„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Reductio ad Hitlerum

Der Argumentationsfehler reductio ad Hitlerum (lateinisch „Rückführung auf Hitler“) wird begangen, wenn versucht wird, die Richtigkeit einer Ansicht dadurch zu widerlegen, dass sie auch von Adolf Hitler geteilt wurde.[1]

Der dabei zugrunde liegende Fehlschluss ist ein Spezialfall des non sequitur (lat. „es folgt nicht“). Im Englischen wird er auch als guilt by association (Schuld durch Zugehörigkeit) oder allgemeiner als association fallacy (Assoziationsfehlschluss) bezeichnet. Die Herleitung geschieht wie folgt:

1.    Adolf Hitler ist schlecht

2.    Adolf Hitler vertritt die Ansicht X

3.    Daher: Ansicht X ist schlecht

Die ersten beiden Aussagen können für sich genommen wahre Tatsachen darstellen. Die Schlussfolgerung ist jedoch ungültig, da sie durch die Prämissen nicht logisch hergeleitet wird. Die Gültigkeit einer Aussage wird nicht durch negativ besetzte, aber letztlich irrelevante Eigenschaften der Person beeinflusst, die sie tätigt. Die Falsifikation einer Aussage mithilfe der reductio ad Hitlerum ist aus diesem Grund unzulässig.

Wird mit der reductio ad Hitlerum versucht, die negativen Assoziationen zur Person Adolf Hitlers auch auf die Person des Streitgegners zu übertragen und ihn so in Misskredit zu bringen, handelt es sich zusätzlich um ein argumentum ad hominem.

Beispiel

Eine Ansicht A kann gleichzeitig von einer guten Person B und einer schlechten Person C geteilt werden.
Eine Ansicht A kann gleichzeitig von einer guten Person B und einer schlechten Person C geteilt werden.

Jemand setzt sich für den Tierschutz ein. Ein anderer lehnt dies mit der alleinigen Begründung ab, dass auch Adolf Hitler sich für den Tierschutz eingesetzt hätte.[2]

 

An diesem Beispiel wird deutlich, dass eine von den meisten Menschen als negativ empfundene Person durchaus Ansichten vertreten kann, die überwiegend als positiv empfunden werden. Der zugrunde liegende Fehlschluss wird umso deutlicher, je größer die Diskrepanz zwischen diesen beiden Faktoren ist. Die reductio ad Hitlerum ist daher am effektivsten, wenn die abzulehnende Ansicht möglichst negativ besetzt ist, etwa aufgrund fehlender gesellschaftlicher Akzeptanz.

Einzelnachweise

1.    Leo Strauss: Natural Right and History. In: Charles R. Walgreen Foundation Lectures. University of Chicago Press, 1965, ISBN 0-226-77694-8, S. 42–43 (Volltext/Vorschau in der Google-Buchsuche).

2.    Joachim Radkau, Frank Uekötter: Naturschutz und Nationalsozialismus. Campus, Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-593-37354-8, S. 87 (Volltext/Vorschau in der Google-Buchsuche).

Weblinks

·       Umfängliche Auflistung des Vorkommens des Arguments als Motiv in populären Medien auf der Plattform TVTropes (engl.)

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Kommentare: 6
  • #6

    Köppnick (Freitag, 03 Februar 2017 10:55)

    Das Argument ist verwandt mit ad hominem (ad hitlerum ist mMn eine Teilmenge) und dem Autoritätsargument . Ob eine bestimmte Person (oder Gruppe oder Partei) eine bestimmte Meinung vertritt oder nicht, ist nicht entscheidend dafür, ob man diese Meinung teilen sollte oder nicht. Man muss selbst nachdenken und urteilen.

    Andererseits kann es für die eigene Urteilsfindung schon wichtig sein, was andere (Autoritäten, Experten) zum Thema geäußert haben. Allerdings sollte man bei Autoritäten prüfen, ob sie Experten auf dem betreffenden Gebiet sind.

    Skurile Beispiele findet man in der Politik. Mitglieder der Partei A vertreten Position X. Mitglieder der Partei B, die eine andere gesellschaftliche Strömung repräsentieren, bringen einen Gesetzesentwurf ein, der Position X stärkt. Dann werden u.U. Mitglieder der Partei A den Gesetzentwurf ablehnen, nicht weil sie X, sondern weil sie B ablehnen. In einem solchen Fall sind immer die Äußerungen der A-ler interessant - welche rhetorischen Verrenkungen ihnen einfallen, um ihre Ablehnung zu begründen.

  • #5

    WissensWert (Mittwoch, 25 Januar 2017 02:22)

    https://www.youtube.com/watch?v=Rhvg4IXmWY8

  • #4

    WissensWert (Mittwoch, 25 Januar 2017 02:21)

    Also, die Idee, dass wenn ich EINE Idee von jemanden gut finde, oder für richtig halte, dass ich dann auch irgendwie allen anderen Ideen derselben Person zustimme, ist mir absolut fremd. Ich kann mir für diese Ansicht auch keinerlei logische Rechtfertigung vorstellen.

    Oder wird "1 + 1 = 2" plötzlich dadurch falsch und nicht zustimmungswürdig, wenn man herausfindet, dass Adolf Hitler persönlich diese Ansicht vertreten hat? Bedeutet dies, dass ich damit dem Faschismus zustimme?

    Ich kann mit dieser Meinung nichts anfangen!

    Man kann tatsächlich Aussagen einer Weltsicht zustimmen, ohne gleich die ganze Weltsicht zu übernehmen und der auch zuzustimmen. Man muss kein Marxist sein, um zustimmend zu zitieren, dass "Religion das Opium des Volkes" sei.

    Es gibt Implikationen, denen man indirekt zustimmt. Wenn man z. B. einen Schöpfergott für real hält, stimmt man eigentlich vier Weltsichten zu: 1. Primat des Geistes, 2. Leib-Seele-Dualismus, 3. Realismus, 4. Supernaturalismus. Das mag vielen nicht bewusst sein. Aber für Karikaturen gilt das nicht.

  • #3

    WissensWert (Mittwoch, 25 Januar 2017 02:20)

    https://manglaubtesnicht.wordpress.com/2013/02/23/reductio-ad-hitlerum-oder-du-bist-atheist-ah-dann-bist-du-genau-wie-hitler/

  • #2

    WissensWert (Mittwoch, 25 Januar 2017 02:19)

    http://m.tagesspiegel.de/politik/shitstorm-gegen-ronja-von-roenne-der-nazi-vorwurf-ist-ein-ritterschlag/11881400.html?utm_referrer=https%3A%2F%2Fmobile.facebook.com

  • #1

    WissensWert (Mittwoch, 25 Januar 2017 01:55)

    Der allgemeinere Nazi-Vergleich lehnt eine Position mit dem Hinweis ab, dass sie von ethisch fragwürdigen Personen (insbesondere Hitler) geteilt wurde. Beispiel: „Jeder Todkranke, der sterben will, ist nicht im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte. Jeder, der anderweitiges behauptet und damit Selbstmord oder sogenannte aktive Sterbehilfe unterstützt, hätte von Hitler Beifall bekommen.“


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