„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Die Debattenkultur in Deutschland

Debattenkultur Heute: Zwischen Political Correctness und Alternativen Fakten

In wichtigen gesellschaftlichen Debatten ist das Sprechen miteinander einem Sprechen gegeneinander gewichen. Das Faktum scheint dabei zur leeren Worthülse zu verkommen. Wichtiger als Wahrheiten, die eigentlich die Basis eines rationalen Diskurses stellen sollten, werden in politischen Diskursen Aussagen, die der gesellschaftlichen Positionierung dienen. Die Sprache fungiert als Distinktionsmerkmal: Wer das Falsche sagt, gehört nicht dazu. Auch gefühlte Wahrheiten werden, so lange sie bequem sind, um jeden Preis am Leben gehalten.

 

Nicht nur Verschwörungstheorien und Szenarien des Weltunterganges zeichnende Rechte, sondern auch linke Vertreter der Political Correctness, leisten durch das Übergehen von Fakten der politischen und gesellschaftlichen Lagerbildung Vorschub.

Experiment

Inwieweit würden Sie den einzelnen Aussagen zustimmen?

 

1.    Ideologien sind Systeme von Überzeugungen, die sich vor Kritik immunisieren, und darauf abzielen, Werte und Normen allgemeingültig durchzusetzen.

2.    Werte und Normen allgemeingültig durchzusetzen und sich dabei vor Kritik zu immunisieren, resultiert (historisch oft) in gefährlichen Konsequenzen.

3.    Monotheistische Religionen sind Ideologien.

4.    Monotheistische Religionen sind gefährlich.

5.    Das Christentum ist gefährlich.

6.    Der Islam ist gefährlich.

 

Ich gehe davon aus, dass viele Leser den ersten Aussagen zustimmen, mit der Bejahung jeder weiteren Aussage (insbesondere Nr. 6) aber größere Schwierigkeiten haben. Wichtig ist vor allem, dass man die erste Definition von „Ideologie“ für sich annehmen kann. Der Begriff ist terminologisch schwer zu fassen, dürfte in der obigen Definition aber zumindest dem impliziten Wortverständnis vieler Menschen entsprechen. Alle weiteren Aussagen sind Extensionen (das ist die Menge der Gegenstände, die unter einen Begriff fallen) des Begriffes „Ideologie“. Und zwar weil monotheistische Religionen Intensionen bzw. Merkmale aufweisen, aufgrund derer sie als ideologisch bezeichnet werden können.

 

Gemeinsam haben sie die Merkmale meiner Arbeitsdefinition von „Ideologie“, die aus ihrem dogmatischen Charakter resultieren. Keine dieser Religionen kommt z.B. ohne das Dogma, also ohne unumstößlichen Wahrheitsanspruch aus. Auch benutzen sie einen metaphysischen Bezugsrahmen, um daraus gesellschaftliche Normen abzuleiten, die zudem für alle Zeiten gültig sein sollen. Infolgedessen sind also alle monotheistischen Religionen ideologisch. Mal abgesehen davon, dass es religiöse Narrative und Strömungen gibt, die mal mehr und mal weniger dogmatisch sind. Sie alle eint jedoch der absolute Wahrheitsanspruch. Hoch problematisch sind gerade deshalb Passagen in den „heiligen Schriften“, die zur Gewalt oder sogar Mord aufrufen. Die Zahl derer, die im Namen des Christentums oder des Islams töteten, ist groß. Je mehr Menschen eine Ideologie als Legitimationsgrundlage für die Anwendung von Gewalt benutzen (können), desto gefährlicher ist sie.

 

Obige Aussagen sind konsistent (widerspruchsfrei) und deduktiv hergeleitet. Sie sind somit formallogisch gültig. Der Begriff „monotheistische Religionen“ ist jenem der „Ideologie“ unterzuordnen, und „Islam“ bzw. „Christentum“ wiederum dem Oberbegriff „monotheistische Religionen“. Alle monotheistischen Religionen sind demzufolge Teilmengen von „Ideologie“, welche wiederum Gefahrenpotenzial bergen.

 

Obwohl das der Fall ist, die Aussagen also widerspruchsfrei sind und logisch aufeinander aufbauen, hat man vor allem mit der Verifizierung der letzten Aussagen größere Probleme oder fühlt sich zumindest unwohl damit, sie öffentlich zu bestätigen. Man weiß darum, dass Kritik am Islam ein Tabuthema ist. Warum ist das so?

„Freedom of Speech“ von Ahdieh Ashram (flickr)
„Freedom of Speech“ von Ahdieh Ashram (flickr)

Political Correctness als diskursives Machtmittel der Linken

Die Bestätigung der (insbesondere) letzten Aussage ist sozial sanktioniert. Wer bejaht, dass der Islam gefährlich ist, wird gesellschaftlich aus einer bestimmten Gruppe ausgeschlossen oder als Person verunglimpft. Der Mensch, der als soziales Tier zwingend auf menschliche Gemeinschaft angewiesen ist, hat ein Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Genaugenommen kann der Mensch nur durch andere Menschen jene Eigenschaften erlangen, die seiner Gattung gemeinhin zugeschrieben werden. Wenn Menschen isoliert und ausgeschlossen werden, feuern im Gehirn die gleichen Neuronen, die auch unter körperlichen Schmerzen aktiv werden. Political Correctness stellt diesen sozialen Ausschluss verbal in Aussicht und funktioniert deshalb besonders gut als diskursives Machtmittel.

 

Momentan ist in politischen Diskussionen, vor allem jenen mit Bezug auf gesellschaftliche Minoritäten, zu beobachten, dass Meinungen, die nicht mit dem vorherrschenden politischen Zeitgeist konform gehen, von der Meinungshoheit bzw. den Macht innehabenden gesellschaftlichen Gruppen unterdrückt werden. Letztere treten als Vertreter einer moralischen Instanz auf und bestimmen, was konsensfähig ist und was nicht.

 

In Anlehnung an die Denker der Postcolonial Studies, die vorhandene Machtgefüge auch sprachlich kritisch in den Blick nehmen und sich dem Ideal einer transnationalen sozialen Gerechtigkeit verschrieben haben, werben Linke für sprachliche Differenzierung. Sie erhoffen sich damit, Minderheiten oder gesellschaftlich benachteiligte Gruppen zu schützen. Effektiv ist der Aufruf zur sprachlichen Differenzierung aber oft nur ein Maulkorb und dient dem Erhalt der hegemonialen Diskurshoheit. Meistens ist die Immunisierung vor Kritik sogar gefährlich. Die Mehrheit der Muslime beispielsweise wird paternalistisch zu Kuscheltieren degradiert, indem sie vor der Minderheit ihrer (oft) muslimischen Kritiker beschützt wird. Dabei hatte sich die Linke ursprünglich der Kritik von Herrschaftsverhältnissen verschrieben, die leider Gottes eben oft durch Religionen gesichert oder durch sie manifestiert sind.

 

Unter dem Ideal des Multikulturalismus, der sich oft als Kulturrelativismus offenbart, werden auch autoritäre, reaktionäre und intolerante Prinzipien geschützt, so lange sie nur von gesellschaftlichen Minoritäten vertreten werden. So werden sich selbst als progressiv bezeichnende Linke zu regressiven Linken, die den Diskurs hinsichtlich ihrer paradoxen Ideale machtvoll zu beherrschen versuchen.

 

Vertreter der Islamverbände haben längst verstanden, wie sie daraus Profit schlagen können und genießen in ihrer beschützten Opferrolle Narrenfreiheit, indem sie das von vielen Linken und Grünen immer wieder reproduzierte Narrativ des von der Mehrheitsgesellschaft gegeißelten und benachteiligten Moslems für sich angenommen haben. Sie fordern mehr Mitspracherechte und meinen damit mehr Einflussnahme (z.B. in Bezug auf die Gestaltung der Curriculae des Islamunterrichts), beschweren sich über die Diskriminierung der Muslime, äußern sich selbst aber judenfeindlich oder distanzieren sich von freiheitlichen und demokratischen Prinzipien.

 

Die Immunisierung vor Kritik und Flucht vor der Debatte betrifft aber selbstverständlich nicht nur Muslime. In den USA wurden aufgrund studentischer Initiativen gegen amerikanische Universitäten sensible Themen in Lehrbüchern, Vorlesungen und Seminaren mit Warnhinweisen, sogenannten trigger warnings, versehen. Mit diesen trigger warnings werden Studenten darauf aufmerksam gemacht, dass ein Aufsatz, ein Vortrag, eine Diskussion das Publikum verunsichern und verstören könnte. Wer sich in universitären Veranstaltungen diskriminiert oder seelisch belastet fühlt, muss nicht mitdiskutieren oder kann den Raum verlassen, um in „safe spaces“ zu flüchten, die die Uni räumlich bereitstellen muss. Besser kann man den Niedergang einer produktiven Debattenkultur nicht exemplifizieren.

Political (In-)Correctness als diskursives Machtmittel der Rechten

Gänzlich lösen sollte sich eine Sprachgemeinschaft aber nicht von der Political Correctness, so lange sie, wie ursprünglich verstanden, als produktive Sprachsensibilität verstanden wird. Diskriminierung im Sprachgebrauch muss selbstverständlich auch weiterhin vermieden werden. Gerade weil Menschen zu Übergeneralisierungen neigen und Sprache Realität schafft. Machtverhältnisse und (negative) Subjektivierungen werden über Sprache generiert und reproduziert. Individuelle Entfaltungsmöglichkeiten jenseits der Zuschreibungen und Positionierungen der Mehrheitsgesellschaft können so behindert werden.

 

Sobald sich die gesellschaftlichen Machtverhältnisse umkehren und Rassismus oder Chauvinismus durch gewählte Volksvertreter wie Donald Trump salonfähig und somit sozial weniger sanktioniert werden, gerät das sprachlich und moralisch Normative ins wanken und kann auch Äußerungen und Handlungen begünstigen, die zuvor moralisch verurteilt wurden. In Großbritannien und den USA kam es durch den Aufstieg der Autoritären schlagartig zu einem Anstieg der Gewaltakte gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund und Homosexuellen. Die vermeintliche Legitimation dafür liefert in den USA die Gewissheit, dass fast die Hälfte aller Amerikaner einen chauvinistischen Rassisten gewählt haben. Trump ist die Bestätigung des Gefühls vieler, dass die Ansichten, die keiner aussprechen durfte, aber gedanklich anscheinend den Alltag bestimmten, richtig waren. Dass es richtig ist, dass Mexikaner schlechtere Menschen sind, der Klimawandel eine Lüge ist oder Frauen verdinglicht werden dürfen.

 

Eng zusammengearbeitet hat Trump in seinem Wahlkampf nicht nur mit Twitter-Bot-Armeen, sondern auch mit der rechtsextremen „Nachrichten“seite „Breitbart“, dessen ehemaliger Betreiber, Stephen Bannon jetzt sein Chefstratege geworden ist. Der Fall macht deutlich, wie Rechtspopulisten mit Falschmeldungen und hetzerischen Nachrichtenportalen arbeiten, um die Massen steuern zu können. Ein bald erscheinender deutscher und französischer Ableger von Breitbart News wird versuchen, die nahenden Wahlen zugunsten der Rechten zu beeinflussen.

 

Die einzige positive Kehrseite, die man in Trumps Wahlsieg sehen kann: Wir haben gelernt, was die Menschen wirklich fühlen, obwohl das Sprechen darüber stets reglementiert war. In einem offenen Diskurs hingegen hätte man voneinander lernen, Vorurteile abbauen und Ängste thematisieren können.

 

Sobald die Fronten allerdings einmal verhärtet sind und die Diffamierung des jeweils Anderen die Grundlage der eigenen politischen Identität geworden ist, ist der offene Diskurs zum Scheitern verurteilt. Diese schier unüberbrückbare Differenz zeigt sich dann auch in einer adversativen Sprachpraxis und Reaktanzverhalten. Im deutschsprachigen Raum werten rechte Populisten gleich jeden Aufruf zur Sprachsensibilität als Denkverbot, um unter dem Schlachtruf „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“ den abscheulichsten Rassismus zu verbalisieren. Auch rationale Argumente und berechtigte Kritik werden als Verschwörungstheorien vermeintlicher „Volksverräter“ abgetan. Das Sprechen miteinander ist einem Sprechen gegeneinander gewichen. Dabei rückt der Inhalt politischer Sprache immer mehr in den Hintergrund, stattdessen macht „der Ton die Musik“.

 

Deshalb ist eine rationale Prüfung der Fakten längst überfällig, die in einem dialogischen Prozess anhand fundierter Methoden zum Erkenntnisgewinn ermittelt werden sollten. Aber so scheint Meinungsbildung heute (leider) nicht zu funktionieren.

Richtig/Wichtig ist, was die Mehrheit glaubt

Das Faktum scheint in politischen Diskussionen zur leeren Worthülse zu verkommen. Wichtiger als Wahrheiten, die eigentlich die Basis eines rationalen Diskurses stellen sollten, werden also Aussagen, die der gesellschaftlichen Positionierung dienen. Die Sprache fungiert als Distinktionsmerkmal: Wer das Falsche sagt, gehört nicht dazu. Gefühlte Wahrheiten werden, so lange sie bequem sind, um jeden Preis am Leben gehalten.

 

Dass die Akzeptanz gegenüber dem Postfaktischem respektive Kontrafaktischem eine lange Tradition hat, wird auch im Zusammenhang mit Religionen offensichtlich. Wenn jemand felsenfest an übernatürliche Fabelwesen, Geister, Feen oder alte Götter glaubt, wird man ihm einstimmig eine Wahnvorstellung attestieren. Wenn alle es glauben, nennt man es Religion. DIE TATSACHE, DASS EINE MEHRHEIT AN ETWAS GLAUBT, SCHEINT ALSO EIN KRITERIUM FÜR (GEFÜHLTE) WAHRHEIT ZU SEIN.

Die Menschen glauben viel leichter eine Lüge, die sie schon hundertmal gehört haben, als eine Wahrheit, die ihnen völlig neu ist. (Alfred Polgar)

Die kulturelle Praxis derjenigen, die dieser kollektiven Illusion erliegen, wird nicht nur toleriert, sie ist mancherorts sogar die Voraussetzung für gesellschaftliche Partizipation. Im Zusammenhang mit der gesetzlich seit 2012 erlaubten Knabenbeschneidung führt die Akzeptanz des Kontrafaktischen sogar zur Unmoral (zur Maximierung und nicht Verminderung von Leid). Obwohl die Prämisse, dass ein allmächtiger, allwissender und allgütiger (!) Gott sich für Vorhäute interessieren soll, problemlos als falsch herausgestellt werden kann, ist die Beschneidung eine akzeptierte Kulturform und das Sprechen darüber nicht gesellschaftlich sanktioniert.

 

Auch die Rede von „alternativen Fakten“ tröstet nicht darüber hinweg, dass mehrheitlich geglaubter Unsinn Grundlage für Kultur und sogar Politik darstellt. Dabei sollten wichtige Diskurse und vor allem politische Entscheidungen durch rational geprüfte Argumente geprägt sein. Auch, wenn sie unbequem sind.

Appell für eine rationale Debattenkultur

Tatsächlich hat nicht Recht, wer sich angegriffen fühlt, abwesenden Angegriffenen zu Hilfe eilt oder gebetsmühlenartig gefühlte Wahrheiten predigt. Recht hat derjenige, dessen Argument die Wahrheit am besten widerspiegelt. Die Vielfalt an Erkenntnistheorien macht allerdings deutlich, dass der Begriff „Wahrheit“ schwer zu fassen ist. Einig sind sich die meisten Wahrheitssuchenden aber darin, dass Empirie und Logik die wohl probatesten Mittel sind, um zu fundierten Erkenntnissen zu gelangen. Die Gesellschaft täte gut daran, Fakten in das politische und moralische Kalkül miteinzubeziehen, wenngleich das Faktische nicht immer auch moralisch geboten sein muss.

 

Politik funktioniert auffällig oft kontrafaktisch: Das Propagieren gefühlter oder im Sinne der Political Correctness geschönter Wahrheiten einerseits und die dramatische, oft hetzerische Überspitzung von Halbwahrheiten auf der anderen Seite, sollen der Schlüssel zum politischen Erfolg sein. Nicht nur Verschwörungstheorien und Szenarien des Weltunterganges zeichnende Rechte, sondern auch linke Vertreter der Political Correctness, leisten durch das Übergehen von Fakten der politischen und gesellschaftlichen Lagerbildung Vorschub.


Rechte kokettieren mit der in jedem Menschen angelegte Suche nach Wahrheit, an der regressive Linke nicht interessiert zu sein scheinen. Z.B. wird die Islamkritik trotz des ideologischen Charakters des Islams (s.o.) von ursprünglich ideoligiekritischen Linken outgesourced und rechten Populisten überlassen.

 

Denkverbote stehen im Gegensatz zur Tradition der Aufklärung. Sie sind schädlich für gesellschaftliche Entwicklungen und als autoritäre Instrumente der kollektiven Meinungsbildung nicht geeignet, um liberale Prinzipien zu verteidigen. So beteiligen sich regressive Linke selbst an dem Abbau derjenigen freiheitlichen Prinzipien, die sie zu schützen glauben. Sie sollten sich ein Vorbild an John Stuart Mill nehmen, der in seinem Essay „Über die Freiheit“ (1969, S. 24) für das Recht des Individuums eintrat, seine Ansichten gegen die Tyrannei der Mehrheit zu verteidigen:

„Wenn die ganze Menschheit minus einen einzigen Menschen einer Meinung wäre und nur dieser eine der entgegengesetzten Meinung, so wäre die Menschheit nicht mehr berechtigt, ihn zum Schweigen zu verurteilen, wenn er die Macht dazu hätte.“

In einer rationale Debattenkultur müssen die Zonen diskursiver Immunität aufgehoben werden, um Argumente anhand fundierter Methoden zum Erkenntnisgewinn (Empirie und Logik) überprüfen zu können. Nur wenn die sprachliche Domestizierung einer rationalen Streitkultur weicht, werden wir den nahenden Herausforderungen der kulturellen Pluralisierung bei gleichzeitigem Machtausbau der Autoritären gewachsen sein. Die evidenzbasierte Debatte ist der größte Feind derjenigen, die mit halben Wahrheiten besorgte Bürger überzeugen. In einer rationalen Debatte gewonnene Einsichten können unangenehm sein und so manchem kulturrelativistischem Weltbild zuwiderlaufen. Eine schmerzliche Wahrheit ist aber immer noch besser als eine Lüge.

Großartige Grafik zum Thema Debattenkultur
Großartige Grafik zum Thema Debattenkultur

Ich teile weitestgehend den Standpunkt von Herrn Bolz.

Gastbeitrag von: Felix Kruppa

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Kommentare: 5
  • #5

    WissensWert (Samstag, 04 November 2017 12:46)

    Der Artikel ist insofern interessant, weil er ein massives Problem anreißt.

    Als ich damals Gramsci gelesen habe und seine Agenda studierte, eine linke diskursive Hegemonie zu erreichen, war ich entsetzt. Dieses Programm wurde umgesetzt, heute haben wir mit der "Political Correctness" eine mächtige Waffe der Linken zur Vergiftung des akademischen Diskurses vor uns: Empörung statt Argumente, eine Emotionalisierung des politischen Geschehens.

    Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Rechten entdeckten, dass sie sich derselben Mechanismen bedienen können. Es hat erstaunlich lange gedauert, ich habe damals die Linke verlassen, weil ich mit der Herabstufung des akademischen Diskurses nicht einverstanden war - und es bis heute nicht bin. Jetzt schlagen die Rechten mit denselben Waffen zurück, den Boden dafür hat ihr die Linke bereitet. Künftig also entscheiden nicht mehr die besseren Argumente, sondern, wer die Emotionen der Menschen besser instrumentalisieren kann.

    Die Reaktion der Liberalen, zu versuchen, die Debatte wieder in vernünftige Schienen zu lenken, so sieht es aus, ist zum Scheitern verurteilt - wir haben es zu lange geduldet, dass die öffentlichen Diskussionen auf diese Weise missbraucht werden. Zu denken, wir könnten zur Tagesordnung übergehen und wieder auf Argumente aufbauen, ist naiv. Deutlich wird dies übrigens bei den religiösen Diskussionen - die Emotionalisierung der Debatten, dient der Legitimierung jeder Form von Esoterik. Das gilt auch für die Politik, hier ist es linke und rechte Rhetorik, die von diesem Schema profitiert.

    Die Linke wird von den Rechten inzwischen mit ihren eigenen Waffen geschlagen. Genau den Waffen also, die Gramsci geschmiedet hat. Wenn es nicht so bitter wäre, man könnte fast Schadenfreude empfinden.

    Den Liberalen steht es nicht zu, dieselben Waffen zu verwenden - obwohl dies vielleicht der Weg wäre, links und rechts zu neutralisieren. Aber ich halte eine weitere Legitimierung dieser Methoden für kontraproduktiv.

    Aber mehr als ein Insistieren auf Argumente habe ich auch nicht zu bieten. Es gibt noch zwei weitere Strategien, die zu überlegen wären: Die Attitüden beider Seiten lächerlich zumachen, oder sie mit sokratischen Methoden zu hinterfragen. Vielleicht muss man auch alle drei Methoden parallel verwenden: Fragen stellen, und denjenigen, der keine Argumente für seine Ansichten vorbringen kann, als eine lächerliche Figur darstellen, die nichts zu bieten hat.

  • #4

    WissensWert (Dienstag, 27 Juni 2017 19:06)

    Zunächst mal zur Herkunft der Political Correctness:

    Als erster beschrieben hat sie George Orwell im Roman "1984" als eine Manipulationstaktik einer protofaschistischen Tyrannei. Das war als Kritik und Warnung gemeint - nicht als Anleitung. Linguistisch wie psychologisch steckt dahinter eine verbreitete, aber sehr naive Annahme: Die Sprache bestimmt über das Bewusstsein, und wenn ich die Sprache manipuliere, mache ich bestimmte Denkweisen unmöglich und verhindere dann, dass die Menschen in derem Sinne handeln.

    Kurz - PC ("Neusprech" bei Orwell) ist eine auf einem falschen Menschenbild beruhende, faschistoide Manipulationstechnik, mit der man die Massen erziehen will.

    Es ist nicht einfach so, dass sie nicht funktioniert - sie vergiftet zudem das Klima und verführt zur Unehrlichkeit. Warum sie nicht funktioniert kann man leicht sehen: Niemand mag Sinti oder Roma auch nur einen Deut mehr, oder ändert ihnen gegenüber seine Verhaltensweisen, wenn er dazu genötigt wird, sie nicht mehr "Zigeuner" zu nennen. Abgesehen mal davon, dass es viele andere Gruppen gibt, die sich selbst (!) als Zigeuner bezeichnen, und die weder Sinti noch Roma sind. Diese werden quasi sprachlich "ausradiert". Niemand mag Schwarze mehr, wenn er nicht mehr "Neger" sagen darf. Vielmehr erkennt man nun Schwarzenhasser nicht mehr, wenn sie PC-Ausdrücke benutzen. Sprache kann auch dazu dienen, zu verbergen, was man denkt.

    Ich bin Diplom-Psychologe und arbeite als Hypnosetherapeut: Wenn es so einfach wäre, das Verhalten zu ändern, indem man die Begriffe ändert, wäre meine Arbeit viel leichter. Es ist aber tatsächlich so, dass nicht das sprachliche Bewusstsein irgendwie über das Sein bestimmt, weil es auch vorsprachliche Bewusstseinsinhalte gibt. Dazu zählt die gesamte Palette an Gefühlen. Kann man diese nicht ausdrücken - ganz gleich aus welchem Grund - brechen sie sich auf anderen Wegen Bahn.

    Früher, als die Linke noch marxistisch und emanzipatorisch unterwegs war, hat man über PC laut gelacht. Denn das Sein bestimmt das Bewusstsein. Man fühlte sich nicht der Erziehung, sondern der Emanzipation der Massen verpflichtet. Dazu gehört, dass die Massen sich so ausdrücken können, wie ihnen gemäß ist. (Ich weiß, wovon ich rede - ich war Marxist).

    Nach dem Verlust der linken Utopien hat ein verhängnisvoller Wandel eingesetzt: Weg von der Emanzipation hin zur Anprangerung der Unterdrückung von Minderheiten. Weg von ökonomischer Analyse hin zu politisierender Taktiererei, bei dem man die Massen erziehen will, statt sie zu verstehen oder gar ihre Lage zu verbessern. Statt der besseren Analyse beruft man sich auf moralische Überlegenheit.

    Früher sind wir Linken für die Meinungsfreiheit auf die Straße gegangen. Heute gilt man als "rechts", wenn man das einfordert. Verkehrte Welt.

    Und die Taktik schlägt ihre Kinder: Inzwischen haben die Rechten längst begriffen, dass PC sich als Taktik von ihnen ebenso gut benutzen lässt wie von jedem anderen auch. Die Technik ist nämlich neutral - sie lässt sich für alle Zwecke benutzen, das war auch die Botschaft von Orwell (den hat hier wohl kaum jemand gelesen), aber dient in erster Linie dazu, politische Gegner zu diskreditieren. Sie stammt aus einem Science-Fiction-Roman, wirklich gut klappt es nicht - das ist noch die gute Botschaft an der PC.

    Das Zusammenspiel zwischen Sein und Bewusstsein ist viel zu kompliziert, um mit so einem einfachen Rezept nachhaltig beeinflusst werden zu können. Das halte ich für eine gute Entwicklung - ebenso wie die Ächtung der PC.

    Aus einem ganz einfachen Grund: Ich will wissen, was die Anderen denken. Denn Kritik kann ich nur an Gedanken äußern, von denen ich weiß, dass jemand sie hat. Wenn sich der Andere hinter (s)einer Sprache verbirgt, dann verbreiten sich die Ideen unwidersprochen im Untergrund.

    Deswegen gehört PC zur ideologischen Waffe der Gegenaufklärung: Sie will die Massen erziehen, nicht emanzipieren. Sie ersetzt Kritik durch moralische Überlegenheit und Vernunft durch Empörung. Sie macht zu kritisierende Verhältnisse unsichtbar. Sie ist mit dem Recht eines Jeden, sich unzensiert zu äußern, nicht zu vereinbaren. Sie sorgt dafür, dass die Gesellschaft an der Oberfläche freundlich tut, während es im Untergrund brodelt. Sie beschönigt die Verhältnisse, statt sie zu verbessern.

    Seit die Rechten sich neu organisieren, ist die herrschende PC zu einer Waffe in IHRER Hand geworden. Ich will aber keine Sprachspiele betreiben, ich will eine echte kritische Auseinandersetzung.

  • #3

    WissensWert (Donnerstag, 22 Juni 2017 21:22)

    Jeden Tag mehr denke ich "Der Säkularismus hat in Deutschland versagt". Wir sind schlicht kein säkularer Staat mehr. Jüdische Kinder werden aus Schulen gemobbt, Islamkritiker leben nur noch dank Polizeischutz, bald werden nicht nur die Synagogen, sondern auch die Kirchen brennen. Juden, Schwule und andere Minderheiten werden sich woanders in ihr Glück flüchten, Frauen abends nicht mehr rausgehen. Zuerst wird es die Minderheiten und vor allem die liberalen Muslime treffen, auf die schon heute enorm Druck ausgeübt wird. Wer sich nicht richtig kleidet, ist keine Muslima, wer nicht fastet, ist ein Verräter am eigenen Glauben.

    Verraten wird die offene Gesellschaft von allen Seiten:

    1. Der Politik, die sich in falsch verstandener Toleranz und einer blauäugigen Vielfaltlobhudelei auch mit den Autoritären verbrüdert.

    2. Regressiven Linken, die jegliche Kritik an Minderheiten als rassistisch diffamieren. Ich vermisse die Zeiten, in denen Ideologiekritik, das Einstehen für Gleichberechtigung und Rassismus noch genuin links waren.

    3. Den Medien, die mit ihren Sprech- und Denkverboten verhindern, dass Probleme angesprochen werden können und die Politik derart moralisieren, dass sie (genau wie der gesellschaftliche Diskurs) nicht mehr faktisch, sondern nur noch emotional und ideologisch geführt werden kann.

    Was sind die Gründe dafür, dass sich eine Gesellschaft derart hilflos und anbiedernd die Zersetzung ihrer liberalen Werte gefallen lässt?
    Selbsthass? Dummheit? Ignoranz? Wunschdenken?

    Auf jeden Fall bin ich in Bezug auf die (kulturelle und gesellschaftliche) Zukunft Deutschlands sehr pessimistisch. Der Fall Azizi, die "Demo für den Frieden", die Rezeption der liberalen Moscheegründung hiesiger Muslime und nicht zuletzt eine Vielzahl an Studien machen offensichtlich, wie tiefgreifend das Problem ist und wohin es sich entwickelt.

  • #2

    WissensWert (Mittwoch, 08 März 2017 20:36)

    https://www.youtube.com/shared?ci=qAl5L9GBoCU

  • #1

    Köppnick (Montag, 13 Februar 2017 18:36)

    In unserem Kulturkreis würde ich die Punkte 5 und 6 der Eingangsliste vertauschen. Ich vermute, dass aufgrund unseres eher christlichen Hintergrunds die meisten (auch atheistischen) Menschen den Islam kritischer als das Christentum sehen.

    Den Begriff der "Wahrheit" würde ich aus auch rationalen" Diskursen heraushalten. Unsere Welt ist zu komplex, als dass wir sicheres Wissen darüber haben können, was wahr oder falsch, was richtig oder falsch ist, von einigen trivialen Einzelfällen abgesehen. Rationaler Diskurs ist für mich also keine Wahrheitssuche, sondern vielmehr die Anerkennung, dass auch der andere gute Gründe für seine Ansichten hat und man zu einem für beide Seiten gleichermaßen tragfähigen (und vielleicht schmerzhaften) Kompromiss finden muss - ideologie- und religionsfrei.


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