„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Können Roboter Kunst?

Schon Sigmund Freud wies auf drei fundamentale Kränkungen hin, die die Wissenschaft der menschlichen Selbstverliebtheit zufügt habe. Die erste Kränkung war die mit dem Namen Kopernikus verknüpfte Entdeckung, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Universums ist (vgl. kopernikanische Wende). Die zweite Kränkung ging von Charles Darwin aus, dieser entdeckte, dass der Mensch aus einer Tierreihe hervorgegangen ist und keine biologische Sonderstellung einnimmt (Evolutionstheorie). Die dritte Kränkung sah Freud in der von ihm selbst entwickelten Libidotheorie des Unbewussten; ein beträchtlicher Teil des Seelenlebens entziehe sich der Kenntnis und der Herrschaft des bewussten Willens. Die Psychoanalyse konfrontiere das Bewusstsein mit der peinlichen Einsicht, (...) daß das Ich nicht Herr sei in seinem eigenen Haus.

Freuds Kränkungen waren nur der Anfang. Die technologische Entwicklung könnte uns lehren, dass Roboter intelligenter sind als wir, bessere Entscheidungen treffen und die meisten Arbeitsberufe durch leblose Algorithmen ersetzt werden können. Was also bleibt für die Menschen? Man hört häufig, die Kunst sei unser letzter (und einzig menschlicher) Zufluchtsort. In einer Welt, in der Computer Ärzte, Pfarrer, Lehrer und sogar Vermieter ersetzen, könnte jeder noch ein Künstler werden. Es ist jedoch nicht einzusehen, warum künstlerische Kreativität Algorithmen verschlossen bleiben sollten. Warum sind wir so sicher, dass Computer uns nicht bei der Komposition von Musik übertreffen? Glaubt man den Biowissenschaften, so ist Kunst – bzw. das Empfinden von Kunst - nicht das Produkt irgendeines verzückten Geistes oder einer metaphysischen Seele, sondern von organischen Algorithmen, die mathematische Muster erkennen. Wenn dem aber so ist, gibt es keinerlei Grund, warum nicht organische Algorithmen das nicht auch schaffen sollten.

David Cope ist Professor für Musikwissenschaft an der University of California in Santa Cruz und zudem eine der umstrittensten Figuren in der Welt der klassischen Musik. Cope hat nämlich Programme geschrieben, die Konzerte, Chorwerke, Symphonien und Opern komponieren. Seine erste Schöpfung trug den Namen EMI (Experiments in Musical Intelligence) und hatte sich darauf spezialisiert, den Stil von Johann Sebastian Bach nachzuahmen. Es dauerte sieben Jahre, das Programm zu entwickeln, aber sobald diese Arbeit getan war, komponierte EMI binnen eines einzigen Tages 5.000 Choräle à la Bach. Cope organisierte eine Aufführung einiger ausgewählter Choräle auf einem Musikfestival in Santa Cruz. Begeisterte Zuhörer priesen die wunderbare Darbietung und erklärten aufgeregt, wie sehr die Musik sie in ihrem Innersten berührt habe. Sie wussten nicht, dass sie vom EMI und nicht von Bach stammte, und als sie die Wahrheit erfuhren, reagierten einige mit mürrischem Schweigen, während andere richtig wütend wurden.

EMI verbesserte sich ständig und lernte, auch Beethoven, Chopin und Rachmaninow und Strawinsky zu imitieren. Cope verschaffte EMI einen Plattenvertrag, und das erste Album - Classical Music Composed by Computer - verkaufte sich erstaunlich gut. Die gesteigerte Bekanntheit sorgte aber auch für zunehmende Feindseligkeit von Seiten eingefleischter Klassikfans. Professor Steve Larson von der University of Oregon schickte Cope eine Aufforderung zu einem musikalischen Showdown. Larson schlug vor, professionelle Pianisten sollten nacheinander drei Stücke spielen: eines von Bach, eines von EMI und eines von Larson selbst. Anschließend sollte das Publikum erraten, wer welches Stück komponiert hatte. Larson war überzeugt, dass die Menschen den Unterschied zwischen gefühlvollen menschlichen Kompositionen und dem leblosen Artefakt einer Maschine problemlos würden erkennen können. Cope nahm die Herausforderung an. Am vereinbarten Tag versammelten sich Hunderte von Dozenten, Studenten und Musikfreunden in der Konzerthalle der University of Oregon. Am Ende der Aufführung wurde abgestimmt. Das Ergebnis? Bei EMI´s Stück glaubten die Menschen, es sie ein echter Bach, das Stück von Bach, so meinten sie, habe Larson komponiert, und Larsons Stück sei von einem Computer produziert wurden.

Kritiker behaupteten weiterhin, EMIs Musik sei zwar technisch ausgezeichnet, aber es fehle ihr etwas. Sie sei zu glatt, sie habe keine Tiefe und keine Seele. Wenn Menschen jedoch Kompositionen von EMI hörten, ohne dass sie vorher wussten, woher sie stammten, lobten sie häufig gerade deren Beseeltheit und emotionale Wirkung.

Aufgrund von EMIs Erfolgen entwickelte Cope weitere, noch ausgefeiltere Programme. Die Krönung des Ganzen war Annie. Während EMI Musik nach vorgegebenen Regeln komponierte, basiert Annie auf maschinellem Lernen. Ihr musikalischer Stil ändert sich fortwährend und entwickelt sich in Reaktion auf neue Inputs von außen. Cope hat keinerlei Vorstellung, was Annie als Nächstes komponieren wird. Tatsächlich beschränkt sich Annie nicht auf das Komponieren von Musik, sondern erkundet auch andere Kunstformen wie die Haiku-Dichtung. 2011 veröffentlichte Cope Comes the Fiery Night: 2,000 Haiku by Man and Machine. Von den 2.000 in diesem Band versammelten Haikus stammen einige von Annie und der Rest von organischen Dichtern. Das Buch lässt im Dunkeln, von wem welche Gedichte stammen. Wer glaubt, er könne den Unterschied zwischen menschlicher Kreativität und maschinellem Output feststellen, der darf diesen Anspruch gerne überprüfen und das Buch kaufen.

Natürlich können Algorithmen auch Bildende Kunst. Deutschen Forschern ist es gelungen, Computer in kompetente Kunstfälscher zu verwandeln. In ihrem Aufsatz "Ein neutraler Algorithmus für künstlerischen Stil" erklären sie, wie sie einem künstlichen neuronalen Netzwerk beigebracht haben, wie Kandinsky, van Gogh, oder Munch zu malen. Kunstexperten ist es nicht möglich einen unbewusst und stattdessen algorithmisch hergestellten von einem echten van Gogh zu unterscheiden, wer es nicht glaubt, kann sich wieder selber testen.

Aber was bringt all die Kunst, wenn sich keiner an ihr erfreuen kann? Das ist der einzige Punkt, in dem (noch?) nicht absehbar ist, dass uns Roboter ein- und letztendlich überholen werden: Bewusstsein. Ein autonomes Uber-Taxi mag seinen Kunden sicherer von A nach B bringen als jeder Mensch. Amazons Alexa könnte uns eines Tages besser kennen und unterhalten als unsere besten Freunde. Und Algorithmen könnten, früher als wir das denken, Kunstwerke erschaffen, gegen die ein Bach wie tumber Hip-Hop und ein van Gogh wie primitive Höhlenmalerei wirken. Ein Uber-Taxi kann aber nicht gespannt den Geschichten seiner Kunden lauschen, Alexa uns nicht wirklich lieben und Algorithmen sich nicht an ihrer eigenen Kunst erfreuen. Das eigentliche Leben findet im Zwischenmenschlichen, im Emotionalen statt, und dies kann (noch?) kein Algorithmus ersetzen. 

Teile aus: Yuval Noah Harari: Homo Deus: Eine Geschichte von Morgen

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