„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Warum Macht korrumpiert

a. Vier Hypothesen

Warum korrumpiert Macht, warum wird sie missbraucht und was können wir dagegen tun?

Es ist vielleicht so, dass das Alphamännchen-Prinzip ("Elite"), das bei hierarchischen Rudeltieren in der Tierwelt und beim Urmenschen wunderbar von Jahrmillionen Evolution verifiziert funktioniert - beim Menschen versagt. So wie Lord Acton festgestellt hat, dass Macht korrumpiert und absolute Macht absolut korrumpiert. 

Ich habe vier Hypothesen für die Ursachen:

1. GRÖßE DER LEBENSEINHEITEN

Die Größe der Lebenseinheiten hat durch Seßhaftigkeit, Städte- und Nationenbildung und technologischen Fortschritt den optimalen Wert von etwa 150 Menschen (Dunbar-Zahl) überschritten. Dadurch ist die natürliche Empathie, die man bei sehr vielen Säugetieren findet (teils auch für artfremde Lebewesen), ausgehebelt. Außerdem werden die komplexen gesellschaftlichen Prozesse zu unübersichtlich für zentrale Planer, um hier ohne Kollateralschäden zu entscheiden.

2. INTRANSPARENZ UND DISTANZ DURCH TECHNOLOGIE UND ARBEITSTEILUNG

Technologie und Komplexität führen zur Unsichtbarkeit oder "Ignorierbarkeit" der Folgen eigenen Umgangs und Handelns mit Macht, was ebenfalls Empathie ausschaltet. Ein gutes Beispiel dafür ist das irrational aggressive Verhalten im Straßenverkehr, wo man durch Blech und Glas abgeschottet gegenüber anderen anonymen Verkehrsteilnehmern zur übertriebenen Furie wird. Ebenfalls bedeutet z.B. die Schußwaffe eine empathische Distanzierung vom Opfer gegenüber z.B. einem Messer (die ferngesteuerte Drohne ist eine Steigerung dieses Effekts). Die Arbeitsteilung und die Zergliederung der ökonomischen Produktionsweise bis hin zu Zulieferung aus fernen Ländern erlauben Intransparenz, Verbergen von unhaltbaren Zuständen (die zwar ab und zu als "Skandale" in den Medien auftauchen, jedoch nach kurzer Zeit wieder "Gras über die Sache gewachsen" ist).

3. HEKTIK UND STRESS DER MODERNEN LEBENSWEISE

Der technologischen Fortschritt sollte dem Menschen eigentlich logisch gesehen mehr Freizeit bescheren - durch Optimierung und Automatisierung sowohl auf der Produktionsseite als auch auf der privaten Haushaltsseite. Allerdings macht die exponentielle Logik der Ökonomie hier einen Strich durch die Rechnung. Da der Vorteil des Fortschritts ungleich mehr der Investorenseite zu gute kommt, muss der Konsument zwar weniger Zeit mit Wäschewaschen verbringen, aber dafür mehr arbeiten, da seine Arbeitskraft weniger wert ist. Die Folge daraus ist, dass der Durchschnittsbürger trotz demokratisch-rechtsstaatlicher Möglichkeiten in seinen privaten Existenzsorgen gar keine Zeit hat, der Elite wirkungsvoll auf die Finger zu schauen. Genauso wenig Zeit bleibt ihm dafür, nach den Folgen seiner Kaufentscheidungen auf dem Weltmarkt zu recherchieren (Die angebliche Macht des Konsumenten).

4. ÜBERLEGENHEIT DER PRIVATWIRTSCHAFT UND VERWERTUNGSLOGIK

Die nach einzelwirtschaftlicher Logik gesteuerte globalisierte Privatwirtschaft sitzt am längeren Hebel gegenüber der nationalen Politik. Durch "marktkonforme" Zwänge, lobbyistische Verstrickungen bis hin zur Personalunion von beiden ist demokratisch legitimierte Politik mehr oder weniger machtlos in ihrer "Alternativlosigkeit". Gleichzeitig konzentriert sich die Macht in der Privatwirtschaft zunehmend auf immer weniger Finanzkonzerne, die jenseits von nationalen Grenzen und Gesetzen agieren können - mit dem einzigen Ziel, ihre Kapitalakkumulation zu optimieren. Damit hat der Wirtschaftsprozess eine höhere Priorität als die Menschen selbst.

Zusammengefasst könnte man sagen, dass die Ursache unserer Probleme ist, dass unsere evolutionsbiologische Ausstattung, die für ein Leben in Mangel und in kleinen hierarchischen Gruppen optimiert ist, nicht mehr zu unserer heutigen anonymen, technisierten, globalisierten und versorgungsoptimierten Lebensweise passt. Natürliche Mechanismen der Empathie sind ausgeschaltet. Andere wie z.B. Sippentreue und Fremdenhass werden instrumentalisiert und lenken von wirklichen Ursachen ab, die in einem Leben von Mangel sinnvolle Gier nach mehr ist in einer Zeit des Überflusses schädlich geworden und bedroht die Gesundheit des Einzelnen und die Lebensgrundlagen aller. Unsere angeborene Fähigkeit zur Verdrängung und Selbsttäuschung, die uns vor psychischem Kollaps bewahrt, verhindert, dass die Mehrheit den Tatsachen ins Auge sehen will.

WAS KÖNNEN WIR TUN?

Aus dem zuvor Festgestellten folgere ich (ohne Einschätzung der Machbarkeit):

- wir müssen dezentralisieren, in kleineren Einheiten leben
- entmachten, entfeudalisieren und mehr beteiligen
- der Macht in Staat und Ökonomie mehr Transparenz geben
- das Leben entschleunigen
- vom materiellen Überfluß zurück zum menschlichen Maß finden
- den Einzelnen optimal bei seiner Selbstentfaltung und Bildung fördern
- uns grundsätzliche Gedanken über ein neues Paradigma von Solidarität und Primat des Menschlichen über das Ökonomische machen.

Aber genaugenommen sind wir damit kaum einen Schritt weiter als Kant vor 230 Jahren mit seinem "Sapere Aude" und seinem Kategorischen Imperativ und müssten uns sozusagen wie Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen. Eins darf man auf keinen Fall tun: Sagen, es läuft zwar nicht optimal, aber doch ganz gut. Denn es verhungern täglich zigtausend Menschen. Mit jedem Tag wird unser Planet mehr überwirtschaftet, geplündert und überlastet. Wir haben die mehrfache Möglichkeit, unsere gesamte Spezies nuklear, chemisch oder biologisch auszulöschen und riskieren, dass unsere Lebensgrundlage durch Klimawandel und Umweltvernichtung empfindlich gestört wird. Außerdem entgleitet uns die Kontrolle über Technologie genauso aus den Händen wie die über unser Wirtschaftssystem. Es ist ein schwieriger Weg. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Wir brauchen eine kritische Masse, die das erkennt und sich beteiligt.

Das Oberthsche Gesetz bzw. erneut: "Warum Macht korrumpiert"

Herrmann Oberth, ein deutscher Mathematiker und Physiker, sozusagen der Vordenker der Weltraumfahrt und der väterliche Freund und Lehrer des später zu Weltruhm gekommenen Wernher von Braun, formulierte seine Lebenserfahrung sehr eindeutig und klar:

„Im Leben stehen einem anständigen Charakter so und so viele Wege offen, um vorwärts zu kommen. Einem Schurken stehen bei gleicher Intelligenz und Tatkraft auf dem gleichen Platz diese Wege auch alle offen, daneben aber auch noch andere, die ein anständiger Kerl nicht geht. Er hat daher mehr Chancen, vorwärts zu kommen. Infolge dieser negativen charakterlichen Auslese findet eine Anreicherung der höheren Gesellschaftsschichten mit Schurken statt. Das ethische Durchschnittsniveau einer Gesellschaftsschicht wird umso schlechter, je besser und einflussreicher sie gestellt ist. Nur dieser Umstand vermag die Tatsache zu erklären, warum die Welt nicht schon seit mindestens fünftausend Jahren ein Paradies ist. Das muss man wissen, wenn man die Weltgeschichte verstehen will.“
- Hermann Oberth, in: "Katechismus der Uraniden", Wiesbaden 1966, S. 94/95

Gastbeitrag von: Marcus Müller

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Kommentare: 3
  • #3

    Köppnick (Freitag, 10 Februar 2017 16:06)

    Bereits deine Überschrift setzt Dinge voraus, die hinterfragt werden müssen. Sie erscheint mir vom Typ "Wann haben Sie aufgehört, Ihre Frau zu schlagen?" Wichtige Aspekte, die zuerst geklärt werden sollten:

    - Was ist Macht?
    - Wie bekommt man Macht?
    - Welche Belege gibt es für Korrumption?

    Wenn ich "Macht" definiere als "Möglichkeit, Entscheidungen über Belange anderer zu treffen", dann ist Macht in vielen Fällen unvermeidlich und positiv konnotiert. Eltern üben zum Beispiel Macht über ihre Kinder aus, denn Kinder können oder dürfen viele Dinge nicht selbst entscheiden.

    Hier eine Liste von Gegebenheiten, wo Einzelnen Macht über andere erwächst:

    - Man erhält sie von seinen Eltern, indem man Reichtum oder Adelstitel erbt.
    - Man bekommt Kinder.
    - Man übernimmt eine Stelle, die mit personeller Verantwortung verbunden ist (Richter, Abteilungsleiter, Vorstandsvorsitzender).
    - Man wird in ein Amt gewählt (Vereinsvorsitzender, Bürgermeister, Abgeordneter, Bundeskanzler).
    - Man nimmt sich etwas mit Gewalt (Vergewaltigung, Banküberfall).

    Alle diese Fälle sind "geregelt". Unsere Gesellschaft ist sehr komplex (geworden) und im Laufe der Zeit wurden sehr viele Regeln aufgestellt, um diese Komplexität zu beherrschen. Die von dir aufgelisteten Beispiele und das Zitat von Hermann Oberth sind eine Betrachtung a posteriori, also von Fällen, in denen diese Regeln versagt haben. Aber wenn die Regeln im Allgemeinen nicht funktionieren würden, gäbe es unsere Gesellschaft nicht. Dein Artikel über Korrumption beißt sich auch ein bisschen mit dem Artikel "Die Welt steht nicht am Abgrund".

  • #2

    WissensWert (Mittwoch, 08 Februar 2017 03:29)

    http://www.zeit.de/2011/51/Gerechtigkeit-Unternehmer-Reichtum

  • #1

    WissensWert (Mittwoch, 08 Februar 2017 03:29)

    Kennt jemand Untersuchungen, die dieses "Gesetz" oder besser "Phänomen" empirisch erforschen?

    Es gibt z.B. einige große Reichtümer und "Dynastien" die durch Skrupellosigkeit, Ausnutzen von moralisch zweifelhaften Chancen und Notsituation oder Bereitschaft, "über Leichen zu gehen", entstanden sind.

    Dazu zähle ich beispielsweise:

    - Fugger: Finanzierung von Kriegen der Aristokratien
    - Krupp: Grundbesitz während der Pestepidemie "günstig" erworben, immer die Nähe zur Macht gesucht, bzw. selbst besetzt, Produktion von Kriegswaffen
    - Rockefeller: rücksichtslos Konkurrenz ruiniert, bis Standard Oil 90% der US-Ölproduktion umfasste
    - Ray Kroc: drängte sich den Brüdern McDonalds als Verkäufer auf, um sie dann aus ihrem eigenen Geschäft zu werfen
    - Prescott Bush: Reichtum durch skrupellose Waffengeschäfte mit den Nazis
    - Bill Gates: auf Monopolstellung gerichtete Strategie, schlampig programmierte Billigsoftware zum Standard zu machen und Konkurrenz stets absichtlich Steine in den Weg zu legen
    - Steve Jobs: als Vermarktungsgenie die technologischen Fähigkeiten seines Kompagnon Steve Wozniak ausgenutzt und ihn um 86% seines Lohnanteils für dessen Entwicklung des Spiels "Breakout" gebracht, unmenschliches Verhalten gegenüber seinen Untergebenen, Klauen und Patentieren von fremden Ideen
    - Mark Zuckerberg: Idee von Auftraggeber geklaut, diese hingehalten und damit selbst Milliardär geworden

    wem fällt noch mehr ein?


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