„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Das Anthropozän und die Tierwelt

Die Chronostratigraphie unterteilt die Geschichte unseres Planeten in Zeitalter wie das Pleistozän, das Pliozän und das Miozän. Jedes dieser Zeitalter wurde von unterschiedlichen geologischen Faktoren maßgeblich bestimmt, das Pleistozän war beispielsweise von einer Reihe von Eiszeiten geprägt und das Kambrium war durch die Entwicklung einer großen Artenvielfalt gekennzeichnet, die Wissenschaftler heute als die "Kambrische Explosion" bezeichnen. In was für einem Zeitalter leben wir heute?

Offiziell leben wir im "Holozän". Jedoch brachten die Wissenschaftler Paul Crutzen und Eugene F. Stoermer alternativ noch die Bezeichnung "Anthropozän" ins Spiel: das Zeitalter des Menschen. Damit wird auf den Umstand referiert, dass die Menschen zu einem geologisch relevanten Faktor geworden sind. Der menschenverursachte Klimawandel sorgt für eine Degradation der Böden, einem Rückgang des Permafrosts, einem Abschmelzen von Gletschern und Polkappen, letzteres verursacht ein Anstieg des Meeresspiegels, die Meere versauern und ändern für erdgeschichtliche Verhältnisse viel zu rasant ihren Sauerstoffgehalt, natürliche Ressourcen wie Erdöl- und gas (Peak oil bzw. gas), Sand (Peak Sand), Phosphor (Peak Phosphor) und die Böden werden übernutzt und irgendwann nicht mehr gebrauchbar sein, usw. All dies sind geologische Umwälzungen, für die der Mensch hauptverantwortlich ist.

Der massive Einfluss des Menschen macht sich auch in der Ökologie bemerkbar. Wie viele Wölfe leben heute noch in Deutschland, dem Land der Gebrüder Grimm, dem Land der Rotkäppchen und dem bösen Wolf? Nicht einmal einhundert. Hingegen ist Deutschland die Heimat von fünf Millionen domestizierten Hunden. Insgesamt durchstreifen noch rund 200.000 wilde Wölfe die Wälder des Planeten, während es mehr als 400 Millionen gezähmte Hunde gibt. Die Welt zählt 40.000 Löwen und rund 600 Millionen Hauskatzen; 900.000 afrikanische Büffel und 1,5 Milliarden Kühe und Rinder; 50 Millionen Pinguine und 20 Milliarden Hühner. Trotz gewachsenen Umweltbewusstseins haben sich die Wildtierpopulationen seit 1970 halbiert (und schon 1970 ging es ihnen alles andere als prächtig). 1980 gab es in Europa zwei Milliarden Wildvögel, 2009 waren davon nur noch 1,6 Milliarden übrig. Im gleichen Jahr züchteten die Europäer 1,9 Milliarden Hühner, um deren Fleisch und deren Eier zu verzehren. Gegenwärtig sind mehr als neunzig Prozent aller großen Tiere dieser Welt (die also mehr als nur ein paar Kilogramm wiegen) entweder Menschen oder domestizierte Tiere.

Dieses Phänomen ist beispiellos. Seit Beginn des Lebens vor rund vier Milliarden Jahren hat keine einzelne Art die globale Geo- und Ökologie ganz allein verändert. Zwar mangelte es nie an ökologischen Revolutionen und massenhaftem Aussterben, aber Grund für diese Ereignisse war nie eine bestimmte Echse, Fledermaus oder Pilzart. Vielmehr wurden sie durch das Wirken großer Naturgewalten wie Klimaveränderungen, Asteroideneinschläge, tektonische Plattenverschiebungen, Vulkanausbrüche und Asteroideneinschläge verursacht.

Auf eine riesige Waage gelegt, würden alle Menschen auf der Welt zusammen etwa 300 Millionen Tonnen wiegen. Nähme man dann alle domestizierten Nutztiere – Rinder, Schweine, Schafen und Hühner – und legte sie auf eine noch größere Waage, würde ihre Masse etwa 700 Millionen Tonnen ergeben. Im Gegensatz dazu ergäben alle nichtdomestizierten Großtiere – vom Stachelschwein und Pinguin bis zu Elefanten und Walen – eine Masse von nicht einmal 100 Millionen Tonnen.

Die Bücher unserer Kinder, unsere Ikonografie und unsere Fernsehbildschirme sind noch voller Giraffen, Löwen und Schimpansen, aber in der wirklichen Welt sind nur noch wenige von ihnen übrig. Es gibt auf der Welt noch etwa 80.000 Giraffen im Vergleich zu 1,5 Milliarden Rindern, 10.000 Löwen im Vergleich zu 200 Millionen Hauskatzen und 50 Millionen Pinguine im Vergleich zu 50 Milliarden Hühnern, 250.000 Schimpansen im Vergleich zu Milliarden von Menschen. In unseren Kinderbüchern wimmelt es von Löwen aber wir assoziieren diese Tiere mit der (Herrschaft über die) Natur, aber aus der wirklichen Natur haben wir sie verdrängt. Der Mensch bestimmt über das Sein und Nicht-Sein aller anderen Tierarten.

Freilich, die aussterbenden Giraffen und Pinguine haben auch keinen Grund, die Rinder und Hühner zu beneiden. Zwar sind die vom Menschen domestizierten Tierarten aus biologistischer Sicht so gut dran wie noch nie zuvor, denn ihre Population steht auf einem Allzeithoch, aber diese Sichtweise greift zu kurz. Sie berücksichtigt nicht die evolutionären Bedürfnisse und das individuelle Leiden dieser Tiere, die meistens unter grauenvollen Umständen gehalten werden. Domestizierte Rinder und Hühner sind wohl ein evolutionärer Erfolg, aber sie leben eine der traurigsten Leben, die je gelebt wurden. Diese Diskrepanz zwischen dem oberflächlichen Erfolg und dem individuellen Leiden ist eine der wichtigsten Lehren der Geschichte:

Dank der Industriellen Revolution traf billige und reichliche Energie auf billige und reichliche Rohstoffvorkommen. Das Ergebnis war eine Explosion der menschlichen Produktivität. Diese Explosion machte sich vor allem in der Landwirtschaft bemerkbar. Beim Stichwort "Industrielle Revolution" denken wir in der Regel an Stadtlandschaften mit rauchenden Schornsteinen oder an das Elend der ausgebeuteten Bergarbeiter, die unter Tage schuften. Doch noch viel mehr war die Industrielle Revolution eine zweite landwirtschaftliche Revolution.

Während der vergangenen zwei Jahrhunderte hielten industrielle Produktionsmethoden in der Landwirtschaft Einzug. Traktoren und Mähdrescher übernahmen Aufgaben, die früher mit Muskelkraft oder gar nicht erledigt wurden. In Ackerbau und Viehzucht wurde die Produktivität mit Hilfe künstlicher Dünge- und Insektenvertilgungsmittel beziehungsweise einem ganzen Arsenal an Hormonen und Medikamenten massiv gesteigert. Kühlhäuser, Schiffe und Flugzeuge ermöglichen die monatelange Lagerung von landwirtschaftlichen Produkten und den raschen und billigen Transport auf die andere Seite des Globus. So begannen Europäer, frisches argentinisches Rindfleisch und japanisches Sushi zu essen.

Auch die Tiere wurden mechanisiert. Vor dem Aufkommen der abrahamitischen Religionen dominierte der Animismus. Man sah in der Natur eine Mitwelt, in der alles eine Seele hatte. Heute wurde aus dieser Mitwelt eine Umwelt, Tiere verloren ihren Status als fühlende Mitgeschöpfe und verwandelten sich in Maschinen. Zunehmend werden sie in Labors hergestellt und in den Fabriken massenproduziert, ihre Körper werden nach den Bedürfnissen der Industrie gestaltet und sie verbringen ihr ganzes Leben als Nutz-Tier, d.h. als Produktionsmittel, bevor man sie auf Fließbändern auseinandernimmt. Wie glücklich und lange sie leben, wird von dem Kosten-Nutzen-Kalkül des Marktes diktiert.[5]

Die industrielle Tierhaltung hat genauso wenig mit einem Hass auf Tiere zu tun wie die Sklavenhaltung mit einem Hass auf Afrikaner zu tun hatte. Das Motiv ist hier wie da die Vermehrung des Eigennutzes - gegenüber den Bedürfnissen der Tiere und Sklave waren und sind Massenbetriebe und Sklavenhalter stets gleichgültig eingestellt. Wenn die Befriedigung eines Bedürfnisses mehr Nutzen als Kosten einspülte, wurde sie bewerkstelligt, ansonsten nicht. So werden Schweine von der Industrie am Leben und bei relativer Gesundheit gehalten und überdies mit vielen Kalorien versorgt, weil man später an ihr Fleisch möchte. Auf ihre sozialen Bedürfnisse wird jedoch nicht eingegangen, da sich dies nicht auf den Produktionswert ausübt.

Diese Selbstzentriertheit und Marktlogik haben uns zu den Herrschern der Tiere und der Welt gemacht. Doch verblüffenderweise sind wir dadurch kein Deut glücklicher geworden. Obwohl wir mehr können, mehr besitzen und länger leben als unsere Vorfahren, ist unser durchschnittliches Glücksniveau nicht höher als das der Neandertaler. Doch auch für dieses Problem kennt der herrschende Mensch die Lösung. Sein nächster Herrschaftsfeldzug wird darin bestehen, auch sich selbst als Maschine zu betrachten. Der Humanismus hat uns noch gelehrt, dass jeder Mensch einzigartig ist, eine unverrückbare Würde besitzt und dadurch glücklich wird, dass er im Lotto gewinnt, befördert wird oder die große wahre Liebe findet. Die von Transhumanisten geschriebenen Ideologien aber lehren uns, dass nur eine Sache glücklich macht: angenehme Empfindungen.

Was auf den ersten Blick zirkelschlüssig wirkt, ist in Wahrheit eine folgenschwere anthropologische Erkenntnis. Wenn ich im Lotto gewinne, oder die Frau kennenlerne, mit der ich mein restliches Leben verbringen möchte, setzt das in mir neuroelektrische Impulse und Hormone frei und DIESE machen mich glücklich, nicht die Frau und auch nicht das Geld.

Warum also den Umweg über Frauen und Reichtum gehen, wenn sich die Biochemie unseres Körpers doch auch direkt beeinflussen lässt? Diese Frage mag abartig und noch wie Zukunftsmusik klingen, in Wahrheit aber sind Ritalin für Schulkinder, Schlaftabletten, Antidepressiva für traumatisierte Soldaten und alle Drogen genau dies: ein Versuch, uns ohne externe Umwege glücklicher zu machen.

Der Staat hofft, das biochemische Streben nach Glück zu regeln, indem er zwischen "schlechten" und "guten" Manipulationen unterscheidet. Das Prinzip dabei ist ein marktwirtschaftliches: Biochemische Manipulationen, welche die politische Stabilität, die Gesellschaftsordnung und das Wirtschaftswachstum stärken, sind erlaubt oder werden sogar befördert (beispielsweise hyperaktive Kinder in der Schule ruhigstellen). Hingegen werden Manipulationen, die Stabilität und Wachstum bedrohen, verboten (BVerfG: alle Drogen, die primär zum Rausch konsumiert werden).

Und Drogen sind erst der Anfang. In den Forschungslaboren arbeiten Experten bereits an viel ausgeklügelteren Methoden, um positive Empfindungen zu beeinflussen, etwa indem man direkte elektrische Impulse an entsprechende Stellen im Gehirn sendet oder die Blaupause unseres Körpers genetisch verändert. Ganz gleich, welche Methode genau zum Einsatz kommt – es wird nicht einfach sein, durch biologische Manipulationen Glück zu erlangen, denn dazu ist eine Änderung der conditio humana vonnöten: Der Mensch ist wenn nur vorübergehend glücklich, weil dauernd glückliche Tiere keine Nahrung und keine neuen Sexualpartner gesucht haben und deshalb ausgestorben sind.

Ein vollkommen anderer Weg, unsere Natur zu überwinden und dauerhaftes Glück zu erlangen, bieten uns die Meditationstechniken. Hier wird versucht, unser Glück im Hier und Jetzt zu finden und es nicht mehr von äußeren Umständen abhängig zu machen. In der Selbstsuggestion letztendlich ist man bestrebt, sich solange einzureden, dass man glücklich ist, bis man das tatsächlich auch ist. Und – zumindest bisher – funktionieren diese beiden geistigen Pfade zum Glück langfristig und im statistischen Durchschnitt besser als jede Pille oder jede Elektrode.

Teile aus: Yuval Noah Harari: Homo Deus: Eine Geschichte von Morgen

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