„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Exorzismus

Exorzismus ist eine religiöse Praktik zur Austreibung böser Dämonen, Geister oder Teufel bei davon besessenen Menschen, Tieren oder Gegenständen. Bereits im Neuen Testament wird von Besessenheit und zahlreichen Teufelsaustreibungen vor allem durch Jesus berichtet. Der Exorzismus ist auch heute noch Bestandteil katholischer Lehre und Liturgie und wird in Deutschland jährlich mehrere hundert Mal durchgeführt.[1] Auch heute noch werden unter Papst Franziskus Exorzisten ausgebildet. Bischöfe und Theologen sind sich einig, dass die kirchliche Lehre weiterhin von der Existenz dämonischer Mächte ausgeht.

 

Katholische Exorzisten sind in der 1992 von Pater Gabriele Amorth, dem langjährigen Chef-Exorzisten im Vatikan, gegründeten Internationalen Vereinigung der Exorzisten organisiert. Nach Amorths Ansicht sei eine solche Vereinigung wichtig, um die Arbeit der Exorzisten weltweit zu stärken. Exorzismus werde Amorth zufolge immer wichtiger, "weil auch der Okkultismus wieder zunehme und sich der Satanismus sehr stark verbreite".[2] Amorth ist außerdem der Meinung, Charles Manson, Adolf Hitler und Josef Stalin seien vom Teufel besessen (gewesen).[3] Die Internationale Vereinigung der Exorzisten veranstaltet jährliche Treffen zum Erfahrungsaustausch, die meist in Italien oder Deutschland stattfinden.

 

Exorzismus wurde und wird auch von anderen Religionen betrieben, z.B. dem
Voodoo, im Islam und in verschiedenen 
schamanischen Religionen.

Exorzismus durch den heiligen Franziskus in Arezzo, Gemälde von Giotto
Exorzismus durch den heiligen Franziskus in Arezzo, Gemälde von Giotto

1. Besessenheit

Speziell im Christentum wird unter Besessenheit bei einem Menschen ein Zustand verstanden, in dem dieser durch Dämonen o.ä. seiner psychischen Selbstverfügung beraubt und mehr oder weniger zum Spielball dieser - im Christentum immer als destruktiv und zum Reich des Satans gehörig verstandenen - Geistwesen wird. Dabei sollen vor allem folgende Merkmale auftreten: epileptische Anfälle, Wechsel des Charakters, Tobsucht, ungewöhnliche Kräfte, Aggression gegen das Religiöse und psychische Hellsichtigkeit, aber auch heftiges Erbrechen großer Mengen. Heute verstehen wir unter diesen Begriffen vor allem psychiatrische bzw. neurologische Krankheitsbilder wie z.B. Epilepsie, Psychosen, Persönlichkeitsstörungen oder aber auch neurodegenerative Erkrankungen, die unter dem religiösen Einfluss oder des eigenen Glaubens durchaus einen - die Umgebung irritierenden - Eindruck eines der betroffenen Person innewohnenden bösen Geistes erlangen können. Die Deutung vor allem psychischer Krankheiten ist eine der Ursachen, dass Betroffene auch heute noch stigmatisiert sind, weil angeblich etwas Böses von ihnen ausgehe.

"Maria und das Mysterium des Bösen": Ankündigung des französischen Exorzisten-Priesters Régis Fropo aus der Stadt Hyeres (Diözese Fréjus-Toulon - Var, 2010)
"Maria und das Mysterium des Bösen": Ankündigung des französischen Exorzisten-Priesters Régis Fropo aus der Stadt Hyeres (Diözese Fréjus-Toulon - Var, 2010)

2. Das Ritual der Austreibung

Szene aus dem Film Der Exorzismus von Emily Rose
Szene aus dem Film Der Exorzismus von Emily Rose

Die Rituale des Exorzismus sind in den verschiedenen Glaubensrichtungen unterschiedlich.

 

In der römisch-katholischen Kirche wird der einfache Exorzismus vom Großen Exorzismus unterschieden. Der kleine Exorzismus ist z.B. im Taufritus enthalten, der den Täufling von der Erbsünde befreit. Der Große Exorzismus darf nur von einem Priester durchgeführt werden und bedarf der besonderen Genehmigung des Bischofs. Nach dem Katechismus der Katholischen Kirche (KKK) dient der Große Exorzismus dazu, „Dämonen auszutreiben oder vom Einfluss von Dämonen zu befreien."

 

Der Exorzismus wird nach folgendem Schema durchgeführt:

 

·         Bedrohung

·         Namenserfragung

·         Ausfahrwort

·         Rückkehrverbot

 

Im Jahr 1999 hat der Vatikan ein neues Ritual für Teufelsaustreibungen herausgegeben.[4] Es empfiehlt unter anderem, einen Psychiater hinzuzuziehen. Von einer Besessenheit ist nur noch dann auszugehen, wenn körperliche und psychische Krankheiten ausgeschlossen sind. Allerdings könne sich eine Besessenheit auch in Symptomen solcher Krankheiten manifestieren. Der neue Ritus sieht auch die Erfragung des Names des Dämonen nicht mehr vor. Außerdem sei es verboten, im Fall einer "Verfluchung" zu exorzieren.

 

Amorth selbst praktiziert allerdings das alte Ritual aus dem Jahr 1614 mit den alten Gebeten. Dazu äußert er in einem Interview:[3]

 

"Das kann man mit Erlaubnis des Bischofs. Leider sind in den neuen Kodex die Vorstellungen von deutschen und Schweizer Bischöfen eingeflossen. So ist es jetzt verboten, im Fall einer Verfluchung zu exorzieren. Das sind aber die häufigsten Fälle. Außerdem sind Austreibungen nur erlaubt, wenn die Präsenz des Dämons sicher ist. Es ist aber unmöglich, das vorher zu wissen. Unsere Arbeit wird mit diesem Kodex fast verhindert."

3. Kritik

Zwar werden von der Besessenheit formal ausdrücklich Geisteskrankheiten abgegrenzt, deren Behandlung ausschließlich in die Kompetenz medizinischer Fachleute gehöre, aber es sind keinerlei wissenschaftlich begründbaren Kriterien denkbar, nach denen eine solche Abgrenzug geschehen sollte. Eine wie immer geartete wissenschaftliche Überprüfung muss notwendig auf Gott oder Teufel als Agens verzichten. Die Zustimmung eines „unabhängigen“ Psychiaters/Psychoanalytikers zu einem Exorzismus kann sich somit in jeder praktischen Hinsicht nicht auf eine Unabhängigkeit vom katholischen Glauben beziehen.

 

Vor dem Hintergrund der Unbewiesenheit der Existenz von Dämonen ist es zudem unethisch, den Betroffenen psychologische bzw. psychiatrische Hilfe vorzuenthalten. Gefährliche Exorzismus-Praktiken, wie das Trinken extrem hoher Flüssigkeitsmengen, haben schon zu Todesfällen geführt.[5]

4. Der Fall Anneliese Michel

Anneliese Michel (21. September 1952 - 1. Juli 1976 an den Folgen extremer Unterernährung) war eine deutsche strenge Katholikin, ging mehrmals wöchentlich zur Messe, betete regelmäßig Rosenkränze, schlief zur Sühne manchmal auf dem Fußboden.

 

1968 diagnostizierte man bei ihr eine Temporallappenepilepsie, die mit dem Antikonvulsivum Carbamazepin behandelt wurde. Anneliese Michels Zwangsvorstellungen und Verhaltensauffälligkeiten wurden von den katholischen Geistlichen Arnold Renz und Ernst Alt als Besessenheit gedeutet, woraufhin sie 1976 mit Erlaubnis des Würzburger Bischofs Josef Stangl einen Großen Exorzismus bei der Dreiundzwanzigjährigen durchführten.

 

Anneliese Michel brachte sich schwere Verletzungen bei, weswegen sie zeitweise ans Bett gefesselt wurde, um schlimmere Verletzungen zu verhindern. Wahrscheinlich wurden sämtliche Verletzungen durch Selbstgeißelungen oder unkontrollierte Handlungen während spontaner Anfälle verursacht.

 

Als sich ihr Zustand verschlimmerte, wurde statt eines Notarztes ein Exorzist geholt, der sich als Annelieses Hausarzt ausgegeben habe; somit sei ihr schon in einem verhältnismäßig frühen Stadium ärztliche Hilfe verweigert worden.

 

Aus Tonbandaufzeichnungen geht hervor, dass Anneliese Michel mit stark veränderter Stimme sprach und immer wieder spontane Schreie ausstieß. Sie benutzte unflätige Ausdrücke, welche die Exorzisten – ihrer Weltanschauung entsprechend – Dämonen zuschrieben. Auch menschliche Dämonen, die sich als Hitler oder Nero ausgegeben hätten, wollen die Priester bei dem Mädchen ausgemacht haben. Ab Ostern aß Anneliese Michel kaum noch etwas und wog bei ihrem Tod nur noch 31 kg.

 

Sowohl die Eltern als auch Pater Renz und Pfarrer Alt wurden am 21. April 1978 jeweils wegen „fahrlässiger Tötung durch Unterlassung" zu sechsmonatigen Haftstrafen, die auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurden, verurteilt. Das Gericht warf ihnen vor, sie hätten für medizinische Hilfe sorgen und einen Arzt hinzuziehen müssen.

Weblinks

Quellennachweise

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