„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Die Arche der Reichen und Mächtigen

Im Dezember 2015 wurden im Pariser Klimaabkommen relativ ambitionierte Ziele vereinbart, die den durchschnittlichen Temperaturanstieg auf 1,5°C gegenüber dem vorindustriellen Niveau begrenzen sollen. Doch viele der schmerzlichen Schritte, die Erreichung dieses Ziels notwendig sind, wurden bequemerweise auf die Zeit nach 2030 oder sogar in die zweite Hälfte des 21. Jahrhunderts verschoben, was im Grunde bedeutet, dass man die heiße Kartoffel an die nächste Generation weitererreicht. Die heutigen Regierungen konnten dadurch politisch unmittelbar profitieren und sich profilieren, insofern sie sich einen grünen Anstrich geben, während der eigentliche Preis für eine Verringerung der Emissionen (und ein langsameres Wachstum) künftigen Regierungen überlassen bleibt. Dieses Mal haben die USA und andere groß Verschmutzer das Abkommen zumindest ratifiziert, allerdings noch nicht umgesetzt. Zu viele Politiker und Wähler glauben, so lange Wirtschaft und Wissenschaft wachsen, würden uns Unternehmen und Wissenschaftler schon irgendwie vor dem Untergang bewahren.

Wie rational ist es, allein aufgrund der Annahme, künftige Wissenschaftler würden irgendwelche unbekannten Entdeckungen machen, die Zukunft der Menschheit aufs Spiel zu setzen? Die meisten Präsidenten, Minister und CEO's, die die Welt regieren, sind doch relativ gebildete und rationale Menschen. Warum sind die bereit, sich auf ein solch riskantes Vabanquespiel einzulassen? Vielleicht weil sie nicht glauben, dass dabei ihre eigene persönliche Zukunft auf dem Spiel steht! Selbst wenn es tatsächlich zum Schlimmsten kommt und die Wissenschaft die Sintflut nicht aufhalten kann, könnten Ingenieure noch immer eine Hightech-Arche (etwa in Form von Siedlungen auf dem Mars) für die Oberschicht bauen, während alle anderen milliardenfach auf der Erde ertrinken müssen. Der Glaube an diese Hightech-Arche ist wohlmöglich gegenwärtig eine der größten Gefahren für die Menschheit und für das gesamte Ökosystem. Menschen, die an eine solche Arche glauben, sollten an keiner Stelle Verantwortung für die globale Ökologie tragen, so wie man Menschen, die an ein paradiesisches Leben nach dem Tod glauben, auch keine Atomwaffen in die Hand geben sollte.

Und was ist mit den Armen? Warum protestieren sie nicht? Wenn die Sintflut kommt, werden sie sämtliche Kosten zu tragen haben. Doch sie werden auch die Ersten sein, welche die Kosten wirtschaftlicher Stagnation zu spüren bekommen. In einer kapitalistischen Welt verbessert sich das Leben der Armen wenn überhaupt nur, wenn die Wirtschaft wächst. Insofern werden sie vermutlich keinerlei Schritte zur Verringerung künftiger ökologischer Bedrohungen unterstützen, die auf geringerem Wirtschaftswachstum in der Gegenwart beruhen. Umweltschutz ist eine hübsche Sache, aber denjenigen, die ihre Miete (bei ausbleibender Umverteilung) nicht bezahlen können, macht ihr überzogenes Konto mittelfristig mehr Sorgen als schmelzende Polkappen.

Nachtrag: Meine Metaphorik wurde scheinbar teilweise falsch aufgefasst. Die "Sintflut" steht natürlich nicht für eine wirkliche Sintflut etwa in Folge des Klimawandels, sondern für reale existentielle Risiken. Und die Arche dementsprechend auch nicht für ein echtes Boot, sondern, wie in dem Text angeführt, etwa für Siedlungen auf dem Mars, die sich nur die Wohlhabenden leisten können.

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