„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Wie Zukunftsprognosen die Zukunft beeinflussen

Diskussionsanstoß:

Manche komplexen Systeme wie das Wetter sind blind gegenüber unseren Prognosen. Der menschliche Entwicklungsprozess hingegen reagiert darauf. In diesem Fall ist es sogar so: Je besser unsere Vorhersagen sind, desto mehr Reaktionen rufen sie hervor. Das kann paradoxerweise bedeuten: Je mehr Daten wir sammeln und je besser wir all diese Daten verarbeiten können, desto wilder und unerwarteter werden die Ereignisse.  Je mehr wir wissen, desto weniger können wir vorhersagen. Man stelle sich beispielsweise vor, Experten könnten eines Tages die Grundregeln der Ökonomie entschlüsseln. Sofort würden Banken, Regierungen, Investoren und Verbraucher dieses neue Wissen nutzen, um auf neuartige Weise zu agieren und sich einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz zu verschaffen. Denn wozu dient neues Wissen, wenn es keine neuen Verhaltensweisen nach sich zieht? Sobald die Menschen jedoch ihr Verhalten ändern, werden die ökonomischen Theorien obsolet. Wir können wissen, wie die Wirtschaft in der Vergangenheit funktionierte - aber wir haben keine Ahnung mehr davon, wie sie gegenwärtig funktioniert, von der Zukunft ganz zu schweigen.

Das ist beileibe kein hypothetisches Beispiel. Mitte des 19. Jahrhunderts kam Karl Marx zu aus damaliger Sicht brillanten ökonomischen Erkenntnissen. Auf deren Grundlage sagte er einen immer gewalttätiger werdenden Konflikt zwischen dem Proletariat und den Kapitalisten voraus, an dessen Ende der unvermeidliche Sieg der Arbeitsklasse über die Bourgeoise und der Zusammenbruch des kapitalistischen System stehen würden. Marx war sich sicher, dass die sozialistische Revolution in Ländern, welche die Speerspitze der industriellen Revolution bildeten - also Großbritannien, Frankreich und die USA -, beginnen und sich auf die übrige Welt ausbreiten würde.

Allerdings dachte Marx nicht daran, dass auch Kapitalisten lesen können. Zunächst nahm nur eine Handvoll Schüler Marx ernst und las seine Schriften. Doch als diese sozialistische Heißsporne Anhänger und Einfluss fanden, wurden die Kapitalisten hellhörig. Auch sie studierten "das Kapital" nun genau und übernahmen zahlreiche Instrumente und Erkenntnisse der marxistischen Analyse. Im 20. Jahrhundert pflegte so gut wie jeder, vom Gassenjungen bis zum Präsidenten, einen marxistischen Blick auf Wirtschaft und Geschichte. Selbst eingefleischte Kapitalisten, die sich der marxistischen Prognose vehement widersetzten, bedienten sich gleichwohl der marxistischen Diagnose. Als die CIA in den 1960er Jahren die Situation in Vietnam und Chile analysierte, teilte sie die Gesellschaft in Klassen ein. Als Nixon oder Thatcher die Welt betrachteten, fragten sie sich, wer die entscheidenden Produktionsmittel kontrolliert. George Bush hatte zwischen 1989 und 1991 durchaus seinen Anteil daran, dass das kommunistische Reich des Bösen zerfiel, doch bei den Präsidentschaftswahlen 1992 verlor er gegen Bill Clinton. Dessen siegreiche Wahlkampfstrategie ließ sich in einem Satz zusammenfassen: "It's the economy, stupid!" Besser hätte es Marx auch nicht ausdrücken können.

Als die Menschen die marxistische Diagnose übernahmen, änderten sie entsprechend auch ihr Verhalten. In Ländern wie Großbritannien und Frankreich waren Kapitalisten bestrebt, das Los der Arbeiter zu verbessern, ihr Nationalbewusstsein zu stärken und sie ins politische System zu integrieren. Als die Werktätigen anschließend an Wahlen teilnehmen durften und in einem Land nach dem anderen Arbeiterparteien an die Macht kamen, konnten die Kapitalisten folglich weiterhin ruhig schlafen. In der Folge erfüllten sich die Prophezeiungen von Karl Marx nicht. Führende Industrienationen wie Großbritannien, Frankreich und die USA versanken nie in kommunistischen Revolutionen, und die Diktatur des Proletariats wurde der Abrissbirne der Geschichte überantwortet.

Das ist eine der Paradoxien historischen Wissens. Wissen, das Verhalten nicht verändert, ist nutzlos, aber Wissen, das Verhalten verändert, verliert rasch seine Relevanz. Je mehr Daten wir haben und je besser wir die Geschichte und generell die Welt verstehen, desto schneller ändert die Geschichte ihren Lauf und desto schneller veraltet unser Wissen.

Vor Jahrhunderten nahm das menschliche Wissen nur langsam zu, und so veränderten sich auch Politik und Wirtschaft nur sehr gemächlich. Heute wächst unser Wissen in halsbrecherischer Geschwindigkeit, und theoretisch sollten wir die Gesellschaften und die Welt immer besser verstehen. Doch es geschieht das genaue Gegenteil. Unser neu entdecktes Wissen führt zu schnelleren wirtschaftlichen, sozialen und politischen Veränderungen; mit jedem Versuch zu begreifen, was geschieht, beschleunigen wir die Akkumulation von Wissen, was wiederum zu noch schnelleren und größeren Umwälzungen führt. Folglich sind wir immer weniger in der Lage, die Gegenwart sinnvoll zu deuten oder die Zukunft vorherzusagen. Im Jahr 1017 war es relativ einfach, Prognosen darüber abzugeben, wie Europa im Jahr 1050 aussehen würde. Natürlich konnte es sein, dass Dynastien stürzen, unbekannte Räuberhorden einfielen und Naturkatastrohen zuschlugen; doch es stand fest, dass Europa auch 1050 noch von Königen und Priestern regiert werden würde, dass es sich um eine Agrargesellschaft handeln würde, dass die meisten seiner Bewohner Bauern sein würden und dass es weiterhin stark unter Hungersnöten, Seuchen und Kriegen zu leiden haben würde. Im Jahr 2017 hingegen haben wir keinerlei Vorstellung davon, wie Europa im Jahr 2050 aussehen, oder ob es dann überhaupt noch existieren wird. Wir können nicht sagen, welche Art von politischem System wir haben werden, wie der Arbeitsmarkt aufgebaut sein wird, und noch nicht einmal, über welche Art von Körper seine Bewohner verfügen werden.

Yuval Noah Harari: Homo Deus

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