„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Anthropologiefolgenabschätzung

In letzter Zeit mache ich mir viele Gedanken darüber, wie die Erkenntnisse der modernen Wissenschaften derzeit unser Menschen- bzw. Selbstbild verändern und zukünftig noch verändern werden. Wird die Erkenntnis, dass Menschen nach biologischen Algorithmen funktionieren, unsere Vorstellungen vom Individualismus (hier) und vom Humanismus (hier) letztendlich ad absurdum führen? Und wird die Digitalisierung den Liberalismus klammheimlich auffressen?

Der Philosoph Thomas Metzinger hat hierzu das schöne Wort "Anthropologiefolgenabschätzung" geprägt, das an den viel gebräuchlicheren Begriff der Technikfolgenabschätzung angelehnt ist. Während sich die Technikfolgenabschätzung mittlerweile ganz gut an den Universitäten etabliert hat, beschäftigt sich weltweit kaum jemand mit den Folgen dieser technischen Umwälzungen für unser Mensch- und Weltbild. Dabei wäre das so wichtig! Was macht es mit einer Gesellschaft, wenn nach einer Oxford-Studie in Zukunft 50% aller Menschen arbeitslos sein werden? Wie müssen wir heute unsere Vorstellung von Lebenssinn und ganz praktisch unser Schulsystem zu überdenken, um diese Entwicklung zu antizipieren und in die von uns gewünschte Bahnen zu lenken? Wie sehen diese Bahnen aus, wie wollen wir in Zukunft leben? Und was macht das überhaupt mit jungen Menschen, wenn diese sich immer mehr durch Algorithmen erleben? 

In Zukunft wird man sich auch mit Neuroenhancern schlauer machen und dank Nanotechnologien ein paar Jahrzehnte länger leben können, allerdings wird sich das zunächst wieder nur die absolute Oberschicht leisten können. Driften wir hier in eine neue 2-Klassen-Gesellschaft, die viel gravierender sein wird als noch zu feudalistischen Zeiten, weil es dieses Mal nicht nur gedankliche, sondern tatsächliche biologische Unterschiede zwischen den Armen und den genetisch und kybernetisch aufgemotzten Reichen geben wird?

Solche Fragen MÜSSEN wir uns JETZT stellen, denn von ihnen hängt unser künftiges (Un-)glück ab.

Thomas Metzinger (Mitte)
Thomas Metzinger (Mitte)

Empfehlung: Der Waking Up-Podcast mit Sam Harris.

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Kommentare: 1
  • #1

    WissensWert (Mittwoch, 19 April 2017 21:00)

    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/evgeny-morozov-im-gespraech-es-ist-laecherlich-das-internet-erklaeren-zu-wollen-12614255.html


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