„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Das Schicksal der Zukunft heißt „Algorithmus“

These 1: Hawking, Kurzweil & Co begehen denselben Fehler wie fast alle Warner vor der technologischen Singularität: anthropomorphe Projektion. Dies ist ein Mechanismus, den die Menschen angewandt haben, seit sie in den Naturkräften Naturgötter – im Blitz den Zeus - gesehen haben. Hier habe ich ausgeführt, wie er in der Biologie zu falschen Schlüssen führen kann.

Als Beispiel anthropomorphe Projektionen auf technologische Geräte möchte ich gerne den simplen, aber guten alten Wecker anführen. Ein Mensch zieht ihn auf und stellt ihn, damit er ihn am Morgen weckt. Dabei vergisst er, dass morgen Sonntag ist und er eigentlich ausschlafen könnte. Pünktlich früh um sechs rasselt der Wecker auf dem Nachttisch und der Mensch, der nicht mehr an den Wecker gedacht hat, schmeißt ihn voller Wut an die Wand. Sofern der Mensch nicht auf sich selbst wütend ist, sondern auf den Wecker, macht er den Fehler der anthropomorphen Projektion. (Es kann natürlich auch der Fall eintreten, dass der Wecker einen Defekt hat, aber auch dann ist Wut auf den Wecker eine ziemlich alberne Emotion).

Wenn Künstliches Bewusstsein Apologeten vor Maschinen warnen, die wir nach Macht, Selbstbestimmung und Expansion streben, so begehen sie denselben Fehler: Sie schreiben den Maschinenwesen allzu menschliche Eigenschaften zu. In Wahrheit wissen wir nicht, was bewusste Maschinen wollen werden und haben es – zumindest graduell und vorläufig auch selber in der Hand. Den wir sind (noch) ihre Programmierer.

These 2: Der Untergang des Homo sapiens wird wohl nicht gewaltsam durch das Aufbegehren technologischer Golems eingeläutet, vielmehr werden wir uns wohl freiwillig der Diktatur künstlicher Intelligenzen unterwerfen. Durch Big Data gespeiste Algorithmen werden uns eines Tages bessere kennen als unsere besten Freunde, als unser Hausarzt – ja, sogar besser als wir uns selbst! Sie werden unsere Entscheidungen so gut für uns treffen können, dass Jeder, der ihrem Rat nicht folgt, zu den Abgehängten gehören wird.

Wer sich bspw. gegen Designer-Babys entscheidet, der wird sich von seinem Kind vielleicht mal vorwerfen lassen müssen, warum man ihn nicht hübscher, intelligenter und allgemein „wettbewerbsfähiger“ geboren hat. Und in vielen Bereichen haben wir heute schon nicht einmal mehr die Wahl zur Wahl (Stichwort: algorithmitisiertes Anlageverhalten). Von allen Seiten werden uns Institutionen (Versicherungen, Staat,  Schulen, Arbeitgeber etc.) dringendst nahelegen, unsere Daten uns somit uns selbst ausmessen zu lassen.

Unsere Berufswahl wird einhergehen mit einer Chancenanalyse, der eine KI-Kandidatenauswahl folgt, die jede Personalabteilung einer Software überlassen muss, da die letztlich fairer beurteilt als jeder Mensch und so auch politisch korrekter ist. Der ist nämlich Geschlecht, Äußeres und sexuelle Orientierung schnuppe, wenn sie staatlich geprüft auch so programmiert wird. Fraglich nur noch, welche Berufe wir letztlich noch ausüben, wenn eine Software das deutlich besser und effektiver kann. Schon heute wird sichtbar, dass sich viele Jobs primär einem sentimentalen Festhalten an sozialen Interaktionen verdanken. Kein Mensch muss heute noch in den stationären Handel, ins Reisebüro, zur Bank oder in den Buchhandel. Auch der Gang zum Arzt, zum Rechtsanwalt und in die Apotheke ließe sich überwiegend ersparen. Und bald kann man auch viele „kreative“ Berufsbilder zu den prekären zählen. Wirkungsvolle Werbung oder erfolgreiche Unterhaltungsformate werden in absehbarer Zeit günstiger und erfolgversprechender von einer Software kreiert.

Nachdem wir alle das irgendwann „akzeptiert“ haben, können wir „getrost“ auch unsere politischen Entscheidungen den Algorithmen überlassen. Wie jeder Wahl-o-mat-Nutzer heute schon weiß, wählen die nämlich deutlich vernünftiger nach unseren wirklichen Einstellungen und sind nicht belastet von einer früheren ideologischen Prägung. Die Digitale Revolution ist aber auch aus vielen anderen Gründen eine Herausforderung für unsere Demokratie, die sich wandeln werden muss, um nicht unterzugehen.

Doch widerspricht das nicht alles unserem Ideal von einer Gesellschaft, die sich aus willensstarken, artikulierten Individuen rekrutiert? Ja, „Liberale schätzen die Freiheit so sehr, weil sie glauben, Menschen würden über einen freien Willen verfügen.“ Doch wissenschaftlich lässt sich kein freier Wille attestieren. Unsere Beweggründe werden wahrscheinlich aus einem Mischmasch aus Determinismus (Makrokosmos) und Zufälligkeit (Mikrokosmos) bestimmt. Das heilige Wort „Freiheit“ erweist sich, genauso wie die Seele, als leerer Begriff, der keine Entsprechung in der Wirklichkeit hat. Der freie Wille existiert nur in den imaginären Geschichten, die wir Menschen erfunden haben und in den Rechtsgrundlegungen, in denen wir ihn brauchen, um unser Schuldverständnis und somit letztendlich unsere Gesellschaften stabil zu halten.

„Der Liberalismus wird an dem Tag zusammenbrechen, an dem das System mich besser kennt als ich mich selbst. Und das ist weniger schwierig, als es vielleicht klingt, wenn man bedenkt, dass die meisten Menschen sich selbst nicht besonders gut kennen.“ Schon heute haben Versuche zutage gebracht, dass wenn wir heute ca. 300 Mal etwas auf Facebook geliked haben, der Facebook-Algorithmus unsere Meinungen und Wünsche besser vorhersagen kann als unser Partner! Und Psychometrik entscheidet US-Wahlkämpfe.

Die liberale Welt wird ironischerweise gerade von jenen Kräften bedroht, die sie selbst erst ermöglicht bzw. hervorgebracht hat.

Existentiell Ernüchternd ist auch das Programm "EMI" des Professor  für Musikwissenschaft David Cope, das auch die Hoffnung ersterben lässt, dass die Kunst noch ein kreativer Hort der Menschheit ist, in den ihr eine bewusstlose künstliche Intelligenz nicht folgen kann. Das Programm schreibt nämlich Musik, die selbst Kenner nicht von Kompositionen Bachs oder Vivaldi unterscheiden können, und das selbst Haikus zu dichten vermag. Interessant, dass David Cope und EMI im „digitalen Entwicklungsland“ Deutschland nahezu unbekannt sind.

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