„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Der abrahamische Gottesglauben behindert ein wissenschaftliches Verständnis der Realität

These: Der christliche/islamische Gottesglauben behindert ein wissenschaftliches Verständnis der Realität.

 

Ich meine, das gilt nicht für Kreationisten, die einen relevanten Teil der wissenschaftlich beleuchteten Realität einfach ausblenden (Evolutionstheorie).
Es trifft auf praktisch alle Gläubigen zu. Beispiele:

 

1. Nach wissenschaftlichem Verständnis ist die Evolution der Arten ein ungerichteter Prozess. (Das widerspricht dem Dogma einer absichtlichen Erschaffung des Menschen nach "Gottes Ebenbild" - wie metaphorisch man das auch immer auslegen will.) Gläubige müssen diese Erkenntnis abstreiten oder ignorieren. 

 

2. Wissenschaftlicher Konsens:  Bewusstsein, Kognition, Emotion sind emergente Phänomene aus neuronaler Datenverarbeitung, welche in einem lückenlosen evolutionären Kontinuum entstanden sind. (Das widerspricht dem Konzept einer unsterblichen menschlichen Seele, welche den Menschen über alle anderen Tiere auszeichnet.) Gläubige müssen diese Erkenntnis abstreiten oder ignorieren.

 

3. Wissenschaftlicher Konsens: Emergente Phänomene wie Bewusstsein, Kognition, Emotion, Erinnerung enden, sobald ihre materielle Grundlage endet. Ein Lied endet, wenn der Sänger seine Stimme verliert. Ein Bewusstsein endet, wenn die geordnete, neuronale Datenverarbeitung verloren geht (Schlaf, Narkose, Tod). Das widerspricht dem Konzept einer unsterblichen menschlichen Seele, wie die Theologie ihn fordert. Gläubige müssen diese Erkenntnis abstreiten oder ignorieren.

 

4. Wissenschaftlicher Konsens: Ein freier Wille, die autonome Urheberschaft eines Individuums an ihren Gedanken und Handlungen (wie die Theologie sie voraussetzt) kann es nicht geben. Gedanken sind Ergebnisse neuronaler Prozesse, die nicht unserer Steuerung unterliegen. Also können auch die Ergebnisse dieser Prozesse (unsere Gedanken und Handlungen) nicht unserer Steuerung unterliegen. (Das widerspricht dem Konzept einer libertaristischen Wissensfreiheit, wie die Theologie ihn voraussetzt). Gläubige müssen diese Erkenntnis abstreiten oder ignorieren.

 

5. Wissenschaftlicher Konsens: Christentum und Islam sind kulturelle Erzeugnisse, die aus einfacheren Vorläufern hervorgegangen sind (aus Animismus, Polytheismus). Der Jahwe-Kult (der spätere Gott Abrahams) nahm seinen Anfang als althebräischer Wettergott in einem Kanon verschiedener Götter, die ihrerseits auf frühere, lokale Kulte zurückgehen. Die nachfolgende Priorisierung Jahwes über andere Götter entspringt willkürlichen psychologischen, historischen, kulturellen und politischen Variablen - nicht aber seiner ontologischen Sonderstellung über andere Gottes-Ideen. Gläubige müssen diese Erkenntnis abstreiten oder ignorieren.

 

6. Wissenschaftlicher Konsens: Menschliches Denken ist stark anfällig für kognitive Verzerrungen wie Bestätigungsfehler, identitär begründete Überzeugungen, Vermenschlichung der unbelebten Umwelt, Verfügbarkeits-Heuristik usw. (Die wissenschaftliche Methode versucht, für diese Denkfehler zu korrigieren. Der Gottesglaube aber beruht praktisch auf dem Wirksamwerden dieser kognitiven Fehler.) Gläubige müssen diese Erkenntnis abstreiten oder ignorieren.

 

Ich meine, wo immer wissenschaftliche Erkenntnisse mit religiösen Dogmen in Konflikt treten, wird ein wissenschaftliches Verständnis der Realität erheblich behindert.

 

(Ich frag mich oft beim Lesen: Wie gehen Gläubige mit aktuellen populärwissenschaftlichen Büchern um (z.B. mit Psychologen wie Daniel Kahnemann oder Steven Pinker, mit Kognitionswissenschaftlern (egal wem), mit Biologen wie Neil Shubin oder Jerry Coyne - mit Historikern wie Yuval Noah Harari, mit Physikern wie Stephen Hawking oder David Deutsch - mit Mathematikern wie Max Tegmark und vielen anderen?) Die allesamt ein wissenschaftliches Verständnis der Realität voraussetzen, welches mit einer religiös-dogmatischen Weltanschauung überhaupt nicht mehr vereinbar ist. 

 

Die wichtigsten Erkenntnisse über die Realität und über den Menschen basieren auf einem Weltbild, das (unbeabsichtigt) die religiösen Dogmen als absurd nachweist.

 

Mir fällt auf: beinahe jedes populärwissenschaftliche Buch irgendeines renommierten Forschers unterminiert (völlig unbeabsichtigt) eine christliche oder islamische Weltanschauung. (Nicht, weil Atheismus methodisch oder paradigmatisch vorausgesetzt wird - sondern weil die Forschungsergebnisse den religiösen Dogmen komplett widersprechen.)

 

Ist ein wissenschaftlich begründetes Verständnis der Realität überhaupt möglich, solange man an religiösen Dogmen (allgemeiner: an realitätsbeschreibenden Dogmen) festhält?

Gastbeitrag von: Jori Werner

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Kommentare: 3
  • #3

    WissensWert (Montag, 24 April 2017 13:51)

    KRITIK

    Jori Wehner vertritt die These, der christlich-islamische Gottesglaube behindere ein wissenschaftliches Verständnis der Realität. Die gälte nicht (nur) für Kreationisten, die einen relevanten Teil der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse sowieso ausblenden, sondern für praktisch für alle Gläubigen. Z. B. sei die Evolution der Arten ein ungerichteter, absichtsloser Prozess. Dies widerspräche dem Dogma einer vorhergeplanten Erschaffung des Menschen als "Ebenbild" Gottes.

    Ein weiteres Beispiel: Ein freier Wille, die autonome Urheberschaft eines Individuums an ihren Gedanken und Handlungen könne es nicht geben. Dies widerspräche dem Konzept einer libertarischen Willensfreiheit, wie die Theologie sie angeblich voraussetze.

    Obwohl dieser Text einige gute Argumente bringt, habe ich damit meine Probleme. Z. B. scheint sich Jori Wehner nicht umfassend mit theologischen Konzepten wie etwa mit dem prozesstheologischen Ansatz von A. Whitehead befasst zu haben, die gerade die von Wehner angesprochenen Probleme umgehen. Klar: Mit einem konsequent materialistischen Weltverständnis sind solche nicht kompatibel. Es fragt sich allerdings, ob es das notwendigerweise für ein wissenschaftliches Realitätsverständnis braucht.

    Auch was den freien Willen angeht, baut Wehner falsche Gegensätze auf: Theologie (Libertarianismus) oder Wissenschaft. Neurowissenschaftler vertreten meistens einen "weichen" Determinismus, und es gibt nicht wenige Theologen, die ebenfalls einen solchen vertreten. Doch es wird noch komplizierter: Dem sog. Kompatibilismus zufolge, den sowohl Neurowissenschaftler als auch liberale Theologen vertreten, ist eine BEDINGTE Willensfreiheit durchaus mit dem Determinismus kompatibel. Es sind überwiegend KREATIONISTEN, welche die These vertreten, Determinismus und Willensfreiheit schlössen sich aus.

    Kurz: Die von Wehner angesprochenen Themen sind sehr komplex. Leider trägt Wehners Analyse dieser Komplextiät über weite Strecken nicht angemessen Rechnung.

  • #2

    Köppnick (Mittwoch, 01 März 2017 12:34)

    Mit deinen Aussagen über Emergenz stellst du dich auf den Standpunkt der schwachen Emergenz. Demzufolge sind emergente Phänomene lediglich dadurch gekennzeichnet, dass wir den Zusammenhang zu einfacheren Beschreibungsebenen noch nicht kennen. Meiner Meinung nach spricht jedoch viel für die Annahme einer starken Emergenz. Genügend komplexe Systeme entwickeln Eigenschaften, die prinzipiell nicht durch die Eigenschaften des zugrundeliegenden Substrats erklärbar sind.

    Der Unterschied zwischen starker und schwacher Emergenz spielt eine Rolle bei deinen Punkten 3 und 4.

    Zu 3.: "Emergente Phänomene wie Bewusstsein, Kognition, Emotion, Erinnerung enden, sobald ihre materielle Grundlage endet." trifft sowohl auf schwache als auch starke Emergenz zu. Starke Emergenz lässt aber zusätlzich die Möglichkeit offen, dass Bewusstsein & Co. auch auf einer anderen als der heute bekannten Grundlage vorhanden sein und vielleicht von einem auf den anderen Träger übertragen werden können. Das entspricht zwar nicht einer unsterblichen Seele, weitet die Möglichkeiten eines ein Substrat überdauernden Bewusstseins aber stark aus.

    Zu 4.: Hier haben wir wohl einen großen Dissens, denn warum wollen wir die tatsächliche Existenz eines Willens leugnen? Betrachten wir Bewusstsein als ein starkes emergentes Phänomen, warum sollten dann Gedanken nicht wirkmächtig auch in Richtung niederer Beschreibungsebenen der Realität sein?

    Das Konzept der Willensfreiheit in der Religion scheitert doch nicht an der Realität der Willensfreiheit an sich, sondern am Widerspruch zwischen der uns von Gott zugestandenen Willensfreiheit auf der einen Seite und seiner Allwissenheit (er müsste ja wissen, wie wir uns entscheiden werden) und seiner Allmacht (wenn wir uns falsch entscheiden, warum hat er uns dann so erschaffen?).

  • #1

    WissensWert (Sonntag, 19 Februar 2017 16:59)

    Die Religionsvertreter mit etwas Grips ziehen sich eben deswegen immer mehr in ein unklares Wischiwaschi zurück, wo keine klaren (falsifizierbaren) Aussagen mehr getroffen werden. Und es bedarf dann nur einer es einzigen, gezielten Nachfrage, um die kogntive Dissonanz aufzudecken.

    Was denn nun? Ist der Mensch unbeabsichtigt entstanden (wissenschaftliche Erkenntnis) oder beabsichtigt erschaffen worden (religiöses Dogma)?

    Kann man als gläubiger Muslim die naturwissenschaftlich gewonnene Erkenntnis annehmen, dass der Mensch unbeabsichtigt entstanden ist? Dass das Bewusstsein, das Erinnerungsvermögen, die Wahrnehmung mit dem Tod endet? Dass wir einen libertaristischen freien Willen (z.B. eine freiwillige Konvertierbarkeit zu einer Religion) überhaupt nicht besitzen? Dass die Weltreligionen nur das Ergebnis historisch zufälliger Überhöhung lokaler Kulte sind? Dass Gottesglaube jene kognitiven Verzerrungen ausnutzt, die in der Wissenschaft als dringend korrekturbedüftig vermieden werden?


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