„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Robowesen

Wer Philosophie in Aktion erleben will, sollte einmal ein Labor mit Robo-Ratten besuchen. Eine Robo-Ratte ist eine ganz gewöhnliche Ratte mit einer speziellen Zutat: Wissenschaftler haben in die Bereiche des Rattenhirns, die für Sensorik und Belohnungen zuständig sind, Elektroden eingepflanzt. Das ermöglicht es den Forschern, die Ratte mittels Fernbedingung zu steuern. Nach kurzen Trainingseinheiten haben es die Forscher nicht nur geschafft, die Ratten nach links oder rechts zu lenken, sondern sie auch dazu gebracht, auf Leitern zu klettern, Müllhaufen zu durchsuchen und Dinge zu tun, die Ratten normalerweise nicht besonders gerne mögen, wie etwa aus großer Höhe nach unten zu springen. Armeen und Unternehmen zeigen großes Interesse an den Robo-Ratten, weil diese sich, so ihre Hoffnung, für viele Aufgaben und Situationen als nützlich erweisen könnten. So könnten sie beispielsweise dabei helfen, Überlebende zu entdecken, die unter den Trümmern eingestürzter Häuser begraben sind, Bomben und Sprengfallen zu orten und unterirdische Tunnel und Sprengfallen zu erkunden.

Tierschützer befürchten, dass die Ratten bei solchen Experimenten leiden könnten. Professor Sanjiv Talwar von der State University of New York, einer der führenden Robo-Ratten-Forscher, hat diese Bedenken zurückgewiesen und behauptet, die Ratten hätten sogar Spaß bei den Experimenten. Schließlich, so Talwar, würden die Ratten "zum Vergnügen arbeiten", und wenn die Elektroden das Belohnungszentrum im Gehirn stimulieren, dann fühle sich die Ratte "wie im Nirwana".

Soweit wir bisher wissen, spürt die Ratte nicht, dass jemand anderer sie kontrolliert, und hat nicht das Gefühl, dass sie gegen ihren Willen zu etwas gezwungen wird. Wenn Professor Talwar auf die Fernbedingung drückt, 'will' sich die Ratte nach links bewegen, doch sie ist nicht willensfrei. Drückt der Professor dann auf einen anderen Knopf, dann 'will' die Ratte auf eine Leiter klettern, weshalb sie die Leiter erklimmt. Schließlich sind die Wünsche der Ratte nichts anderes als ein Muster feuernder Neuronen. Was spielt es dabei für eine Rolle, ob die Nervenzellen feuern, weil sie durch andere Nervenzellen oder weil sie durch die eingepflanzten Elektroden stimuliert werden, die mit Professor Talwars Fernbedingung verbunden sind? Würde man die Ratte danach fragen, würde sie vermutlich sagen: "Klar habe ich einen freien Willen! Schau, ich will nach links - und laufe nach links. Ich will auf die Leiter - und klettere auf die Leiter. Beweist das nicht, dass ich einen freien Willen habe?"

Experimente, die an Menschen durchgeführt wurden, deuten darauf hin, dass sie sich ähnlich wie Ratten manipulieren lassen und dass es möglich ist, sogar komplexe Gefühle wie Liebe, Wut, Angst und Depression zu erzeugen oder zu unterdrücken, indem man die richtigen Stellen im menschlichen Gehirn stimuliert. Auch Robo-Menschen würden wahrscheinlich denken, sie entscheiden sich frei dafür nach rechts zu laufen, wobei doch der Mann an der Fernbedingung die Entscheidung für ihn trifft. Oder? Der Mann an der Fernbedingung, ein Mensch wie Du und ich, hat vielleicht keine Elektroden im Kopf, aber seine Entscheidung ist genauso das Resultat neuronaler Prozesse, die wiederum von vorherigen Gehirnprozessen verursacht wurden. Ein Ich, das den Energieerhaltungssatz verletzt und intentional in das Weltgeschehen eingreift, findet sich auch in seinem oder unserem Gehirn nicht. Es besteht also gar kein signifikanter Unterschied zwischen Uns und Robo-Wesen, deren Verhalten von Kausalketten gesteuert wird, die sie selbst nicht steuern können.

Tatsächlich sind Robo-Menschen schon längst keine Science-Fiction mehr. Jüngst hat das US-Militär mit Experimenten begonnen, bei denen Menschen Computerchips ins Gehirn eingepflanzt werden, weil man hofft, mit dieser Methode Soldaten zu behandeln, die unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) leiden. Und im Hadassah-Krankenhaus in Jerusalem haben Ärzte eine neueartige Behandlungsmethode für Patienten entwickelt, die unter schweren Depressionen leiden. Sie setzen Elektroden im Gehirn des Patienten ein und verbinden diese mit einem winzigen Computer, der in die Brust implantiert wird. Wenn sie vom Computer einen Befehl erhalten, lähmen die Elektroden mit Hilfe schwacher Stromstöße die Gehirnregionen, die für Depression verantwortlich sind. Die Behandlung ist nicht immer von Erfolg gekrönt, dich in einigen Fällen berichteten Patienten, das Gefühl finsterer Leere, das sie ihr ganzes Leben lang quälte, sei wie von Zauberhand verschwunden. Das ist zweifelsohne eine positive Entwicklung für alle Menschen, die unter PTBS oder Depressionen leiden müssen. Aber sie ist nur der Anfang und am dystopischen Ende könnten tatsächlich Menschen stehen, die von bösen Herrführern oder Hackern fremdgesteuert werden.

Aus: Yuval Noah Harari: Homo Deus: Eine Geschichte von Morgen (leicht abgeändert)

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