„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Der Denkfehler des evolutionären Humanismus

Der Humanismus, Liberalismus und die meisten philosophischen Demokratietheorien gehen von den beiden Annahmen aus, dass (1) ein einheitliches Ich existiert und dass (2) dieses über einen freien Willen verfügt und damit als Konsument, soziales Wesen und Wähler frei entscheiden und handeln kann. Diese beiden Vorstellungen werden nun ausgerechnet aufgrund der Erkenntnisse der (Bio-)Wissenschaften unglaubwürdig.

Die Biowissenschaften bringen den Humanismus ins Wanken mit ihrer Behauptung, dass das freie Individuum nur eine erfundene Geschichte ist, die von einer Ansammlung biochemischer Algorithmen ersonnen wurde. In jedem Augenblick erzeugen die biochemischen Mechanismen des Gehirns ein blitzartiges Erleben, das sogleich wieder verschwindet. Dann tauchen in rascher Folge immer mehr solcher Blitze auf und verschwinden wieder, tauchen auf und verschwinden. Diese Augenblickserlebnisse addieren sich nicht zu irgendeinem dauerhaften Wesenskern. Das Gehirn versucht diesem Chaos eine Ordnung zu geben und erfindet zu diesem Zweck unablässig eine Geschichte, in der ein „Ich“ vorkommt, das es in Wirklichkeit aber gar nicht gibt. So überzeugend und vertraut uns unser Ich auch vorkommen mag, so ist es realiter doch auch nichts weiter als eine sehr gute Illusion. Mittelalterliche Kreuzfahrer glaubten, Gott und der Himmel seien real und gäben ihrem Leben einen Sinn. Moderne Humanisten glauben, freie Entscheidungen und kongruente Individuen seien tatsächlich existent und gesellschaftlich sinnstiftend. Beides sind Trugschlüsse.

Zweifel daran, dass es einen freien Willen und Individuen gibt, sind freilich nichts Neues. Schon vor mehr als 2000 Jahren behaupteten Denker in Indien, China und Griechenland, dass das individuelle Selbst eine Illusion sei. Auch die menschliche Willensfreiheit wird spätestens seit der Antike angezweifelt. Doch solche Zweifel verändern die Geschichte erst dann, wenn sie praktische Folgen für Wirtschaft, Politik und Alltagsleben haben. So wie der christliche Kreationismus nicht verschwand, sobald Darwin sein Buch 'Über den Ursprung der Arten' veröffentlicht hatte, so wird der Humanismus nicht verschwinden oder grundlegend abgeändert, nur weil Wissenschaftler zu dem Schluss gekommen sind, dass es keine freie Individuen gibt. Menschen sind Meister der kognitiven Dissonanz, und diese gestattet uns, im Labor an das eine und vor Gericht oder im Parlament an etwas ganz anderes zu glauben. 

Tatsächlich weigern sich sogar Richard Dawkins, Steven Pinker und andere Koryphäen der neuen wissenschaftlichen Weltsicht, den Humanismus aufzugeben. Nachdem sie hunderte von gelehrten Seiten darauf verwendet haben, das Selbst und die Willensfreiheit zu dekonstruieren, und nebenbei bemerkt auch wiederholt auf die Denkfehler und blinde Flecken in anderen Weltbildern hingewiesen haben, vollziehen sie atemberaubende intellektuelle Volten, mit denen sie auf wundersame Weise im 18. Jahrhundert landen, gerade so, als hätten all die erstaunlichen Entdeckungen der Evolutionsbiologie und der Neurowissenschaften absolut keinen Einfluss auf die moralischen und politischen Vorstellungen von Locke, Rousseau und Thomas Jefferson.

Sobald man jedoch die häretischen wissenschaftlichen Erkenntnisse in Alltagstechnologien, Routinehandlungen, Rechts- und Wirtschaftsstrukturen übersetzt, wird es immer schwieriger, dieses doppelte Spiel aufrechtzuerhalten, und wir - oder unsere Nachfahren - brauchen eventuell dann ein ganz neues Paket weltanschaulicher Überzeugungen und politischer Institutionen.

Zu Beginn des dritten Jahrtausends sind der Humanismus, Liberalismus und die die Demokratie praktisch jedoch nicht durch neurophilosophische Vorstellungen bedroht, sondern durch ganz konkrete Technologien. Siehe hierzu: Das Schicksal der Zukunft heißt „Algorithmus“.

Teile aus: Yuval Noah Harari: Homo Deus: Eine Geschichte von Morgen

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Kommentare: 2
  • #2

    WissensWert (Dienstag, 01 August 2017 15:14)

    gute Replik auf Hararis These (n):

    https://hpd.de/artikel/grosse-harari-verwirrung-14664

  • #1

    WissensWert (Mittwoch, 19 April 2017 21:09)

    Demokratie ist von Natur aus nicht effizient, weniger effizient jedenfalls als diese neue Spielart, bei der die Bürger nicht zu wissen brauchen, warum sie etwas zu tun haben. Das Ergebnis sind Bürger, die ziemlich glücklich sind, die sich gut unterhalten fühlen und gut versorgt sind, ja, sogar effizient versorgt. Und das ist das Gruselige daran! Ein völlig neues Problem, von Big Data und Social Media ausgelöst, ist es aber nicht. Entstanden ist es aus inneren Widersprüchen der Demokratie, der Moderne, des Kapitalismus, der Bürokratie. Mark Zuckerberg von Facebook spielt hier die kleinste und unwichtigste Rolle.

    sagt Evgeny Morozov: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/evgeny-morozov-im-gespraech-es-ist-laecherlich-das-internet-erklaeren-zu-wollen-12614255-p4.html


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