellenangaben

[1] I. Hornell und J. Hodgson, "The bases of sow-piglet identification. 2. Cues used by piglets to identify their dam and home pen", in: Applied Animal Behavior Science (S. 329 – 343).

 

[2] https://www.wired.com/1997/06/pig-video-arcades-critique-life-in-the-pen/

 

[3] Human Society of the United States, "An HSUS Report: Welfare Issues with Gestation Crates for Pregnant Shows", Februar 2013, http://www.humanesociety.org/assets/pdfs/farm/HSUS-Report-on-Gestation-Crates-for-Pregnant-Sows.pdf

Verweise

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