„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Eine kurze Einführung in den Utilitarismus

Der Utilitarismus ist eine normative Form der konsequentialistischen Ethik, die klassisch besagt, dass diejenige Handlung zu präferieren bzw. moralisch optimal ist, die unter allen Handlungsalternativen den größten aggregierten Gesamtnutzen bzw. das größte Glück für alle Beteiligten stiftet.

Der Begriff „Utlitarismus“ geht auf das englische 'utility' (=Nutzen) zurück. Das Grundprinzip des Utilitarismus lautet demnach: Führe diejenige Handlung aus, durch die eine größtmögliche Summe an Nutzen für alle Betroffenen erreicht wird. Der Nutzen wird also nicht auf das Handlungsubjekt beschränkt, wie dies beim simplen Hedonismus oder dem psychologischem Egoismus jeweils der Fall ist, sondern bei der Nutzenabwägung werden die Interessen aller beteiligter Menschen oder gar aller empfindungsfähiger Lebewesen mitberücksichtigt. Der Utilitarismus ist also eine universalistische Theorie.

Aber was heißt Nutzen? Bereits sehr früh wurde Nutzen als Glück ('hapiness') definiert. Da der Begriff des Glücks jedoch ebenfalls ziemlich schillernd ist, wurde es als eine Bilanz aus Lust und Unlust verstanden. Das Ziel einer Handlung im Utilitarismus muss es also sein, die Differenz zwischen allen Lust- und Unlust Erlebnissen möglichst zu Gunsten der Lust zu erhöhen.

Der Begründer des Utilitarismus ist Jeremy Bentham (1748 - 1832). Von ihm stammt die klassische Formel vom größtmöglichen Glück für die größtmögliche Zahl. Der Utilitarismus strebt danach, für die größtmögliche Zahl an Menschen das größtmögliche Maß an Glück, das heißt die größtmögliche Summe an Lust zu erzielen. Die Motive und Beweggründe des Handelnden spielen dabei keine Rolle.

Weiterhin ergibt sich aus dieser Formel, dass alle Menschen als prinzipiell gleichwertig behandelt werden. Und nicht nur das. Bereits Bentham plädiert dafür, auch die Lust- und Leidens Erlebnisse von Tieren zu berücksichtigen, was in neuester Zeit (etwa von Peter Singer) wieder aufgegriffen wurde. Tiere können im Utilitarismus also ganz leicht integriert werden.

Trotzdem ist Benthams Kriterium sehr vieldeutig und erzeugt mindestens so viele Probleme wie es löst. Denn die Formulierung vom größtmöglichen Glück der größtmöglichen Zahl eröffnet zwei Skalen, ohne deutlich zu machen, wo der Vorrang liegen soll. Je nachdem, wo Sie die Betonung setzen, könnten Sie zu gegensätzlichen Ergebnissen kommen. Legen Sie den Tenor auf das größtmögliche Glück, so könnte darauf auch eine Feudalgesellschaft folgen, in der eine kleine Gruppe von Menschen in Saus und Braus lebt, während die Mehrheit eben gerade so über die Runden kommt und minimal mehr Lust-als Unlusterlebnisse hat. Stellen Sie dagegen die größtmögliche Zahl in den Vordergrund, so gelangen Sie vielleicht zu einem mickrigen Wohlfahrtsstaat, in dem es zwar niemanden richtig gut geht, jedoch allen eine akzeptable Versorgung zukommt. Beides scheint durch Benthams Formel gedeckt und zugleich konträr.

Da der Utilitarismus eine gewisse Messbarkeit voraussetzt, muss man fragen, wie sich denn die Intensität des Glücks oder die Summe an Lust bestimmen lässt. Zunächst muss man dabei die Bewertung der Subjekte berücksichtigen, denn was für den einen eine große Freude ist, kann für den anderen öde oder sogar lästig sein. Dann muss die Quantität einfließen, eine Woche Urlaub bereitet mehr Lust als nur ein Tag. Dazu kommen noch weitere Faktoren, wie etwa die allgemeine Sicherheit, der Grad der Gewissheit mit dem ein Ereignis eintreffen wird und anderes mehr, die auch noch untereinander gewichtet werden müssten.

Handlungen werden durch ihre Folgen gerechtfertigt (Konsequentialismus). Das moralische Ziel besteht darin, dass durch Ihre Handlung mehr gute als schlechte Folgen entstehen, und zwar unter Berücksichtigung aller Menschen, denn es geht immer um die Gesamtsumme. Aber wie sollen Sie dann überhaupt noch handeln? Wie kann jemand die Folgen seiner Handlung in diesem umfassenden Rahmen abschätzen?

Hier gerät man sehr rasch in die Abhängigkeit von vorgeblichen Experteneinschätzungen. Genau an dieser Problematik spaltet sich der Utilitarismus in zwei Hauptrichtungen, in den Handlungs-Utilitarismus und den Regel-Utilitarismus.

Der Handlungs-Utilitarismus, den zum Beispiel Bentham vertritt, setzt die Abwägung der Folgen in der Tat bei der einzelnen Handlung an. Sie müssten sich also im Grunde genommen bei jeder Handlung und bei jeder Entscheidung fragen, welche Folgen Ihr Tun für die Menschheit haben wird. Sie werden wahrscheinlich zustimmen, dass ein solcher Satz die meisten Menschen schnell überfordern wird.

Der Regel-Utilitariamus macht die Prüfung nicht bei der konkreten Handlung, sondern er prüft Regeln, nach denen gehandelt wird. Er fragt also, ob es zur optimalen Glücksverteilung für die Menschheit führen wird, wenn alle der fraglichen Regel folgen. Diese Spielart des Utilitarismus kommt in eine gewisse Nähe zur deontologischen Ethik. Ihr Hauptvertreter ist John Stuart Mill (1806 - 1973).

Mill war ein Schüler Benthams und entwickelte dessen Theorien weiter, nicht zuletzt wegen der besagten Probleme, die sich darin ergeben hatten. Nach der Theorie des Regel-Utilitarismus müssen Sie nicht mehr in jedem einzelnen Fall überlegen, welche Folgen zum Beispiel eine Lüge haben würde, sondern Sie prüfen die entsprechende Regel und handeln dann ihr entsprechend. Eine Rechtfertigung würde zum Beispiel darin bestehen, dass Sie feststellen: "Die Wahrheit zu sagen, dient im Allgemeinen dem Wohl der Gesamtheit mehr als zu lügen." Hierin unterscheidet sich der Regelutilitarismus von Kants Moralphilosophie eklatant.

Mill differenziert in seinem ethischen Hauptwerk "Der Utilitarismus" auch den Begriff des Glücks beziehungsweise der Lust, indem er Abstufungen zulässt. Es gibt also Arten der Lust, die höherwertig sind als andere. Mill bringt dies auf die prägnante Formel: "Lieber ein unglücklicher Sokrates als ein glückliches Schwein."

Der dritte klassische Vertreter des Utilitarismus ist Henry Sidgwick (1838 - 1900). Er machte sich vor allem Gedanken zur Begründung des ethischen Prinzips, ein Thema, das bisher eher am Rande behandelt wurde. Dabei greift er auf den Common Sense als Grundlage zurück und vertritt die Position, dass die obersten Grundsätze der Ethik evident sind und intuitiv einleuchten.

Der bekannteste gegenwärtige Utilitarist der australische Philosoph Peter Singer (geb. 1946). Er ist die wahrscheinlich die originellste und auch umstrittenste Gestalt in der heutigen ethischen Diskussion. Am bekanntesten sind einerseits seine seht weitreichenden Überlegungen zur Einbeziehung von Tieren in ethische Abwägungen, andererseits seine These, dass Embryos und sogar Neugeborene getötet werden können, sollten sie an schwersten Behinderungen leiden. Singer hat auch eine positive Einstellung zur aktiven Sterbehilfe. Dies alles führte zu zahlreichen Missverständnissen, so dass Singer gerade im deutschsprachigen Raum sogar mehrmals öffentlich angefeindet wurde.

All diese umstrittenen Thesen ergeben sich aber folgerichtig aus seinem utilitaristischen Ansatz. Zunächst lehnt Singer alle ethischen Begründungen ab, die auf so etwas wie Menschenwürde, Heiligkeit oder Unantastbarkeit der Person oder ähnliche Vorstellungen beruhen. Das bringe nur Unklarheiten in die Diskussion. Sein Ausgangspunkt ist die Leidensfähigkeit. Moralisch zu berücksichtigen sind demnach alle Lebewesen, die leiden können, und niemand wird ernsthaft bestreiten wollen, dass Tiere leiden können. An dieser Stelle führt Singer die Unterscheidung zwischen Bewusstsein und Selbstbewusstsein ein. Bewusstsein haben alle Lebewesen, die Leid empfinden können, Selbstbewusstsein haben nur solche, die sich als individuelle Person erfahren und Pläne machen können. Die Präferenzen eines selbstbewussten Lebewesens seien im Härtefall höher zu gewichten als die eines nur bewussten Lebewesens.

In Kants Moralphilosophie ist die Trennung zwischen Mensch und Tier fundamental, denn sie ist die Trennung zwischen Person und Sache, zwischen Würde und Preis, zwischen Selbstzweck und Verwertbarkeit. Bei Singer wird diese Grenze aufgeweicht, indem er einerseits manchen Tieren, wie vor allem den Menschenaffen, den Status einer Person zuteilt, während er andererseits manchen Menschen diesen Status abspricht, wie etwa Gehirntoten, Föten oder behinderten Neugeborenen. Diese sind zwar im biologischen Sinne Menschen, indem sie der Spezies Homo Sapiens angehören (Speziesismus), sie sind aber im ethischen Sinne keine Personen, da sie kein Selbstbewusstsein haben und nicht die damit verbundene Leidensfähigkeit.

Singer bereichert den Utilitarismus mit seiner Theorie um die Richtung des Präferenz-Utilitarismus. Für ihn ist das einfache Modell der Maximierung von Lust und Minimierung von Leid unzureichend und zu statisch. Sie dürfen bei der Abwägung von Lust und Unlust nicht nur die aktuellen Empfindungen einfließen lassen, sondern müssen auch Erwartungen und Pläne berücksichtigen, eben die Präferenzen der betroffenen Individuen. Was heißt das konkret? Nehmen Sie ein Beispiel. Sie müssen abwägen, welchen von zwei Menschen Sie retten sollen, auf der einen Seite haben Sie einen rüstigen Siebzigjährigen, auf der anderen eine junge Frau von Zwanzig. Beide haben Freude am Leben und beide möchten weiterleben. Sie können aber nur einen retten. Wessen Interessen wiegen nach einer Abwägung der Lustsumme mehr? Singer sagt, dass die junge Frau wesentlich mehr Präferenzen besitzt, da sie noch viel mehr Möglichkeiten im Leben haben wird. Alle diese Ereignisse wie einen Studienabschluss, eine Partnerschaft, Kinder, Karriere oder Reisen hat sie als zu erwartende Lusterlebnisse noch vor sich, womit ihr vor dem Siebzigjährigen der Vorzug gehört. Sollten wir selbstfahrende Autos in Zukunft in diesem Sinne utilitaristisch programmieren, sodass sie, wenn einer der beiden sterben muss, lieber den Greis überfahren als die junge Frau, die ihr Leben noch vor sich hat?

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