„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Heilung und Verbesserung in den Medizinwissenschaften

Eine interessante medizinhistorische Entwicklung verläuft nahezu unbemerkt:
Die Aufhebung der Trennlinie zwischen Heilen und Verbessern.

Zunächst einmal sieht die Medizin ihre Aufgabe darin, das sie Menschen davor bewahrt, unter eine bestimmte (gesundheitliche) Norm zu fallen, doch die gleichen Instrumente und Kenntnisse können auch dazu beitragen, diese Norm zu übertreffen. Viagra diente anfangs dazu, Probleme mit dem Blutdruck zu behandeln. Zur Überraschung und zur großen Freude von Pfizer stellte sich heraus, dass Viagra auch bei Impotenz hilft. Es ermöglicht Millionen Männern, wieder normale sexuelle Fähigkeiten zurückzugewinnen, doch schon bald nahmen auch Männer, die gar nicht unter Impotenz litten, die gleiche Pille, um die Norm zu übertreffen und sexuelle Kräfte zu erlangen, die sie zuvor nie besessen hatten.

Was für einzelne Medikamente gilt, kann auch in ganzen Bereichen der Medizin passieren. So entstand die moderne plastische Chirurgie während des Ersten Weltkrieges, als Harold Gilles im Militärhospital von Aldershot Gesichts-verletzungen behandelte. Als der Krieg vorbei war, entdeckten Chirurgen, dass sie mit den gleichen Verfahren auch vollkommen gesunde, aber nicht schön anzusehende Riechorgane in wunderschön geformte Nasen verwanden konnten. Zwar half die plastische Chirurgie weiterhin den Kranken und Verwundeten, aber ihre Aufmerksamkeit galt und gilt zunehmend der "Optimierung" der Gesunden.
Heute verdienen Schönheitschirurgien ein Vermögen in Privatkliniken, deren ausdrückliches und einziges Ziel es ist, die Gesunden besser und die Reichen schöner zu machen.

Das beginnt mit Eltern, deren genetisches Profil ihre Kinder einem hohen Risiko aussetzt, eine tödliche Erbkrankheit zu bekommen. Also entscheiden sie sich für eine In-vitro-Fertilisation und lassen die DNA der befruchteten Eizelle testen. Wenn alles in Ordnung ist, dann läuft alles ganz normal. Wenn der DNA-Test jedoch die befürchteten Mutationen nachweist - dann wird der Embryo zerstört. Bereits dieses Verfahren ist unter Erzkonservativen ethisch umstritten, da es eine gezielte Auswahl einer passenden Eizelle erfordert. Das heißt auch, dass andere befruchtete Eizellen nicht ausgewählt werden und somit nicht die Chance auf weiteres Leben haben, weil sie nicht als Spender für das ältere, kranke Geschwisterkind in Frage kämen.

Liberalere Denker fragen hingegen: Warum ein Risiko eingehen und nur eine Eizelle befruchten? Man sollte lieber mehrere nehmen, dann bleibt, sollten drei oder vier einen Defekt aufweisen, noch mindestens ein brauchbarer Embryo übrig. Wenn diese Selektionsverfahren im Reagenzglas akzeptabel und billig genug sind, dann werden sie auch deutlich häufiger zum Einsatz kommen als sie es heute schon tun. Mutationen sind ein allgegenwärtiges Risiko. Alle Menschen tragen in ihrer DNA einige schädliche Mutationen und suboptimale Allele. Sexuelle Reproduktion ist ein Lottospiel.

(Eine berühmte - und vermutlich apokryphe - Anekdote erzählt, wie sich 1923 der Nobelpreisträger Anatole France und die bildhübsche Tänzerin Isadora Dincan begegneten. Als sie sich über die damals populäre Eugenik unterhielten, sagte Duncan: "Stellen Sie sich das vor, ein Kind mit meiner Schönheit und Ihrem Verstand!" Worauf France erwiderte: "Ja, aber stellen Sie sich ein Kind mit meiner Schönheit und Ihrem Verstand vor!")

Warum also nicht die Lotterie manipulieren? Man befruchte mehrere Eizellen und nehme die mit der besten Mischung. Sobald die Stammzellenforschung uns in die Lage versetzt, ein unbegrenztes Angebot an billigen menschlichen Embryonen zu erzeugen, können Sie aus Hunderten von Kandidaten, die alle Ihre DNA in sich tragen, die alle vollkommen natürlich sind und von denen keiner irgendwelcher postnataler Genmanipulationen bedarf, Ihr optimales Baby auswählen. Man wiederhole dieses Verfahren über ein paar Generationen, und am Ende hat man tatsächlich „perfekte Menschen“ (oder eine gruselige Dystopie?).

Was aber, wenn sich selbst nach der Befruchtung mehrerer Eizellen herausstellt, dass sie alle irgendeinen Defekt in sich tragen? Soll man dann sämtliche Embryonen vernichten? Oder könnte man stattdessen auch die problematischen Gene ersetzen? Ein bahnbrechender Fall betrifft die mitochondriale DNA. Mitochondrien sind winzige Organellen in den menschlichen Zellen, welche die von diesen benötigte Energie produzieren sie haben eine eigene DNA, die von den im Zellkern völlig getrennt ist. Eine beschädigte mitochondriale DNA führt zu verschiedenen chronischen oder gar tödlichen Krankheiten. Mit Hilfe der gegenwärtigen In-vitro-Technologie ist es möglich, mitochondriale Erbkrankheiten zu überwinden, indem man ein "Drei-Eltern-Baby" erzeugt. Dabei stammt die Zell-DNA des Babys von den beiden "leiblichen Eltern, während die mitochondriale DNA von einer dritten Person kommt. Im Jahr 2.000 brachte Sharon Saaronnen aus Eest Bloomfield in Michigan ein gesundes Mädchen zur Welt. Alanas Zellkern-DNA stammte von ihrer Mutter Sharon und ihrem Vater Paul; doch ihre mitochondriale DNA kam von einer anderen Frau. Rein technisch betrachtet, hat Alana damit drei biologische Eltern. Ein Jahr später, 2001, verbot die dem Christentum ideologische nahestehende US-Regierung diese Behandlung wegen Sicherheitsbedenken und aus ethischen Erwägungen.

Hingegen stimmte das britische Parlament am 3. Februar 2015 für das sogenannte "Drei-Eltern-Embryo"-Gesetz, das diese Behandlung - und die damit verbundene Forschung - im Vereinigten Königreich erlaubt. Gegenwärtig ist es technisch unmöglich - und illegal -, Zellkern-DNA zu ersetzen, doch falls und sobald die technischen Schwierigkeiten überwunden sind. Wird die gleiche Logik, welche die Ersetzung beschädigter mitochondrialer DNA befürwortete, auch dafür sprechen, das Gleiche mit der DNA des Zellkerns zu machen.

Der nächste potenzielle Schritt nach Selektion und Ersetzung ist die Genveränderung. Warum sollten wir, sobald es möglich wird, tödliche Gene zu verändern, noch den ganzen Aufwand betreiben und irgendeine fremde DNA einsetzen, wenn wir den Code einfach umschreiben und ein gefährliches mutiertes Gen in eine gutartige Variante verwandeln können? Dann könnten wir genau diesen Mechanismus auch anwenden, um nicht nur tödliche Gene zu reparieren, sondern auch solche, die für weniger tödliche Krankheiten verantwortlich sind, etwa für Autismus, für Fettleibigkeit und für Dummheit. Wer möchte schon, dass sein Kind an etwas Derartigem leidet? Stellen Sie sich vor, ein Gentest kommt zu dem Ergebnis, dass Ihre künftige Tochter aller Wahrscheinlichkeit nach klug, schön und nett sein wird - aber unter chronischer Depression leidet. Würden Sie sie nicht durch einen kleinen, schmerzlosen Eingriff im Reagenzglas vor jahrelangem Elend bewahren wollen?

Und wenn wir schon dabei sind, warum dem Kind dann nicht noch einen kleinen Schubs mit auf dem Weg geben? Das Leben ist auch für gesunde Menschen schwer und eine Herausforderung. Insofern wäre es sicher nicht unpraktisch, wenn das kleine Mädchen ein besonders starke Immunsystem, ein überdurchschnittliches Gedächtnis oder ein besonders sonniges Gemüt hätte. Und wen sie das für das eigene Kind nicht wollen -, was wenn die Nachbarn das alles für ihres vorhergesehen haben? Würden Sie wollen, dass ihr Kind da zurückbleibt? Und wenn die Regierung es allen Bürgern verbietet, ihre Babys gentechnisch verändern zu lassen - was, wenn die Nordkoreaner es tun und erstaunliche Genies, Künstler und Athleten produzieren, die die unseren weit hinter sich lassen? Und damit sind wir in kleinen Schritten schon auf dem Weg zu einem genetischen Kinderkatalog. "Designer-Babys" ist das Schlagwort für solch eine gezielte Genmanipulation, bei der von den Eltern gewünschte Eigenschaften (zum Beispiel Intelligenz, Sportlichkeit) bevorzugt werden. Ein allgemeinerer Begriff ist der der "Rettungsgeschwister", der eine derartige Manipulation nicht voraussetzt.

Gerechtfertigt wird jede Aufwertung und Verbesserung zunächst mit der Heilung. Fragen Sie irgendwelche Professoren, die mit genetischen Verfahren oder Schnittstellen zwischen Gehirn und Computer (Brain-Computer-Interfaces, BCI) experimentieren, warum sie diese Forschung betreiben. Höchstwahrscheinlich werden sie antworten, dass sie das tun, um Krankheiten zu heilen. "Mit Hilfe der Gentechnik", so werden sie erklären, "können wir den Krebs oder den Hunger besiegen. Und wir könnten Gehirn und Computer direkt miteinander verbinden und damit die Schizophrenie oder Lähmungen heilen." Das kann sein, aber damit wird man sich bestimmt nicht begnügen. Wenn wir Gehirn und Computer erfolgreich miteinander verbinden, werden wir damit dann nur die Schizophrenie aus der Welt schaffen? Wer das wirklich glaubt, der mag zwar viel von Gehirnen und Computern verstehen, hat aber nur wenig Ahnung von der menschlichen Psyche und der menschlichen Gesellschaft. Sobald ein entscheidender Durchbruch gelingt, kann man ihn nicht aufs Heilen beschränken und jede Verwendung zum "Upgraden" völlig verbieten.

Selbstverständlich können die Menschen den Einsatz neuer Technologien einschränken, und das geschieht ja auch. So geriet die Eugenik nach dem zweiten Weltkrieg in Misskredit, und obwohl der Handel mit menschlichen Organen heute sowohl möglich als auch potentiell sehr lukrativ ist, ist er bislang eine periphere Erscheinung geblieben. Gut möglich, dass Designerbabys eine Tages technisch genauso machbar sind wie die Ermordung von Menschen, um an ihre Organe zu kommen - und trotzdem marginal bleiben.

Wir sind den Klauen von Tschechows Gesetz beim Krieg entgangen, und genauso können wir ihm auf anderen Handlungsfeldern entkommen. Manchmal tauchen Gewehre auf der Bühne auf, die nie abgefeuert werden. Gerade deshalb ist es so wichtig, sich über die neue Agenda der Menschheit Gedanken zu machen. Gerade weil wir, was den Einsatz neuer Technologien angeht, über gewisse Entscheidungsfreiheiten verfügen, sollten wir darüber Bescheid wissen, was passiert, und uns zu einer Entscheidung durchringen, ehe die Entwicklungen uns diese Entscheidung abnehmen.

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