„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Der Liberalismus im 21. Jahrhundert

Der Liberalismus (von lateinisch liberalis ‚die Freiheit betreffend‘) ist eine politphilosophische Grundhaltung, sein Leitziel ist die Freiheit des Individuums gegenüber (staatlicher) Gewalt. Er bevorzugt folglich Marktwirtschaft vor Planwirtschaft, Leistungsgerechtigkeit vor Bedarfsgerechtigkeit und Individualismus vor Kollektivismus. 

Der Liberalismus wird zusammen mit dem Konservatismus und dem Sozialismus zu den drei großen politischen Weltanschauungen gezählt, die sich im 18. und 19. Jahrhundert in Europa herausgebildet haben. In vielen Ländern gingen damals erstmals aus liberalen Bürgerbewegungen Demokratien hervor.

John Locke gilt vielen als ‚Urvater des Liberalismus‘.
John Locke gilt vielen als ‚Urvater des Liberalismus‘.

1. Der Liberalismus im 21. Jahrhundert

Überall auf dem Globus verspüren Menschen Sorge um ihren Job. Sie fürchten, jemand anderes könne ihrer Tätigkeit bald mit mehr Expertise oder für weniger Geld nachgehen. Diese Sorge ist vollkommen berechtigt. Folglich wird die wichtigste ökonomische Frage des 21. Jahrhunderts auch lauten: Wie werden wir mit all den arbeitslosen Menschen umgehen? Die Menschen werden in erster Linie nicht deshalb arbeitslos werden, weil Mexikaner oder Chinesen ihnen die Jobs wegnehmen, sondern weil Roboter und Algorithmen dies tun werden. Deshalb kann die Lösung auch nicht Protektionismus und Nationalismus sein, sondern, ganz im Gegenteil, das Verhandeln internationaler Verträge (etwa zur KI-Forschung) und das Gestalten einer gemeinsamen Zukunft.

Doch wie konnte es überhaupt so weit kommen? Historisch betrachtet, war der Arbeitsmarkt stets in drei Hauptbereiche unterteilt: Landwirtschaft, Industrie und Dienstleistungen. Bis etwa 1800 arbeitete die überwiegende Mehrheit der Menschen in der Landwirtschaft, und nur eine kleine Minderheit war in der Industrie und im Dienstleistungssektor beschäftigt. Im Zuge der industriellen Revolution verließen die Menschen in den entwickelten Ländern die Felder und Herden. Die meisten begannen in der Industrie zu arbeiten, doch auch immer mehr nahmen auch eine Tätigkeit im Dienstleistungssektor auf. In den letzten Jahrzehnten erlebten entwickelte Länder eine erneute Revolution, als Industriejobs massenweise verloren gingen, während der Dienstleistungssektor expandierte. Im Jahr 2010 arbeiteten nur noch 2 Prozent der Amerikaner in der Landwirtschaft, 20 Prozent waren in der Industrie beschäftigt und 78 Prozent arbeiteten als Lehrer, Ärzte, Webdesigner usw. Wenn nun aber Algorithmen besser als wir Menschen unterrichten, diagnostizieren und designen können, was sollen wir dann tun?

Diese Frage ist nicht ganz neu. Schon seit Anfang der industriellen Revolution hatten die Menschen Angst, die Mechanisierung (im Gegensatz zur Digitalisierung heute) könnte zu Massenarbeitslosigkeit führen. Das ist nie passiert, denn wenn alte Berufe obsolet wurden, entstanden neue Berufsfelder, und es gab immer etwas, das Menschen besser konnten als Maschinen. Das ist allerdings kein Naturgesetz, und es ist keineswegs garantiert, dass es auch in Zukunft so sein wird. Menschen verfügen über zwei grundlegende Arten von Fertigkeiten: physische und kognitive. Solange Maschinen mit uns lediglich physisch konkurrieren, konnte man immer kognitive Aufgaben finden, in denen Menschen besser waren. So übernahmen Maschinen rein manuelle Arbeiten, während sich die Menschen auf Tätigkeiten konzentrierten, die zumindest gewisse kognitive Fertigkeiten erfordern. Was aber wird passieren, wenn Algorithmen uns auch übertreffen, wenn es ums Erinnern, Analysieren und Erkennen von Mustern geht? Wie geht die Politik mit einer Gesellschaft um, die plötzlich für einen Großteil aller Menschen keine Verwendung mehr hat? Was macht das mit der Psyche und dem Verhalten von Menschen, wenn sie sich nicht mehr gebraucht fühlen?

Es lassen sich zig Probleme dieser Art finden. Sie alle deuten auf ein Metaproblem hin: Während seit den letzten 20 Jahren die Allianz zwischen Konservatismus und Marktfreiheit aufgeweicht wurde, könnten die nächsten Jahrzehnte die lange Zeit so natürlich erschienene Ehe zwischen Liberalismus und Ökonomie zerstören. Noch im 20. Jahrhundert erklärten uns Liberale, wir müssten uns nicht zwischen Moral und Ökonomie entscheiden. Der Schutz der Menschenrechte und der menschlichen Freiheiten war moralisches Gebot und zugleich der Schlüssel für wirtschaftliches Wachstum. Großbritannien, Frankreich und die USA prosperierten angeblich deshalb, weil sie ihre Wirtschaft und ihre Gesellschaft liberalisierten, und wenn sich die Türkei, Brasilien und China ähnlich entwickeln wollen, müssten sie das ebenfalls tun. In vielen, wenn nicht sogar den meisten Fällen war es das ökonomische und nicht das moralische Argument, das Tyrannen und Militärregierungen von einer Liberalisierung überzeugte.

Im 21. Jahrhundert wird sich der Liberalismus (in der Rolle des Verteidigers von Menschenrechten und Individualismus) deutlich schwerer tun, sich als Leitprinzip zu verkaufen. Wenn die Massen ihre wirtschaftliche Bedeutung verlieren, mögen Menschenrechte und Freiheiten weiterhin moralisch gerechtfertigt sein, aber werden moralische Argumente ausreichen? Werden Eliten und Regierungen jedem Menschen weiter einen Wert zu schreiben, selbst wenn er sich ökonomisch nicht bezahlt macht?

Zugegeben, Computer funktionieren ganz anders als Menschen und es ist eher unwahrscheinlich, dass Computer schon bald menschenähnlich werden. Vor allem hat es nicht den Anschein, dass Computer in naher Zukunft ein Bewusstsein erlangen und Gefühle und Sinneswahrnehmungen (also Qualia) erleben. In den letzten Jahrzehnten gab es in Sachen Computerintelligenz ungeheure Fortschritte, doch was das Bewusstsein von Computern angeht, tat sich im Grunde gar nichts. Soweit wir wissen, sind Computer im Jahr 2016 kein bisschen bewusster als ihre Prototypen in den 1950er Jahren. Und dennoch haben uns Computer in den letzten 60 Jahren in verdammt vielen Bereichen überholt, etwa im Rechnen, Erinnern und Visualisieren. Hierin besteht auch die viel realistischere Gefahr: In der Abkopplung der Intelligenz vom Bewusstsein

Science-Fiction-Filme gehen in der Regel davon aus, dass Computer ein Bewusstsein entwickeln werden und es dann mit der menschlichen Intelligenz aufnehmen. Doch ist das wirklich notwendig? Die reale Wissenschaft lehrt uns, dass menschliche Intelligenz auf biologischen Algorithmen beruht und Algorithmen lassen sich imitieren – auf Kohlenstoff oder Siliziumbasis – mit oder ohne Bewusstsein.

Was also ist wichtiger, Bewusstsein oder Intelligenz? Solange (bei der menschlich-biologischen Evolution) beide Hand in Hand gingen, war eine Diskussion um ihre relative Gewichtung nichts weiter als ein Zeitvertreib für in Elfenbeintürmen sitzende Philosophen. Doch im 21. Jahrhundert emanzipiert sich höhere Intelligenz vom Bewusstsein und das macht diese Frage zu einer der dringlichsten Fragen überhaupt. Und es ist ernüchternd zu sehen, dass die Antwort zumindest ökonomisch eindeutig ist: Intelligenz ist unabdingbar, Bewusstsein hingegen optional, wenn nicht sogar kontraproduktiv.

Unternehmen, Staatsapparate und Armeen können ohne intelligente Akteure nicht funktionieren, aber Bewusstsein und subjektive Erlebnisse benötigen sie nicht. Das Innenleben eines Taxifahrer mag unendlich viel reichhaltiger sein als das eines selbstfahrenden Autos, aber Uber möchte seine Kunden nur von A nach B bringen, ein Fahrer mit Innenleben ist da bestenfalls nutzlos.

Wir sollten uns daran erinnern, welches Schicksal die Pferde in der industriellen Revolution ereilte. Pferde können deutlich besser riechen, lieben, Gesichter erkennen und über Zäune springen als ein VW oder ein Lamborghini. Aber trotzdem ersetzten Autos die Pferde, weil sie bei den paar Aufgaben, die das System wirklich benötigte, überlegen waren. Insofern ist es ziemlich wahrscheinlich, dass es Taxifahrern genauso wie den Pferden ergehen wird. Das Innenleben von Pferden und Taxifahrern ist tausendmal reichhaltiger als das von selbstfahrenden Autos, und vielleicht macht ohne subjektive Empfindungen und Gefühle nichts auf der Welt einen Sinn, aber ökonomische Notwendigkeit hat existentiellen Sinn historisch noch immer geschlagen. Der letzte Halbsatz könnte zukünftig auf der Scheidungsurkunde zwischen der freien Ökonomie und dem (humanistischem) Liberalismus prangern.

Teile aus: Yuval Noah Harari: Homo Deus: Eine Geschichte von Morgen

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