„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Die Zukunftsforschung als Wissenschaft zum Verständnis dynamischer Komplexität

Ein Versuch über den produktiven Irrtum  und die wahren Möglichkeiten der prognostischen Kunst

Dein Brief hat über das armselige Heut
Mich weit verzückt, und ich empfinde nun
Das Künftige im Jetzt.
(William Shakespeare, Cymbeline)

Das Künftige im Jetzt empfinden. Geht das? Ja, es geht. Es ist das, was ein Zukunftsforscher anstreben sollte. Nicht die „exakte Prognose“. Nicht die „Eliminierung der Unsicherheit über das Kommende.“ Gute Zukunftsforschung organisiert GUTE AHNUNGEN. Ob man immer verzückt darüber sein muss, ist eine andere Frage.

Man kann sich der Zukunft auf vielfältige Arten nähern. Idealistischen und ängstlichen. Seriösen und unseriösen. Esoterischen und rationalen. Technischen und sozialen. Der wahrhaft  fundamentale Unterschied findet sich jedoch zwischen unreflektiert und reflektierend.

Unreflektierte Zukunftsentwürfe entstehen immer aus linearem Denken. Sie verlängern etwas, das als „Trend“ interpretiert wird einfach geradeaus in die Zukunft und basteln eine „Vision“ daraus. Dabei wird ein Faktor ad absolutum genommen. Solche naiv-linearen Zukunftsbilder verherrlichen entweder die Technik und nehmen sie als Metapher für die (ER-)Lösung aller Probleme. Oder sie übertreiben die Risiken, in denen sich menschliches leben, menschliche Kultur IMMER befindet, zu apokalyptischen Schlachtengemälden. Das kommt immer gut, denn unser nach stimmigen Geschichten hungriges Hirn LIEBT solche Standard-Erzählungen. Deshalb erzählen 99 Prozent aller „Zukunftsforscher“ immer denselben Unsinn. Dass wir demnächst alle mit künstlichen Organen herumlaufen werden, automatische Autos fahren und Google-Brillen tragen, ist einfach eine geile Geschichte. Und Weltuntergang, in all seinen Varianten von der Öko-Katastrophe bis zur Dekadenz-Dystopie macht regelrecht süchtig, wie man an den stetig vermehrten Weltuntergangs-Produktionen Hollywoods sehen kann. WIR FÜRCHTEN UNS EBEN GERNE!

1. Drei Horx'sche Theoreme

1.1. Das Prinzip der non-linearen Zukunft

Die alte Zukunftsforschung – und der naiv-futuristische Journalismus – schildern uns das Morgen als eine Art Wundertüte: Alles wird super-technisch, hyper-beschleunigt, megadigital und wir schweben alle schwerelos im Cyperspace. Das ist „Future Bullshit”. Die Zukunft entsteht nicht aus einer einzigen, gradlinigen Bewegung, sondern aus einer komplexen Interaktion sozialer, ökonomischer, psychologischer UND technologischer Faktoren und Trends.

1.2. Das Prinzip der evolutionären Adaptivität

Wir können die Zukunft nur verstehen, wenn wir in evolutionären Mustern denken. Wir sind umgeben von Systemen, die sich ständig nach Prinzipien von Mutation, Adaption, Selektion weiterentwickeln – Krisen sind dabei notwendige Störungen. Das gilt für Ökonomien wie für Gesellschaften, für Familien wie für Unternehmen, für das Ökosystem der Erde wie für den Straßenverkehr.

1.3. Das Prinzip der Rekursion

Jeder Trend erzeugt einen Gegentrend, einen Widerstand im System, auf den er einwirkt. Die „wahre” Zukunft entsteht aus Synthesen und Re-Kombinationen zwischen Trends und Gegentrends. Die Zukunft ist ist das Produkt einer Turbulenz mit komplexer Tendenz.

Mit der wirklichen Zukunft haben solche Märchen allerdings wenig zu tun. Eine neue, ganzheitlich-reflexive Zukunftsforschung muss sich der Welt mit differenzierteren Konzepten nähern.  Dafür benötigen wir Impulse aus den neuen System-Wissenschaften: Spieltheorie, Evolutionsbiologie, Probabilistik, Komplexitätstheorie, Verhaltensökonomie, Memetik, Kognitionspsychologie, ja – auch der Philosophie als der Ur-Wissenschaft. Erst im Reichtum dieser Disziplinen, in ihren Schnittmengen,  wird erkennbar, was Zukunftsforschung im Kern sein könnte: Eine Wissenschaft zum Verständnis dynamischer Komplexität.

2. Die Semantik des Zukunftsdenkens

Foto: Dierk Schäfer
Foto: Dierk Schäfer

Das menschliche Hirn ist eine von der Evolution designte Zukunftsmaschine. Wir können gar nicht anders als über die Zukunft nachzudenken. Ständig spulen wir „Zeit-Bilder“ in unserem Kopf hin- und her. Dies soll unsere Überlebenschancen – als Individuum und Spezies – erhöhen. Wir können uns vorstellen, was werden könnte. Das unterscheidet uns von allen anderen Spezies.

Aber bei dieser Zukunfts-Projektion machen wir ständig Fehler. Wir unterliegen der future bias, der Zukunfts-Verzerrung, in mehreren Dimensionen:

·       Wir lassen uns von Angst leiten – und projizieren das Risiko gleichzeitig in eine Dimension, wo es uns nicht wirklich gefährlich werden kann. Die so genannte Risiko-Aversion: Wir fixieren unsere Aufmerksamkeit auf sehr kleine, sensationelle, symbolische Risiken. Wir fürchten uns schrecklich vor terroristischen Attacken oder radioaktiver Strahlung, aber nicht vor dem Lungenkrebs, den wir durch Rauchen selbst erzeugen.

·       Wir sind „fooled by random“ wie es der Erfinder der „Black-Swan“-Theorie, Nicholas Taleb, formulierte. Wir dichten der zufälligen Wirklichkeit Prinzipien an, die uns Kontrollillusionen geben. Und die uns selbst gut aussehen lassen. Weil wir uns furchtbar nach Stimmigkeit und Kohärenz der Wirklichkeit sehnen, fälschen wir sogar Erinnerungen. Wir neigen zu Verschwörungstheorien und falschen Kausal-Konstruktionen damit.

·       Wir sind zukunftsblind vor allem dort, wo es um unsere eigene Verantwortung geht. Zukunft beginnt im Kopf! Sie wird konstruiert über die Art und Weise, wie wir Wirklichkeit und Prozesse denken. Lineares und Angst-Denken erhöhen die Linearität der Welt – und damit die Wahrscheinlichkeit von harten Brüchen. Ganzheitliches, systematisches Denken ermöglicht hingegen Handlungen, die zur Komplexität und Resilienz beitragen. Und uns eine bessere Zukunft ermöglichen.

Unsere Einstellung der Zukunft gegenüber muß sein: Wir sind jetzt verantwortlich für das, was in der Zukunft geschieht.
(Sir Carl Popper)

So trocken sagte es der kritische Rationalist Carl Popper, der vor Prognosen warnte, und doch selbst die Zukunft liebte. Das ist der EIGENTLICHE Sinn von Zukunftsforschung: Über die Antizipation des Kommenden DIE GEGENWART ZU ERHELLEN. Integrale, ganzheitliche Zukunftsforschung nutzt Zukunft als Spiegel, in dem wir uns selbst erkennen können. Sie übt Selbst-Bewusstsein. „Erkenne Dich selbst“ – GNOTHI SEAUTON lautete nicht umsonst das Motto des Orakels von Delphi, des ersten Zukunfts-Think-Tanks der Geschichte.

Damit muss gute Zukunftsarbeit auch die verständliche, aber auch illusionäre Sehnsucht nach totaler Zukunfts-Sicherheit enttäuschen. Prognosen sind möglich, aber wir können nicht DIE ZUKUNFT (als Ganzes) vorhersagen. Und das ist gut so! Die Welt ist ein offenes, kein geschlossenes, deterministisches System. Die Welt ist ein KOMPLEX-ADAPTIVES SYSTEM. Wenn wir ALLES über die Zukunft wüssten, würde die Welt erstarren.

Die zweifellos größte Gnade, die uns die Vorsehung gewährt, ist die Unkenntnis über unsere Zukunft. Stellen wir uns nur einmal vor, wir wüssten, was aus unseren Hoffnungen und Plänen wird, oder wir könnten voraussehen, auf welche Weise wir dereinst sterben – unser Leben wäre ruiniert! ... Nichts bleibt außer den Worten!
(Robert Harris, Titan)

3. Die Weisheit der Zukunft

Integrierte Prognostik muss also den  Hang zum Prophetischen zügeln, dem Auguren- und Prophetentum Widerstand leisten. Sie muss sich dem Segen des Zweifels unterwerfen – und den Unterschied zwischen Determinismus und Systemlogik kennen, zwischen Ergebnis und Wahrscheinlichkeit, Kohärenz, Kontingenz und Kausalität. Was ist vorhersehbar, was voraussagbar (ein kleiner, aber wichtiger Unterschied), und was unterliegt stochastischen Zukunftsgesetzen? Schon das Wetter von Morgen kennen wir nicht im Detail. Und dennoch ist „Wetter“ ein beschreibbares System, genauso wie „Gesellschaft“ oder „Ökonomie“ oder „Wertewandel“. Zufälle sind ein wichtiger Teil des evolutionären Prozesses, sie ermöglichen LEBEN! Wir können wissen, wohin die Welt geht, auch wenn wir nicht sagen können, wann genau ein Erdbeben oder ein Terroranschlag stattfindet, wo der Euro im Jahre 2025 steht, oder wer die nächsten Wahlen gewinnt.

Der Unterschied zwischen Hellsehern, Wahrsagern und Prognostikern liegt in der Transparenz. Beim Wahrsager kümmert sich niemand darum, ob er Kaffeesatz oder Handlinien liest – man beurteilt ihn nach den Resultaten. Bei einer seriösen Prognose begeben sie sich in einen Dialog mit der Zukunft; deswegen müssen sie die Logik  des Experten verstehen und nachvollziehen.
(Paul Saffo)

Aber muss Zukunftsforschung nicht vor allem eine VISION der Zukunft liefern, eine klare Vorstellung dessen, was kommen muss und kommen SOLL?

„Die Visionen meines Vorgängers sind meine Schulden von heute”

formulierte Klaus Wowereit, der ehemalige Berliner Bürgermeister. Visionen können hilfreich sein, wenn es darum geht, geschlossene Horizonte aufzubrechen. Ein bisschen Marihuana in einer Spießbürgerwelt wirkt Wunder. Aber wenn alle lange Haare und wirre Gedanken haben, wirkt dieselbe Substanz kontraproduktiv. Viele Visionen machen die Zukunft in Wahrheit nicht weit, sondern ENG. Im politischen Kontext dienen sie gerne zur Begründung von Ideologien. In Management-Strategien verführen sie zu Tunneldenken – im Namen von „Visionen“ wurde schon manches Unternehmen glorreich in den Sand gesetzt.  Die Adaptivität, die Anpassungsfähigkeit von Menschen und Systemen, sinkt im Namen einer normativen Zukunft.

 

Der englische Ökonom William Jevons formulierte  im 19. Jahrhundert in poetischer Weise:

As I woke this morning, the sun was shining brightly into my room. There was a consciousness on my mind that I was the discoverer of the true logic of the future. For a few moments I felt a delight such as one can seldom hope to feel.

The true logic of the future – was meint Jevons damit? Eine Ahnung des Kommenden ist immer eine Erwartung höherer Komplexität – und damit höherer Freiheit.  Zukunft ist, neben allem Absehbaren, ein Reich der Möglichkeiten. Der Pfad der Geschichte entsteht aus Varianz, Wiederholung, Versuch, Irrtum, Erkenntnis, und ja doch, auch aus Zufall. Darauf bezieht sich Jevons Entzücken: Auf jene evolutionäre Hoffung, in der wir uns als als Teil einer Entwicklung sehen können, in der sich die Welt zu immer höherer Komplexität entfaltet. Gute Zukunftsforschung kann uns  die Angst vor dem Abgrund der Zeit nehmen. Uns einordnen in ein überzeitliches Ganzes. In dieser Hinsicht ähnelt sie der Religion, ohne deren Transzendenz-Versprechen zu übernehmen.

Gute Prognosen sind immer auch PROVOKATIONEN!

Reflexive Zukunftsarbeit muss unbequem sein. Sie ist immer auch Störung, Provokation, Irritation festgefahrener und linearer Weltbilder. Sie muss provozieren im Sinn von „provocare = hervorrufen“. Zukunftsforscher dürfen nie gefällig, nie allzu beliebt sein. Das ist ihr wahres Berufsrisiko: Wenn sie einen guten Job machen, hinterlassen sie immer ein schönes, komplexes Fragezeichen.

If you make people think they're thinking, they'll love you. 
But if you really make them think, they'll hate you.
(Don Marquis)

Gute Zukunftsarbeit hegt das Element der Hoffnung und verteidigt sie gegen die Furcht. Die Welt ist voller Emergenz, voller Selbst-Organisation, voller „Wunder“, die aus Wandel entstehen. Um das zu verstehen, müssen wir auch den Irrtum umarmen lernen.

At its best, good futurism offers humanity some fresh mistakes.
(Bruce Sterling)

Der Zukunftsforscher darf und muss irren. Allerdings sollte es ein erhellender Irrtum sein. Ein Irrtum aus guten Gründen. Ein Irrtum, der uns zu neuen, klügeren Fragen führt. Durch den sich die Komplexität unseres geistigen Verhältnisses zur Welt erhöht.

Wie sagte Marcel Proust so schön?

„Die wahre Entdeckungsreise besteht nicht darin, dass man nach neuen Landschaften sucht. Sondern dass man mit neuen Augen sieht.”

Gastbeitrag von: Matthias Horx (Buch)

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