„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Es gibt keine moralischen Zielkonflikte?

Ich habe vor gefühlten Urzeiten ein Text von Sam Harris gelesen. Soweit ich mich entsinnen kann, behauptete er darin das Folgende:

Alle Menschen haben einen höchsten moralischen Wert gemeinsam – Leid zu minimieren und Glück zu maximieren -, und sämtliche moralische Debatten seien Auseinandersetzungen in der Sache, in denen es darum geht, wie sich Glück am effizientesten maximieren lässt. Islamische Fundamentalisten wollen auf Erden das Kalifat und nachher in den Himmel, um glücklich zu sein, Liberale sind der Überzeugung, dass ein Mehr an menschlicher Freiheit für ein Höchstmaß an Glück sorgt, und deutsche Nationalisten glauben, allen würde es besser gehen, wenn Nationen für sich blieben, oder man Berlin die ganze Welt regieren ließe. Das sind aber alles nur faktische Differenzen in der Frage, wie man am effektivsten zum gemeinsamen Ziel der Glücksmaximierung gelangt, in der moralischen Zielsetzung gäbe es aber grundsätzlich keine normativen Meinungsverschiedenheiten.

Glaubt man Harris, so führen Islamisten, Liberale und Nationalisten keinen inhaltlichen Disput, sondern haben nur eine faktische Meinungsverschiedenheit darüber, wie sich ihr gemeinsames Ziel am besten verwirklichen lässt. Wenn das stimmen sollte, dann wäre die normative Ethik, die nach höchsten moralischen Werten fragt, erheblich in ihrer Bedeutung beraubt. Die empirischen Wissenschaften wären viel besser geeignet moralische Probleme zu lösen, indem sie empirisch untersuchen können, durch welche Handlungen oder Handlungsmaximen sich am meisten Glück erzeugen lässt (siehe auch: Glücksforschung).

Ich kann mir vorstellen, wie Harris zu dieser Überzeugung gelangte.

Deontologische Kantianer könnten letzten Endes, wie die Utilitaristen, nur das Glück der Menschen mehren wollen, nur glauben sie eben, dass der Kategorische Imperativ dafür besser geeignet sei als die Maximum-Hapiness-Maxime. Doch obwohl ich sonst große Stücke auf Harris halte, konnte er mich in diesem Punkt nicht überzeugen. Ich glaube nicht, dass moralische Differenzen nur in verschiedenen Ansichten darüber bestehen, wie Glück am besten zu vermehren sei. Bevor ich meine Argumente jedoch darlege, will ich mal euch fragen: Was meint ihr? Gebt ihr Sam Harris Recht, oder teilt ihr meine Zweifel? Kennt vielleicht sogar jemand den Artikel, den ich eingangs erwähnt habe, den ich nicht mehr finde und anhand dem wir Harris tatsächliche Argumentation nachvollziehen können?

Ich freue mich auf eine (hoffentlich) rege Diskussion!

Edit: Ich habe folgendes Video gefunden, in dem Sam Harris behauptet und dafür argumentiert, dass die Wissenschaft moralische Fragen beantworten kann:

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